Endlich erfolgreich Krähen-Lockjagd

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Wer einmal schlechte Erfahrungen gesammelt hat, ist nur schwer dazu zu bewegen, diese Sache erneut anzugehen. Deshalb besorgte sich Revieroberjäger Elmar Eickhoff Verstärkung, um geplagten Jägern und Bauern bei der Jagd auf die schwarzen Gesellen unter die Arme zu greifen.

„Wir brauchen unbedingt wieder den Nordischen Krähenfang, sonst reduzieren wir die vielen Krähen nie!“, fordert Wolfgang, ein von der Niederwildhege beinahe besessener Jäger. Vor allem den Rebhühnern gilt seine Zuneigung. Die vielen Hundert Krähen bringen ihn fast zur Verzweiflung. Junggesellenschwärme, die durch sein Revier und die der Nachbarn ziehen, zeigen deutlich, dass die örtliche Krähenpopulation ein Übermaß erreicht hat. Wolfgang ist täglich draußen und beobachtet das Treiben der schwarzen Gesellen genau. Er weiß, wie viele Gelege und Jungtiere ihnen zum Opfer fallen.

Durch seine Hegebemühungen bestehen fast zehn Prozent seiner Feldrevierfläche aus Blühflächen, Wildäckern und anderen Biotopen. Auf 100 Hektar kommen drei Fallen für Füchse und weitere Räuber. Sie fangen zuverlässig das Haarraubwild. Zusätzlich sorgen Ansitze an Luderplätzen sowie andere Jagdmethoden für einen intensiven Druck auf die Prädatoren am Boden. Die schlauen Krähen haben seine Bemühungen mit Lockbild und Weitschussbüchse aber längst durchschaut und lassen sich fast nicht mehr überlisten.

Krähe wird aportiert
Foto: Julia Kauer

Wolfgangs Revier gehört zum Verein Lebensraum Rheinaue Mittelbaden e. V. Diese Niederwildhegemeinschaft gibt es jetzt schon fast 20 Jahre. Sie wurde von den Pächtern und Grundbesitzern in den Revieren um Rastatt gegründet. Die Verpächter tragen die Hegemeinschaft mit 50 Prozent!

Bis in die Dämmerung: Nils Kradel (r.) mit den Seminarteilnehmern beim Praxisteil zu Lockbild und Tarnung. Fotos: Elmar Eickhoff

Ihnen ging es von Anfang an darum, durch Hegemaßnahmen den Jagdwert ihrer Flächen zu erhalten, um sie auch guten Gewissens als Niederwildreviere verpachten zu können. Von Pächtern, Verpächtern und dem Landesjagdverband Baden Württemberg sind viel Zeit und Geld in Lebensraumverbesserung, Raubwildjagd und Forschung investiert worden. Die Landschaftsstruktur ist in dieser Realteilungsgegend noch hervorragend. Kleine schmale Felder, extensiv genutzte Streuobstwiesen sowie viele Schilfstreifen, Hecken und Feldgehölze bieten allen Feldbewohnern einen heute selten gewordenen, idealen Lebensraum.

Dagegen ist der Prädatorenbesatz, bedingt durch die Nähe zum Schwarzwald im schmalen Oberrheingraben und der all gemeinen Fokussierung auf das Schalenwild, auch in den Niederungsrevieren sehr hoch. Um Strategien zur Niederwildhege zu entwickeln und in den einzelnen Revieren auch praktisch umzusetzen, hat mich die Hegemeinschaft Anfang des Jahres als Berater engagiert.

Im Sommer erreichte mich dann ein verzweifelter Anruf von Wolfgang: Die Krähen würden in den beiden Erdbeerplantagen des Reviers massenhaft Jungpflanzen ausreißen und die Beregnungsschläuche an vielen Stellen durchhacken. Die beiden Bauern würden ihm die Hölle heiß machen. Das Maß sei voll! Mein Vorschlag: eine revierübergreifende Krähenjagd in der Hegemeinschaft. Aber wie sollte ich es schaffen, die Pächter zu überzeugen, dass die effizienteste Methode in dieser Situation die Jagd mit dem freundlichen Lockbild ist? Frühere Versuche, die Rabenkrähen auf diese Weise zu überlisten, hatten durch mangelnde Tarnung und viele andere Fehler dazu geführt, dass die Krähen das Spiel schnell durchschauten und der Erfolg bald ausblieb. Dementsprechend groß war die Skepsis. Also musste ein bekannter Krähenjagd Profi für ein Seminar her, um den Revierinhabern

herausgezogene Erdbeerpflanze

einen Weg zu zeigen, dauerhaft erfolgreich auf Huckebein zu jagen. Mit Nils Kradel von der Lockschmiede konnte ich dann einen der bekanntesten Experten für die Krähenjagd mit dem freundlichen Lockbild gewinnen. Seine selbst hergestellten Locker sind für ihren naturnahen Ton bekannt, und er beweist seit Jahren in der Praxis, dass man auch dauerhaft erfolgreich auf Krähen jagen kann – wenn man entscheidende Fehler eben nicht macht.

