In die Röhre gucken

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In Obertiefenbach wird Reineke mit sämtlichen Methoden nachgestellt. Doch je intensiver die Raubwildjagd durchgeführt wird, desto weniger Füchse kommen bei der Jagd am Kunstbau zur Strecke. Peter Schmitt ging der Sache auf den Grund – mit krassen Ergebnissen.

Foto: Michael Stadtfeld

Der Erdhund liegt vor und gibt giftig Laut – endlich. Zuvor waren, wie so oft, alle Baue leer geblieben. Die Flinten sind bereits in Voranschlag, als sich das Geläut verschiebt. Es kommt Bewegung in die Sache. Ein Schatten wird zum Wischer, reflexartig schnellen die Flinten zur Schulter. Doch noch bevor sie ihr Ziel erreicht haben, sinken sie wieder zurück. Sicherungen klicken fast unmerklich. Mit raumgreifenden Fluchten sucht die Wildkatze das Weite. Felis silvestris gehört in Obertiefenbach zum Baujagd-Alltagsbild, Reineke hingegen immer weniger.
Das WuH-Testrevier liegt im Hintertaunus auf etwa 300 bis 450 m.ü. NN. Die 525 ha große bejagbare Fläche verteilt sich auf 186 ha Wald und 339 ha Offenland. Generell kommen die abwechslungsreichen Strukturen mit vielen dicht bewachsenen Gräben, Feldgehölzen, Weiden und Äckern dem Fuchs entgegen. Zahlreiche Naturbaue, kleine Steinbrüche, Brombeerhorste sowie infolge von Kalamitäten umgestürzte Bäume und Wurzelteller bieten Reineke etliche Unterschlupfmöglichkeiten. Hinzu kommen 12 Kunstbaue verschiedener Hersteller.

Ganze 1:35 Minuten hielt sich dieser Rotrock morgens gegen 8 Uhr im Bau auf.
Foto: Peter Schmitt
Es wäre die einzige reelle, wenn auch sehr theoretische Chance auf Jagderfolg von Oktober bis Februar an allen fünf Kunstbauen gewesen.
Foto: Peter Schmitt

5 davon wurden die Baujagdsaison von Oktober 2020 bis Februar 2021 mit ­Sende-Kameras und der WuH-Revierwelt 24 Stunden am Tag, 7 Tage die ­Woche überwacht, um Einblicke zu ­gewinnen, wie oft sie wann von Reineke und anderem Raubwild frequentiert werden. Zudem wollte ich herausfinden, wie lange sich Füchse im Kunstbau aufhalten und bei ­welchen klimatischen Bedingungen das hauptsächlich passiert. ­Lediglich im Fall von leeren Batterien fiel die jeweilige Kamera kurzzeitig aus. Eine Ausnahme bildete die Fotofalle im Pohlwald, einem großen Feldgehölz. Sie wurde am 17. Januar gestohlen. Von diesem Bau liegen also keine Daten für die zweite Januarhälfte sowie den Februar vor.

Die fünf Kunstbaue wurden so ausgewählt, dass sie ein möglichst breites Spektrum von Standorten abdeckten. So befindet sich einer in einer Terassenstufe auf einer offenen Wiese, einer in einem schmalen Heckenstreifen, der ins Offenland hineinragt, einer in einem großen Feldgehölz und zwei im zusammenhängenden Waldteil. Alle Baue sind viele Jahre etabliert sowie gepflegt.

Unabhängig von der Jahreszeit zeigten die Rotröcke im Temperaturbereich von 1 bis -6 °C die höchste Aktivität. Bei zweistelligen Minusgraden beschränkten sich die Sichtungen rein auf die zwei Baue im Waldteil des Reviers. Generell lässt sich im Testrevier beobachten, dass Füchse bei starken Minustemperaturen den Wald dem Offenland als Aufenthaltsort vorziehen.
Foto: Claudia Westermann; Foto: Stefan Gerth

Im Testrevier wurde und wird Reineke generell straff bejagt, seit einigen Jahren aber noch einmal deutlich intensiver. So streckten wir bspw. im Jagdjahr 2020/21 46 Freibeuter. Bedenkt man, dass das Gros des Waldteils – abgesehen von der revierübergreifenden Drückjagd – als Ruhezone gilt und dort lediglich ein Rotrock erlegt wurde (Drückjagd), fielen 45 auf unter 340 ha Offenlandfläche. Das ergibt mehr als 13 Freibeuter pro 100 ha. Erfreulicherweise stellt seit zwei Jahren ein direkt angrenzendes Revier dem Raubwild ebenso intensiv nach, was den Fuchsbesatz zumindest auf der gemeinsamen kleinen Fläche deutlich reduziert hat.

