Heißer Draht statt langer Leitung

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Seit drei Jahren betreut Claudia Diewald die erste Jagd-Hotline Deutschlands. Und leistet damit praktische Öffentlichkeitsarbeit vor Ort.

 

Hießer Draht statt lange Leitung: Claudia Diewald initiierte die erste Deutsche Jagd-Hotline.

Von Sven Helmes

Hallo, hier ist die Jagdhotline des Landesjagdverbandes Rheinland-Pfalz. Mein Name ist Claudia Diewald, wie kann ich Ihnen helfen?

Rund zweihundert Mal im Jahr klingelt das Telefon der Jagd-Hotline. Wer montags zwischen 19 und 21 Uhr und samstags von 11 – 13 Uhr anruft, hat die Pressesprecherin der Kreisgruppe Bernkastel-Wittlich selbst am Apparat. Außerhalb dieser Zeiten meldet sich der Anrufbeantworter. Oftmals rufen die Leute mit hochspeziellen Fragen an, so dass die engagierte Jägerin spontan keine Antwort weiß. Zwar verfügt sie mittlerweile über einen guten Stamm an Ansprechpartnern doch„oft telefoniere ich tagelang ’rum, bis ich eine Antwort gefunden habe. Wir hatten beispielsweise die Anfrage eines Immobileinmaklers der ein alleinstehendes Objekt in der Eifel vermitteln sollte. Ein potentieller Käufer wollte dort gewerblich Jagdhunde züchten und wollte wissen, welche Auflagen es dafür gebe.“ Auch verendetes Wild ist ein wichtiges Thema: „Dadurch, dass die Jagdhotline eine lokale Geschichte ist, können wir da natürlich schnell weiterhelfen. Ich habe eine Liste mit allen Jagdpächtern und ihren Revieraufsehern liegen, so dass das Wild meist innerhalb einer Stunde geborgen werden kann.“

Wann trifft man schon mal einen Jäger?

Geboren wurde die Idee zur Jagd-Hotline im Jahr 1998. Ziel war es, der Bevölkerung einen kompetenten Ansprechpartner an die Hand zu geben. „Wir veranstalten seit langem einen Kreisjägertag, auf dem sich die Jäger dem Kreis präsentieren. Und wir stellten fest, dass dort eine Menge Menschen mit Fragen auf uns zukamen, aber bisher einfach keinen Ansprechpartner hatten. Motto: Wann trifft man denn schon mal einen Jäger?“ erklärt Diewald.

Viele Jäger warnten sie damals. Sie wisse gar nicht, auf was sie sich einlassen würde und beschworen Bilder von nächtlichen Drohanrufen der Jagdgegner. Doch die sind bisher ausgeblieben. „Aufgeregt sind die Leute vor allem, wenn es um das Thema freilaufende Hunde geht – und um die entsprechenden Konflikte mit den Jägern. Doch wer erwartet, dass Diewald hier den Schmusekurs fährt, liegt falsch. „Ich bin nicht der Typ, der bei so einem Anruf dann klein beigibt und die Leute in ihrer Meinung bestätigt. Sondern ich sage denen dann schon, was Sache ist und wie die Rechtslage aussieht“, betont Diewald.

Anders sieht die Sache aus, wenn das Verhalten von Jägern oder Pächtern kritisiert wird. Dann hört sie aufmerksam zu: „Es ist immer wieder der Fall, dass sich Leute beschwerden. Beim ersten Mal höre ich mir das an. Beim zweiten Mal höre ich mir das sehr aufmerksam an. Und wenn sich die Anrufe häufen, dann erfolgt eine Reaktion. Die kommt dann aber nicht von mir, sondern vom Vorsitzenden der Kreisgruppe.“

Doch seit sie ehrenamtlich den Telefonhörer schwingt, hat die Pressesprecherin auch viel zu schmunzeln. Beispielsweise als eine bekannte Kinderbuchautorin sich meldete. Die hatte bereits neun Kinderbücher über die unterschiedlichsten Wildtiere geschrieben. Zur Präsentation ihres jüngsten Buches über den Hasen war die Autorin in die WDR-Sendung „Zeit für Tiere“ eingeladen worden. Und da sie bis dato noch nie einen lebenden Wildhasen gesehen hatte, bat sie Diewald um einen gemeinsamen Reviergang. Diese willigte ein, warnte aber, dass es durchaus passieren könne, dass sie keinen Anblick haben würden, da der Besatz durch Fuchs und Taggreife sehr gelitten habe. Die Autorin zeigte sich erstaunt. Sie war stets der Meinung, dass die Jäger zu viele Tiere schießen würden. Und hatte das den Kindern auch stets so vermittelt.

Den Mund zu voll genommen…

Oder der Fall, als ein Mann anrief und sich erkundigte wo er ein komplettes Reh her bekäme. Diewald erkundigte sich und konnte dem Mann zwei Stück mit 14 und 16 Kilo Wildbrett-Gewicht anbieten – und bot sich sogar an, das Stück vorbeizubringen. Als sie auf den Hof der angegebenen Adresse fuhr, war sie überrascht. Dort parkte ein nagelneuer Geländewagen mit „Jagdschutz-Aufkleber“. Die Haustür öffnete sich und heraus trat ein korpulenter Mann, ganz jagdgrün gewandet und mit umhängender Hundepfeife.

Des Rätsels Lösung: Der Jäger stammte aus dem Ruhrgebiet und hatte vor kurzem in der Nähe ein Revier gepachtet. Als Krönung seines ersten Jagdwochenendes im neuen Revier hatte der Mann seinen Freunden ein umfangreiches Wildessen versprochen. „Nun, er hatte den Mund wohl ein wenig voll genommen. Das ganze Wochenende ohne Anblick! Und da musste er sich halt was einfallen lassen“, schmunzelt Diewald.

