Licht am Ende des Tunnels?

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Besonders isolierte Stadtpopulation erreichen hohe Individuenzahlen
Nach einem kontinuierlichen und dramatischen Rückgang der Kaninchenstrecken seit Anfang der 90er Jahre zeichnete sich in der zurückliegenden Jagdsaison erstmals ein leichter Aufschwung ab. Dennoch besteht kein Grund zur Entwarnung oder gar Euphorie – wenn überhaupt zu vorsichtigem Optimismus. Warum, zeigt der folgende Beitrag.

Andreas David

Es ist hinlänglich bekannt, dass sich von der Jagdstreckenentwicklung nicht vorbehaltlos Rückschlüsse auf die überregionale Populationsdynamik einer Wildart ziehen lassen – so zum Beispiel beim Feldhasen in den zurückliegenden zehn Jahren. Denn obwohl auch in vielen mehr oder minder schwächer besetzten Revieren jagdlich durchaus mehr möglich gewesen wäre, beließen es die Verantwortlichen vielfach beim „Küchenhasen“ – wenn überhaupt.

Schneereiche Winter – besonders der von 1978/79 – können ganze Populationen in Gefahr bringen

Beim Wildkaninchen jedoch spiegelt die Streckenentwicklung seit 1990 auch überregional recht zutreffend die Entwicklung der Besätze wider. Noch zu Beginn der 90er Jahre wurde die Kaninchenstrecke in Deutschland – im Jagdjahr 1990 zum Beispiel 860 376 Stück nur von jener des Rehwildes und der Tauben übertroffen. Aktuell dagegen wird sie nur von jener der Rebhühner und Waldschnepfen „unterboten“. In den vergangenen 13 Jagdjahren von 1991 bis 2003/04 sank die bundesweite Kaninchenstrecke um 83 Prozent. Was war passiert? Der beispiellose Niedergang der Besätze steht in direktem Zusammenhang mit den Seuchenzügen der RHD oder Chinaseuche. Im Jahre 1986 wurde die Viruskrankheit von China nach Europa (Italien) „importiert“. In Deutschland trat sie dann 1988 erstmals bei Celle

(Niedersachsen) und Potsdam auf. In der Folgezeit breitete sich die Seuche fast über das gesamte Bundesgebiet aus und sorgte für dramatische Einbrüche und örtliche Tilgungen der Kaninchenbesätze. Natürlich haben über die RHD hinaus auch weitere Faktoren – allen voran lokale Lebensraumveränderungen – zum Rückgang der Kaninchen mit beigetragen. Die Folgen der Chinaseuche lassen jedoch die Auswirkungen der anderen in Frage kommenden Möglichkeiten mehr als geringfügig erscheinen. Von in Niedersachsen im Zeitraum von 1995 bis 2000 untersuchten Wildkaninchen wurde bei 74,3 Prozent RHD diagnostiziert (v. KEYSERLINK/mündlich zit. in VAUK-HENTZELT & VAUK, 2001). Vermutungen zu pestizid- oder anderweitig bedingten Fertilitätsstörungen bewahrheiteten sich dagegen nicht (MANGOLD et al. 1999). Hier und dort im Lande werden aber mittlerweile Stimmen laut, dass sich die Kaninchenbesätze wieder auf dem Weg zurück zu den alten, ehedem hohen Besatzdichten befänden. Daraus schon jetzt einen generellen Trend ableiten zu wollen, wäre verfrüht. Denn einige Telefonate mit Freunden und Bekannten aus Karnickelrevieren zeigten, dass sich die Situation durchaus sehr unterschiedlich darstellt. Während einige Kaninchenbesätze tatsächlich bereits wieder annähernd die Dichten erreicht haben, die sie vor dem RHD-bedingten Zusammenbruch hatten, bewegen sich andere noch immer im absoluten Minimalbereich. Wieder andere sind mittlerweile leider gänzlich erloschen. Doch was bedeutet hinsichtlich der Jagdstrecke eigentlich „hoch“? Im wehmütigen Rückblick erscheint gerade vielen etwas jüngeren Niederwildjägern die Strecke aus dem erwähnten Jagdjahr 1990 mit 0,86 Millionen Stück schon als extrem hoch. Doch sei daran erinnert, dass nur auf dem Gebiet der „alten Bundesrepublik“ noch im Jahre 1976 – also vor dem Katastrophenwinter 78/79 – nicht weniger als 1,5 Millionen Lapuze zur Strecke kamen. Allein in Hamburg wies die damalige Strecke gut 26 000 Kaninchen aus. Eine Zahl, die im zurückliegenden Jagdjahr 2004/2005 selbst in ganz Schleswig-Holstein, nach Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen immerhin das „drittstärkste Kaninchenland“ Deutschlands, um fast 10 000 Stück unterschritten wurde.

