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NUTRIAS IN DEUTSCHLAND

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Nager hierzulande schnell und erfolgreich ausgebreitet und etabliert. Doch was verrät die Wildbiologie über die Biberratten, und wie kann der Jäger diese Erkenntnisse nutzen?

Prof. Dr. Michael Stubbe und Dr. Annegret Stubbe

nutria
Foto: D. Vorbusch, tierfotoagentur.de

Es dämmert bereits. Ein plump wirkendes Stück Wild verlässt das Wasser. Kurze Läufe, kompakter Hals, kleine runde Gehöre und eine rötlich gefärbte Schwarte. Sein Aussehen erinnert an einen schwachen Biber. Aber die Rute ist nicht kellenförmig, sondern rund, spitz auslaufend und etwa fingerdick. Vorsichtig nähert es sich einem Holzkasten und schlieft ein. Es bewindet den Apfel darin, greift ihn mit den Vorderpfoten. Ein dumpfer Schlag, und die Lebendfangfalle ist zu.

Im Jagdjahr 2011/12 wurden in Deutschland über 7 100 Nutria, auch Sumpfbiber oder Biberratte genannt, gestreckt. Der Rückblick macht deutlich, allein in Niedersachsen – dem Land mit der höchsten Strecke – haben sich die Fang- und Abschusszahlen seit der Jahrtausendwende nahezu versechsfacht. Bundesweit hat die Nutria in den letzten Jahren ihr Areal stark erweitert. Von den zwei westdeutschen Populationsschwerpunkten Eifel-Ruhrgebiet-Niederrhein und der Oberrhein-Ebene in Baden- Württemberg ausgehend, breitete sie sich ostwärts und nach Norden aus. In den Ländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen ist eine kontinuierliche Besatzzunahme zu registrieren. Der mitteldeutsche Raum ist nahezu flächendeckend besiedelt. Ausgehend von den mitteldeutschen Populationen erweitert die Nutria ihr Areal entlang der Elbe und ihrer Nebengewässer im Nordwesten und entlang der Fulda im Süden. Auch in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hessen wird die Art zunehmend nachgewiesen. Das sporadische Auftreten der Nutria in den nördlichen neuen Bundesländern hängt vor allem mit der Verteilung der Nutria farmen in der ehemaligen DDR zusammen. Diese konzentrierten sich in den Ländern Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Aus den westdeutschen Gebieten werden, bei zum Teil hohen Fangzahlen, steigende Dichten gemeldet.

Die aus der gemäßigten Zone Südamerikas stammende Nutria hat keine saisonale Reproduktionszeit, wie die meisten unserer heimischen Säugetiere, sondern eine ganzjährige. Nahezu alle in einer Gruppe lebenden adulten Weibchen können an der Reproduktion beteiligt sein. Sie werden in der Regel zweibis dreimal innerhalb einer Stunde begattet. Die Anzahl der Embryonen schwankt zwischen zwei und neun mit einem Mittelwert von etwa fünf bei einer Tragzeit von 129 bis 139 Tagen. Sie säugen die Jungtiere sieben bis neun Wochen. Die durchschnittliche Anzahl der Jungtiere für den ersten Wurf wird mit 5,36 und für die folgenden Würfe mit 6,22 beziffert. Bereits einige Stunden nach der Geburt erscheinen die Jungen schon auf dem Bau. Innerhalb von 24 Stunden schwimmen und fressen sie selbstständig. Jungnutrias entfernen sich in der ersten
Woche nicht weiter als einige Meter vom Bau und werden ständig von einem Elternteil beaufsichtigt. Diese Bindung an den Bau erlischt bald, und sie wechseln mit den Adulten zwischen den einzelnen Bauen im Revier hin und her. In Kolonien mit mehreren geschlechtsreifen Weibchen beteiligt sich das im Sozialverband dominante Männchen nicht an der Jungenaufsicht. Das „Wanderalter“ des Nachwuchses setzt mit etwa vier bis sechs Monaten ein.

Anhand von im Landkreis Lüchow- Dannenberg erlegten Tieren war es möglich, eine Reihe von Körpermaßen aufzunehmen. Die Tiere haben mindestens einen Winter im Freiland zugebracht oder wurden im Freiland geboren. Die durchschnittliche Körpermasse der Weibchen lag bei 4882, die der Männchen bei 4816 Gramm. Tiere mit einer Körpermasse über sieben Kilogramm waren eher selten und in den meisten Fällen Weibchen. Sie sind in die ser Stichprobe im Allgemeinen etwas schwerer als die Männchen.

