Doppelt hält besser

3435


Heym Doppelbüchse Modell 80 B:
Sie hat fast die Kontur einer Kipplaufbüchse und das Gewicht eines leichten Repetierers. Mit der Doppelbüchse 80 B setzt Heym Akzente in Sachen Führigkeit und Eleganz. Claudia Elbing und Michael Schmid haben den leichten Kugelzwilling einen Sommer lang geführt.

 

Von Claudia Elbing und Michael Schmid

Eine halbe Stunden jiffen die Terrier schon durch den riesigen Maisschlag. Die Luft flimmert, und in der prallen Sonne fließt der Schweiß in Strömen. Alle hundert Meter steht ein „Grüner“ auf den abgeernteten Feldern, die Waffe im Voranschlag. Halme wogen, rechts von mir fährt einer auf und lässt kurze Zeit später wieder die Mündung sinken. Die Sauen haben den Braten gerochen. Erst als der Silohäksler mit ohrenbetäubendem Lärm seine Arbeit aufnimmt, kommt wieder Leben in die Schwarzkittel. Da, eine dunkle „Steckdose“ zwischen grünen Halmen, und schon flitzt ein Überläufer über die Stoppeln. Die leichte „Heym“ fliegt an die Wange, das „Flash Dot-Absehen“ fasst das Blatt und der Schuss sitzt – zu kurz. Zwei Läufe – zwei Chancen. Der rote Punkt zeigt auf den Wurf und nach der zweiten, schnell nachgeworfenen Kugel geht die Sau über Kopf. Waidmannsheil und – doppelt hält besser. Knifflige Situationen und flinke Schüsse, genau dafür ist die 80 B konzipiert.

Kow-how ersetzt Stellschrauben

Grundlage für Balance und Führigkeit der Heym’schen „side by side“ ist ein hochwertig umgesetztes, klassisches Baukonzept. Das Laufbündel, die Seele jeder Doppelbüchse, wird bei der 80 B im traditionellen Verfahren fest verlötet. Auf einfache Justiermöglichkeiten wie Verstellkeil oder Führungsrohre wird bewusst verzichtet. Solche Elemente belasten eine Waffe mit zusätzlichem Gewicht und einer fülligen Kontur – beides ist mit eleganter Linienführung nur schwer zu vereinbaren. Know-how und solides Büchsenmacherhandwerk ersetzen bei Heym die Stellschrauben und legen bereits im Fertigungsprozess die Basis für eine präzise Schussleistung.

Im Zuge der Montage werden die kalt gehämmerten Läufe aus Kruppstahl vorgerichtet und im Bereich des Brillenstücks hart verlötet. Die weitere Verbindung von Schiene und Läufen erfolgt mit Weichlot. Nach einem Probeschießen im weißfertigen Zustand werden eventuell notwendige Korrekturen durchgeführt. Dazu wird die Weichlotverbindung im Mündungsbereich gelöst und die Läufe mit sehr viel Fingerspitzengefühl nachjustiert. Der Nachteil dieser Technik: Man legt sich bereits bei Bestellung der Waffe auf eine Munitionssorte fest. Denn, ein Wechsel der Laborierung führt nach Auskunft von Heym in 90 Prozent der Fälle zu Treffpunktverschiebungen. Teure Löt- und Brünierarbeiten sind die Folge. Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte sich zusätzlich mit einer ausreichenden Menge Munition aus dem gleichen Fertigungslos eindecken, denn auch hier sind von Charge zu Charge Schwankungen möglich.

