Von Blüte und Brache

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Die schattenverträgliche Waldrand-Mischung bietet noch im vierten Jahr als Waldrandstreifen beste Äsung und wird von Reh- und Damwild sowie Hase sehr gut angenommen. Foto: Peter Schmitt

AUS DEM WUH-TESTREVIER
Mit der Unterstützung von Revierberater Werner Kuhn und wildackershop.de sowie dem vorbildlichen Engagement einiger Jagdgenossen schafften wir es in den vergangenen Jahren, das Revier für Wild, Vögel und Insekten aufzuwerten. Eine Bilanz von Peter Schmitt

Alles begann vor etwas über drei Jahren. Zwar gab es schon zuvor einzelne feste Wildäcker, doch viel darüber hinaus passierte kaum im Testrevier. Durch seine Tätigkeit als WuH-Autor und Revierberater bot uns Landwirtschafts-sowie Gärtnermeister Werner Kuhn Hilfe an. Bei einem ersten Treffen informierte er die Obertiefenbacher Jagdgenossen über Möglichkeiten zu revierverbessernden Maßnahmen und über Mulchkonzepte.
Seitdem wurden auf unseren Wildäckern Mischungen ausprobiert und zahlreiche temporäre Verbesserungen, wie Ackerrand-, Waldrandstreifen und Blühflächen, angelegt oder auch optimierte Zwischenfrüchte ausgebracht. Vieles entstand aus Eigeninitiative der Jagdgenossen, wobei wir uns in vielen Fällen mit dem Zur-Verfügung-Stellen des Saatgutes einbrachten. Das wäre ohne die großzügige Unterstützung des wildackershop.de der Firma Saaten Zeller nicht in diesem Umfang möglich gewesen.

Als Jäger und Naturschützer oder Bewirtschafter einer Wildacker- oder Blühfläche ist es wichtig, sich im Vorfeld Gedanken zu machen, was man damit überhaupt erreichen will und welche Bereiche dafür jeweils infrage kommen. Davon abhängig ist dann natürlich die Saatgutwahl, aber auch die spätere Pflege und Bearbeitung der Fläche.
Dabei sollte – vor allem aus Jägersicht – der Blick über den reinen Äsungspflanzen-Tellerrand hinausgehen. Nicht nur Wild benötigt Deckung und Äsung, auch Insekten sowie Vögel brauchen im Feld Hilfe. Um diesbezüglich das Optimum zu erreichen, Landwirte mit ins Boot zu holen und auch auf für Laien schwer durchschaubarem Terrain wie der Subventionierungspolitik den Durchblick zu behalten, hat sich für uns die Revierberatung vom Fachmann als unbezahlbar erwiesen.
Ein Experte, der sowohl auf fachliche Fragen als auch bei politischen, monetären und organisatorischen Belangen immer eine Antwort auf Augenhöhe für sein Gegenüber vom Fach parat hat, weiß einfach besser zu überzeugen. So konnte man bei dem einen oder anderen Jagdgenossen auch sehen, wie sich durch mehrere Besuche von Kuhn anfängliche Skepsis und gewisse Beratungsresistenz zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit gemausert haben.

StandNahe am Optimum: ungemulchte Wegbankette mit Altgras und Brennnesseln
Brache
Blühstreifen (erstes Standjahr) mit unter anderem üppiger Äsung aus Klee und Kräutern

