Ein Tag in Wales – Weitschuss im Gelände

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Weitschuss

WEITSCHUSS IM GELÄNDE
Auf welche Entfernung kann man bei der Jagd noch treffen? Ab wann wird es problematisch? Bei einem Training in offener Landschaft wollte es Heiko Hornung herausfinden.

Andrew Venables ist ein freundlicher Mann. Wenn der 50er mit seiner athletischen Figur so vor einem steht und in klarem Englisch über das Schießen spricht, dann hat er etwas von diesen väterlich-freundlichen Drill-Seargents aus alten britischen Kriegsfilmen. Höflich, zurückhaltend und kompromisslos. Dabei wurde er nicht zum Schießlehrer durch eine Militärlaufbahn. Der Waliser ist seit 30 Jahren im Wildmanagement unterwegs und wurde unter anderem in Schottland tätig, wenn es im Hind-culling darum ging, die immensen Rotwildbestände zu reduzieren. Er schätzt, dass er dabei rund 5 000 Stück Rotwild erlegt hat. Wer die Highlands kennt, weiß, dass in dem Gelände mit spärlicher Vegetation ein Anschleichen auf 100 Meter oft schwierig ist. Die Erfahrungen, die Venables dabei gemacht hat, gibt er heute im Einzelunterricht oder an kleine Gruppen in Schießseminaren weiter. Mit seinen Klienten wandert er in den kahlen Hügeln von West-Wales umher und lässt auf unterschiedlichste Entferungen auf reaktive Ziele schießen. Das sind in der Regel Tiersilhouetten oder Scheiben, die aus Stahlplatten herausgelasert wurden. Angesprüht mit weißer oder gelber Farbe, hinterlässt die einschlagende Kugel auf dem Ziel einen sichtbaren schwarzen Fleck und erzeugt ein deutlich hörbares „Pling“.

In Wales ist das freie Schießen im Gelände mit Zustimmung des Grundeigentümers möglich. Noch immer leben viele Farmer von der Schafzucht. Nur vereinzelt und in Farmhausnähe gibt es Bäume oder Büsche, meist Hunderte Jahre alt. Ansonsten bedeckt die Hügel nichts als Gras. Seit neuestem gibt es auch Pflanzungen von Sitkafichten als Christbaumkulturen. Ein mannshoher Weihnachtsbaum kostet in Wales schnell mal 30 bis 40 Pfund, das sind 40 bis 50 Euro. Auf die Frage, wie man sich denn bei Verlust eines Schafes durch den Schießbetrieb einige, bot der Schießlehrer dem Farmer den doppelten Marktpreis für den Verlust des Tieres. Der Farmer überlegte kurz und äußerte dann trocken: „Well, then shoot them all (Gut, dann schieß sie alle).“ Venables hat die Erlaubnis, mit Ansage auf 10 000 Hektar zu schießen. So ist es nicht verwunderlich, dass in einer kleinen Steinbruchbucht hier ein weißer Argali, dort eine Gams, ein Rehbock oder eine Sau aus der Landschaft leuchten.

In der Nähe einer Farmruine beginnt in einem Graben das Training mit einem Kleinkaliber. „Die meisten Fehler kann man schon auf eine Entfernung von 50 Meter sehen“, sagt der
Schießlehrer. Alle Waffen haben Schalldämpfer. Das fällt bei der .22 lfB noch nicht groß ins Gewicht. Doch bei einer .308 Win. reduziert sich nicht nur der Knall, sondern auch der
Rückstoß deutlich. Gerade beim Schießen über das Zweioder Dreibein eine Erleichterung. Während der eine oder andere Schüler munter drauflosschießt, registriert Venables jede
Bewegung. Bei dem einen schnellt beim Schießen der Finger vom Abzug, ein anderer „melkt“ beim Abziehen mit der ganzen Hand am Pistolengriff und drückt nicht nur mit dem
Zeigefinger. Auf 50 Meter mit dem Kleinkaliber noch nicht sonderlich relevant. Bei einem Schuss auf 300 Meter werden aus diesen Kleinigkeiten schnell ein paar entscheidende
Zentimeter. „Das vordere Fingerglied auf den Abzug legen, ruhig ziehen, Finger auf dem Abzug lassen – dann erst repetieren“, sorgsam registiert er jedes Detail, auch geringe Vorstartreaktionen wie ein leichtes Mucken der Augen.

Beim stehenden Schießen über den Stock erfolgt die erste größere Korrektur. Weil der Stock für mich etwas zu niedrig ist, habe ich eine leichte Vorlage. Immer wieder tippt der
Waliser mir von der Seite leicht gegen den Zielarm. Dann beginnt er, mich auszurichten: Oberkörper aufrecht, Beine in die Grätsche, Knie durchstrecken, Unterstützungsarm gestreckt, Daumen und Zeigefinger halten den Vorderschaft. Dabei tippt er immer wieder auf den Zielarm. Mit jeder Korrektur merke ich, wie das Wackeln des Absehens auf dem Ziel abnimmt. Selbst kleine Ziele auf 100 Meter sind kein Problem. Langsam steigert sich die Entfernung. Am nächsten Stand sind es schon 195, dann 320 Meter. Das Treffen der Stahlscheiben funktioniert noch. Venables bemerkt, dass ich mit zehnbis zwölffacher Vergrößerung schieße. Bislang meinte ich, so das Ziel besser im Blick zu haben. Doch der Büchsenspezialist belehrt mich eines Besseren und fragt: „Wie lange brauchst du, bis du nach dem Schuss wieder im Ziel bist?“ Ich merke: zu lange, um einen zweiten schnellen Schuss abzugeben. Doch genau darauf kommt es an, wenn die Kugel nicht sitzt. „Du musst die Reaktion des Wildes sehen und die Möglichkeit haben, sofort nachzuschießen“, sagt er. In der Folge bleibt die Vergrößerung auf sechsfach stehen, auch wenn die  Schussentfernungen noch zunehmen.

Ab 200 Meter kommt merklich eine weitere Größe hinzu – der Wind. In den Bergen von Wales bläst immer ein Brise. Der Brite stellt einen Regenschirm auf, an der eine Mullbinde
baumelt. Wenn das leichte Stück Stoff in einem Winkel von 45 Grad absteht, markiert das einen Seitenwind von rund zwölf km/h. Auf 300 Meter kann es je nach Kaliber zu Seitenabweichungen von 20 bis 25 Zentimetern kommen. Damit ist klar: Ab 200 Metern beginnen Entfernungen, auf die man noch treffen kann, aber ein sicherer tödlicher Schuss kaum mehr möglich ist. Zu viele Variablen, wie Seiten-, Auf- und Abwinde, können die Flugbahn der Kugel beeinflussen, die kaum zu berechnen sind. Da helfen auch kein Wunderkaliber und keine Wunderoptik. Am Nachmittag steigern sich die Entfernungen
bis auf 850 Meter. Und selbst auf diese Distanzen waren Treffer mithilfe von ballistischen Tabellen und Absehenschnellverstellungen auf 50 Zentimeter große Scheiben möglich. Ein
verantwortungsvoller Jäger wird diese Schüsse allenfalls als das sehen, was sie sind: Versuche auf Scheiben.

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