Carl Vinnen – Ehe die Spuren

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Carl Vinnen

KÜNSTLERPORTRÄT
Carl Vinnen war um 1900 einer der bekanntesten deutschen Maler. Was nur wenige wissen: Er schrieb unter einem Pseudonym eine witzige Wildtierkunde. Lutz Wetzel hat seinen fast vergessenen Lebensweg erforscht und entdeckt, dass der gefeierte Künstler ein
passionierter Waidmann war.

Jäger hinterlassen keine Spuren. Wenn einer von uns auf den großen Rückwechsel gegangen ist, dann werden als erstes die Waffen zerstreut. Dann wandern die speckige Lodenjacke, die Krawatte mit dem Fasanenmuster und die Hirschlederhose in den Altkleidercontainer. Nach vielen Monaten kommen irgendwann die Trophäen in eine große Kiste oder in die Knopffabrik. Nach ein paar Jahrzehnten sind auch die letzten Erinnerungen
verblasst. Obwohl wir so viel an Leidenschaft bei der Jagd durchlebt haben: Alle Anekdoten und feierlichen Momente – sie sind vergangen,unwiederbringlich, spurlos. Meistens jedenfalls.
Eine solche fast verlorene Spur versuche ich aufzunehmen. Ich sitze in der Halle des Gutshauses Osterndorf im Landkreis Cuxhaven mit den jetzigen Bewohnern Volker und Margret Siegel. Sie breiten zerschlissene Fotos, vergilbte Dokumente und  Zeitungsausschnitte auf dem Tisch aus. Wir sprechen über den Jäger Carl Vinnen, Margret Siegels Urgroßonkel. An der Wand über dem Kamin hängt sein Porträt. Fast hundert Jahre nach seinem Tod ist er hier in seinem Elternhaus in diesem Moment gegenwärtig.
Es werden Ordner, Kästen und Fotoalben geöffnet, die jahrzehntelang niemand mehr beachtet hat. Geboren wurde Vinnen 1863 als Sohn des Bremer Reeders Johann Christoph
Vinnen. Bekannt ist er der Kunstwelt als kantiger Maler aus dem Kreis der Worpsweder Künstler um Paula Modersohn-Becker, Heinrich Vogeler oder Rainer Maria Rilke. In meterhohen, farbintensiven Gemälden stellte er seine Heimat dar, auch die Moorlandschaft um Worpswede, gut 30 Kilometer von seinem Wohnort Osterndorf entfernt.
Vinnen war ein Mensch, der intensiv mit der Natur lebte und sich dorthin in Stille und Andacht zurückzog und der die Jagd brauchte als intensivstes Zusammenleben mit der Schöpfung. In die Schlagzeilen geriet er deutschlandweit im Jahr 1911, weil er sich in der
Streitschrift „Ein Protest deutscher Künstler“ vehement gegen die angebliche Überfremdung deutscher Kunstsammlungen durch den Erwerb französischer Gemälde einsetzte. Anlass
war der Kauf des Bildes „Mohnblumenfeld“ von Vincent van Gogh durch die Bremer Kunsthalle. Frankreich war zu der Zeit der verhasste Erbfeind.

Der Maler Carl Vinnen war nach einem Jagdunfall im Winter 1895 lange krank und niedergeschlagen. Trotzdem schrieb er in der Zeit mit seiner „Nathurgeschichte“ eines der skurrilsten und humorvollsten Bücher über das Wild.

Warum bin ich auf den Lebensspuren von Carl Vinnen? Nur wenige wissen, dass er eines der humorvollsten Bücher über einheimische Wildtiere geschrieben hat. Unter dem Pseudonym Johann Hinrich Fischbeck, dem Namen eines Stallknechtes, verfasste er die „Nathurgeschichte oder kurtzgefasste Lebensabrisse der hauptsächlichsten wilden Thiere im Hertzogtum Bremen“. Eine völlig überdrehte Parodie auf die wissenschaftliche Literatur
der Barockzeit. Ich erfuhr erst nach langen Recherchen, dass er ein besonders passionierter Jäger war. Und dass auch sein außergewöhnliches Buch eine ungewöhnliche
Geschichte hat, die mit der Jagd zusammenhängt. Das Gutshaus in Osterndorf hatte
Vinnens Vater, der reiche Bremer Reeder, als eine Art bessere Jagdhütte 1875 in dem weitläufigen Revier einrichten lassen. Die Eisenbahn hatte die öde Geest erschlossen, und die Städter entdeckten das Landleben. Osterndorf war damals schon ein über 200 Jahre
altes Rittergut.

