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Oberforstmeister Walter Frevert gestorben

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Durch einen Jagdunfall ist in den Abendstunden des 30. Juli 1962 Oberforstmeister Walter Frevert ums Leben gekommen. Er hatte um 19 Uhr vom Hochsitz aus ein Stück Wild beschossen, war nach einiger Zeit abgestiegen, hatte unter dem Hochsitz die bei der folgenden Nachsuche hinderlichen Jagdgeräte, Zielfernrohr und Jagdglas abgelegt und dann mit seiner hannoverschen Schweißhündin Blanka die Nachsuche aufgenommen.

Um den Verstorbenen trauern seine Frau Heinke, eine Tochter des bekannten Gynäkologen Stöckel in Berlin, zwei Töchter und vier Söhne, von denen die jüngsten noch unversorgt sind. Mit Frevert hat die deutsche Jägerei einen ihrer hervorragendsten Jäger, sowohl hinsichtlich der meisterhaften eigenen Jagdausübung und Jagdleitung als auch der jagdkundlichen Fundierung seines Könnens, verloren.
Auch außerhalb der deutschen Lande war er wohlbekannt. Das Vermögen, dieses sein Können, auch anderen in Wort und Schrift zu vermitteln, war seine besondere Gabe. Doch man würde seinem Wirken nicht gerecht, würde man nicht hervorheben, daß Frevert bei aller jagdlichen Passion und Vollkommenheit auch Forstmann aus Neigung war, und daß ihn diese Tätigkeit voll befriedigte.
Walter Frevert ist am 13. Oktober 1897 als Sohn eines Zahnarztes in Hamm in Westfalen geboren. Er besuchte das Gymnasium in Paderborn und Lemgo, trat 1915 als Freiwilliger bei der Artillerie ein und kehrte 1919 als Oberleutnant aus dem Kriege zurück. Im Sommersemester 1919 begann er in Hann. Münden das Studium der Forstwissenschaft, besuchte dazwischen die Universität München und legte 1922 das Forstreferendarexamen ab.
In die Studienzeit fällt seine Teilnahme an den Kämpfen zur Wiederherstellung der Ruhe in Oberschlesien. Nach der Assessorprüfung 1924 wurde er Revierassistent im Forstamt Wolfgang bei Hanau, im Frühjahr 1928 Leiter des Forstamtes Battenberg. Im Herbst 1937 wurde er auf das Forstamt Nassawen berufen. 1938 wurde ihm, unter Ernennung zum Oberforstmeister, das Oberforstamt Rominter Heide übertragen. Er mußte es, wenige Tage bevor die russischen Truppen dort einzogen, im Herbst 1944 verlassen.
Zu Beginn des 2. Weltkrieges nahm er an den Kämpfen in Polen teil und verwaltete einige Jahre das Urwaldgebiet Bialowieca. Nach dem Kriege fand er im März 1947 wieder im Forstberuf Verwendung als Leiter des Forstamtes Forbach 1 in Baden; zu Beginn des Jahres 1953 wurde ihm das Forstamt Kaltenbronn, das Repräsentationsjagdrevier des Landes Baden-Württemberg, übertragen, das er bis zu seinem Tod leitete.
Schon frühzeitig, durch seinen Onkel, Forstmeister Frevert, und studentische Freunde, ist Frevert in die Kreise um den Hannoverschen Schweißhund gekommen. Er ist ihnen und diesem Hunde treu geblieben, ja, er hat seine Züchtung und Abrichtung maßgebend gefördert. Er war einer der wenigen, die selbst die Kunst des Lancierens verstanden. Sein Buch „Die gerechte Führung des Hannoverschen Schweißhundes“ (2. Aufl. 1952, Verlag Paul Parey, Hamburg und Berlin) ist unentbehrlich geworden für alle, die sich für diese Hunderasse interessieren. Auf vielen Zucht- und Gebrauchsprüfungen ist Frevert als Richter tätig gewesen. Im Jahre 1955 wurde er Vorsitzender des Internationalen Schweißhundverbandes.
Man kann wohl sagen, fast den meisten deutschsprechenden Jägern ist Frevert durch sein Buch „Das jagdliche Brauchtum“ (6. Aufl. 1952, Verlag wie vor) wenigstens dem Namen nach bekannt geworden. Hier sind die Bräuche beim Waidwerk in deutschen Landen zusammengetragen und die Jäger aufgerufen, gute Sitten und Bräuche zu bewahren. Frevert hat mit diesem Büchlein nicht nur etwas jagdlich Wertvolles geschrieben, sondern er hat eine kulturelle Leistung vollbracht. Wie kümmerlich diejenigen, die das nicht ermessen konnten und einmal daraus am liebsten eine uni• forme Dienstvorschrift gemacht hätten!
In gleicher Weise hat Frevert mit dem „Wörterbuch der Jägerei“ (1954, Verlag wie vor), das über 3000 Ausdrücke der jagdlichen Zunftsprüche enthält, einen Beitrag zur Erhaltung kostbaren Kulturgutes geliefert. Dieser ist bei der immer mehr fortschreitenden Verarmung unserer Sprache von besonderer Bedeutung. Außerdem seien noch „Die Deutschen Jagdsignale und Brackensignale“ (1954, Verlag wie vor) und „Alte und neue Jägerlieder“ (1939, Verlag Augustin. Hann. Münden} erwähnt.
