Gänsesturm

1783

FROSTIGE FLINTENJAGD

Ein luxuriöses Schloss und ein Himmel voller Gänse versprechen ein Jagdwochenende der Extraklasse. Vier Freunde aus England durften dieses Erlebnis miteinander teilen.

Bernd Helbach

Foto: Angus Blackburn

„Das ist unfassbar! Wie bei Hitchcocks Die Vögel‘“, geht es Charlie durch den Kopf. In Wellen streichen nach und nach immer wieder Gänse auf das Lockbild ein. Er hebt die Flinte, zielt. Der Schuss bricht. Leider bleibt wieder keine der Grauen liegen. Mit einer fahrigen Bewegung wischt er sich trotz der Eiseskälte den Schweiß von der Stirn. „Du blamierst dich hier“, flüstert er leise zu sich selbst, „bei der nächsten muss es klappen!“ Flankiert wird er von seinen Jagdfreunden Richard, Angus und David. Sie haben schon ein paar Flattermänner vom Himmel gepflückt. Die nächsten Graugänse fallen ein. Nervös kaut er auf seiner Unterlippe. Er zielt, schießt und endlich trifft er. Der Knoten in der Brust löst sich langsam. Seit dem gestrigen Hinflug hatte sich dieser immer mehr zusammengezogen.

In einem Entwässerungsgraben haben die Jagdfreunde Stellung bezogen. Die Gänse streichen über ihre Köpfe ins Lockbild ein. Foto: Angus Blackburn

Die kleine Propellermaschine tanzte durch den Wind. Kräftige Böen gaben den Takt vor. Links, rechts, rauf, runter. Charlie starrte stur auf die Rückenlehne des Vordersitzes. Die Stirn in Falten gezogen und sein graues Gesicht zeigten: Ihm war nicht wohl. Aber das lag nicht an den Turbulenzen. Er musste seinen Begleitern etwas beichten. Er schloss die Augen, atmete tief durch. Doch als er den Mund öffnen wollte, setzte das Flugzeug auf dem Rollfeld von Kirkwall, Hauptstadt der schottischen Orkney-Inseln, auf. Noch bevor der Flieger stand, schnallten sich seine Jagdkameraden ab, erhoben sich aus ihren Sitzen und gingen zur Kabinentür. „Mist, Chance verpasst“, dachte sich Charlie und hämmerte mit der Faust auf die Armlehne. Missmutig löste er seinen Sicherheitsgurt und stieg aus.

Gastgeber Patrick Lloyd stand mit seinem Defender schon bereit. In dem geöffneten Kofferraum verstauten die Jäger eifrig ihr Gepäck. Als Charlie zu seinen Kameraden stieß, streckte Patrick ihm seine Hand breit lächelnd entgegen: „Schönes Wetter hier oben, he? Ich bin Patrick.“ Nach kurzer Fahrt stieg das Quintett im Hafen von Kirkwall in ein Boot um. Wieder saß Charlie still und in sich gekehrt auf seinem Sitz. „Erst die Turbulenzen beim Flug, jetzt auch noch die raue See. Uns bleibt heute wohl nichts erspart“, rief Richard ihm gegen den tosenden Wind zu. Charlie winkte ab. „Das ist nicht das Problem“, antwortete er.

Der Himmel voller Vögel erinnert an einen Filmklassiker von Alfred Hitchcock. Foto: Angus Blackburn

Von dieser Stimmung ist Charlie jetzt weit entfernt. Ein lauter Knall links neben ihm, und Richard hat die nächste Gans erbeutet. Auch Charlie streckt eine weitere. Mehr und mehr fasst er Selbstvertrauen. Sofort schickt Jagdführer Karl seinen Chesapeake Bay Retriever los, den gestreckten Wasservogel aus dem Lockbild zu holen. „Was für eine Jagd“, flüstert Richard, „so etwas kannst Du nur hier erleben. Gute Strecke und solch eine Atmosphäre. Nur dieser eisige Wind geht durch und durch.“

Die einsame Insel und das Schloss von Balfour hatten der Gruppe schon am Abend vorher bei ihrer Ankunft die Sprache verschlagen. In einem kleinen Boot erreichten sie den Hafen des schottischen Adelssitzes.

