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Jagd in ihrem Kern bedroht

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Seit mehr als elf Jahren gibt es in den Niederlanden jene jagdpolitischen Verhältnisse, wie sie ökologisch bewegte Tier-, Natur- und Umweltschutzverbände auch für Deutschland herbeisehnen. WILD UND HUND-Korrespondent Christoph Boll sprach mit Albert de Boer, Senior Policy Officer der Königlich Niederländischen Jägervereinigung (KNJV), über Hintergründe, Erfahrungen und Lehren der Entwicklung.

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Albert de Boer: „Scheibchen für Scheibchen schneiden sie von der Jagd ab. (Foto: Christoph Boll)
WuH: Wie sieht die Jagd in den Niederlanden gegenwärtig aus und gibt es einen Kristallisationspunkt, an dem die Veränderung festgemacht werden kann?
Albert de Boer: Das entscheidende Datum war sicher der 1. April 2002, an dem das Flora- und Faunagesetz in Kraft getreten ist. Es hat dazu geführt, dass man von Jagd in der traditionellen Form, bei der der Jäger eigenverantwortlich handelt, heute in Holland nicht mehr sprechen kann. Das Wild ist unter jagdlichen Gesichtspunkten dreigeteilt: Als Wild im klassischen Sinne gelten nur noch Hase, Kaninchen, Stockente, Fasan, Ente und Rebhuhn, das jedoch ganzjährige Schonzeit genießt. Dann gibt es ein Wildtiermanagement, das die Schalenwilddichte der Lebensraumkapazität anpassen soll. Selbst wenn dies mit der Büchse geschieht, bedeutet das nicht zwangsläufig die Nutzung des Wildbrets als Lebensmittel. Der Grundeigentümer kann vielmehr den Tierkörper auch als Biomasse in der Natur belassen. Drittens gibt es die Schädlingsbekämpfung. Sie betrifft Arten, die landwirtschaftliche Schäden verursachen, Krankheiten verbreiten oder andere Arten in deren Bestand gefährden.
 
WuH: Das funktioniert?
Albert de Boer: Nicht wirklich. Denn das System basiert auf dem Misstrauen gegenüber Jägern und ist verbunden mit enormem bürokratischen Aufwand und starker Reglementierung, die zu massiven Fehlentwicklungen geführt haben. Die bekanntesten sind das massenhafte Verenden von Rotwild, Konikpferden und Heckrindern im staatlichen Naturschutzgebiet Oostvaarderplassen und die explodierenden Gänsebesätze, die dazu führten, dass mausernde und damit flugunfähige Vögel zusammengetrieben, eingefangen und dann vergast wurden.
 
WuH: Wie konnte es dazu kommen?
Albert de Boer: Wir Jäger haben den Fehler gemacht, uns auf das neue Gesetz einzulassen und die Mitwirkung an der Umsetzung nicht konsequent abzulehnen. Aber die gesellschaftspolitische Ursache ist, dass Holland ein einziges Ruhrgebiet, ein städtischer Großraum ist. In dieser urbanen Gesellschaft sind selbst die Menschen in den Dörfern weitgehend von der Natur entfremdet. Sie stellen die Existenzberechtigung der Jagd in Frage. Für die Parteien ist die Jagd deshalb eher ein Reizthema. Zumindest lassen sich mit jagdfreundlichen Aussagen keine Aussagen gewinnen. Und die Gegner der Jagd haben eine langfristige Strategie und verlieren ihr Ziel nicht aus den Augen. Scheibchen für Scheibchen schneiden sie von der Jagd ab. Das hat letztlich dazu geführt, dass hier in den Niederlanden für das kommende Jahr eine Gesetzesänderung geplant ist, die auch den verbliebenen kleinen Rest von Jagd beseitigt. Dann gibt es nur noch Wildtiermanagement und Schädlingsbekämpfung. Das ist das endgültige Aus für die nachhaltige Nutzung.
 
WuH: Wie lässt sich – auch mit Blick auf Deutschland – einer solchen Entwicklung begegnen?
Albert de Boer: Jäger müssen sich zwar von dem oft noch gepflegten idealisierenden Selbstbild verabschieden und akzeptieren, dass sie eine gesellschaftliche Aufgabe zu lösen haben. Das darf aber nicht in Selbstverleugnung und reinen Handlangerdiensten enden, denn wir haben auch unsere eigenen ethischen Vorstellungen, eben die Waidgerechtigkeit. Im Zweifelsfall müssen Jäger sich geschlossen verweigern, wie wir es in Holland bei der Gänsebekämpfung getan haben, damit „normale Menschen“ mit den Folgen jagdfeindlicher Politik konfrontiert werden. Verständnis fördert man außerdem, indem man die Sprache der Mitmenschen spricht, sie in die Reviere holt und lehrt, die Natur mit den Augen des Jägers zu sehen. Das erfordert enorme Disziplin, Geschlossenheit und Solidarität der Jäger untereinander. Jeder einzelne ist dabei gefordert.
Unser Korrespondent Christoph Boll hat sich umfassend mit den so genannten niederländischen Verhältnissen beschäftigt. Sein Feature lesen Sie in Heft 20 der WILD UND HUND.

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