Unholde im Weinberg

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ANSITZ AUF DACHSE

Für ein paar Jäger in Rheinhessen steht im August die Dachsjagd an erster Stelle. Sie haben ihre speziellen Methoden. Und einen ganz speziellen Grund …

Thore Wolf

Foto: Shutterstock

Langsam schiebt sich ein Schatten zwischen den Blättern hervor. Hin und her bewegt sich der schwarz-weiß-gezügelte Kopf des Räubers. Er ist noch zu nahe an der Röhre. Das Absehen der Büchse verfolgt den großen Marderartigen. Just als der Zeigefinger des Jägers an den Abzug wandert, ist Schmalzmann wie per Knopfdruck wieder von der Bildfläche verschwunden. Die Situation wird sich an diesem Abend noch mehrere Male wiederholen.

Der Naturbau ist typisch für das Revier Flonheim. Inmitten von Weinbergen gelegen, erstreckt sich der gesamte Bau über einen etwa 50 Meter breiten und etwa 200 Meter langen Geländerücken. Wie viele Einfahrten die Burg besitzt, hat noch niemand gezählt. Aber 30 dürften es mindestens sein. „Wollte man diesen Bau mit Erdhunden bejagen, bräuchte man mindestens zwei Dutzend Schützen, und der Hund könnte sich tagelang unter der Erde aufhalten“, scherzt Revierpächter Gerd Rothenbach. „Das ist utopisch“, fügt er hinzu. Naturbaue von dieser Größe gibt es in dem gut 1400 Hektar großen Niederwildrevier gleich zehnmal.

Die größte und vermutlich älteste Dachsburg des Reviers befindet sich in einem alten, aufgelassenen Steinbruch. Die Einfahrten haben solche Dimensionen, dass ein großrahmiger Jagdterrier locker aufrecht einschliefen kann. „Aber hier bejagen wir den Dachs so gut wie gar nicht“, erklärt der Revierpächter. „Da gibt es ganz andere Problem-Ecken, an die wir ran müssen.“

In den vergangenen Jahren haben in Flonheim die Dachse zu recht ungewöhnlichen Wildschäden geführt. Und das nicht nur am Mais, an Weintrauben oder Obst, sondern vor allem zwischen den Weinbergsreihen und auf Äckern. Was sich auf den ersten Blick eher harmlos anhört, kann sogar mit einem Achsbruch an einem Traktor enden. Vor allem für die großen Traubenvollernter stellen die Röhren eine große Gefahr dar. Im Nu sind die schweren Lesemaschinen eingebrochen und knicken eventuell die Weinbergsreihen ab. Wie argwöhnisch die Winzer dieses „Tiefbauprogramm“ betrachten, kann man sich ausmalen.

Unbeliebter „Untermieter“: Direkt unter den Weinstöcken fährt Grimbart aus dem Bau. Foto: Michael Breuer

Um zu verhindern, dass die Landwirte zur Selbsthilfe übergehen und die Röhren mit Erde verschließen, bejagen die Flonheimer Jäger verstärkt solche Baue. Deshalb steht bei Gerd Rothenbach der 1. August ganz im Zeichen der Dachsjagd. Wenn in anderen Niederwildrevieren Rehböcke gejagt werden, hat der passionierte Raubwildjäger bereits alle Vorplanungen für den Ansitz an den Dachsbauen getroffen. Schon ab dem Frühjahr hält er regelmäßig Ausschau nach neuen Setzröhren und Pässen im Revier. Zu überprüfen, ob die großen Naturbaue befahren sind, ist eigentlich unnötig. „Die Dachse sind immer drin!“, weiß Rothenbach. Mitte Juli hat der gebürtige Odenwälder genau ermittelt, wo die Jungdachse sich eingestellt haben, wo und wann sie am Abend auf die Felder ziehen. Kurzum: Die Jagdstrategie ist ausgearbeitet. Selbstverständlich werden die Baue möglichst
wenig beunruhigt, sodass die Ansitze Anfang August gleich zu Beginn der Jagdzeit den gewünschten Erfolg bringen. Wildkameras sind für die störungsarme Beobachtung der Dachsaktivitäten optimal.