Aufgenommen wird das schlanke Laufbündel von einer auf CNC-Maschinen vorgefertigten und in Handarbeit verfeinerten Stahlbasküle. Eine doppelte Laufhakenverriegelung sorgt für ein hohes Maß an Verschluss-Stabilität und ermöglicht zudem eine schmale Formgebung des Gehäuses. Die komplette Verrieglung der 80 B ist platzsparend auf der Unterseite des Laufbündels positioniert, aufwändige und die Waffe verbreiternde Purdy- oder Greenerelemente sucht man vergeblich. Die angedeuteten Muscheln und die dezente Arabeskengravur auf der Basküle unterstreichen die elegante Linienführung der Büchse. Der bei Testbeginn etwas schwergängige Verschlusshebel lief sich nach wenigen Schuss-Serien ein und die Bedienung wurde leichtgängig und komfortabel. Die Heym-Doppelbüchse wird wahlweise als Selbstspanner mit modifiziertem Anson System (Spannhebel in den Flanken des Verschlussgehäuses) und Schiebesicherung, oder – wie unsere Testwaffe – als Handspanner angeboten. Nicht nur optisch hält die 80 B dem Vergleich mit einer Kipplaufbüchse stand. Die beiden Schlosse lassen sich auch mit zarten Bürofingern problemlos spannen – so manche Einläufige verlangt deutlich mehr Druck im Daumen.

Deutliches Plus in Sachen Unfallverhütung

Unterstützt wird das komfortable Handling durch einen griffigen Schieber mit integriertem Entriegelungsknopf und breiter Daumenmulde. Beim Öffnen der Waffe wird automatisch entspannt. Das deutliche Plus in Sachen Unfallverhütung ist mit geringen Einbußen bei der Ladegeschwindigkeit verbunden. Vor und zurück, sowohl beim Scharfmachen als auch beim Entspannen ist mit etwas Fingerspitzengefühl kein warnendes Geräusch zu hören.

Kennen Sie das, man drückt auf das Züngel, drückt… und drückt… und es passiert nichts? Kurz vor dem Aufgeben, das Absehen zittert wie Espenlaub, bricht der Schuss. Die Büchse ruckt zurück und auf der Zielscheibe ist weit und breit kein Loch zu finden. Der Grund für die „Fahrkarte“ – ein zu hart eingestellter Abzug. Keinen Grund zur Beanstandung hatten wir beim vorderen Züngel unserer mit Doppelabzügen ausgestatteten Testwaffe, es steht absolut trocken und der Schuss bricht ungestochen bei einem Fingerdruck von 14 Newton (etwa 1 400 Gramm). Wer es noch feiner mag, kann sogar auf einen verstellbaren Rückstecher mit Entstechautomatik zurückgreifen.

Der zweite Abzug jedoch gehört eindeutig zu den „Drückebergern“, hier beträgt das Auslösegewicht satte 33 Newton (3 300 Gramm). Warum so hart, lautete unsere Rückfrage bei Heym. Die klärende Antwort: Der hintere Abzug wurde auf speziellen Kundenwunsch justiert, er entspricht nicht dem Firmenstandard. Normal werden Doppelbüchsen ab Werk auf folgende Abzugsgewichte eingestellt: vorne 16 Newton (1 600 Gramm) und hinten 20 Newton (2 000 Gramm). Diese Werte sind speziell auf Drückjagdansprüche abgestimmt. Sie verhindern ein unabsichtliches Auslösen von Schüssen bei Kälte und in Stressituationen, sie minimieren die Gefahr des Doppelns und gewährleisten ein noch ausreichendes Maß an Schusspräzision. Dem ist nichts hinzuzufügen, unserer Testwaffe dagegen verlangt, zumindest beim zweiten Schuss, ein hohes Maß an Wesensfestigkeit und Übung.

Vorsicht geboten beim Jagen mit der 80 B

Entsprechend unbefriedigend fielen die ersten Schussbilder mit unserer Heym’schen Doppelbüchse im Kaliber 8×57 IRS aus. Der rechte Lauf schoss fast Loch in Loch, beim linken lagen die Einschläge deutlich weiter auseinander. Nach wenigen Serien hatten wir die Tücken des harten Abzugs jedoch im Griff, und die Waffe bestach durch hervorragende Präzision (RWS, 12,7-Gramm-Teilmantel-Rundkopf).

