FANGJAGD BEI SCHNEE

1733

Mal Hilfe mal Hemmnis
Wenn die Flocken vom Himmel fallen, deckt sich auch der Tisch für den Raubwildjäger. Endlich bekommt er Gewissheit, wer oder was in seinem Revier Spuren und Fährten zieht, und kann zielgerichtet agieren. Doch wie weit profitiert auch die Fangjagd von der weißen Pracht? Wolfram Osgyan machte über Jahrzehnte einschlägige Erfahrungen.

Bis in den Morgen hinein hatte es kräftig geschneit und Feld und Flur weiß eingehüllt. Doch das Revier präsentierte sich wie so oft nach dem ersten Schnee bei Büchsenlicht
nahezu jungfräulich. Nur ein paar Rehfährten verloren sich am Waldrand, und  charakteristische, fast eingeebnete Vertiefungen verrieten, dass ein Hase zu früher Morgenstunde zu Holze gerückt war. Alles sprach dafür, dass der Passion das Nachsehen blieb, wäre da nicht die eine nagelfrische Spur gewesen, die dem Bachlauf folgte. Die Spur eines schwachen Fuchses. Sie ging ich bis zu einem Mäander mit steiler Böschung sowie starker Strömung auf der Prallhangseite und einer ausgedehnten Sandbank vor dem anderen Ufer aus. Dort musste den roten Freibeuter irgendetwas unter den ins Wasser
ragenden Zweigen der umgestürzten Erle so fasziniert haben, dass er davor geraume Zeit verweilte. Immerhin bestand die ganze Fläche eigentlich nurmehr aus einer Platte ineinandergreifender Brantenabdrücke. Der Grund für Reinekes Interesse blieb mir indes verborgen. Doch kurzerhand schritt ich zur Tat.

Die Kontrolle der Fangplätze bereitet umso mehr Freude, wenn man Beute gemacht hat. Dabei dürfte dies nicht der erste reife Winterbalg für den Fänger sein, wie die Kopfbedeckung verrät. FOTO: KARL-HEINZ VOLKMAR

Zwei Trittsteine sollten den Fuchs trockenen Fußes unter die Erlenzweige lotsen, drei weitere Steinplatten bildeten das Widerlager für den Schwanenhals, und ein anbrüchiger Karpfen war als Magnet für die feine Nase gedacht. Das Schlageisen versenkte ich so, dass es vollends vom Wasser überspült wurde, desgleichen achtete ich darauf, dass der Köder größtenteils herausragte. Störende Zweige wurden in Folge entfernt und der Fangplatz durch weitere so abgedeckt, dass ihn nur der Eingeweihte finden konnte und den allgegenwärtigen Bussarden der Zugang verwehrt blieb. Heute müsste man aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht den Fangplatz zusätzlich mit Maschendraht nach oben hin absichern und den Schwanenhals mit einer Selbstauslösung versehen, falls sich wirklich jemand an der Abdeckung zu schaffen macht. Darüber hinaus müsste durch eingeschlagene Pfosten sowie gespannte Drähte der direkte Zugang verhindert werden. Am nächsten Morgen steuerte ich hoffnungsvoll sogleich
diesen Ort an, entdeckte die weitere Fuchsspur und musste enttäuscht konstatieren, dass der Rote meine dargebotene Delikatesse mit Missachtung gestraft hatte. Dieses Spiel wiederholte sich drei Tage lang und dämpfte meinen Optimismus gewaltig. Am fünften Morgen hämmerte jedoch der Puls, denn zwischen den Bügeln hing, vom nassen Element unansehnlich geglättet, eine schwache Fähe.