Ein vierschrötiger einheimischer Jagdaufseher versorgte das Wild und die Hunde und führte auch den jungen Carl Vinnen zur Beute. Auf dem trockenen Geestrücken gab es nur schwache Heideböcke, aber reichlich Hasen und Flugwild. „Ach ja, da sind doch seine Geweihe“, sagt Margret Siegel und zeigt auf die Wand. Erhaltene Trophäen von
Vinnen im Gutshaus zeigen dürre Gehörne. Aber sie zeigen auch, dass die Jagderlebnisse ihm viel bedeutet haben: Rehgehörne zu sammeln und an die Wand zu hängen war damals keineswegs so selbstverständlich wie heute. Volker und Margret Siegel blättern in den alten Schriften. Da taucht eine alte Tagebuchaufzeichnung auf: Über einen Jagdbesuch der gesamten Worpsweder Künstlerkolonie in Osterndorf im Jahr 1889 schrieb der berühmte Maler Otto Modersohn: „Vinnen kam uns kurz vor dem Gute entgegen. Wir verlebten einige interessante Tage bei ihm. Viel durchstreiften wir im Jagdanzug, der malerisch  zusammengesetzt war, die weiten Anpflanzungen und Heiden des Gutes, schossen Elstern,
Würger usw., gingen mit dem alten Vinnen auf den Anstand auf Rehböcke und Marderjagd. Einmal per Wagen, um Füchse zu schießen. Doch die Gegend bot wenig oder nichts, überall kahl.“ Daneben liegt das Foto der Besuchergruppe aus der damals soeben gegründeten Künstlerkolonie Worpswede: Eine verwegene Bohème, deren Jagdscheine seinerzeit gottlob
nicht überprüft wurden.

Die Worpsweder Künstlerkolonie bei einem Jagdausflug auf Gut Osterndorf (Carl Vinnen o. r., Fritz Mackensen l. daneben, Otto Modersohn r., ganz links Heinrich Vogeler)

Damals spielten Jagdhunde auf dem Gut Osterndorf eine große Rolle, berichtet Volker Siegel, auch er langjähriger Jäger in dem heutigen Damwild-Kerngebiet. „Da fällt mir etwas ein“, ruft Margret Siegel. Sie steht auf und schleppt aus einem der oberen Räume das Gemälde des Jagdhundes von Carl Vinnen herbei: der Labrador „Pitt“. Ihm wurde nach seinem Tod 1899 eine Seite in der Familienchronik gewidmet, und aus der Erinnerung
schuf der Künstler das Porträt in Öl. Ganz unter dem Eindruck des schmerzvollen
Verlustes betrauert Vinnen den „treuen, sanften und lieben Gefährten“. Beigeheftet
sind Fotos des Hundes. Hier, in der Halle des Gutshauses, gleich links neben der Tür, war sein Platz. „Am Abend des 19. September“, so berichtet die Familienchronik, „wurde ‚Pitt‘ in großer Trauer unter einer Buche zur Ruhe bestattet.“ Die Siegels beschreiben Carl Vinnen als scharfzüngiges und freches Familienmitglied.

Er war finanziell unabhängig und unternahm viele Reisen: Asien, Afrika, Skandinavien, Südeuropa. Aber der Künstler kam immer wieder nach Osterndorf zurück. Ihm fehlte in der Fremde die Jagd und die unmittelbare Begegnung mit der Landschaft. Für die Malerei im Winter auf der zugigen Geest ließ er sich einen beheizbaren Wagen bauen. Der wurde allerdings auch zu jagdlichen Zwecken genutzt: Wenn ein Fuchs über die Felder schnürte, ließ der passionierte Vinnen den Pinsel fallen und griff zur Schrotflinte.

