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Die Patrone 8x64S: Renaissanceverdächtig

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Ein Gürtel und der Zusatz „Magnum“ – das muss eine moderne Patrone heutzutage
schon aufweisen. Oder? Ohne beides kommt die in Vergessenheit geratene 8x64S Brenneke aus.

 

Klassiker: Die 8x64S

von Günther Gleber

Als ich in den 50er Jahren in Vaters Büchern schmökerte und mich für ballistische Tabellen aus der Vorkriegszeit interessierte, stieß ich auf sie: die 8x64S Brenneke.

Danach musste die 1912 von Wilhelm Brenneke konstruierte Patrone die ausgewogenste im Bereich der „Normalpatronen“ sein: stärker als die 7×64 Brenneke und die .30-06 Springfield, angenehmer zu schießen und mit günstigeren Energiewerten auf weite Distanzen als die 9,3×62.

Als ich Anfang der 60er Jahre meine erste Büchse unter Anleitung eines Büchsenmachers bauen durfte, galt die 8x64S als ausgestorben, und ich begann mit einer 7×64, einer Patrone, die mich mit den richtigen Geschossen selbst auf Rotwild bis 250 Meter nicht enttäuschte. Ein Zollkarabiner (8x57IS) kam neben anderen Jagdgewehren einige Jahre später dazu.

Anfang der 80er las ich, dass die Firma RCBS Matrizensätze im Kaliber 8x64S fertigte, und bald verschoss mein alter Zollkarabiner Patronen in diesem Kaliber. Ich lud die Munition wieder und orientierte mich dabei an „Meyers Wiederlader-Handbuch“ (Journal Verlag Schwend, Schwäbisch Hall 1977).

Dort wird für die Kaliber 8x64S und 8x65RS eine Laborierung genannt: 11,0-g-Teilmantel mit 60 Grains RP3-Pulver. Das sollte das Geschoss aus einem 60-cm-Lauf immerhin auf eine v0 von 900 Metern pro Sekunde bringen.

Der umkalibrierte Zollkarabiner wurde auf Rot-, Schwarz- und Rehwild geführt, überwiegend bei Drückjagden, aber auch bei Pürsch und Nachsuche. Dabei erwies sich die „Augenblickswirkung“ der 8x64S mit recht rasanten, schnell ansprechenden 11-g-Tombakmantelgeschossen als gut.

Eine Erfahrung, die sich meiner Meinung nach auf stumpfnasige oder schnell ansprechende Deformationsgeschosse generell bezieht.

Die Wildbretentwertung blieb dabei durchaus moderat. Das ist beim Kugelschuss ohnehin weniger kaliberbedingt, sondern hängt mehr von anderen Faktoren ab: Geschosskonstruktion, Treffersitz und Geschwindigkeit.

Seit 1991 führe ich eine 8x64S mit knapp 60 Zentimeter langem Lauf. Zunächst als 98er, dann in der Mauser 66 S.

Aussagen über die Wirkung von Geschossen auf Wild können sich nur vage auf Augenblickswirkung, Durchschlagskraft und Wildbretentwertung beziehen. Im Vergleich kann man aber sehen, wie eine bestimmte Geschosskonstruktion mit einem bestimmten Durchmesser und Auftreffgeschwindigkeit zu anderen wirkt.

Erfahrungen

Es soll hier niemandem Objektivität vorgegaukelt werden, die es auf diesem Gebiet einfach nicht geben kann. Folgende Erfahrungen aber habe ich mit verschiedenen Geschossen in der 8x64S gemacht:

  • Auf Entfernungen unter 60 Metern wirken 9,7-g-Geschosse von Sierra mit einer v0 von mehr als 870 m/s auf Rehwild zu brutal. Gleiches gilt auch für das 11,3-g-Pro Hunter von Sierra und das 11,7-g-KS-Geschoß von RWS. Alle drei können übrigens so geladen werden, dass sie eine höhere v0 erreichen.
  • Für Rotwild auf Entfernungen über 100 Meter sollte man ein Geschoss wählen, dessen Restgewicht zuverlässig mehr als zehn Gramm beträgt. Geschosse, die viel Masse in Form von Splittern abgeben, müssen dementsprechend schwerer sein.Ich bevorzuge, wenn mit Rotwild oder Sauen zu rechnen ist, das 12,7-g-Alaska von Norma. Wenn die Schussweite dabei mehr als 150 Meter beträgt, fällt meine Wahl auf das 13-g-Nosler-Partition oder das 13-g-Swift-A-Frame.
  • Das 14,3-g-Game-King-Geschoß mit Boattail von Sierra ist aufgrund seiner ballistisch unschlagbaren Form bei schnellem, gutem Ansprechen im Körper und enormer Durchschlagskraft ein echter „Langstreckenkünstler“ für starkes Wild. Mir persönlich ist es aber zu schwer.

Ich bevorzuge eine v0 zwischen 850 bis maximal 950 Metern pro Sekunde. Das gewährleistet einerseits eine ausreichende Schockwirkung, und andererseits werden Blutergüsse weitgehend vermieden.

Vielseitig

Die Geschossmasse – in Verbindung mit einer guten Konstruktion – sollte einen Ausschuss auch auf Rotwild bis 200 Meter bringen, ohne auf Rehwild auf kurze Distanz zu brutal zu wirken.

Meines Erachtens ist beim 9,7-g- und 11,3-g-Sierra Pro Hunter der Mantel für die Geschwindigkeiten der 8x64S zu dünn. Das 11,7-g-Kegelspitz-Geschoß wirkt meiner Erfahrung nach auf kurze Entfernung zu brutal und auf weitere unbefriedigend.

Die 8x64S zeichnet sich gegenüber anderen Kalibern durch etliche Vorteile aus. Sie verschaffen der Patrone eine enorme Vielseitigkeit und Effizienz.

Dazu gehören auch die erhältlichen Geschosse. Gegenüber den „Dicken Pillen“ hat die 8x64S den Vorteil, dass von der Energie, die dem Geschoss mitgegeben wird und für die der Schütze den Gegenwert in Form des Rückstoßes einstecken muss, aller Wahrscheinlichkeit mehr im Wildkörper umgesetzt wird.

Dazu kommen der Vorteil der gestreckteren Flugbahn mit Geschossmassen und Energiereserven, die für sämtliches Wild der Erde bei Verwendung geeigneter Geschosskonstruktionen sicher ausreichen (außer auf Büffel, Elefant etc. oder bei vorgeschriebenen Mindestkalibern, z. B. .375). Und das, ohne auf Rehwild zu brutal zu wirken.

Eine gut geladene 8x64S braucht den Vergleich mit „Magnum-Patronen“ nicht zu scheuen, wenn es darum geht, auf große Entfernung noch genügend Energiereserven bereitzuhalten.

Auf kurze Distanzen haben die meisten Kaliber ohnehin meist unnötig große „Reserven“. Die Energie, die z. B. die 8x68S mit Fabrikpatronen auf 180 bis 270 Meter bringt, reicht nach allgemeiner Auffassung für die Jagd in Afrika oder Alaska aus.

Das bringt die 8x64S ebenfalls, und zwar mit Geschossen, die wohl wirksamer sind. Außerdem kann sie in Ländern geführt werden, in denen die .30-06 und 8x57IS verboten sind (z. B. Frankreich).

Renaissance verdient!

Der Leistungsvergleich mit anderen Kalibern, internationale Erfahrungsberichte sowie meine eigenen Erfahrungen machen für mich aus der 8x64S eine Allroundpatrone für die Jagd auf das meiste Wild weltweit.

Wer das Leistungsprinzip anerkennt, muss gestehen: Die alte 8x64S hat eine Renaissance verdient.

 

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