Jagdführer Karl schickt seinen Vierläufer los, um die erlegten Gänse aus dem Lockbild zu apportieren. Foto: Angus Blackburn
Immer wieder bringt der Chesapeake Bay Retriever erlegte Gänse … Foto: Angus Blackburn
… in den Schirm der Jäger. Nach und nach werden die Stücke mehr. Foto: Angus Blackburn

 „Da, Balfour Castle. Euer Zuhause für die nächsten Tage“, übertönte die Stimme von Patrick Motorenlärm und Wind. Mit einer Hand hielt er das Ruder, mit der anderen deutete er in Fahrtrichtung. Gegen den dämmrigen Himmel hoben sich hell erleuchtete, kleine Türme ab. Das gotische Schloss schien über das Dorf mit seinem kleinen Hafen zu wachen. „Willkommen auf Shapinsay“, warf Patrick freundlich in die Runde, „ein knapp 30 Quadratkilometer großes Eiland, das für seine großartigen Gänse- und Fasanenbesätze bekannt ist. Auf ihrem Weg Richtung Süden machen die Wildgänse aus Skandinavien hier kurz Rast. Eine vortreffliche Gelegenheit, ihnen nachzustellen.“

Balfour Castle selbst ist umgeben von einem fast 12 Hektar großen Wald. Der einzige auf den gesamten Orkney-Inseln. Handbemalte Tapeten, antikes Mobiliar und Jagdtrophäen im gesamten Schloss ließen die Ankömmlinge nur noch staunen. „Gleich gibt’s Abendessen“, schallte die Stimme von Patrick ihnen auf dem Weg in ihre Zimmer hinterher. Erst mal die nassen Klamotten runter und duschen, war der einzige Gedanke der Jäger.

Das exquisite Essen und die erlesenen Weine ließen eher auf ein Pariser Nobelrestaurant schließen, als auf den rauen Norden Schottlands. Vollkommen vertieft in das kulinarische Erlebnis saß die Gruppe stumm schmausend am Tisch. „Ich muss euch etwas erklären“, legte sich Charlie als Worte in Gedanken zurecht, als Karl Kowolik den Raum betrat. „Hallo zusammen, ich bin euer Jagdführer“, begrüßte er die Gruppe und unterbrach Charlie, noch bevor er sprechen konnte. „Wenn ihr fertig seid, möchte ich euch die Stände für morgen früh zeigen“, erläuterte der Jagdführer und setzte sich an den Tisch. Direkt wurde er mit Fragen der Jäger gelöchert: Wie sehen die Chancen für den Jagderfolg aus? Welche Schrotgröße empfiehlt er? Welche Flinten stehen zur Verfügung? Hat er auch genügend Tarnkleidung? Alle bis auf Charlie warfen ihre Fragen in die Runde. Geduldig stand Karl Rede und Antwort. Ausgerüstet mit jeweils 50 Patronen, Flinten und Tarnkleidung standen
die vier Jäger seit der Morgendämmerung hinter den Decoys. Die ersten Gänseschwärme hatten mit gelichteten Reihen abgedreht und hielten auf ein weiter entferntes Feld zu.

Die Jagdfreunde nach einem erfolgreichen Jagdtag vor der malerischen Kulisse von Balfour Castle Foto: Angus Blackburn

„Lasst uns frühstücken fahren“, schlägt Karl vor. Mit 20 erbeuteten Gänsen verlassen sie den kleinen Wassergraben, der ihnen Schutz vor dem kalten, böigen Wind und den Blicken der Grauen bot. Auf Balfour Castle werden sie mit einem erstklassigen Brunch empfangen. Ein kleiner Scotch zum Aufwärmen steht auch schon bereit.

Richard (l.) und Charlie (r.) verlassen am Morgen ihren Stand. Davor 20 Graugänse. Foto: Angus Blackburn

Jetzt, in geselliger Runde, findet Charlie endlich den Mut und die Ruhe, sich seinen drei Freunden anzuvertrauen. „Bis heute Morgen habe ich noch nie auf Gänse gejagt. Ich hatte echt Angst, mich wie ein Anfänger anzustellen.“ „Das glaube ich nicht. Du hast gejagt wie ein Profi“, beruhigt ihn David. „Mir wurde der Einstand aber auch echt einfach gemacht“, folgert Charlie. „Ich glaube, was wir heute Morgen erlebt haben, ist einmalig. Ich bin echt gespannt, was der Tag noch so bringen wird.“

Nach ihrem Frühstück machen die vier Freunde sich mit Karl wieder auf den Weg ins Jagdgebiet. Dreimal wechseln sie im Laufe des Tages noch ihren Anstand. Am Abend sitzen sie im Speisesaal des Castles zusammen und lassen den Tag Revue passieren. Jeder von ihnen hat mehr als 20 Stück Flugwild erlegt. Alle sind sich einig, dass dies nicht der letzte gemeinsame Trip war. Für Charlie steht fest: Das Erlebnis zu übertreffen, ist wohl nicht möglich. Der eisige Wind, der Ansturm der Graugänse und der innerliche Gefühlsorkan waren einmalig.

Am Vorabend der Jagd diskutieren die Jäger mit Karl (2. v. r.) über die passende Ausrüstung. Foto: Angus Blackburn
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