UnterDürre Heideböcke des Künstlers aus dem Revier Osterndorf. Rehwildtrophäen setzte man um 1900, wenn überhaupt, nicht sehr sorgfältig auf. Im Gutshaus Osterndorf
Im Gutshaus Osterndorf (u.) leben heute Vinnens Nachfahren Volker und Margret Siegel (u. r.). Sie bewahren das Andenken an den Maler und Waidmann.

Immer wieder suchte er die Nähe zur Natur und kümmerte sich in Osterndorf
lieber um die Landwirtschaft als um die feine Gesellschaft im Bremer Haus seines Vaters. Auf dem Gut gab es für Carl Vinnen, der auch als Kaufmann ausgebildet war, viel zu tun:
Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurden dort jährlich bis zu 5 000 Schweine gemästet. Das war damals sensationell. Mit dem anfallenden Mist düngte man die karge Landschaft und erhöhte so die Erträge – und verbesserte die Äsung für das Wild. Deshalb konnte dort
knapp zwanzig Jahre später erfolgreich Damwild ausgesetzt werden. Für Carl Vinnen änderte sich das Leben im Winter 1895. An der großen Ausstellung der Worpsweder Künstler im Münchener Glaspalast, in der er als Star angekündigt worden war, konnte
er nicht teilnehmen, weil er in Osterndorf bei einer Jagd zu Pferd schwer stürzte und viele Monate an den Folgen einer Hüftverletzung litt. Er wurde depressiv und konnte nicht mehr malen. Interessanterweise schrieb er in dieser trüben Zeit das von Witz und skurrilen Einfällen überschäumende Buch „Fischbecks Nathurgeschichte“. Der Verfasser ahmte die gestelzte Gelehrtensprache und die Rechtschreibung des 18. Jahrhunderts täuschend
echt nach und schuf sogar scheinbar unbeholfene Holzschnitte dazu, die aus der Barockzeit stammen konnten. Jedes Kapitel beschloss ein moralisierender Vers. Etwa beim Wolf: „Der
Wolff verschlingt was es auch sey/ Ihn stöhret nicht das Wehgeschrey.“ Seine naturwissenschaftlich gedrechselten Erkenntnisse („Zwey Wölffe können in einer Nacht wohl eine Queene fressen und vier ein Pferd“) machte er mit erfundenen jagdlichen Anekdoten glaubhaft, sodass beim Erscheinen des 60 Seiten dünnen Werks viele Leser die
Aussagen für hohe Wissenschaft hielten. Zum Thema Wolf schrieb er: „Die Russen setzen die kleinen Kinder, so ihnen zu viel sind oder lästig, nachts in den Wald, so finden sie am anderen Tage nur das Gerippe. Das ist eine gottlose Mode und sollte verbothen seyn.“
Der Autor verbreitet sich auf das Uhaltsamste über den „Edelhirsch“: „Er  ist leichtlich zu schießen, so man ihn richtig trifft“, über Dachs, Fuchs, Seehund, das wilde Schwein, den Rehbock und viele andere. Bei allem Witz spürt man in den Texten ein großes Wissen um das Wild und seine Eigenheiten, und die Liebe zum Waidwerk schaut aus jeder Zeile.

Carl Vinnen begann nach seiner Genesung von dem Jagdunfall wieder zu malen, erhielt 1903 auf der Berliner Kunstausstellung eine Goldmedaille. Vom Kreis der Worpsweder
Künstler distanzierte er sich. Die Spur des Jägers Carl Vinnen verliert sich trotz aller Suche in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg. Ein Gehörn von 1909 ist das letzte auffindbare
jagdliche Zeugnis. Kurz darauf zog er nach München und pirschte nur noch selten im heimatlichen Jagdrevier. 1919 lähmte ihn ein schwerer Schlaganfall, nach einem
zweiten starb er 1922. In einem Buchenhain in Osterndorf ist er im Kreis seiner Vorfahren begraben. Neben seinem geliebten Labrador „Pitt“. In der Halle des Gutshauses hängen
ein paar seiner Rehtrophäen. Wenige Spuren eines längst vergangenen Jägerlebens. Margret Siegel zeigt auf einen Jäger auf einem alten Foto: „Wie hieß der noch mal?“ Ihr Mann weiß es auch nicht mehr. So werden die Namen von uns Jägern irgendwann
im Vergessen versinken, obwohl wir mehr in der Natur geliebt, gehofft, gelitten haben als alle anderen.

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