Erfolgreiche Invasion der Nager

Ausgehend von einigen kleinen Populationen hat sich die Biberratte fast flächendeckend in Deutschland ausgebreitet. Quelle: Michael und Annegret Stubbe

In naturnaher Umgebung sind die Aktivitätsmaxima meist auf die Morgenund Abendstunden beschränkt. Viel Zeit wird beim Sonnenbaden verbracht. Daran schließt sich häufig ausgiebiges Komfortverhalten an. Das Wild putzt sich intensiv, wobei sie mit den Vorderpfoten das Fell mit dem Sekret aus den Mundwinkeldrüsen einfetten. Kommt es zu keiner Störung, putzen sie sich ein bis zwei Stunden lang. Auch Jungtiere zeigen dieses Verhalten. Bei Störungen fahren Nutrias entweder in ihren Bau ein oder tauchen im Wasser ab. Auf Angriffe reagieren Männchen mit Zähneknirschen und lautem Brummen und Weibchen mit Fauchen und Zischen. In Stadtbereichen stimmen sie ihren Tagesrhythmus auf die Anwesenheit von fütternden Gästen ab. Es ist dann bei den oft aufrecht stehenden Nagern ein brummender Bettellaut zu vernehmen. Die Nahrungspalette reicht von Brötchen über Pommes Frites und Kuchen bis hin zu Wurststücken.

Nutrias bewohnen ufernahe Baue. Hierfür nutzen sie häufig vorhandene Bisambaue, die sie bis zu einem Röhrendurchmesser von 30 Zentimetern erweitern. Foto: Reiner Bernhardt

Im Allgemeinen werden die Nager als nicht territorial lebend angesehen. Es sind Aktionsräume von über 100 Hektar bekannt geworden. Weibchen wandern offenbar nicht ab, sondern verbleiben im Familienverband. Eine zu nehmende Aggressivität untereinander ist bemerkbar, wenn die Dichte zu groß wird. Jungtiere und nachrangige Nutria werden dann an den Rand der Gruppe gedrängt und verlassen das Revier. In optimalen Habitaten wurde in England eine Dichte von fünf Tieren pro Hektar ermittelt.

Die üblichen Erdbaue der Nutria sind häufig erweiterte Bisambaue. Meist weisen sie einen Eingang in Höhe des Wasserspiegels auf und sind unverzweigt. Sie verlaufen vom Wasserspiegel leicht aufwärts und enden in einer Nestkammer. An eingestürzten Bauen konnten Baulängen zwischen 1,5 und sechs Metern und einem Röhrendurchmesser von bis zu 30 Zentimetern gemessen werden.

Ergebnisse von Freilanduntersuchungen zeigen, dass die Nutria im Gebiet der Unteren Saale nahezu jede Uferform zumindest temporär nutzt. Davon ausgenommen sind lediglich verbaute und betonierte Flächen. Natürliche, nicht verbaute Ufer werden permanent besiedelt. An ausgebauten, geschotterten Ufern werden keine festen Baue angelegt. Nutrias saßen frei in Bodenkuhlen, die durch häufige Benutzung vertieft wurden. Da die Tiere den Witterungsverhältnissen nahezu ungeschützt ausgeliefert sind, ist die Wintersterblichkeit dort sehr hoch.

Faschinenverbaute Uferstrukturen bieten der Nutria deutlich bessere Lebensbedingungen. Vielfach bestehen an solchen Stellen reiche Röhrichtbestände, die als Nahrungsgrundlage und teilweise auch zum Bau von Burgen genutzt werden. Die sehr unordentlich errichteten Burgen (in der Bauweise den Nestern von Tauchern ähnelnd) dienen im Sommer als Sitz- und Schlafplatz oberhalb der Wasseroberfläche. Da diese Uferstrukturen oft an Kleingewässern zu finden sind und ein zusätzliches Nahrungsangebot durch die umliegenden Felder gegeben ist, spielt die Nahrungsverfügbarkeit sicherlich eine wesentliche Rolle bei der geringen Wintersterblichkeit in diesem Habitattyp.

Ein Jungnutria bei der Körperpflege: Mit den Vorderpfoten wird das Haar mit Sekret aus den Mundwinkeldrüsen eingefettet. Foto: Jan Piecha

An unverbauten Ufern findet die Nutria optimale natürliche Lebensbedingungen. Hier kann sie sowohl Erdbaue anlegen und Schilfnester benutzen als auch in der meist dichten Vegetation frei sitzen. In der Regel werden alle ange führten Wohngelegenheiten simultan genutzt. Es ist ein häufiger Wechsel zwischen den einzelnen Ruheplätzen zu beobachten. Das Nahrungsspektrum unterliegt einem saisonalen Wandel aus dem jeweiligen Angebot
der krautigen Vegetation. Gern werden auch Unterwasserpflanzen geäst. Das Schälen von Gehölzen tritt nur bei geschlossener Schneedecke oder in Hochwassersituationen auf. Auf Feldern zeigt die Nutria ein typisches Ernteverhalten. Anders als der Biber, der einen Wechsel in den Schlag hinein benutzt und hier und da eine Pflanze schneidet, geht die Nutria auf breiter Front mit vielen Wechseln vom Rand des Fel des vor. Die Pflanzen werden dabei regelrecht abgeerntet. Diese Stellen werden oft konzentrisch erweitert und nehmen flächenhaften Charakter an.

Annegret und Michael Stubbe

Foto: privat

Dr. Annegret Stubbe arbeitet am Institut für Zoologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Prof. Dr. Michael Stubbe ist erster Vorsitzender der Gesellschaft für Wildtierund Jagdforschung sowie Autor des Buches „Neubürger und Heimkehrer in der Wildtierfauna“.

