KLIMAWANDEL UND WILD

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Weiße Hirsche
Klimawandel und Wild
Wie wirkt sich die Klimaerwärmung auf Rotwild aus? Seit Jahrzehnten beobachten das Forscher auf der schottischen Hebrideninsel Rum. Dr. Hubert Zeiler berichtet.

Klimaforscher sagen schon seit Jahren voraus, dass sich im Zuge der Erderwärmung extreme Wetterlagen häufen werden. Die letzten Monate haben uns ein Bild davon gegeben, was damit gemeint sein könnte. Aber nicht nur Klimaforscher, sondern auch
Wildbiologen, untersuchen Auswirkungen des Klimawandels. Dabei sind langjährige Datenreihen von besonderer Bedeutung. Die meisten Hinweise zu Verhaltensänderungen aufgrund des Klimwandels gibt es von Vögeln – Zugverhalten sowie Überwinterungsgebiete haben sich in den letzten Jahren bei manchen Arten zum Teil auffällig verändert. Eine Reihe von Vogelarten zählt heute nur noch zu den Teilziehern. Sie wechseln nicht mehr zwischen Sommer- und Wintergebieten, sondern weichen je nach Witterung aus, fliegen aber nicht mehr über weite Strecken in traditionelle Überwinterungsgebiete.

Geht es um Hirsche, dann fällt jedem Wildbiologen eine kleine Hebrideninsel im Atlantik ein. Auf der Insel Rum im Nordwesten von Schottland wird Rotwild seit Ende der 1960er-Jahre kontinuierlich erforscht. Nirgendwo sonst gibt es derart lange Aufzeichnungen über einen Rotwildbestand, und nirgendwo sonst könnte man besser die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wildart untersuchen. Vier Jahrzehnte mögen für Meteorologen nicht viel sein, für Wildforscher sind solche Datenreihen einmalig. Auf Rum zeigt sich über die letzten 30 Jahre ein deutlicher Zusammenhang zwischen ansteigenden Temperaturen und
dem Jahreslauf der Rotwildbiologie. Jeder weiß, das Rotwildjahr ist durch verschiedene
Abschnitte und Zeitpunkte gekennzeichnet. Dazu gehören Geweihabwurf, Kolbenwachstum,
Feistzeit, Setzzeit, Heranwachsen der Kälber, Brunft, Überwinterung. Die schottischen Ergebnisse belegen: Das Jahr der Hirsche hat sich verschoben. Der Trend zeigt, dass Geweihabwurf, ebenso wie Verfegen, Brunftbeginn oder Setzzeit heute um fünf bis zwölf Tage früher beginnen.

Vereinfacht ausgedrückt, hat sich auf der Insel Rum alles um eine gute Woche nach vorne verschoben. Erklärt wird dies von den schottischen Rotwildforschern mit der Vegetationsentwicklung. Die Hebrideninseln sind durch raues Wetter gekennzeichnet. Der Einfluss des Klimas wird dort nicht durch Fütterung abgefangen. Die schottischen Hirsche sind harten Umweltbedingungen ausgesetzt.
Entscheidend für die Verschiebungen im Rotwildjahr ist aber weniger die Länge
der Vegetationszeit, es sind vielmehr die „Wachstumsgradtage“. Dabei geht es um
jenen Zeitpunkt, zu dem Pflanzen blühen und reifen. Nun kann man einwerfen: Gut, dann verschiebt sich eben alles ein wenig. In der Au brunftet das Rotwild auch früher als am Berg. Auhirsche sind in der Regel aber auch schwerer als Berghirsche. Bleibt die Frage: Gibt es zu den Verschiebungen im Jahreslauf vielleicht auch Auswirkungen auf Geburtsgewicht oder Zuwachsrate? Kurze Antwort: Geburtsgewicht ebenso wie Überlebensrate der Kälber sind gleich geblieben. Ein zusätzlicher Effekt konnte allerdings festgestellt werden: Die durchschnittlichen Geweihgewichte der sonst eher kleinen schottischen Hirsche nahmen zu! Zurückgeführt wird dies auf das bessere Nahrungsangebot im Frühsommer. Pflanzenblüte und Samenreife fallen in die Kolbenzeit. Ein möglicher Grund dafür könnte aber auch sein, dass die Brunft früher endet, und die Hirsche somit vor dem Winter noch etwas mehr Zeit haben, um sich zu erholen. Sie würden demnach weniger geschwächt in den Winter gehen und hätten dann im Spätwinter, wenn das alte Geweih abgeworfen und das neue geschoben wird, nicht alle Reserven aufgebraucht.