Lag zwischen der Schussabgabe aus dem rechten und linken Lauf ein Zeitraum von sechs bis zehn Sekunden, betrug der Abstand der beiden Einschüsse auf der Scheibe (Entfernung 100 Meter, Benchrest-Auflage) selten mehr als einen Zentimeter. Kurze Ladepause, und der im gleichen Zeittakt nachgeworfene Doppelschuss plazierte sich um die erste Gruppe. Auffällige thermisch bedingte Ausreißer gab es erst bei der dritten Folgeserie. Aber auch hier öffnete sich der Streukreis gerade mal auf sechs Zentimeter. Dennoch ist beim Jagen mit der 80 B Vorsicht geboten. Das fest verlötete Laufbündel ist konsequent auf die Abgabe von schnell hintereinander folgenden Doppelschüssen ausgelegt.

Schwingungsverhalten verändert sich zeitabhängig

Werden die Pausen zwischen dem Abfeuern des rechten und des linken Laufes deutlich größer als zehn Sekunden – bei einer Rehwilddublette durchaus nicht unüblich – wandert der zweite Schuss etwas tiefer und um sieben bis acht Zentimeter nach rechts. Dieses Trefferbild gilt auch für eine im gleichen Zeittakt abgegeben Folgeserie. Der Grund: Das Schwingungsverhalten des Laufbündels verändert sich zeitabhängig. Diese Eigenschaft hat erheblichen Einfluss auf die Treffpunktlage des zweiten Schusses. Für die Praxis heißt das: Soll jenseits der 50 Meter-Marke mit größerem Zeitabstand zweimal geschossen werden, lädt man am besten den rechten Lauf nach.

Formgebung nach klassischen Vorbildern

Ein Standvisier oder ein Schmidt & Bender-Drückjagdzielfernrohr standen bei unserer Testwaffe als Zielhilfe zur Verfügung. Rechteckkimme, guillochierte Halbschiene und ein Messing-Balkenkorn unterstützen serienmäßig das „freie Auge“ bei der Zielerfassung. Die Formgebung der Bauelemente orientiert sich streng an klassischen Vorbildern, für den flüchtigen Schuss ist die Offene Visierung der 80 B aufgrund der großen Zielabdeckung und des schwachen Farbkontrastes jedoch nur bedingt geeignet. Ein schräg gestelltes, sich nach oben verjüngendes Kimmenblatt und ein leuchtend rotes Kunststoffkorn würden das schnelle Zielen deutlich erleichtern.

Die Kimme kann über einen Schwalbenschwanz seitlich verstellt werden, will man die Schusshöhe korrigieren, ist ein Kornwechsel notwendig. Die Justiermöglichkeiten sind nicht besonders komfortabel, für einen Doppelbüchse mit fest verlöteten Läufen jedoch völlig ausreichend. Im Werk präzise auf 50 Meter eingeschossen, ließ das Schussbild über Kimme und Korn keine Wünsche offen. Die Einschläge saßen im Zentrum, der viel zitierte Bierfilz war zum Abdecken der Doppelschüsse entschieden zu groß.

Zielen wird zum Vergnügen

Flash Dot heißt das Zauberwort bei Schmidt & Bender. Der futuristisch anmutende Begriff steht für ein neu konstruiertes Leuchtabsehen des Biebertaler Unternehmens. Im Gegensatz zu den bekannten, Licht leitenden Konstruktionen, wird hier mittels Projektionstechnik ein Leuchtpunkt in das Absehen eingespeist und exakt auf die Mitte ausgerichtet. Über ein elffach abgestuftes Dreh-Potentiometer kann die Funktion Leuchtpunkt aktiviert und die Helligkeit an die persönlichen Bedürfnisse des Schützen angepasst werden. Liegt der Schwerpunkt konventioneller Leuchtabsehen eindeutig im Dämmerungs- und Nachteinsatz, ist das 1,25–4×20 mit Flash Dot-Technik auf das Zielen bei Tageslicht ausgelegt. Dank hoher Leuchtkraft ist der rote Punkt auch bei extremer Sonneneinstrahlung und Schnee sehr gut zu erkennen. Die Symbiose aus klassischem Drückjagd-Zielfernrohr und Leuchtvisier ist aus unserer Sicht gelungen.