Die Angaben aus der Literatur deuten darauf hin, dass der Schaden, den die Einbürgerung der Nutria verursacht, größer als der zu erwartende Nutzen ist. Es treten beträchtliche Schäden im Wasserbau und in der Landwirt schaft sowohl durch ihre Grabtätigkeit als auch durch Fraß auf. Maisschläge beispielsweise werden auf Flächen bis zu einigen 100 Quadratmetern regelrecht abgeerntet. Das Schadensausmaß wird in der Wasserwirtschaft als schwerwiegender als das des Bisams eingeschätzt.

Noch wesentlich schwerwiegender ist aus natur schutzfachlicher Sicht die starke Beeinflussung der heimischen Fauna und Flora zu beurteilen. Neben einer Verarmung der Vegetation ist hier vor allem der hohe Durchseuchungsgrad mit Parasiten aufzuführen, was für andere heimische Arten, wie den Biber und das Schalenwild, wie auch für das Weide vieh, durchaus von epidemiologischer Bedeutung ist.

Nutrias sind nahezu reine Pflanzenfresser. Sie ernähren sich vorwiegend vom Uferbewuchs und Unterwasserpflanzen. Foto: Michael Breuer
In der Landwirtschaft können sie aber auch massive, flächendeckende Schäden verursachen. Foto: Andreas Elliger

Ein Überwachen und Reduzieren der Nutriabestände erscheint sinnvoll. In einige Landesjagdgesetze sind die Nutria inzwischen als jagdbare Art ohne Schonzeit (bis auf führende Weibchen) aufgenommen worden. Allerdings ist die Entnahme der Nutria durch Bisamfänger nicht in allen Bundesländern klar gesetzlich geregelt. Nutria-Vorkommen sind zurzeit aber in allen deutschen Bundesländern bekannt. Infolge mehrerer Jahreswürfe, die keiner saisonalen Begrenzung unterliegen, liegt ein beachtliches Wachstumspotenzial
vor.

In Deutschland besteht im Moment eine spürbare Zunahme der Besätze infolge milder Winter, kaum wirksamer Regulierungsmaßnahmen, geduldeter Fütterungen dieser Neozoen und Ähnlichem mehr. Unter günstigen Bedingungen kann eine Verdopplung des Bestandes pro Jahr erreicht werden. Es ist anzunehmen, dass die Nutria sich, bei ähnlichen Verteilungen der kalten Winter wie bisher, weiter ausbreitet. Selbst eine Besatzreduktion um 80 bis 90 Prozent kann im Verlauf von sechs Jahren, sofern keine extrem harten Winter auftreten, ausgeglichen werden. Aber selbst strenge Schneeund Frosteinbrüche lassen die Art punktuell überleben.

Vor allem die Jagd mit Kastenfallen, etwa an Zwangswechseln, verspricht einen guten Erfolg. Foto: Michael Breuer

Einmal mehr soll angesichts dieser Zahlen abschließend betont werden, dass Jagd-, Naturschutz- und Tierschutzgesetzgebung klare Aussagen bieten, die einer Duldung der Nutria als Fremdart widersprechen.

So klappts mit der Nagerjagd

• Besonders aktiv sind Nutrias in der Dämmerung. Zu diesen Zeiten lohnt der Ansitz etwa in kleinen Tarnschirmen, besonders in der Nähe bekannter Baue oder an Wechseln beziehungsweise Ausstiegen aus dem Wasser zu Schadflächen. Also: Augen offenhalten nach Stellen, an denen die Nager zu Schaden gehen, wie etwa an Maisschlägen. Gegebenenfalls lassen sich die Biberratten mit Obst oder Gemüse sogar ankirren (Bundes- und Landesjagdgesetze beachten!).
• Um sicher ansprechen zu können, sollten Nutrias nicht im Wasser, sondern an Land geschossen werden. Verwenden Sie hierfür Schrot (etwa 12/70, ab 3 mm) oder Kugelkaliber wie .22 Mag. oder .222 Rem. Nutriajäger berichten davon, dass die Nager
nach Abschüssen von Artgenossen schnell heimlicher werden und ihre Hauptaktivität in die Dunkelheit verlegen. Das kann den Erfolg des Ansitzes schmälern.
• Für die Fallenjagd empfiehlt es sich, auf Lebendfangfallen zurückzugreifen. Diese ermöglichen am besten eine selektive Jagd. Zum Beködern eignen sich besonders Gemüse und Obst. Erfolgsträchtige Standorte sind Zwangswechsel in der Nähe der Baue. Besonders in der äsungsarmen Zeit nehmen die Nager die dargebotenen Köder verstärkt an.
• Von der teilweise praktizierten Baujagd mit Erdhunden muss abgeraten werden, da Nutrias sehr wehrhaft sind.
• Das Wildbret von Nutrias gilt als durchaus schmackhaft. Es muss allerdings vor dem Verzehr auf Trichinen untersucht werden. Die Schwarte und die orangen Zähne sind eine ansehnliche Trophäe.

Auffällig an der Nutriaspur ist auf weichem Boden der Abdruck der schleifenden Rute. Grafik: Christoph Höner