Mit Laiki im Schilfwald-Finden und Verbellen

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Rüdiger Bergien

Ihre Ringelrute wird belächelt, ihr dichtes Fell bewundert. Die Laika wird als perfekter Finder gelobt und als stummer Jäger geschmäht. Die angeblichen Vorzüge und Nachteile
ihrer Rasse – „Belka“, „Arsa“, „Hassan“ und „Irsa“ wissen nichts davon. Aber sie wissen, wie man Sauen jagt

laiki

Tupfer!“ Birgit Schmidt kramt auf dem Metalltisch herum, es scheppert, klirrt, endlich hat sie das Gefäß mit dem gewünschten Inhalt. Sie stellt ihrem Mann die Tupferschale auf den OP-Tisch. Angeekelt verzieht Rüdiger Schmidt das Gesicht. „Verdammt, verdammt, verdammt… Alles voller Dreck und Schlamm!“ Mit einer Sonde lüftet er die Haut am blutigen Hinterlauf seiner Laika-Hündin „Arsa“. „Oh, verdammt!“, stöhnt er beim Anblick
von Erde und Pflanzenteilen in der Hauttasche des verletzten Laufs. „Denken
Sie sich nichts dabei“, beruhigt mich seine assistierende Frau. „Das Fluchen motiviert
ihn.“ Ihr Mann knurrt nur etwas Unverständliches, taucht die Tupfer mit einer Pinzette in eine Flüssigkeit, beginnt die Wunde auszuspülen, fördert neues Material zutage. „Nicht zu glauben, wie hart die Hündin ist“, murmelt er. „Sie muss sich den Lauf gleich zu Beginn der Jagd am Stacheldraht aufgerissen haben. Und hat trotzdem durchgehalten.“ Mit der Sonde berührt er das offene Gewebe, öffnet ein gerade verschorftes Gefäß, ein dünner Blutstrahl
spritzt heraus. „Mist!“ sagt Schmidt. „Nadel und Faden!“

Zwölf Uhr mittags. Wir stehen auf einer Anhöhe und blicken wie von einem Feldherrenhügel ins Land. Wir: vier Jäger,vier Laiki und ich, als fotografierender Begleiter.
Das Land: Mecklenburg, etwa 20 Kilometer südlich von Güstrow. Wir blicken direkt auf einen See, können das verschlungene Gewässer jedoch nicht ganz einsehen, weil ein breiter Gürtel aus Schilf und Buschwerk es umgibt. In diesem bruchigen Gelände werden wir jagen. Die Laiki sollen beweisen, dass sie vor allem eins sind: Schwarzwildjäger.
Der Pächter dieses Revieres zieht noch einmal den Knochensplitter aus der Tasche.
Gemeinsam betrachten wir das rotgefärbte, scharf gezackte Pirschzeichen: Röhrenknochen,
kein Zweifel, vermutlich aus dem Vorderlauf. „Der Überläufer lag gleich, doch im Schuss höre ich eine andere Sau klagen: Du lieber Himmel, denk ich, da hat eine zweite einen Splitter abgekriegt.“ Er hadert mit sich und seinem Jagderlebnis der letzten Nacht.
Zu allem Überfluss führte die Wundfährte ins „Schweine-Paradies“: eben in jenes
Schilf- und Sumpfgebiet, das wir von unserer Anhöhe aus einsehen können. „Da drinnen
steht blankes Wasser“, sagt der Pächter.„Da hält kein Hund eine Fährte.“ Rüdiger Schmidt zieht an seiner Zigarette. Seine Laiki sollen das Problem lösen. Ich betrachte das Quartett: Interessiert äugen „Belka“, „Arsa“, „Hassan“ und „Irsa“ in Richtung Schilfwald, ihre Nasen zucken und arbeiten. Gewölft wurden sie in Schmidts Zwinger „Vom schwarzen Diamant“, aus dem in zwei Jahrzehnten 57 Laiki hervorgegangen sind. Nur die alte Belka ist ein Import, ihre Wurfkiste stand in Kirgisien. Angenehm, wie ruhig die Laiki trotz der
bevorstehenden Jagd sind: kein Zerren, kein Wimmern, nur gespannte Aufmerksamkeit.
Jetzt wirft ihr Führer den Zigarettenstummel zu Boden, tritt ihn aus, räuspert sich. „Freigabe?“ „Jede Sau, die vorkommt. Außer führenden Bachen“, entgegnet der Pächter – wir sind hier in einem ehemaligen Schweinepest-Kerngebiet. Rüdiger Schmidt nickt. „Dann stellt euch an.“

