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Jochen Borchert: Leise Töne für die Jäger

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Jochen Borchert war Landwirtschaftsminister in der Ära Kohl, hat lange die Geschicke des Deutschen Jagdverbands gelenkt und dabei einen eher ungewöhnlichen Stil kultiviert. Zu seinem ­ 80. Geburtstag Ende April hat Christoph Boll mit dem Jubilar gesprochen.

Foto: DJV/chb

Er ist gelassen, vielleicht sogar eine Spur entspannter als gewohnt. Kurz vor seinem 80. Geburtstag am 25. April ist der Kalender von Jochen Borchert gut gefüllt. Aber als Folge der Corona-Pandemie sind nahezu alle Termine des Ehrenpräsidenten des Deutschen Jagdverbandes (DJV) und Landesjagdverbandes Nordrhein-Westfalen (LJV NRW) abgesagt. Die Decke fällt ihm dennoch nicht auf den Kopf. Er denkt bereits an die bald beginnende Bockjagd, lese viel und könne sich gut beschäftigen, sagt er. Bedauern klingt mit, als er ergänzt, dass aber auf das Tottrinken der Böcke in nächster Zeit wohl verzichtet werden müsse, obwohl doch die Gemeinschaft in geselliger Runde zur Jagd dazugehöre.

Mit Borchert tritt 2003 ein ganz anderer Typ Interessenvertreter an die Spitze des DJV und ein Jahr später auch an die des LJV NRW als sein Vorgänger in beiden Ämtern, Constantin Freiherr Heereman. Der gelernte Landwirt, ­Agrar-Ingenieur und diplomierte Betriebswissenschaftler ist kein Volkstribun oder jovialer Kumpel, der einen markigen Spruch raushaut und damit die Lacher auf seiner Seite hat. Wird dem eher schmalen und feingliedrigen Mann ein grober Klotz vorgelegt, setzt er keinen groben Keil darauf. Beharrlichkeit und argumentative Stärke zeichnen ihn fast drei Jahrzehnte als Bundestagsabgeordneten und von 1993 bis 1998 als Landwirtschafts­minister im Kabinett von Kanzler Helmut Kohl aus. Mit diesen Tugenden führt er bis 2012 auf NRW- und Bundesebene auch die Jägerschaft in verbandspolitisch schwieriger Zeit sowohl nach innen wie nach außen.

Mit der Stiftung natur + mensch, deren Ehrenvorsitzender er heute ist, wird in der Zeit der umstrittenen Novellierung etlicher Landesjagdgesetze eine verbandsunabhängige Stimme für Wild und Jagd etabliert. Dass als Folge der Föderalismusreform das Bundesjagdgesetz zunehmend an Verbindlichkeit verliert und immer mehr Kompetenzen auf die Länderebene übergehen, hält Borchert nach wie vor für falsch. Immer mehr drohe ein Flickenteppich, verweist er etwa auf unterschiedlich Regelungen zum Einsatz von Nachtsichttechnik bei der Schwarzwildjagd. Seinen größten verbandspolitischen Erfolg erringt Borchert 2010 mit der Abschaffung der Jagdsteuer in NRW. Weniger öffentlichkseitswirksam, aber nicht minder erfolgreich, ist sein zähes Ringen gegen wiederholt geplante Verschärfungen des Waffenrechts zulasten von Jägern.

Borchert ist nach wie vor ein aufmerksamer Beobachter des jagpolitischen Geschehens. Der Austritt der Bayern aus dem DJV im Zuge der internen Reformdiskussion war für ihn falsch. Für die Nach-Vocke-Zeit wünscht er sich eine intensivere Zusammenarbeit des LJV mit dem DJV. Noch lieber sähe er eine Rückkehr in den Bundesverband. Dass mit der ­designierten Nicole Heitzig wahrscheinlich in NRW bald erstmals eine Frau einen LJV führt, hält Borchert für einen gesamtgesellschaftlich richtigen „emanzipatorischen Schritt“. Der Wolf ist für ihn ein wichtiges Thema, nehme aber zu viel Raum in der Diskussion ein.

Auch außerhalb des Waidwerks kann von Ruhestand bei Jochen Borchert, der inzwischen 50 Jahresjagdscheine gelöst hat, keine Rede sein. Er gehört Aufsichtsräten etlicher Unternehmen sowie dem Vorstand der NRW-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege an und ist Ehren-Alter Herr bei der Akademischen Jagdverbindung Hubertia Ruhr zu Bochum. Letzteres ist wohl auch Ausdruck seiner Bodenständigkeit. Denn seit 60 Jahren ist ­Bochum-Wattenscheid Borcherts Lebensmittelpunkt. Dorthin kommt der im sachsen-anhaltinischen Nahrstedt geborene junge Mann 1959 nach verschiedenen Flüchtlingsstationen. Gut ein Jahrzehnt später übernimmt er mit seiner Frau Ingrid den landwirtschaftlichen Pachtbetrieb von seinen Eltern, auf dem er noch heute wohnt.

Auch lange nach seiner aktiven Politikerzeit ist Jochen Borcherts Sachverstand gefragt. Mitte Februar erst hat er den Abschlussbericht einer nach ihm benannten Kommission an die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner überreicht. Vertreter unterschiedlichster Gesellschaftsgruppen sind darin ein Jahr lang der Frage nachgegangen, wie eine langfristig akzeptierte Tierhaltung bei Wahrung der wirtschaftlichen Grundlagen aussehen kann. In vielen Veranstaltungen wird Jochen Borchert die Ergebnisse vorstellen – aber erst nach der Corona-Pandemie.

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