Generell sind mehrjährige Pflanzenmischungen die bessere Alternative zu einjährigen. Die geringere Bearbeitung der Fläche und die nicht notwendige Bodenarbeit kommen vor allem den Insekten, aber auch dem Geldbeutel zugute. Wunderdinge darf man jedoch auch von den hochwertigen, mehrjährigen Mischungen nicht erwarten. Abgesehen von der Waldrandmischung haben die meisten Blühstreifen ihre angegebenen fünf Jahre Standzeit nicht erreicht und mit dem dritten Jahr ihre Daseinsberechtigung als solchen eingebüßt. Die Standzeit ist aber immer auch abhängig vom Anspruch und der Vornutzung der Fläche. Zum Beispiel haben Altbrachen ein anderes Artenausgangspotenzial als Ackerflächen, wobei es zu großen Unterschieden in der Etablierung der Pflanzen kommen kann.
Es ist wichtig, die Ziele des eigenen Tuns, beziehungsweise welche Eigenschaften eine Fläche für welche Tiere einmal haben soll, zu definieren. So kommen wir bei einem gemeinsamen Revierbegang im Herbst zum Wildacker – der Bereich sowie die dort platzierte Ansitzeinrichtung werden seit jeher von uns so genannt. Für diesen Grund zahlen wir Pacht und sind dort an keine Subventionierungs-Auflagen wie etwa die jährliche Mulchpflicht gebunden. Für die meisten hat das, was vor uns steht, wenig bis gar nichts mit einem Wildacker zu tun. Brusthoch stehen die braunen, vertrockneten Pflanzen, Brennnesseln haben sich in einem Teil breitgemacht. Die ersten Impulse der meisten Anwesenden gehen von „Neueinsaat“ bis zumindest „dringend mulchen“. Aber in diesem insektenreichen Revierteil, der vor ornithologischen Schätzen nur so strotzt, sind verholzte Pflanzenstände sowie Gras- und Pflanzensamen besonders wertvoll und vor allem im Winter überlebenswichtig für Vögel und Insekten.
„Schaut euch doch mal um“, beginnt Kuhn sein Plädoyer für diese „verwahrloste“ Fläche. „Überall Waldränder und Hecken, nebenan Raps – an Äsung mangelt es dem Wild hier nicht. Aber Flächen mit mehrjährigen Pflanzenständen sind wegen der sinnlosen Mulchpflicht selten geworden.“ Auch die Brennnessel solle man wegen ihrer üppigen Samen hier nicht als Unkraut, sondern als nützlich ansehen, solange sie nicht den gesamten Wildacker einnehme. Ein wichtiger Hinweis des Landwirtschaftsmeisters: Eingewehte Pioniergehölze oder ausgesamter Ginster aus der angrenzenden Hecke dürften nicht zu stark verholzen, damit der Mulcher später nicht an seine Grenzen kommt. Dann muss zuvor der Aufwuchs runter.
Deshalb werden wir im kommenden Jahr die erste, im folgenden die zweite Hälfte mulchen. Somit fand dort über drei Jahre kein Eingriff statt, und was das menschliche Auge als verwahrlost ansieht, ist für Insekten und Vögel in Wirklichkeit ein Paradies.
Übrigens ist es in der Regel die beste Methode, Wildäcker nicht komplett, sondern immer nur zu Teilen zu mulchen, sobald es die Flächengröße zulässt. Die so entstehenden unterschiedlichen Pflanzenstadien bieten der Tierwelt deutlich mehr als ein Pflanzenbestand im immer selben Pflegezustand.

Jagdgenosse Heinrich Back (r.) engagiert sich für Bienen und Wild. Diese Fläche hat er in Eigenregie bestellt. Werner Kuhn (M.) gibt Tipps zur Pflege.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Auch im WuH-Testrevier gibt es Flächen und Maßnahmen, von denen sich die Jagdgenossen und wir uns bezüglich der Standzeit mehr versprochen haben. Aber dennoch hatte und hat der Großteil Erfolg. Nicht nur die Anwohner freuen sich über die Blühstreifen an den Spazierwegen und bekommen dadurch ein besseres Bild von Landwirtschaft und Jägern. Vor allem die gestiegene Vielfalt und Menge der Insekten in entsprechenden Bereichen sowie die gute Annahme der Äsung durch Reh, Hase und Damwild wurde von uns belegt. Der größte Gewinn ist aber, etwas in Gang gebracht zu haben – klotzen statt kleckern. Besonders unsere Jagdgenossen Stefan Eckert und Heinrich Back, aber auch unser größter Landwirt Eckbert Drese engagieren sich Jahr für Jahr mit Flächen und Arbeit, was wir sehr wertschätzen.
Ohne die Mithilfe unseres Experten Werner Kuhn hätten wir Vergleichbares wohl nicht erreicht. Denn manchen Jagdgenossen muss man erst knacken und über Fachkenntnis zum Umdenken bewegen. Hier müssen wir als einzigen Wermutstropfen festhalten, dass Mulchkonzepte an Wegrainen oftmals nur so lange etwas wert sind, bis sich Anwohner über das „ungepflegte“ Gras echauffieren. Denn an vielen Flächen fällt diese in der leeren Feldflur wertvolle Struktur nach wie vor aus rein optischen Gründen dem Mulcher zum Opfer.

Ungepflegt? Diese Fläche wurde über Jahre nicht gemulcht, da sie nicht subventioniert wird. Die Brache mit verholzten Pflanzenständen ist für Insekten und Vögel besonders wertvoll.
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