Laika-Mann Schmidt und ich bleiben zurück. Wir haben noch einige Minuten Zeit, Schmidt zündet sich eine neue Zigarette an. Für mich eine Gelegenheit, ihn mit Fragen zu löchern. „Wir machen ja nun einer Art Stöberjagd – dafür verwenden Sie stumme Hunde?“ Er nimmt einen Zug. „Zum Thema ,stumme Hunde’ sage ich nichts“, entgegnet er dann knapp. „Sie werden gleich erleben, wie ,stumm’ die Hunde sind.“ Er krault Belka den Nacken, besinnt
sich anders.

„Laiki sind nicht ,stumm’. Sie geben Laut, sowie sie an Wild sind. Aber nicht vorher, sie sind also nicht spurlaut. Doch mich stört das nicht. Bei spurlauten Hunden ist der Schritt zum Waidlaut oft nicht groß.“ Ich nicke, klingt soweit plausibel.
„Sind für Sie Laikas Schwarzwild-Spezialisten?“, will ich wissen. „Laiki!“, knurrt Schmidt. Er schüttelt den Kopf. „Schwarzwild-Spezialisten – nein.“ Er nimmt einen weiteren Zug. „Laiki sind Vollgebrauchshunde. Sie bringen für die meisten Jagdarten gute Anlagen mit, das liegt an dem riesigen Pool ihrer Rasse: Über 100 000 Laiki sind über das Gebiet der heutigen GUS verteilt und werden dort auf nahezu alles Wild und für alle Jagdarten eingesetzt – von der Bären- bis zur Auerwildjagd.“ Er tätschelt Belka den Kopf. „Ursprünglich war die Laika
aber der Pelztier- oder Eichhörnchenhund.“ Ich muss grinsen. „Eichhörnchenhund?“
„Ja!“, versichert Schmidt. „Laiki sind in der Lage, Pelztiere, die in den Baumwipfeln
flüchten, mit Auge und Gehör vom Boden aus zu folgen, bis der gejagte Eichkater
oder Zobel erschöpft ist. Sie benutzen zur Jagd alle Sinne – anders als die meisten anderen
Jagdhundrassen.“

Rasseportrait: Schwerpunkt Schwarzwildjagd

Haupteinsatzgebiet der Laiki ist bei uns die Drückjagd auf Schwarzwild; denn bei dieser Jagdart können sie ihre Stärken voll ausspielen: Das schnelle Finden von Wild mit Gehör, ihren Willen zum Stellen, mit langanhaltendem Laut, ihre überlegte WIldschärfe, ihre Robustheit und ihren Orientierungssinn. Einzelne Laiki sind nicht nur stand-, sondern
auch sichtlaut, was züchterisch mit Blick auf die weit verbreiteten Bewegungsjagden unterstützt wird. Laiki sind Einzeljäger, sie sollen selbstständig suchen und finden und nur stellende Hunde unterstützen, der Einsatz in der Meute ist also nicht zwingend. Gut geeignet sind die Hunde außerdem für die Jagd auf Raubwild; auch bei der Wasserarbeit
bringen sie gute Leistungen. Wegen ihrer Veranlagung zum Totverbellen ist auch die Arbeit auf der Schweißfährte ein Einsatzgebiet. Übrigens sind Laiki ausgesprochene Familienhunde. Der Laika Club prüft seine Hunde auf der Jugend- (JP) und der Gebrauchsprüfung (GP). Die Fächer dieser Prüfungen:
Jugendprüfung: Hasenspur , Wasserfreude, Schussfestigkeit, Gehorsam, Führigkeit, Kreistest (Wesensfestigkeit).
Gebrauchsprüfung: Schweiß (Übernachtfährte, 1/4 Liter Schweiß auf 600 Metern), Gehorsam(besteht aus Pirsch und Ablegen: der Hund begleitet seinen Führer frei, beim Ablegen fallen zwei Schüsse), Waldsuche (der Hund soll Wild finden, jagen und lautgebend stellen; dabei ist schnelles Finden von Wild wichtiger als eine systematische Suche), Schleppe (150 Meter Federwild-, 300 Meter Haarwildschleppe), Wasser (nach VPO Wasser des JGHV). Kontakt: Laika Club, Tel. 03 99 77/3 03 73

