Den Sauen zum Fraß

340

ARTENVIELFALT UND SCHWARZWILD

Schwarzwild ist ein Allesfresser und verschmäht bei seinen Streifzügen durch Feld und Flur kaum etwas. Stellt sich die Frage: Wie groß ist der Einfluss der Sauen auf andere Arten, wie Hasen, Feldhühner oder Kälber? Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel geht ihr nach.

Die enorm gestiegenen Schwarzwildbestände werfen die Frage nach deren Einfluss auf andere Arten auf. Dabei ist es besonders verlockend, anhand von Jagdstrecken, die ja bis zu einem gewissen Ausmaß Gradmesser der Besatz- und Bestandesentwicklungen sind, solche Wechselbeziehungen zwischen unterschiedlichen Arten nachweisen zu wollen.
Das Beispiel Hessen zeigt den Niedergang der Fasanen- und Hasenstrecken in den 1980er-Jahren. Genau in diesem Jahrzehnt begann auch der steile Anstieg der Sauenstrecke, und parallel dazu wurde die Landwirtschaft zunehmend intensiviert. Nur allzu gerne möchte man hier einen Zusammenhang herstellen. Aus den zeitlichen Streckenverläufen in Hessen lässt
sich schließen, dass einerseits die intensivierte Landwirtschaft den Sauen ein Schlaraffenland bereitet, für viele Niederwildarten aber geradezu Gift ist. Die vielen Sauen tragen dann zusätzlich zum Niedergang der Feldhühner und Hasen bei. Hier ist aber Vorsicht am Platze. Es ist bekannt, dass Jagdstrecken nicht eins zu eins die Entwicklung von Beständen widerspiegeln. Zudem sind die wechselseitigen Einflussfaktoren äußerst komplex. Demnach lässt sich zwar ein ursächlicher Zusammenhang vermuten, exakte Aussagen darüber müssten jedoch durch vielfältige weitere Untersuchungen untermauert werden. Es ist aber sicherlich nicht falsch zu sagen, dass sich die gestiegenen Schwarzwildbestände weder positiv auf bodenbrütende Arten in der Agrarlandschaft noch auf solche im Wald – Stichwort Auerwild – auswirken. Das Hegen und Pflegen von Großtrappe und Auerwild kann nur dann Erfolg haben, wenn Beutegreifer wie der Fuchs, der absoluter Gewinner der Kulturlandschaft ist, und auch Sauen in den betreffenden Regionen kurzgehalten werden. Obgleich manche Scheuklappen-Naturschützer diesen Zusammenhang hartnäckig leugnen. Die vielen Beispiele von Revieren, in denen scharfe Prädatorenbejagung und Erholung von Hasen- und Rebhuhnbesätzen Hand in Hand gehen, sind einfach nicht wegzudiskutieren. Hier drängt sich nun die Frage auf, ob das Schwarzwild als Allesfresser die Biodiversität in der Kulturlandschaft zusätzlich negativ beeinflussen kann, weil sich Sauen möglicherweise als Beutegreifer betätigen. Um die Katze gleich aus dem Sack zu lassen: ein klares Ja. Und dafür gibt es eine Reihe von Beispielen.
Verschiedene Untersuchungen zu Gelegeverlusten bei Bodenbrütern verdeutlichen, welche Rolle Schwarzwild dabeispielt. Die Gelegeverluste von Bodenbrütern durch Landwirtschaft, Trittschäden und Prädation können bis über 60 Prozent betragen. In Brandenburg waren bei der Wiesenweihe Sauen für ein Viertel der Gelegeverluste verantwortlich, bei der Feldlerche zu einem Fünftel. Aus Thüringen ist bekannt, dass ein Drittel der Verluste an Auerhuhn gelegen auf ihr Konto geht. Das wird keinen Jäger verwundern. Jeder weiß, dass Sauen weder an einem Junghasen vorbeiziehen noch an einem Bodenbrütergelege. Die Ergebnisse verschiedener Studien zeigen deutlich die Abhängigkeit solcher Gelegeverluste von der Schwarzwilddichte in dem betreffenden Gebiet. Die absoluten Verlustzahlen werden bei noch häufig vorkommenden Bodenbrütern kaum ernst genommen. Wenn es sich aber, wie zum Beispiel beim Auerwild oder bei der Großtrappe, um inzwischen stark bedrohte Arten handelt, dann ist jedes durch Sauen zerstörte Gelege eines zu viel. Die zahlreichen Untersuchungen des Inhalts von Weidsäcken zeigen immer wieder, dass Wildschweine zwar vorwiegend pflanzlichen Fraß aufnehmen, stets aber findet sich bei einem Viertel bis der Hälfte der untersuchten Mägen auch Inhalt tierischen Ursprungs. Vom Volumen her sind das mit meist unter zehn Prozent und von der Trockenmasse mit drei Prozent recht geringe Mengen. Die Frage ist, was haben sie nun tatsächlich an tierischem Material aufgenommen, und wie sind sie daran gekommen?
Außerdem wird Fleisch so rasch verdaut, dass seine Herkunft oft nicht mehr eindeutig feststellbar ist. Insektenlarven und Regenwürmer sind regelmäßig in Schwarzwildmägen zu finden und spielen bei deren Ernährung anscheinend eine wichtige Rolle. In Australien und den USA gibt es eine Reihe von Befunden, die deutlich machen, dass Sauen bedeutende Beutegreifer sein können. Allerdings handelt es sich in Australien genau genommen nicht um Wildschweine, sondern um verwilderte Hausschweine (feral pigs, feral swine), die seit Jahrzehnten und vielen Generationen verwildert sind. Aber auch diese Schweine gehören zur Art Sus scrofa, denn der Mensch hat durch die Domestikation und Zucht von Haustieren noch nie die Artgrenze überschritten.
Der zunehmende Maisanbau in Deutschland schafft Sauen-Dorados.
In einer australischen Untersuchung konnte gezeigt werden, wie stark der Verlust an neugeborenen Lämmern von der Dichte dieser feral pigs abhängt. Bis zu ein Drittel der Lämmer wurde bei Dichten von knapp sechs Sauen auf 100 Hektar erbeutet. Bei diesen Untersuchungen wurden zum Vergleich Flächen gezäunt, in denen kein Verlust von Lämmern durch Schweine zu beobachten war. Damit liegen in Australien die Verluste an Lämmern durch Sauen deutlich höher als diejenigen durch Füchse (bis zu acht Prozent). In den USA hatten Untersuchungen zum Verlust von Kälbern bei Weißwedelhirschen durch Sauen ganz ähnliche Ergebnisse erbracht. Man darf demnach davon ausgehen, dass Sauen auch bei uns Kitze und Kälber nicht verschmähen. Lutz Heck, der frühere Direktor des Zoos in Berlin, hat schon von Schwarzwild berichtet, das gezielt nach Kitzen sucht.
Wir Jäger haben für den Erhalt der Biodiversität besondere Verantwortung. Die Absenkung der Schwarzwildbestände mit allen Mitteln der waidgerechten Jagd muss endlich ernst genommen werden. Im Zeichen des Ausbruchs der Afrikanischen Schweinepest in der EU kommt dieser Forderung auch unter dem Gesichtspunkt der Seuchenhygiene besondere Bedeutung zu.