Der Veranstaltungsort und das Revier für den Praxisteil des Lehrgangs waren schnell gefunden. Am Seminartag verschaffte sich Nils einen ausgiebigen Überblick über die Situation, da sich die Revierstrukturen von denen in seiner Heimat Schleswig Holstein sehr unterscheiden. Die Begeisterung für die idealen Lebensräume für das Niederwild in der Hegemeinschaft war ihm deutlich anzusehen. „Und die Krähen bekommt ihr hier auch noch in den Griff“, war seine Einschätzung zu den Erfolgsaussichten. Das Interesse am Krähenjagdseminar war überraschend groß:

zerhackte Bewässerungsschläuche

Fast doppelt so viele Teilnehmer wie erwartet drängten sich im Veranstaltungsraum der Dorfkneipe und lauschten dem praxisnahen Vortrag des Profis.

Nach dem abschließen den Praxisteil zu Lockbild und der richtigen Schirmtarnung im Revier waren auch die größten Pessimisten bereit zu glauben, dass die Krähenjagd eine Woche später ein Erfolg werden könnte. Die Zeit bis dahin nutzten wir, um frühmorgens die Flugrouten, Sammel und Fraßplätze der Krähen zu erkunden. Denn genau an diesen Stellen sind die Erfolgsaussichten auf gute Strecken am größten. Die notwendige Ausrüstung zur Eigentarnung, wie Gesichtsmaske und Handschuhe, sowie zum Schirmbau wurde vervollständigt.

Ein häufiger Fehler bei der Krähenjagd ist schlechte Tarnung. Hier ein Beispiel für einen Ideal getarnten Schirm, der am Vorabend errichtet wurde.

Auch die vorhandenen Lockkrähen wurden von verräterischem Dreck gereinigt und viele mit abgewetzter Beflockung mit schwarzen Socken überzogen, damit der reflektierende Kunststoff verborgen wird. Noch am Abend vor der Jagd wurden alle Schirme errichtet und aufwendig getarnt. Ein wichtiger Punkt, der zuvor oft zu sehr auf die leichte Schulter genommen wurde. Am Jagdtag bauten dann lange vor Sonnenaufgang, sodass sie sich nicht verraten konnten, mehr als 40 Jäger vor 20 Schirmen in zehn Revieren ihre Lock und Wächterkrähen auf und warteten voller Vorfreude auf den ersten Anflug.

Ebenfalls ein idealer Tarnschirm. Der jäger ist nur aufgrund der Arbeitskleidung zu erkennen.

Der ließ auch nicht lange auf sich warten. Das typische „Krah Krah Krah“ noch in der Dämmerung ließ den Puls der Jäger in den Schirmen hochschnellen. Die ersten schwarzen Gesellen fielen wie vermutet auf den Hochspannungsleitungen ein und verteilten sich dann auf die Fraßplätze. Dort hatten wir die Lockbilder aufgebaut, die die Krähen auch überwiegend vertraut anflogen. Teilweise fielen sie sogar zwischen den Attrappen ein. Bis dahin haben wir also alles richtig gemacht! Jetzt muss man nur noch treffen, um keine Zeugen zu hinterlassen, die ihre schlechten Erfahrungen an die Artgenossen weitergeben können. Ein guter Umgang mit der Flinte ist also Pflicht. Die Hunde apportierten die erlegten Krähen sofort, um neu anstreichende nicht misstrauisch zu machen. Besonders bewährt hat sich, dass der erfahrenste Krähenjäger im Schirm entscheidet, ob und wann geschossen wird. Lebhaftes Schießen aus allen Richtungen ließ auf eine erfolgreiche Premiere hoffen. Da ich im Revier von Wolfgang geblieben war, konnte ich zum Ende der Jagd die beiden hochzufriedenen Erdbeerbauern erleben, die den Jagdherren für die erfolgreiche großflächige Krähenjagd erleichtert lobten. Beim gemeinsamen Frühstück wurde die Hoffnung zur Gewissheit: Der Streckenplatz füllte sich zusehends, sogar die Fichtenbrüche zum waidgerechten Strecken legen reichten fast nicht aus. Am Ende lagen 132 Rabenkrähen und zwei Elstern. Alle Beteiligten waren sich einig, dass diese Jagd nicht die letzte ihrer Art gewesen sein soll, sondern der Anfang einer festen Einrichtung im Jagdjahr. Die Berichte aus den Revieren an den Folgetagen und -wochen bestätigten, dass die restlichen Krähen schnell wieder ihre alten Gewohnheiten angenommen hatten. Viele erfolgreiche Einzelaktionen mit veränderten Lockbildern und wechseln den Standorten haben die Gewissheit gebracht, dass – wenn man einige Dinge beachtet – man auch nachhaltig erfolgreich Krähen bejagen kann.

123 Rabenkrähen und zwei Elstern waren das Ergebnis der revierübergreifenden Jagd. Eine Zahl die viele zuvor nicht für möglich hielten.
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