Ich betrachte die vier „Russen“. Auge, Gehör und Nase benutzt ihr also. „Ist das das Besondere an Laiki?“ Rüdiger Schmidt wirft den nächsten Zigarettenstummel weg. „Kann man sagen. Der Einsatz aller Sinne zum Finden und ihr Jagdverstand – das sind ihre großen Stärken. Auch zum Finden von Schwarzwild setzen sie nicht nur Nase, sondern eben auch das Gehör ein. Gerade in solchen Partien wie diesen hier“, er zeigt auf den Schilfwald, „sind sie dadurch anderen Rassen gegenüber im Vorteil. Hier riecht es überall nach Sau, ein Hund, der hier nur mit der Nase sucht, hat schlechte Karten. Der findet die
nicht. Die Laiki aber vernehmen während der Suche Bewegungen der Sauen.“ Schmidt tritt den Stummel mit der Stiefelspitze ins Gras. „Genug geredet.“ Mit einem schlürfenden Geräusch versinkt mein rechter Gummistiefel bis über den Rand im Schlamm, kalt läuft Wasser zum Fuß hinunter. Teufel! Den straff gespannten Stacheldrahtzaun hatte ich noch
gut gemeistert, aber mein erster Schritt in diesem Schilfwald ging voll daneben – direkt
in ein Schlammloch. Ich umfasse einen Stamm, ziehe das Bein hoch, der Stiefel bleibt stecken, Wasser fließt nach. „Wo bleiben Sie denn?“ höre ich den Laika-Mann etwa dreißig Schritt vor mir gedämpft rufen. Mit einem Ruck bekomme ich das Bein nebst Stiefel frei und stapfe durch den Sumpf platschend hinterher, wobei das kalte Wasser aus dem Stiefel
schwappt. Schmidt blickt an mir herunter. „Sind Sie wasserfest?“ „Und wie“, brumme ich. Er grinst. Langsam gehen wir vor, plötzlich legt der Laika-Mann den Finger auf die Lippen.
Gespannt lauschen wir in den Schilfwald. Knacken, Platschen, Knacken, „Hauh, hauh, hauh!“ „Eine hat was!“ presst Schmidt heraus. „Hin!“, fordere ich; „Nein, stehenbleiben!“ zischt Schmidt. „Wir gehen erst ran, wenn mehrere stellen!“ Es platscht, dann wieder: „Hauh, hauh!“ „Wenn mehrere stellen?“ „Klar!“ flüstert Schmidt. „Zwei Laiki machen nun mal mehr Lärm als eine. Da kommt man eher ran, ohne dass die Sau einen spitzkriegt.“
„Hauh!“ macht es noch einmal, inzwischen ist in unseren Schilfwald Bewegung gekommen, aus mehreren Richtungen platscht, knackt und bricht es, die Laiki schließen zu ihrem Meutegenossen auf – doch der Laut ist verstummt. Wir lauschen angestrengt, aber es bleibt still. Ärgerlich winkt Schmidt ab. „Das war nichts. Die haben das Gebiet schon durch und es ist nichts drin.“ „Und der Laut eben?“ Schmidt schüttelt den Kopf: „Ein Fuchs,
ein Marderhund – was weiß ich. Aber keine Sauen.“