Die Zielerfassung mit dem bei der Testoptik verwendeten RP-Absehen (Absehen 4, Leuchtpunkt im Fadenkreuz mit umgebendem Lichtring) ist konkurrenzlos schnell und auch bei greller Sommersonne nicht zu toppen. Wem der Leuchtpunkt für Weitschüsse zu groß ist (Zielabdeckung auf 100 Meter = 15 Zentimeter), kann mit einem einfachen „Dreh“ auf das unbeleuchtete, feine Fadenkreuz zurückgreifen. Die Verbindung der formschönen Optik mittels EAW-Hebel-Schwenkmontage bewährte sich im Test als absolut wiederkehrgenau und schussfest.

Balanciert man die Doppelbüchse kurz vor dem Scharnierbolzen auf dem gestreckten Zeigefinger, befindet sich die Waffe im Gleichgewicht. Mit aufgesetzter Optik verschiebt sich der Schwerpunkt nur geringfügig nach hinten. Mit einem derart ausgewogenen Gewehr wird Mitschwingen und Zielen zum Vergnügen.

Unterstützt wird das perfekte Handling der 80 B durch eine hochwertige Nussbaumschäftung mit geradem Kolbenrücken, Monte-Carlo-Backe und einem griffigen, in den Flanken etwas hochgezogenen Vorderschaft.

Ein Sommertraum – die 80 B von Heym

Die Senkung des Kolbens ist primär auf den Schuss über das Zielfernrohr ausgelegt. Wird über Kimme und Korn visiert, muss die Wange deutlich fester an das Holz gepresst werden. Nicht nur Eleganz, auch Komfort und Führigkeit bietet der heym’sche Zwilling. Bei 60-Zentimeter-Läufen beträgt die Gesamtlänge der Büchse gerade mal 102 Zentimeter, und auch in Sachen Gewicht wird mit 3,2 Kilogramm netto nicht mit Pfunden gewuchert. Dank ausgewogener Schaftgeometrie hält sich der Rückstoß des Leichtgewichts zumindest im Testkaliber 8×57 IRS in Grenzen.

Schnelles Nachladen steht auf der Wunschliste bei Doppelbüchsen ganz oben. Abgeschossene Hülsen raus und zwei neue Patronen nachgeschoben – mit einem minimalen Öffnungswinkel von nur 21 Grad eine Frage von Sekunden und natürlich der Übung. Allerdings ist selbst auch auf speziellen Wunsch aufgrund der zierlichen Basküle der Einbau eines Ejektors nicht möglich.

Als Sommertraum wird uns die 80 B von Heym in guter Erinnerung bleiben. Das Jagen mit der „Schlanken“ macht einfach Spaß. Nimmt man die kleinen Schwächen eines fest verlöteten Laufbündels und das eng abgegrenzte Einsatzgebiet der Büchse (mit diesem Glas) in Kauf, bleibt kaum Anlass zur Kritik. Und findet sich doch ein Haar in der Suppe, schaffen die Büchsenmacher von Heym mit einem breiten Angebot an Sonderausstattung Abhilfe. Schade ist eigentlich nur der Preis; denn mit satten 6 500 Euro (mit Handspanner und Doppelabzug, ohne Zielfernrohr) bleibt die Waffe zumindest für uns ein Sommertraum.

Doppelt hält besser: Zwei Laufhaken verriegeln das System. Der Verzicht auf einen Greenerriegel hält die Basküle sehr schlank

 

ANZEIGEAboangebot