Alles in den Schatten stellte in dieser Zeit aber Nordrhein-Westfalen. Dort erreichte die landesweite Strecke – gefördert durch günstige Witterungsbedingungen – ihren Scheitelpunkt im Jagdjahr 1976/77 mit rund 685 000 Kaninchen. Diese Zahl entspricht gut dem Vierfachen der im zurückliegenden Jagdjahr gemeldeten bundesweiten Strecke! Allein in Köln kamen damals 36 000 Kaninchen zur Strecke (EYLERT2004); mithin fast 50 Prozent der letztjährig erreichten Landesstrecke in NRW und knapp das Vierzehnfache(!) der Gesamtstrecke aller ostdeutschen Bundesländer zusammen. Überhaupt zeigen sich neben einem deutlichen West-Ost-Gefälle gewaltige Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Gut 65 Prozent der bundesweiten Kaninchen-strecke aus 2004/05 wurden allein in NRW und Niedersachsen erlegt – seit jeher die kaninchenstärksten Bundesländer.

Für den Habicht gehört das Kaninchen zum Beutespektrum. Das nutzen Falkner, um die Lapuze zu beizen
Dies vor dem Hintergrund der günstigeren Witterung (NRW) sowie der Landschaftsstruktur und historischer Gegebenheiten. Dem gegenüber stehen wie erwähnt die ostdeutschen Bundesländer. Insgesamt wurden nur knapp 1,6 Prozent der Gesamtstrecke im Osten Deutschlands erzielt. Betrachtet man die dortige Situation und klammert Sachsen-Anhalt aus, kann man der Einschätzung von Dr. Jürgen Eylert (2004) von der Bonner Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung guten Gewissens folgen, der die ostdeutschen Kaninchenvorkommen als nahezu erloschen bezeichnet. Aus Mecklenburg-Vorpommern wurden 2004/05 nur noch 56 Kaninchen gemeldet, aus Sachsen 47
Oft können in Parks oder auf Friedhöfen die starken Wildkaninchenbesätze nur mit dem Kleinkaliber und Subsonic-Munition bejagt werden