Für den Teckelführer Rothenbach ist die kurze gesetzliche Dachsjagdzeit unverständlich. „Wenn wir die Möglichkeit hätten, Jungdachse im Frühsommer zu bejagen, könnten wir den Zeitdruck ein wenig entzerren und viel effektiver Beute machen. Ohnehin bejagen wir zu
dieser Zeit die Jungfüchse mit Büchse und Falle. Da könnte man den einen oder anderen Jundachs mitnehmen. Auch gegen die Bejagung der Dachse im Winter spricht kein vernünftiger Grund. Vor allem kann man Winterdachse besser verwerten – ob den Schinken oder zumindest die Schwarte.“

Von einer erhöhten Mauer aus kann der Jäger gut die Weinbergsreihen einsehen und hat ausreichend Kugelfang. Fotos: Thore Wolf

Die dreimonatige Schusszeit wird im Flonheimer Revier deshalb so optimal wie möglich genutzt. Am Abend des 1. August sind die Jäger zu dritt im Revier. Einer sitzt mit seiner Flinte direkt an der äußeren Flanke des großen Naturbaues. Ein anderer hat sich mit seiner Büchse etwas entfernt in sicherer Deckung an einem Pass postiert, der von der Burg direkt in eine Obstplantage führt. Sicherheit geht selbstverständlich vor. Deshalb sind die Schützen so platziert, dass sie sich gegenseitig nicht gefährden können und dazu noch ausreichend Blick- und Schussfeld haben. Eine Hauptregel bei der Jagd an den großen Bauen: Es wird nicht geschossen, solange der Dachs auf der Burg ist. Zu groß ist nämlich die Gefahr, dass selbst ein tödlich getroffener Grimbart in eine der zahlreichen und eng
beieinander liegenden Röhren rutscht.

Gerd Rothenbach hat sich in einem Weinberg „eingeschoben“. Auf dem Bauch zwischen den Reben liegend hat er von hier eine optimale Position, um die Reihe einzusehen. Direkt an einem Rebstock hat ein Grimbart seine Burg gegraben. Einer Wendeltreppe gleich schlängelt sich die einzelne Röhre in die Tiefe. Weitere Einfahrten des Baues hatte Rothenbach am Morgen nicht gefunden. Das Geschleif ließ keinen Zweifel daran, dass Grimbart hier zu Hause ist. „Vermutlich ein letztjähriger Dachs, der seinen eigenen Bau gegraben hat“, ist der 61-Jährige sicher.

Der einzige Nachteil an seiner Schießposition: Er kann nur eine einzelne Weinbergsreihe
einsehen. Aber der weitläufige „Wingert“ lässt ihm keine andere Möglichkeit. Der Rentner hat vorgesorgt, um etwas Zeit zu gewinnen, wenn Grimbart ausfährt. Einige Meter von der Röhre entfernt hat er etwas an einen Pfahl gebunden, dem die Schmalzmänner nicht widerstehen können: Nutella und Trockenpflaumen. „Das zieht den Dachs magisch an“, weiß der passionierte Niederwildjäger. An allen Bauen, die er bejagen will, nutzt er diese Kirrtechnik. Wenige Tage vor der Jagd hängt er ein Glas mit den üblichen Resten
der zähen Nuss-Nougat-Creme mit einer Schnur an einem Pfahl oder Baum auf. In
den Schraubdeckel gebohrte Löcher lassen den Dachs das Kirrgut besser wittern. Den Inhalt des Glases garniert Rothenbach zusätzlich mit ein paar Trockenpflaumen. Durch die Aufhänge-Technik kann kein Wild an den süßen Inhalt gelangen, wie es das Jagdgesetz vorschreibt. Vor allem an den großen Naturbauen hat sich dieses „Rezept“ bestens bewährt. Der Dachs kann ein paar Meter von der Röhre weg in ein sicheres Schussfeld gelockt werden. Während er versucht, an die Süßigkeit zu gelangen, hat der Jäger ausreichend Zeit, einen sicheren Schuss anzutragen.