Nach dem 2. Weltkrieg hat Frevert das Buch von Raesfeld „Das Deutsche Waidwerk“ in mehreren Auflagen, stets verbessert und erweitert (Verlag wie vor), herausgegeben. Als zusammenfassendes Lehr- und Handbuch der Jagd ist es vielen jungen und alten Jägern ein Begleiter geworden. Mag Frevert schon in Battenberg unter schwierigen Umständen (die hessischen Teile kannten damals keine Schonzeiten für Rotwild) sich um die Hege des Rotwildes bemüht haben und mit der Einbürgerung von Muffelwild hier vorangegangen sein, und mag nach diesem Kriege seine jagdliche Arbeit in Kaltenbronn einen nochmaligen bemerkenswerten Aufstieg gefunden haben, sein Höhepunkt liegt in der Rominter Heide, zumindest soweit es sich um die Leitung und um die Erfolge eines großen Jagdbetriebes handelt.
Es ist in der Tat erstaunlich. Frevert berichtet darüber ausführlich in dem Buch „Rominten“ (1957, Bayer. Landwirtschaftsverlag, München}. Er untersucht darin das wechselvolle Schicksal des Rominter Rotwildbestandes in den vergangenen Jahrhunderten. Die systematische Hege seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ließ den zu starker Geweihbildung befähigten Stamm sich sprunghaft aufwärts entwickeln. Die strenge Bestandesbegrenzung auf 1000 Stück Frühjahrsbestand bei 25 000 ha Revierfläche, der sorgfältige Hegeabschuß und die zielbewußte Verbesserung der Lebensbedingungen unter Frevert brachte dann nicht nur erstaunliche Spitzenleistungen (der Hirsch „Matador“ hat 228 Nadlerpunkte), sondern auch einen in die Breite gehenden Hegeerfolg (zwischen 1940 und 1943 wurden 39 kapitale und hochkapitale Hirsche erlegt, deren Geweih über 7 kg wog).
Das Buch enthält außerdem viel Wissenswertes über Rotwildhege überhaupt, auch Ausführungen über Schwarzwild, Luchs und Wolf, anregend durchsetzt mit der Schilderung persönlicher Erlebnisse. Mit seinem Werk „Rominten“ hat Frevert diesem Gebiet des deutschen Ostens und seinem weltbekannten Rotwildbestand ein Erinnerungswerk bester Art gewidmet. Es erhielt den Buchpreis des Deutschen Jagdschutz-Verbandes.
Schließlich sei noch ran den Beitrag „Jagdliches Brauchtum“ im „Handbuch der Deutschen Jagd“ (1940, Verlag Parey) sowie das Heftchen „Die Fütterung des Rotwildes“ (1956, Verlag Parey) erinnert. Doch nicht genug mit diesen jagdkundlichen, belehrenden Büchern. Frevert hatte auch die Gabe des Erzählers, des Schriftstellers. Da steht an erster Stelle „Und könnt‘ es Herbst im ganzen Jahre bleiben“ (1957, Verlag Parey). Inhaltsvoll und amüsant geschrieben, enthält es Erinnerungen und Erlebnisse jagdlicher und anderer Art der letzten 50 Jahre, eine jägerische Biographie des Verfassers. Ihm schließt sich an „Das Jägerleben ist voll Lust und alle Tage neu“ (1960, Verlag wie vor). Es erzählt von froher Jagd in Ostpreußen, Ostafrika, im Burgenland und im Schwarzwald, sprudelnd von Frische und Lebensfreude.
Ein besonderes Wort verdient Freverts Sinn für Öffentlichkeitsarbeit. Er hat damit zu seinem Teil viel beigetragen, um Verständnis für die freilebenden Tiere, das Wild, überhaupt die Natur, ihre Schutzbedürftigkeit, den Wald und seine Wohlfahrt, zu wecken. In Zahllosen Vorträgen, im Rundfunk und im Fernsehen widmete er sich diesem Thema.
Daß viele Freverts Rat einholten, liegt nahe. Hier sei nur auf seine langjährige Zugehörigkeit zum Schalenwildausschuß des Deutschen Jagdschutz-Verbandes hingewiesen, wo er einer von denen war, die aus eigenster Erfahrung stets vor jeglicher Überhege warnten.
So liegen Freverts jagdliches Werk und jagdliche Leistung breit vor uns. Sein Wirken wäre aber unvollständig betrachtet wenn ich nicht auch des Forstmannes gedenken würde. Er sagt selbst einmal, daß ihn an diesen Beruf besonders geknüpft habe die Aufgabe, nicht für sich, sondern für die späteren Generationen zu sorgen und zu arbeiten. Er war viel zu sehr Forstmann, um einseitig Jäger zu sein. Dies hat an seinem Grabe auch Landesforstpräsident Rupf aus Stuttgart betont, der sagte, Frevert habe im Forstamt Kaltenbronn (ebenso wie ich es aus eigener Anschauung aus Rominten weiß) den Ausgleich von Wald und Wild nie außer acht gelassen.
Das Leben und die Zeiten haben es Frevert nicht immer leicht gemacht, mit ihnen fertig zu werden. Seine erstaunliche Vitalität half ihm manch Bitteres überwinden und hat ihn andererseits ein Werk verrichten lassen, das eigentlich mehr als die Kraft eines einzelnen erforderte. Wer Frevert nur kurz und nach seiner Erscheinung kennenlernte, mag ihm erst mit Zurückhaltung begegnet sein. Er war einer von denen, die ihre Gaben und ihre Sicherheit verlocken, sie im Kreise der Mitmenschen zu zeigen.
Wie ganz anders war es, wenn man mit Frevert allein etwa im Walde ging: ein aufgeschlossener, dem Partner zugetaner, herzvoller und nachsichtiger Mann. Das erkannten auch die, die er selbst auf der Jagd führte. Daran dachte gewiß Bundestagspräsident Gerstenmaier, als er am Grabe sprach.
Walter Frevert hat den deutschen Jägern ein großes Erbe hinterlassen. Sie werden sich anstrengen müssen, es gut zu verwalten.
F. Nüßlein

 

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