Noch wollen wir nicht aufgeben.
Langsam waten wir durch das Schilf, das mit einem Kanalsystem von Sau-Wechseln durchzogen ist, braunen Schlammbahnen, auf denen wenigstens zwanzig Zentimeter
Wasser stehen. Auf diesen Wechseln staken wir durch dieses seltsame Jagdgebiet, mit
dem einen Arm nach Ästen greifend, mit dem anderen die Kamera beziehungsweise
die kurze Pump-Flinte in die Höhe haltend. „Brenneke sind wir hier noch von früher
gewohnt“, hatte mir Schmidt seine Bewaffnung erläutert, „und wenn man Wild
vor den Hunden beschießt, ist das Geschoss ideal: keine Splitter.“ Wir lauschen wieder. Das Platschen und Kraspeln hat sich genähert, alle paar Momente sehen wir eine Laika, die vier sind jetzt fast bei uns. Der Hundeführer schiebt den Schlapphut zurück, schultert die Flinte.
„Aus. Hier ist wirklich nichts drin.“ Ein schriller Pfiff, lautes Wasserplanschen und  spritzen aus mehreren Richtungen, Bewegung im Schilf, Knacken – seine Meute ist wieder beisammen. Aufgeregt erwartet uns am Rand des Dickichts der Pächter: Die Wartezeit hatte er genutzt, um den Rand unseres Schilfwaldes abzugehen. Und was entdeckte er?
Natürlich die Wundfährte, die aus unserem Dickicht heraus über freies Feld in eine andere
Partie des Schilfgürtels führt. Schmidt verzieht das Gesicht. „Da drüben ist es noch
dichter.“ Zu allem Überfluss setzt leichter Regen ein. Rüdiger Schmidt blickt mich prüfend an. „Sie können doch noch?“ Ich denke an ein heißes Bad. Und dann an die Sau, die mit zerschossenem Lauf in dem Schilf da drüben sitzt. „Natürlich kann ich noch!“ Schmidt nickt. „Dann los!“

Mit zwei weiteren Jägern marschieren wir auf einer Art Damm durch den Schilfwald, wir müssen die Partie durchqueren, um die Hunde gegen den Wind schnallen zu können; die beiden Schützen sollen sich auf der gegenüberliegenden Seite anstellen. Ein umgebrochener Baum versperrt den Damm, wir müssen ins Dickicht, um die Stelle zu umgehen. Gerade krieche ich auf Knien durch eine besonders dichte Partie, da erstarren meine Vordermänner in der Bewegung. Der erste Jäger backt an und „bauf!“ ist der Schuss heraus – in die freie Reetgrasfläche vor uns kommt Bewegung, die Halme wogen in verschiedene Richtungen, für Momente erahnt man hier und da braune borstige Rücken. „Vorbei!“ ruft der Schütze; „ich schnalle!“, entgegnet Schmidt: Mit einem Handgriff löst er die Koppel seiner Laiki und los geht die Jagd. Da – schon gibt eine Standlaut. „Wir müssen
noch warten“ flüstert Schmidt. Der giftige Laut hält an. „Einer geht auf die Freifläche,
der andere bleibt hier!“, verteilt Schmidt unsere Begleiter. „Hauh, hauh,hauh – hauh, hauh!“ Zwei Hundestimmen – Rüdiger Schmidt nickt mir zu: „Jetzt können wir ran!“
Wir nähern uns der Bail, vorsichtig, nur keinen Lärm machen, bedeutet mir der
Laika-Mann wiederholt, wir setzen über Wasserläufe, kriechen durch Gebüsch, tief und anhaltend ist der Laut, dazwischen, aus einer anderen Richtung: „Jiff, jiff, jiff“,
hoch, schrill und mit kurzen Pausen. „Das ist Hassan, der junge Rüde“, flüstert Schmidt. Stolz blickt er zu mir zurück: „Hören Sie? Sichtlaut!“ Doch jetzt entfernt sich der Laut der stellenden Hunde, dann: Stille. „Verflucht! Die Sau hat uns mitgekriegt!“ Wir halten an,
lauschen, warten. „Hauh, hauh, hauh!“ – weiter entfernt, aber konstant an einer Stelle.
„Los, hin!“ Er sieht mich an. „Bleiben Sie dicht hinter mir! Kann sein, dass ich plötzlich
schießen muss.“ Wieder kommen wir näher, der Laut hält an, jetzt scheinen es drei Hunde-Stimmen zu sein. „So muss es sein“, flüstert Schmidt, „das sind Laiki: finden, verbellen und wir können ran.“ „Aber so bekommt man doch immer nur eine Sau“, halte ich dagegen. „Von wegen“, keucht Schmidt, „Laiki lernen sehr schnell, bei Drückjagden Rotten zu sprengen. Das Stück, das sie anschließend stellen, ist meist die Bache. Die Bache schont man und in der Zwischenzeit kommen die versprengten Frischlinge
den Schützen vor die Läufe. Funktioniert hervorragend!“ Platsch – mit dem Fuß bin ich an einer Wurzel hängengeblieben und liege jetzt der Länge nach im Morast, nur die Kamera