Ärgernis für die Winzer: Ein Dachs hat seine Röhre direkt am Weinbergspfahl gegraben. Das kann verheerende Folgen für Landmaschinen und Rebstöcke haben.Foto: Thore WOLF

Die Jäger am größeren Bau haben mittlerweile den ersten Dachs in Anblick. An einen Schuss ist aber nicht zu denken. Der Räuber schleicht von Röhre zu Röhre. Er muss sich erst ein paar Meter vom Naturbau entfernen. Plötzlich hebt Schmalzmann die Nase. Der Wind trägt den verführerischen Duft des Brotaufstrichs zu ihm. Nur Sekunden, dauert es, bis der Jungdachs zielstrebig in Richtung Kirrung trabt. Kaum spielt er an dem schaukelnden Glas, hat der Schütze bereits sein Absehen auf der grauen Schwarte platziert. Noch einmal reckt sich der Marderartige gierig nach dem Leckerbissen, dann verlässt die Kugel mit peitschender „Begleitmusik“ den Lauf. Grimbart sackt tödlich getroffen zusammen. Der erste Dachs dieser Saison liegt. In den kommenden Wochen werden noch einige folgen.
Noch vor zehn Jahren wurden in der dreimonatigen Jagdzeit höchstens zwei Dachse in Flonheim erlegt. „Mehr war einfach nicht drin“, erinnert sich Rothenbach. Doch inzwischen ist es keine Seltenheit mehr, dass an einem speziellen Dachsjagdwochenende sogar sieben oder acht zur Strecke kommen. Das entspricht dem bundesweit erkennbaren Trend. Während im Jagdjahr 1988/89 in Deutschland die Streckenstatistik des Deutschen
Jagdverbandes knapp 14000 Dachse dokumentiert, waren es im Jahr 2010/11 bereits fast 60000.

Sicherlich kann man anhand der Strecken ableiten, dass die Dachsbesätze in der Vergangenheit wieder gut gestiegen sind, bestätigt auch Wildbiologe Dr. Daniel Hoffmann. Er gibt zusätzlich zu bedenken, dass die meisten Dachserlegungen eher aus Zufallsbegegnungen resultieren. Zudem würden viele Abschüsse leider nicht gemeldet. Deshalb sei von einer viel größeren Strecke auszugehen. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Dachse verstärkt aus den Waldgebieten in die offene Landschaft verbreitet, so der Wildbiologe.

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Seit einer Stunde liegt Gerd Rothenbach auf seiner Isomatte im Weinberg. Konzentriert behält er die Dachsröhre im Blick. Langsam schwindet das Büchsenlicht. Zwei Stück Rehwild sind gerade durch die Reihen gezogen, als sich wie aus dem Nichts der schwarz-weiß gezügelte Kopf des Gräbers emporhebt. Er windet nach allen Seiten. Ruckartig bewegt sich der klobige Körper an die Erdoberfläche. Durch kräftiges Schütteln entledigt sich der Erdmarder des Sandes in seiner Schwarte und schleicht schnurstracks auf den lauernden Jäger zu. Ungefähr 60 Meter liegen zwischen ihnen. Als sich der Dachs dreht und seine Breitseite präsentiert, zeigt eine dicke Staubwolke auf der Schwarte, dass die Kugel ihr Ziel erreicht hat. Sofort wirft sich der Grimbart herum und will Zuflucht im Bau suchen. Nur zwei kurze Sätze, dann endet die Todesflucht.

Der erste Abendansitz auf die Schmalzmänner hat sich gelohnt. Morgen früh geht es wieder auf den Rehwildansitz. „Aber spätestens nächstes Wochenende müssen wir wieder die Baue bejagen“, muntert Gerd Rothenbach später am Treffpunkt seine Mitjäger auf.

Dachs
Erfolgreicher Ansitz: Der erste Dachs des Abends ist zur Strecke gekommen. Foto: Peter Schmitt