Klimawandel und Wild

Über die Gründe für die Zunahme beim Geweihgewicht können wir nur spekulieren, etwas besser kennt man die Einflüsse auf das Kälbergewicht – zumindest gut die Hälfte davon lässt sich erklären. Von dieser bekannten Hälfte ist der wichtigste Faktor das Erbgut der Alttiere. Daneben spielt auch der Lebensraum des Muttertieres ebenso wie jener, den sie mit ihrer weiblichen Verwandtschaft geteilt hat, eine wichtige Rolle. Dazu kommen aber
immer noch Schwankungen von einem Jahr zum anderen. Das Geburtsjahr ist also ebenfalls von Bedeutung, wenn es um das Körpergewicht beim Nachwuchs geht. Beschäftigen wir uns in dem Zusammenhang aber noch einmal mit der Klimafrage.
Bei Arten, die in einer Umwelt mit ausgeprägten Jahreszeiten leben, sollte man annehmen, dass Brunft, Tragzeit und Setzzeit gut aufeinander abgestimmt sind. Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend. Was aber, wenn Wetterkapriolen den saisonal ausgeprägten Jahreslauf durcheinanderbringen? Wir gewinnen erst allmählich Einblicke, wer aber je die Lebenstafeln heimischer Wildarten genauer studiert hat, der weiß, dass Tragzeiten innerhalb bestimmter Grenzen schwanken können. Kann das Klima Einfluss auf die Länge der Tragzeit haben? Die schottischen Rotwildforscher meinen: „Ja“. Hohe Temperaturen im März gehen mit einer Verkürzung der Tragzeit einher. In trockenen Zahlen heißt das: 0,77 Tage weniger für jedes Grad, um das es im März wärmer ist. Wobei es keine Zusammenhänge mit dem Alter des Muttertieres oder dem Zuwachs in vergangenen Jahren gibt. Dazu kommt, dass die Tragzeit bei ein und demselben Stück von einem Jahr zum anderen schwanken kann – es gibt keine fixen Zeitspannen. Auch Tiere, die sehr spät beschlagen worden sind, hatten zum Teil eine verkürzte Tragzeit. Werden einzelne Stücke außerhalb der Zeit beschlagen, kann es im Einzelfall also vorkommen, dass die Tragzeit stark verkürzt wird. Ganz einfach deshalb, um das Kalb wenigstens in etwa noch zu einem günstigen Setzzeitpunkt zu bekommen.

Wild kann also durchaus flexibel reagieren und sich bis zu einem gewissen Grad anpassen – wobei es aber widerstandsfähige und sensiblere Arten gibt. Unser Rotwild würde ich dabei
zu den robusten Arten zählen. Hinter den wenigen hier vorgestellten Ergebnissen steckt ein
enormer Arbeitsaufwand. Besonders wenn es um Umwelt- oder Klimaveränderungen geht, tritt der Wert konsequenter Langzeitforschung zutage. Hier ist zwar nicht der Platz, um zu zeigen, wie schwierig solche Analysen sind. Man erahnt aber vielleicht, wie anspruchsvoll das sein kann, wenn wir noch einmal auf die Geweihmasse der Hirsche zurückkommen. Die vielen Einflüsse auf die Geweihentwicklung belegen gut, dass es keineswegs leicht
ist, einwandfreie Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Naturphänomenen herzustellen. Der einfache Hinweis auf zufällige Beobachtungen sagt da wenig. Wir wissen heute dank der Forschungen in Schottland, dass Vererbung, Alter, Ernährung und Äsungsangebot, aber auch die Wilddichte, das Geweihgewicht beeinflussen. Wer also klären will, ob auch die Erderwärmung Einfluss hat, muss zunächst einmal all diese Faktoren herausfiltern, um am Ende schließlich die Auswirkungen des Temperaturanstiegs
einwandfrei zu belegen.

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