So sollte auch der neuerliche „bundesweite Streckenanstieg“ im zurückliegenden Jagdjahr um fast 20 000 Kaninchen nicht falsch interpretiert werden. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die Statistik nämlich wie so oft als Mogelpackung. Denn allein in NRW wurde die Strecke um 18 000 Kaninchen oder 32 Prozent des Vorjahreswertes erhöht. Ein nennenswerter Anstieg war darüber hinaus nur in Rheinland-Pfalz (plus 27%) und Hessen (plus 13 %) zu beobachten. In allen anderen Bundesländern stagnierten die Zahlen auf relativ niedrigem Niveau. In Schleswig-Holstein erfolgte gar ein weiterer Rückgang um fast 20 Prozent oder etwa 4 000 Kaninchen. Und auch im laufenden Jagdjahr ist eine Erholung der Besätze im Land zwischen den Küsten nicht abzusehen – im Gegenteil! Wildmeister Jürgen Eckardt vom Hegelehrrevier Ostküste-Grönwohld: „Die genauen Zahlen aus diesem Jahr liegen zwar noch nicht vor. Im Vorgriff ist jedoch schon jetzt festzustellen, dass eine Besserung der Situation leider noch immer nicht abzusehen ist. Es ist eher noch schlechter geworden. Auch auf den Inseln sind die Kaninchenbesätze mittlerweile eingebrochen.“ In Nordrhein-Westfalen beschränkt sich der aktuelle Aufschwung weitestgehend auf die Reviere in den Ballungsgebieten der Städte an Rhein und Ruhr. In Ostwestfalen dagegen ist es nach wie vor vergleichsweise „dünn“, erläutert Dr. Walburga Lutz von der Bonner Forschungsstelle für Jagdkunde und Wildschadenverhütung. Grundsätzlich aber zeigen die Streckendaten in NRW auf der Ebene der Kreise und kreisfreien Städte noch immer ein geschlossenes Verbreitungsgebiet – wenn auch mit extremen regionalen Dichteunterschieden (EYLERT 2004). Ähnlich ist die Situation in Niedersachsen. Dr. Egbert Strauß vom Institut für Wildtierforschung in Hannover: „Insgesamt hat sich die Lage nicht verbessert. Unsere Auswertungen zeigen zwar, dass das Kaninchen nach wie vor fast flächendeckend vorhanden ist, doch bewegen sich die allermeisten Besätze noch immer auf sehr niedrigem Niveau. Lokal zeigen einige Populationen zwar einen spürbaren Aufwärtstrend, ob diese Entwicklung aber von Dauer ist und wie die Kaninchen zukünftig mit der RHD zurecht kommen, bleibt abzuwarten. Von einer Entspannung der Situation kann jedenfalls nicht gesprochen werden.“ Insgesamt zeigen sich also auch in Niedersachsen große Unterschiede. Um die gebietsweise extrem abweichende Entwicklung nachvollziehen oder interpretieren zu können, fehlt es uns einerseits an Erfahrung mit der Chinaseuche, andererseits an zutreffenden Daten darüber, wann die Seuche in den betreffenden Besätzen auftrat, welchen Verlauf sie dort nahm und wo die RHD vorerst tatsächlich weitgehend überwunden scheint. Doch selbst dann besteht kein Grund zur Euphorie. Dies vor dem Hintergrund, dass bis heute niemand weiß, welche Dynamik die Seuchenzüge weiter nehmen werden und wie die Kaninchen darauf reagieren. Vor allem im Hinblick auf eine möglicherweise erworbene Resistenz beziehungsweise Immunität.

Die Kaninchen-Situation acht Jahre nach dem Jahrhundertwinter 1978/79: Von fast 1,6 Millionen Kaninchen aus der Saison 1977/78 ging nach dem Katastrophenwinter die Strecke um zwei Drittel auf rund 560 000 Stück zurück. Ab 1993/94 schmolzen die Populationen dann aufgrund von RHD und Myxomatose auf „Rote-Liste-Status“ zusammen
*ab 1993/94 mit neuen Bundesländern
Diesbezügliche Beobachtungen aus Spanien lassen hoffen. Auf der iberischen Halbinsel befinden sich die Kaninchenbesätze vor allem bei guten Habitatbedingungen weiterhin im Aufwind. Für eine solche Entwicklung ist es aber notwendig, dass das RHD-Virus weiterhin in den Besätzen vorhanden bleibt. Dann ist zu erwarten, dassim Laufe der nächsten Jahre – ähnlich wie bei der Myxomatose und anderen akuten Viruskrankheiten auch – die Sterblichkeit durch die Chinaseuche sinken wird. Verschwindet das Virus aber vorübergehend, ist später mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut mit schweren Einbrüchen zu rechnen. Alles in allem dürfen wir aber „vorsichtig optimistisch“ sein.