Mehr als eine Randerscheinung?

2020


Neues Kaliber: .17 HORNADY MAGNUM RIMFIRE:
Neue Nahrung für Kaliberdiskussionen bietet die .17 Hornady Magnum Rimfire (HMR). Björn Ebeling stellt den Kaliber-Zwerg vor und sagt, ob er sich auf Krähe, Fuchs und Co. bewährt hat.

 

Im Vergleich von links: .17 HMR, .22 lfB, .22 WMR, 5,6*35 R Vierling; .22 Hornet

Von Björn Ebeling

Eins-Komma-eins Gramm: als Pulver für den Wiederlader sicher schon ein beachtliches Maß – als Geschossgewicht jedoch nicht der Rede wert. Dennoch hatte ich gerade selbiges auf die 80-Meter-Reise geschickt, nämlich das V-Max aus der .17 HMR. Sorgsames Zielen, ja Abzirkeln, gleichmäßiges Abziehen und schließlich sauberes Abkommen auf der Taubenbrust waren dem Vorangegangen. Unmittelbar nach dem „Pätsch“ fiel die Taube zu Boden. Endlich! Nach bereits zwei Fehlschüssen auf eine Taube und eine Rabenkrähe über annähernd gleiche Distanz kehrte langsam mein Selbstvertrauen zurück. Dabei hatte ich den Anschützrepetierer noch nicht einmal vor einer halben Stunde auf 60 Meter mit zwei Zentimeter Hochschuss eingeschossen, bei gleichzeitiger Freude über die Präzision. Und dann das! Inzwischen war mein Hund mit der Taube im Fang wieder bei mir, und nach dem Ausgeben stellte ich fest: Kopfschuss! Donnerwetter, das konnte doch nun wirklich nicht sein.

Umgehend wurde eine Scheibe in gleicher Entfernung platziert und die drei Kontrollschüsse zeigten: erheblicher Hochschuss. Bewundernd drehte ich das Patrönchen zwischen Daumen und Zeigefinger und war darüber belehrt, doch kein „KK“ in den Händen zu halten, bei dem man auf 80 Meter eher einen Tiefschuss erwartet hätte. Erste Bedenken bezüglich der Flugbahn waren also zerstreut.

Die .17 Hornady Magnum Rimfire, wie ihre Langbezeichnung lautet, ist relativ neu auf dem Gebiet der Randfeuerpatronen. Entwickelt wurde sie von Hornady auf der Basis der .22 Magnum-Hülse. Letztere wurde zur Optimierung der Flugbahn, Minimierung der Windabdrift und Steigerung der Eigenpräzision auf das Kaliber .17 – umgerechnet 4,5 Millimeter – eingezogen und mit einer Schulter versehen. Ihre Zugehörigkeit zu den Randfeuerpatronen und somit bedingte „Verwandschaft“ zu den Schonzeitpatronen .22 lfB und .22 Magnum bringt sie gedanklich auch mit deren Flugbahnkurven in Verbindung. Bei einer vo von etwa 780 Meter pro Sekunde liegt sie bereits auf dem Geschwindigkeits-Niveau einer .22 Hornet und übertrifft die schnellsten Laborierungen ihrer .22 Mag-num-Mutter um über 100 Meter pro Sekunde. Die Steigerung gegenüber einer .22 lfB beträgt sogar 100 bis 150 Prozent.

Das Etappenziel einer gestreckteren Flugbahn wurde erreicht

Kleine Brötchen muss die Hornady allerdings auf dem Sektor Energiewerte backen. Hier bringt sie es mit dem 1,1-g-Geschoss nur auf eine E0 von 333 Joule, während die „Magnum“ auf fast 500 Joule kommt.

Erst auf 100 Meter nähern sich die Werte bei einigen Ladungen wieder an, was mit dem starken Geschwindigkeitsverlust der .22 Magnum mit diversen Geschossen zusammenhängt, die der Luft mehr Angriffsfläche bieten. Die .17 leistet hier 173 Joule. Die Spanne der Magnum mit 2,6 Gramm Geschossgewicht liegt bei 170 bis 245 Joule. Das Etappenziel einer gestreckteren Flugbahn haben die Konstrukteure somit eindeutig erreicht. Die Verbesserung der Eigenpräzision wohl außerdem.

Konzipiert ist die .17 HMR für Kleinwild

Als äußeres Merkmal unterstützt hierbei zunächst die – für Randfeuerpatronen ungewöhnliche – Schulter. Mit der Testwaffe, einer Anschütz Modell 1717 mit Matchlauf, stand zudem ein präziser Repetierer zur Verfügung. Montiert wurde ein Nikon Titan mit 5,5-16,5-facher Vergrößerung und 44er Objektivdurchmesser, das von ZF-Import, Bremen, Tel. 04 21/23 33 24 zur Verfügung gestellt wurde.

Sämtliche Schussgruppen unterboten das Werksschussbild von 15,5 Millimeter auf 100 Meter, gleichgültig, ob auf dem Schießstand oder im Revier geschossen wurde. Lediglich bei deutlichem Seitenwind gingen die Schussbilder in die „Horizontale“.