Umso überraschender war es, dass im Zeitraum von 5 ­Monaten 94 mal Füchse im direkten Umfeld der 5 Kunstbaue aufgenommen wurden. Hier muss allerdings differenziert werden, da 94 separate Sichtungen nicht gleichbedeutend mit 94 unterschiedlichen Individuen sind. Es fällt auf, dass in bestimmten Perioden einzelne Baue mehrere Tage in Folge vermehrt angelaufen wurden. Nach genauem Betrachten der Bilder liegt es nahe, dass es sich dabei jeweils um denselben Rotrock handelt. Ein Indiz für diese These bildet neben dem Abgleich bestimmter Körpermerkmale z. B. folgender Sachverhalt: Im Zeitraum vom 14. bis zum 28. Dezember kam es allein im Pohlwald zu 14 Fuchssichtungen am dortigen Kunstbau. In der Mondphase vom 28. auf den 29. Dezember wurde im angrenzenden Offenland ein Rotrock gestreckt, der sich aufgrund der schlechten Kugelfang-Situation lange der Nachstellung entzogen hatte. Danach kam es 12 Tage lang zu keiner Aufnahme mehr an besagtem Bau. Lediglich ein weiterer Freibeuter zeigte sich bis zum Diebstahl der Fotofalle am 17. Januar. Es liegt also auf der Hand, dass allein 14 Bestätigungen auf die Kappe dieses einen Rotrockes gingen. Wie viele einzelnen Füchse letztendlich für die 94 Aufnahmen verantwortlich sind, lässt sich nicht mit Sicherheit beziffern und wäre spekulativ.

Generell fällt das Interesse der Füchse an den Kunstbauen in der ersten Nachthälfte höher aus als in der zweiten. In den späten Morgenstunden steigt die Präsenz der Rotröcke aber noch einmal deutlich an. Anstehende Bodenjagden sollten also nicht zu früh angesetzt werden. Für den Ansitz in Baunähe lohnt es sich, ebenso wie Reineke schon bald nach der Dämmerung auf den Läufen zu sein. Auffällig: Das extreme Aktivitätshoch um die Nachtwende.
Foto: Claudia Westermann; Foto: Michael Stadtfeld

Aber auch wenn die Masse der Sichtungen nicht auf dieselbe Zahl unterschiedlicher Individuen zurückzuführen ist, hat das keinen Einfluss darauf, wie oft die Baue nun letztendlich auch angenommen wurden. Die Grundgesamtheit der theoretischen Möglichkeiten beträgt 94. Davon fuhren lediglich 4 auch tatsächlich ein. Das sind gerade 3,8 %!­ Aber nicht nur diese Zahl lässt aufhorchen, sondern auch die Verweildauer der Freibeuter im Kunstbau. Die betrug im Durchschnitt gerade einmal 1:45, die längste 2:23 Minuten! Dreimal wurden die Röhren in der Nacht angenommen, einmal früh morgens im November gegen 7.56 Uhr. Von Oktober bis Ende der Saison hätte an allen Bauen also genau einmal die rein theoretische Chance ­bestanden, auf einen Fuchs zu treffen – für 1:35 Minuten!

Elfmal kam es vor, dass sich die Rotröcke für eine vergleichsweise längere Zeit an den Einfahrten der Kunstbaue aufhielten und sie genauer untersuchten. Darunter waren zwei Ranzpaare am 6. und am 28. November. Ein drittes, das sich nur für die Dauer einer Aufnahme an einem Bau aufhielt, wurde am 8. Februar abgelichtet. Das zeigt, dass das Ranzgeschehen, oder zumindest das Werben um einen Partner, deutlich früher einsetzt, als oft in der Literatur angegeben.
Die durchschnittliche Verweildauer vor dem Bau betrug 1:45 Minuten und 2:41 Minuten im Maximum. In den restlichen 79 Fällen kam es nur zu einer oder zwei Aufnahmen kurz hintereinander, woraus hervorgeht, dass die Füchse das Bauumfeld lediglich für ­wenige Sekunden aufsuchten. Beim genauen Studieren der Aufnahmen ist deutlich zu erkennen, dass die Füchse die Einfahrt kurz bewinden, mit ihrem Urin markieren und weiterziehen. Am Bau „Oberhalb Heide“, der im Waldteil des Reviers liegt, markierte ein Rüde vom 14. bis 28. Dezember, also innerhalb 14 Tagen, 14-mal am Bau. Es ist äußerst wahrscheinlich, dass es sich um denselben handelt. Eine zwischenzeitlich zusätzlich angebrachte und auf ­Video eingestellte Wildkamera untermauert diese Beobachtungen.

Nur ein Bruchteil der Freibeuter fuhr in die Kunstbaue ein, aber fast jeder windete und markierte (Bild) an der Einfahrt.
Fotos: Peter Schmitt
Während das Wetter in Form von Wind, Niederschlag etc. wenig Einfluss darauf zu haben scheint, ob Reineke am Bau auftaucht, zeigt sich bei moderaten Minustemperaturen ein starker Anstieg der Fuchssichtungen.
Fotos: Peter Schmitt

Generell lässt sich festhalten, dass die Kunstbaue in unserem Fall weniger als Unterschlupf angenommen wurden, sondern eher als Informationen-Umschlagplatz dienten. Es zeigte sich sogar, dass – vorausgesetzt, die Lichtsituation vor Ort hätte für eine Schussabgabe gereicht – der Ansitz am Kunstbau im Spätherbst und Winter deutlich effizienter gewesen wäre als am Luderplatz. Der wurde in demselben Zeitraum ebenfalls mit Fotofalle überwacht.

