Diana und Fortuna

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Zum Auftakt der Bockjagd versuchte der frischgebackene Volontär sein Glück im Testrevier Obertiefenbach. Wie es ihm dabei erging, und warum Glück manchmal wichtiger ist als Verstand, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Richard Günzel

Foto: Peter Schmitt

Behutsam schließe ich die Heckklappe. Der Weg verläuft nah an der Wiese, und das Wild ist nach der Schonzeit früh auf den Läufen. Über einen Rückeweg geht es vielleicht 70 Meter den Hang hinunter zur Kanzel, vor der sich die Schluppenwiese in Nord-Süd-Ausrichtung erstreckt. Rechts schließt sich das Tal des Hasenbaches an, der das Testrevier Obertiefenbach durchschneidet. Keine Viertelstunde zuvor hatte ich nach einem langen Arbeitstag in aller Eile meine Siebensachen ins Auto geworfen und mich auf den Weg gemacht – ich bin zu spät dran, und das ist im dichten Bewuchs immer schlecht. Links und rechts ist der Weg von Buchenrauschen gesäumt.

Und da ist es auch schon passiert. Mit mächtigem Gepolter springen keine zehn Meter vor mir drei Stück Rehwild ab. Sie waren in der Verjüngung beim besten Willen nicht auszumachen. Ich erstarre. Vielleicht lässt sich das Rehwild zu dieser Jahreszeit noch übertölpeln. Und tatsächlich: Der Sprung verhofft auf der anderen Seite der Wiese, argwöhnisch äugend, auf 80 Gänge. Jetzt ist Disziplin gefragt. Ich lasse mir bewusst fünf, vielleicht zehn Minuten Zeit. Vom Boden aus kann ich einen Mehrjährigen und eine Ricke klar ansprechen. Beim Reh, das halb verdeckt steht, bin ich mir nicht sicher. Schließlich baume ich auf und richte mich ein. Das dritte Stück stellt sich als Schmalreh heraus, will sich aber partout nicht aus dem Bewuchs herauswagen. An einen Schuss ist nicht zu denken. Ganz vertraut verschwinden die drei nach ein paar Minuten schließlich im Dunkel der Hecke.

Ich richte den Blick nach rechts. Am anderen Bachufer, auf vielleicht 300 Meter, sind zwei Mehrjährige aneinandergeraten. Mit einem Elektrozaun als Turnierbande plätzen und scharren die Streithähne munter am Gegenhang drauflos. Aber das Gleichgewicht des Schreckens scheint zu halten. Nur einmal eskaliert die Situation blitzschnell. Ein kurzes Forkeln, Ausfall und Parade, dann trennen sich die Kontrahenten wieder, anscheinend unversehrt. Ich muss innerlich jauchzen. Sind das nicht die Momente, die uns reich machen? Die Abendsonne scheint, der Sommer kommt mit Macht, und das Wild ist in Anblick. Jägerherz, was begehrst du mehr! Das Idyll wird schließlich nur dadurch getrübt, dass ich wirklich für kleine Jungs muss. In meiner Hast hatte ich diesen Teil meiner vorjagdlichen Routine vernachlässigt. Es ist zwar nicht nach der Kunst, aber dem Ruf der Natur will entsprochen werden.

Ich baume also ab, darauf bedacht, keine schnellen Bewegungen zu machen und den Lärmpegel niedrig zu halten. Die Waffe nehme ich mit, für alle Fälle. Ich wäre nicht der Erste, der ohne Waffe, dafür aber mit seinem edelsten Stück in den Händen überrascht worden ist. Apropos schnelle Bewegungen: Da tut sich doch etwas auf der anderen Seite der Wiese? Tatsache. Zügig kommt ein Stück Rehwild über die Grünfläche. Und es ist, da bin ich mir selbst mit bloßem Auge sicher, ein passender Jährling. Und ich stehe mitten auf der Leiter. Was tun? Der Jüngling verhofft kurz, äst hastig. Schnell ist der Entschluss gefasst: Wieder rauf auf den Sitz. Aber da kommt der Jährling wieder in Bewegung und zieht genau auf die Kanzel zu. Jetzt keinen Mucks. Mein Hinterteil ragt aus der Tür, die Beine sind noch auf der Leiter. Schließlich marschiert der Jährling keine fünf Meter neben der Leiter an mir vorbei. Die ganze Situation ist zwar erheiternd, aber auch ein wenig blamabel, schließlich jage ich nicht erst seit gestern. Wenn das der Chefredakteur wüsste! Im Zeitlupentempo schiebe ich mich auf den Sitz, verliere dabei aber prompt den Jährling aus den Augen. Wo ist er? Da steht er, mitten auf dem Rückeweg, und ich wundere mich, dass er keinen Wind kriegt. Eine schwache Brise müsste ihm meinen Geruch genau zutragen! Noch dazu die Wittrung vom Anmarsch. Aber Diana ist mir hold. Der Jährling verhofft in seiner Unerfahrenheit auf der Schneise. Der Sicherungsschieber gleitet nach vorn. Als der Bock aufwirft, um zu sichern, fasst die Kugel ihn hinter dem Blatt. Nach einer kurzen Flucht kommt er unweit des Wegs zur Ruhe. Etwas Fortune gehört eben auch dazu.

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