Die Spur eines mäßig flüchtenden Fuchses. Ob er hier trotzdem regelmäßig schnürt? FOTO: SVEN-ERIK ARNDT

Im Hochwinter zuvor hatte ich an anderer Stelle auf einem zugewachsenen Waldweg Fuchs und Marder zugleich gespürt und im Vertrauen auf Küchenmeister „Schmalhans“ umgehend zwei mit Gescheideresten beköderte Fanggeräte beiderseits des vermeintlichen Passes in den Schnee versenkt. Nach 14 Tagen morgendlicher Enttäuschung gelangte ich jedoch zu der Erkenntnis, dass Schnee allein das angewölfte Misstrauen des Raubwildes nicht außer
Kraft setzt und warf das Handtuch.

Weil zu dieser Zeit mein ganzes Interesse der Baujagd und dem Fuchsansitz galt, hatte ich natürlich anderes im Kopf, als die Gelegenheiten zu nutzen, Raubwildpässe auszukundschaften und im Revier Ausschau nach potenziellen Fangplätzen zu halten. Beides gerät übrigens zur Fleißarbeit, denn die in der Flur allgegenwärtigen Spuren von Fuchs und Marder signalisieren noch lange keinen Pass. Diesen indiziert erst die Häufigkeit an bestimmten Stellen. Sie herauszufinden, bedarf wiederum oftmaligen Spürens.
Auch macht es einen großen Unterschied, ob Füchse ihre Nasen regelmäßig in einen Durchlass stecken, kurz durchschliefen oder ihn annehmen. Wenige Wochen Vorarbeit in Form von zielgerichtetem Augenmerk bei Schnee spart demnach dem engagierten Fangjäger viel Zeit, Mühe, Kosten und Nachsehen. Wer sich nämlich des weißen Leithundes bedient, lernt die Fuchs- und Dachspässe kennen, weiß, woher der Marder kommt und wohin er entschwindet und erfährt, ob sich in den heimischen Gefilden Mink, Waschbär und
Marderhund etabliert haben. Dieses Wissen aber ist für erfolgreiches Fangen unabdingbar,
denn von ihm hängt die Wahl des besten Fangplatzes, des geeigneten Fanggerätes
und gegebenenfalls auch des optimalen Köders ab. Dabei wäre es aber falsch, nur an die Totschlagfallen zu denken. Viel aufwändiger und kostenträchtiger sind nämlich Rohrfallensysteme. Und die gehören an die Stellen im Revier, die vom Raubwild bevorzugt revidiert werden. Das aber sind immer nur einige bestimmte. Wird dort die Betonrohrfalle fach- und sachgerecht installiert, „rappelt“ es im wahrsten Sinne des Wortes in der Kiste und zwar mehrmals in einer Saison. Somit arbeitet eine einzige Falle am richtigen Platz
effektiver als ein halbes Dutzend nach Gutdünken aufgestellter. Grundsätzlich gibt es natürlich in jedem Revier vom Raubwild favorisierte Rohrstränge, im Einzelfall aber keine
schlüssige Erklärung, warum beispielsweise der eine, ständig ein wenig Wasser führende die Predatoren magisch anzieht und der andere, trocken, zugfrei und ruhig gelegene nur als sporadische Bleibe dient. Wollten Fänger bis zum ersten Schnee warten, würden sie das bei unseren Wintern manchmal vergeblich tun. Daher starten sie dann in die Saison, wenn die Bälge weißledrig und reif sind. Das ist ab Mitte November der Fall. Gehen wir davon aus, dass der richtige Fangplatz gefunden, regelmäßig gekirrt und das Fanggerät sachgerecht gestellt wurde, lässt der Erfolg, mit und ohne den ersten Schnee, nicht lange
auf sich warten. Ist aber ein größerer Teil des Raubwildes gefangen, sinkt naturgemäß
in Folge die Quote. Nicht selten muss sich dann der Fangjäger mit einem Edelpelzträger pro Woche bescheiden. Sind die Fangeisen in Fangbunkern mit ausreichendem Dachüberstand sowie in trockener Fichtennadelspreu gebettet, bleiben sie prinzipiell selbst bei meterhohem Schnee funktionsfähig. Allerdings passiert es dann und wann, dass die Einschlüpfe zugeschneit beziehungsweise zugeweht sind und sich damit dem Raubwild nicht anbieten. Daran ändert auch der Umstand nichts, dass Füchse durchaus bereitwillig nach Fressbarem graben. Wenn bei einem Winterhoch hohe Schneelage und Dauerfrost zusammentreffen, werden nach meiner Erfahrung die beköderten Fangplätze im Freien nur selten angenommen, so dass der Ertrag des täglichen Kontrollierens eigentlich den Aufwand nicht lohnt. Woran das liegt, weiß wohl nur das Raubwild genau. Geben die Köder weniger Wittrung ab, finden die Beutegreifer attraktiveren Fraß oder jagen sie unter solchen Bedingungen erfolgreicher? Sich darüber den Kopf zu zerbrechen, macht wahrscheinlich wenig Sinn.