Neben Füchsen als häufigsten Vertreter nahmen auch andere Wildarten die Kunstbaue an. Besonders hoch war die Zahl der Wildkatzen (65), wobei auch hier nicht klar ist, um wie viele Individuen es sich handelte. Sie nahmen die Baue regelmäßig auch für mehrere Stunden an. Dachse kamen ausschließlich am Bau im Offenland vor. Fast alle fuhren auch ein, besetzten den Unterschlupf aber nicht fest. Etwas überraschend sind die Nachweise, dass sowohl Stein- und Baummarder, Iltis, Hase sowie Eichhörnchen gelegentlich Kunstbaue annehmen. Ihr Verweildauer in den Röhren betrug aber immer nur einige Sekunden. Zudem wurde ein Waschbär direkt vor einer Röhre abgelichtet. Allerdings hat er sich für das Bauwerk nicht sichtlich interessiert.

Eine Wildkatze verlässt den Kunstbau, nachdem sie mehrere Stunden darin verbracht hat. Insgesamt kam es zu 65 verschiedenen Sichtungen.
Foto: Peter Schmitt

Betrachtet man nun diese Zahlen, könnte man schnell auf den Gedanken kommen, dass die Bodenjagd am Kunstbau nicht sonderlich effizient, ggf. sogar unnötig ist. Das ist mitnichten so! Die vom ehemaligen Revierpächter Dr. Karl-Heinz Betz lückenlos geführte ­Statistik widerlegt das eindeutig: So ­kamen von 2003/04 bis 2018/19 89 Rotröcke am Kunstbau zur Strecke. Das sind im Mittel 5,5 Füchse pro Saison. 2012/13 war die Bodenjagd mit 15 am Kunstbau gestreckten Füchsen zu 41 % an der Gesamtstrecke beteiligt! Jedoch kristallisiert sich eine Folgerung klar heraus, die von vielen passionierten Raubwildjägern für deren Reviere bestätigt wird: Erreicht die Fuchsjagd eine bestimmte Intensität, gehen die Streckenzahlen am Kunstbau rapide zurück. Parallel zu den Erfahrungen aus dem Testrevier bescheinigen die Raubwildprofis, dass der Rückgang bei den Kunstbau-Jagderfolgen nicht oder nur im geringeren Maße für die Fangjagd gilt.
Diese Beobachtungen werden auch durch die Testrevier-Statistiken gestützt: Seitdem wir und einer der direkten Nachbarn die Raubwildjagd in den vergangenen zwei bis drei Jahren noch einmal deutlich intensiviert haben, ging die Fuchsstrecke am Kunstbau in den vergangenen zwei Jagdjahren auf null zurück (gefangen jeweils elf). ­Allerdings müssen auch die Revierverhältnisse betrachtet werden. So berichtet ein emsiger Berufsjäger für sein Niederwildrevier von gleichbleibend sehr ordentlichen Streckenzahlen am Kunstbau. Seine Erklärung: Sein weitläufiges Offenland-Revier bietet sonst kaum natürlichen Unterschlupf. Die Rotröcke seien quasi auf seine Kunstbaue angewiesen. Die Revierverhältnisse scheinen also neben der Fuchsdichte ein entscheidender Parameter zu sein.

Auch Stein- und Baummarder sowie Iltis nahmen die Kunstbaue an, wenn auch nur als Stippvisite.
Foto: Peter Schmitt
Auf den ersten Blick täuscht die Grafik, denn Tage mit Regen und Schneefall fielen im Vergleich nur vereinzelt an. Auch gab es weniger Tage mit Schnee als ohne. In der Gesamtbetrachtung lassen sich weder Vorlieben noch Abneigungen Reinekes in Sachen Niederschlag, Wind und Wetter festhalten, wenn man von der Temperatur absieht.
Foto: Claudia Westermann

Auf jeden Fall beißt sich die Katze ­etwas in den Schwanz: Kunstbaue funktionieren bei entsprechend hoher Fuchsdichte und können ein Werkzeug sein, sie zu senken. Ist der Besatz aber einmal angepasst, scheinen die Bauwerke massiv an Effizienz zu verlieren. Für diejenigen, die ihr Raubwild weitestgehend im Griff haben, mutet es deutlich sinnvoller an, in eine ordentliche Betonrohrfalle zu investieren, als in einen Kunstbau. Apropos: Mit Kunstbaufallen ließen sich natürlich auch die Füchse verhaften, die nur für kurze Zeit in den Bau einfahren – theoretisch. Denn die Erfahrung zeigt, dass viele Modelle vom Raubwild oft sehr misstrauisch betrachtet werden.

In der kommenden Ausgabe:

Können sendefähige Wild­kameras die Bodenjagd am Kunstbau effizienter gestalten und inwiefern kann die WuH-Revierwelt dieses Unterfangen sowie generell die Wildkamera-Überwachung optimieren?

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