Konzipiert ist die .17 HMR für Kleinwild, was in den USA mit dem Begriff „Varmints“ umschrieben wird. Pessimisten würden den Einsatzbereich folglich als denkbar klein bezeichnen, während ihn Optimisten als denkbar groß umschreiben würden: Kaninchen, Hasen, Murmel, Fuchs, Marder, Krähen, Elstern, Tauben und sämtliches andere jagdbare Federwild.

Selbstdisziplin ist gefordert

Von der Theorie in die Praxis übertragen, bestätigt sich der avisierte Einsatzbereich. Diverse Krähen und Tauben sackten im Schuss einfach zusammen. Selbst bei nicht so gut sitzenden Treffern führte die Totalzerlegung des Winziggeschosses zu kurzfristigem Verenden. Was die Verwertung des Tauben-Wildbrets anging, enttäuschte das V-Max von Hornady nicht: Ein- und Ausschuss sowie Wildbretentwertung blieben stets moderat. Mit der .17 Remington teilt die Neue aus dem Hause Hornady damit nur das Kaliber, nicht aber die viel beschriebene Wildbretzerstörung.

Kaninchen verendeten auf der Stelle, größtenteils ohne Ausschuss. Ein Fuchs, auf gemessene 93 Meter mit einem Tiefblattschuss erlegt, lag nach zwei Sätzen. Ein Ausschuss war nicht vorhanden. Mit dem Fuchs dürfte auch die absolute jagdliche Obergrenze für diese Patrone erreicht sein.

Ein ebenfalls erlegter Jungdachs mit einem Gewicht von acht Kilogramm, auf 25 Meter beschossen, flüchtete noch zehn Meter. Beim Zerwirken zeigte sich der Mangel an Engeriereserven: Der Einschuss saß optimal hinter dem Blatt, aber das Geschoss hatte sich bereits in der Schwarte stark zerlegt, so dass die Tiefenwirkung nur bis in den einen Lungenflügel reichte. Der andere Lungenflügel war augenscheinlich unverletzt. Das Herz war durch winzige Splitter, teilweise als Sekundärgeschosse aus den Rippenknochen stammend, getroffen. Ein Alt-Dachs wäre somit aller Wahrscheinlichkeit nach nicht zur Strecke gekommen.

Selbstdiziplin fordert einem der waidgerechte Einsatz der .17 HMR eigentlich ständig ab. Man muss sich immer wieder bewusst machen, dass das Geschoss nur 1,1 Gramm wiegt. Trotz gestreckter Flugbahn und Seitenwind resistenter Geschossform treten bei Wind oder nicht korrekt geschätzter Entfernung sofort nennenswerte Treffpunktverlagerungen auf. Bestenfalls hat dies einen Fehlschuss zur Folge. Ich habe es mir daher schnell zur Gewohnheit gemacht, einen Entfernungsmesser bei mir zu führen. Entfernungen bis etwa 135 Meter sind so auf Krähen und Tauben gut vertretbar. Beim Fuchs dürfte die Grenze bei maximal 100 Meter liegen und zwar ziemlich genau. Nicht das Treffen wird das Problem, sondern die unbedingt erforderliche Tötungswirkung.

Erforderlich ist er allemal, der Punktschuss. Erleichtert wurde er durch das Nikon Zielfernrohr mit bis zu 16,5-facher Vergrößerung. Es bietet sich für eine Schonzeitwaffe an, weil es für den Preis von 999 Euro sowohl von der Bildgüte und der Funktionalität nicht zu beanstanden ist.
Erschwert wurde der Punktschuss leider durch den zwar trockenen, aber mit 12 Newton (etwa 1200 Gramm) etwas zu harten Flintenabzug. Hier merkt man, dass die Zielgruppe die amerikanischen Jäger beziehungsweise der amerikanische Markt mit seiner wahnwitzigen Produkthaftung ist.

Negativ fällt – bei Putzmuffeln etwas später – die kaliberbedingte Untauglichkeit der üblichen Putzstöcke auf. Soweit nicht vorhanden, wird die Anschaffung eines speziellen Gerätes für das Kaliber 4,5 Millimeter fällig.

Exklusivität wird wohl immer ein Markenzeichen der .17 HMR bleiben

Der vorgegebene Einsatzbereich auf Kleinwild und das jagdliche Übungsschießen werden gut gemeistert. Geringer Schussknall und mit der Hornet vergleichbare Geschwindigkeiten sprechen für die .17 HMR (Importeur: www.helmuthofmann.de). Das haben Anschütz, Ruger und Marlin sicher erkannt, die die derzeit einzig lieferbaren Waffen produzieren. Einsteckläufe werden sicherlich bald folgen.

Exklusivität wird wohl immer ein Markenzeichen der .17 HMR in Deutschland bleiben. Zu viele Waffen existieren bereits in anderen Schonzeitkalibern, um ernstlich von der Neuheit verdrängt zu werden. Zudem schwingt der Nimbus von der Spatzenpatrone mit. Zu Unrecht, wie ich meine, denn wer kauft schon 50 Spatzenpatronen für 19 Euro?

Sehr präzise: unter 15 Millimetern bleiben die Streukreise der 4,5-Millimeter-Patrone auf 100 Meter

 

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