FOTOS: WOLFRAM OSGYAN (2), KLAUS SCHENDEL
Der im Holzpolter eingebaute Bunker ist ein perfekter Platz, um ein Fangeisen für den Steinmarder zu platzieren. Der als Hausmarder bekannte Räuber hält sich oft in der Nähe des Menschen auf. Dort ist er nur schwer zu spüren, weil er auf den geteerten und betonierten Flächen rund um Häuser und Scheunen kaum Abdrücke hinterlässt. Schnee wird hier zur besonderen Hilfe des Fangjägers

Bei winterlichen Verhältnissen halten wir zwar manchmal vergebens nach frischen Spuren Ausschau, hinterlassen aber mit Sicherheit welche und dürfen uns nicht wundern, wenn der „Trampelpfad“ zum Fangplatz hin und zurück bald Neugierige auf den Plan ruft Daher tut jeder Fänger gut daran, die Tarnkappe zu wahren, indem er den Fangplatz in gebührendem
Abstand passiert und einen geschlossenen Kreis ausläuft. Unter Dach dagegen, also im befriedeten Bezirk, bleibt dann und wann eine positive Überraschung nicht aus, wie folgendes Beispiel belegt. An einem meiner besten Fangplätze in einer Scheune hinter
Bretterstapeln hatte ich bereits vier Steinmarder erbeutet und eine längere „Durstphase“
hinter mir, als Mitte Dezember immer wieder Spuren im Schnee verrieten, dass sich ein Fuchs in der Nähe herumtrieb. Eines Morgens fehlten gar die Lockeier, und der Schnee ließ keinen Zweifel aufkommen, wer der Kostgänger war. Anderntags hatte ich ihn, besser gesagt sie: Eine sehr alte Fähe mit einem Gewicht von sage und schreibe acht Kilogramm.
Beim Streifen stellte sich heraus, dass sie jede Menge Fett unter dem Balg angelagert
hatte. Demnach befand sie sich im besten Ernährungszustand. Dieses auf den ersten
Blick gar nicht so riesig erscheinende Prachtexemplar toppte die zweitstärkste von mir gefangene Genossin um beachtliche 1,3 Kilogramm. In der Regel bewegen sich nämlich die Gewichte der bei uns (südliches Mittelfranken) erbeuteten Fähen zwischen 5 und 6,5 und die der Rüden zwischen 7 und 10 Kilogramm. Dass ausgerechnet der stärkste meiner
Iltisse sowie zwei kapitale Edelmarderrüden bei mittelhoher Schneelage in die Falle gingen, soll aber nicht über die vielen Flauten hinwegtäuschen, die ich gerade während langer Schneeperioden zu überstehen hatte. Doch wenn nach klirrender Kälte ein Wärmeeinbruch mit Wind und Regen folgt und den Schnee wegleckt, werden in der betreffenden Nacht die beköderten Fangplätze geradezu begierig vom Raubwild angelaufen. Wer jetzt seine Geräte
fängisch stehen hat, kriegt auch Balgträger. Und zwar sicher.

ANZEIGEAboangebot