Viele Fragen der Anrufer beschäftigen sich jedoch mit ganz banalen Fragen, die eigentlich jeder Jäger beantworten könnte; Niveau: „Hirschbock und Rehkuh“. Doch die Waidmänner gehen in Deckung, statt offensiv Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben. So berichtet Diewald, dass es ihr nicht gelungen war, eine Fernseh-Reportage für die Deutsche Welle zu organisieren. Gezeigt werden sollte ein vier-Minuten-Beitrag über den Hubertustag. Das TV-Team wollte einen Jäger filmen, der sich Zuhause vorbereitet, zur Jagdgesellschaft fährt. Dort sollten stimmungsvolle Bilder entstehen, mit Fackeln und brennendem Lagerfeuer. Und dann sollten die Jäger zur Jagd aufbrechen. Schluss! Doch der Dreh kam nicht zu Stande, denn kein Pächter war bereit sein Revier für die Filmaufnahmen zur Verfügung zu stellen.

Doch die Aktivitäten der dynamischen Pressesprecherin sind mit der Hotline noch lange nicht erschöpft. „Und zwar als eine der ersten Kreisgruppen überhaupt. Das Internet ist ein neues Kommunikationsmedium, von dem wir Gebrauch machen müssen. Im Unterschied zu unseren anderen Aktionen dient die Homepage aber in erster Linie zur Kommunikation innerhalb der Jägerschaft. In unserem Kreis gibt es mehrere Pächter aus dem Düsseldorfer Raum. Die finden hier dann auf einen Blick die für sie relevanten Termine, wie beispielsweise das Hegering-Schießen.“

…die Jäger waren nicht sooo blöd!

Woher Claudia Diewald all die Energie hernimmt, ist ein Rätsel. Schließlich hat die Frau auch noch einen anstrengenden Job: Sie betreut internationale Vermögensverwaltungsgesellschaften für eine deutsche Bank in Luxemburg. Was nicht nur einen Zehn-Stunden-Tag, sondern noch 180 Kilometer Fahrt bedeutet. Doch für kein Geld der Welt würde sie umziehen.

Durch ihren Beruf kam sie auch zur Jagd: Ursprünglich war sie den Jägern („aber nicht der Jagd“) gegenüber durchaus kritisch eingestellt. „Dann suchte mein Chef ein Anwesen mit Jagdgelegenheit. Es kam, wie es kommen musste: Der Mann war dauernd im Ausland unterwegs und ich hatte die Betreuung des 500-Hektar-Reviers am Bein. Und ich werde nie vergessen, als zum ersten Mal zwei Jagdgäste mit einer erlegten Sau aus dem Wald stolzierten. Wir hatten einen eigenen Aufbruchplatz. Und nun lag da dieses tote Tier und mich packte das kalte Grauen. Und in dem Moment, als ich mich verdünnisieren wollte, schnappt mein Chef mich am Schlafittchen und meint, ich solle zuschauen. Und siehe da, das war alles gar nicht so schlimm – und die Jäger waren auch nicht sooo blöd, wie ich immer gedacht hatte. Und irgendwann hat es mir dann ziemlich gestunken: Ich machte die gesamte Arbeit, aber schießen durfte ich nicht. Und deshalb habe ich mich zur Jägerprüfung angemeldet.“ Und stöhnt: „Wenn Du jagdlich nicht vorbelastet bist, hast Du mit der Ausbildung eine harte Zeit vor Dir!“ Und deshalb vermittelt sie auch Jagdscheinanwärter an geeignete Lehrprinzen und Jagdgelegenheiten an revierlose Jungjäger. „Bei uns steht niemand mit dem frischen Jagdschein da und muss sich fragen, was er damit soll“, erklärt sie stolz.

Mittlerweile jagt Diewald im eigenen Revier: vom Staat gepachtet, 100 Hektar groß. Hochwald mit Rehwild und Sauen. Da ist die Hilfe der beiden Jagdscheinanwärter Frank und Manfred gerne gesehen. Von den Jägern der Region hat das Revier längst den Spitznamen „Weiber-Revier“ bekommen. Denn nicht nur, dass dort eine Frau jagt, sondern darüber hinaus wird der Wald von einer Försterin betreut. Doch Claudia Diewald begegnet machohaftem Spott mit Ironie. All’ ihre Hochsitze tragen Männernamen. Und der neueste – errichtet von ihren beiden Jagdscheinanwärtern – besitzt eine angedeutete Terrasse, Vogelhäuschen, Satteldach und Schornstein(-attrappe).

Ihre Öffentlichkeitsarbeit empfindet die engagierte Jägerin durchaus als politische Tätigkeit. Und harsch kritisiert sie die langen Informationswege innerhalb des DJV: „Der DJV als Dachverband hat nur begrenzte Möglichkeiten. Oftmals erreicht er die Jäger an der Basis einfach nicht, denn über den Umweg über die Landesjagdverbände gehen viele Infos verloren. Von dort aus geht’ s an die Kreisgruppen-Vorsitzenden und dann an die Hegering-Leiter. Bis dann der einzelne Jäger die Info hat, sind drei Monate ins Land gegangen – und nur noch zehn Prozent der Info vorhanden. Wir brauchen eine neue, effizientere Struktur!“

So glaubt Diewald fest an das Prinzip der DJV-Doppelspitze. Jemand, der es versteht, im Hintergrund die politischen Fäden zu ziehen – und eine zweite Person, die den Verband in der Öffentlichkeit repräsentiert. Und warum sollte eine solche Person eigentlich keine Frau sein, fragt Diewald selbstbewusst.

Diewald bei der „Hochsitztaufe“. In ihrem Weiberrevier tragen alle Ansitzeinrichtung Männernamen.

 

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