konnte ich gerade noch retten und recke sie in die Höhe. Schmidt kommt zurück, zieht mich hoch. „Schönes Schlammbad hier, was?“ Er klopft mir auf die Schulter: „Wenn man das hier überlebt hat, kriegt einen nichts mehr klein. Aber jetzt weiter!“ „Hauh, hauh, hauh – hauh, hauh!“ Die Laiki stellen kurz vor uns, Schritt für Schritt pirschen wir weiter, ab und zu mahnt mich eine heftige Handbewegung meines Vordermanns, dicht hinter ihm zu bleiben, Meter um Meter geht es voran. „Hauh, hauh, hauuuh!“ – dreistimmig, laut und heftig, man

müsste sie doch sehen können – ja, da sind sie, Schmidt backt an: eine Sau, umringt
von drei Laiki, zwei hinten an den Keulen, eine verbellt frontal, die Sau bläst, ihre Federn
stehen hoch, sie will ihre Gegner einschüchtern. Doch die sind Profis, halten sie perfekt in Schach, setzen mal vor, kneifen mal in eine Keule und geben Laut – bellen sich fast die Stimmen aus dem Hals. Hassan, der Front-Verbeller bringt sich vor einem Ausfall des Schwarzkittels mit einem Sprung in Sicherheit, für einen Moment ist die Sau frei – „Bauf!“: die Wutz fällt zusammen, im Nu sind die drei auf ihr, packen, zergeln, knurren – und geben Laut, nicht mehr zornig, sondern triumphierend. Meine Frage von heute Mittag fällt mir ein.
Stumme Jäger – vergiss es, denke ich. Laiki scheinen nichts lieber zu tun, als Wild zu verbellen.

Geschichte: Sibirische Pelztierjäger
Um einen Irrtum gleich auszuräumen: Die Laika ist ursprünglich nicht der Jagdhund Russlands, sondern der Sibiriens, gezüchtet und geführt wurde sie jahrhundertelang durch
sibirische Jagdvölker. Erst um das Jahr 1900 herum, als der russische „run“ auf Sibirien einsetzte, kamen Laiki in den europäischen Teil des Russischen Reiches, wo sie sogar in den Jagdhundezwinger des Zaren Eingang fanden. Nach der Oktoberrevolution 1917 wurde der Export von Pelzen zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für den jungen Sowjetstaat. Und für die Pelztierjagd waren die „Verbeller“ (vom russ. „lajatch“ = „bellen“) ideal, so breiteten sie sich weiter aus. Durch sowjetische Besatzungstruppen gelangten Laiki nach dem Krieg nach Ostdeutschland, auch dort fanden sie rasch Freunde; 1961 fiel der erste Laika-Wurf auf deutschem Boden.
In der DDR wurden die Laiki durch die Zentrale Zuchtleitung in Halle betreut, heute
vertritt sie der Laika Club, der, 1990 gegründet, seit 1992 JGHV-Mitglied ist.

Rüdiger Schmidt setzt das Gewehr ab, der Fall ist erledigt. Vor uns liegt eine Bache, wahrscheinlich zweijährig. „Wenigstens führt sie nicht“, murmelt der Schütze. Doch ihre Läufe sind alle gesund. Wir verschnaufen, die Laiki sind schon wieder fort. „Wohin?“ frage ich schwer atmend und deute in die Richtung, in der die Laiki verschwunden sind. „Weiter suchen“ antwortet Schmidt ebenso knapp. „Hier steckt alles voller Sauen“, sagt er mit umfassender Geste. Schmidt seufzt. „Jetzt müssen wir zusehen, wie wir das Stück aus
diesem Morast“ – herauskriegen, wollte er sagen, doch ein scharfes mehrstimmiges
„Hauh, hauh, hauh, hauh“ ganz aus der Nähe fährt ihm dazwischen. Wir starren
uns an. „Los!“ raunt Schmidt.

Gekonnter Fangschuss: Das Dickicht versperrt die Sicht, die Hunde springen durch das Schussfeld, die Sau sitzt im Schilfverhau. Da zählt nur eins: im richtigen Moment abdrücken

Wir erreichen eine Reetgrasfläche, in der die Hunde stellen. Aufgeregt winkt
uns ein Schütze zu, deutet auf eine Stelle etwa zwanzig Meter vor uns: Ja, da schimmert
es weiß und da noch einmal. „Jetzt wissen Sie, warum ich weiße Laiki schwarzen
vorziehe“, flüstert Schmidt und pirscht sich vorsichtig heran. Da – die Hunde umtanzen
eine Stelle, offenbar die Sau, doch diesmal ist es anders: ihr Laut ist schärfer, sie fassen in die Keulen, halten fest. „Ein Frischling!“, haucht Schmidt, „den binden sie!“ Schnell springt er auf einen Stucken, backt an, zielt, die Sau fährt nach vorne, Arsa und Hassan bleiben zurück – „Bauf!“ – „iiiieeeck!“, klagt der Frischling, die Hunde sind über ihm, ihr Führer setzt heran, zieht den Nicker, sticht zu – und schon ist es vorbei. „Die Kranke!“ ruft Schmidt strahlend und hebt den zerschossenen Vorderlauf an. „Waidmannsheil!“ rufe ich. Auf den letzten Drücker. Es dämmert bereits. Drei Stunden später. Die vier Sauen – außer unseren beiden wurden noch zwei gesprengte durch die angestellten Schützen erlegt – sind geborgen und versorgt. Dann der Schreck: Arsa ist verletzt! Unterhalb des Fersenbeins ist das Fell bis zur Pfote fast komplett abgelöst. „Dieser elende Stacheldraht“ hatte Schmidt ausgerufen. Nur beim Durchqueren des Zauns ganz zu Beginn der Jagd hatte Arsa sich diese Verletzung zuziehen können. Und nun liegt sie auf dem OP-Tisch; mit geschickten Handgriffen hat Tierarzt Rüdiger Schmidt die Wunde in einen Zustand gebracht, den er für vertretbar hält. „Kann sein, dass sich die Haut komplett ablöst“ meint er. Das erscheint mir unzumutbar. „Was wird dann?“ „Offene Wundbehandlung“, sagt Schmidt, „das schließt sich
schon wieder. Aber für diese Saison wird sie ausfallen.“ Nachdenklich blickt er auf seinen
Hund, dessen Atmung wieder intensiver wird, bald muss Arsa aus der Narkose erwachen.
„Wissen Sie, was ich an Laiki liebe?“ Ich schüttele den Kopf. „Mit dem Hund als ein Team jagen, das ist für mich das Größte. Und dafür sind Laiki wie gemacht.“ Arsa blinzelt, ihre Läufe zucken. Er streichelt seinen Hund, nimmt ihn auf die Arme und trägt ihn nach nebenan, das Wartezimmer seiner Praxis. Vor einem Heizkörper liegt eine Hundedecke.
Arsas Krankenlager.

Rassen: Laiki ist nicht gleich Laiki
1949 wurden in der UdSSR Rassestandards festgelegt, die 1980 von der FCI bestätigt wurden. Man unterscheidet seitdem zwischen vierRassen (in Klammern deren Farben): Der Karelo-Finnischen (rot), der Russisch-Europäischen (schwarz-weiß), der West-Sibirischen (rot-weiß u. grau), der Ost-Sibirischen Laika (alle Farben). Das Stockmaß der Rassen reicht von 40 (bei der Karelo-Finnischen) bis zu 60 Zentimeter (Ost- Sibirische Laika); alle Laiki haben spitze Fänge, gebogene bis Ringelrute, stehende dreieckige Ohren und dunkle Augen. In Deutschland züchtet man die Russisch-Europäische und die West-Sibirische Laika.