Gedanken zu Bewegungsjagden: Die eierlegende Wollmilchsau?

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Ein erfahrener Revierpraktiker kommt zu dem Schluss, dass großräumige Bewegungsjagden bei entsprechend hohen Wildbeständen in Waldrevieren oder revierübergreifend zwar zweckdienlich, nicht aber das alleinige Maß der Dinge sind.

 

Ortskundige und passionierte Treiber sind vielerorts selten. Oft empfiehlt es sich deshalb, revierkundige Jäger und Rüdemänner (Vordergrund) als Führer der Treibergruppen einzusetzen

Udo-Wolfgang Sauerbrey

Sicher ist es sinnvoll, auch mal über die Vor- und Nachteile verschiedener Jagdarten nachzudenken, um für die Zukunft Schlüsse daraus zu ziehen. An dieser Stelle sollen dabei Bewegungsjagden im Mittelpunkt stehen.

Jäger haben einen Auftrag zu erfüllen, der sich in erster Linie aus § 1 Abs. 2 des Bundesjagdgesetzes definiert: „Die Hege hat zum Ziel die Erhaltung eines den landschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen angepassten artenreichen und gesunden Wildbestandes sowie die Pflege und Sicherung seiner Lebensgrundlagen. Sie muss so durchgeführt werden, dass Beeinträchtigungen einer ordnungsgemäßen land-, forst- und fischereiwirtschaftlichen Nutzung, insbesondere Wildschäden, möglichst vermieden werden.“

Erschwerte Jagd

In den fast allerorts mehr oder minder intensiv genutzten Wäldern unseres Landes wurde die Jagdausübung auf Schalenwild in den letzten Jahren nicht eben erleichtert, was wohlgemerkt nicht als grundsätzlich negative Wertung verstanden werden soll.

Die begrüßenswerte Umstellung der Forstwirtschaft bzw. der waldbaulichen Richtlinien auf einen möglichst naturnah bewirtschafteten, artenreichen und stabilen Wald schafft zusätzliche Deckung (und Äsung!) für das Wild. Auf der anderen Seite frequentieren jedoch immer mehr Wanderer, Sportler, Pilzsammler, Fotografen und weitere „Freizeitaktive“ den Wald und zwingen so das Wild, die größte Zeit in jener Deckung zu verbringen – wozu aber auch Jäger in hohem Maße beitragen können.

Weiterhin erfährt der Gesamtlebensraum durch die fortschreitende Zersiedlung der Landschaft und ihre Zerschneidung durch Verkehrswege eine ständige Verkleinerung. Diesen Gegebenheiten musste sich auch die Jagdausübung anpassen. Folgerichtig gibt es kaum noch größere Forstverwaltungen, die Bewegungsjagden auf Rot-, Dam-, Reh- und Schwarzwild nicht propagieren und betreiben.

Zu den häufigsten Formen der Bewegungsjagd gehören die klassische Drückjagd, die großräumige Ansitzdrückjagd mit ebenso weiträumiger Beunruhigung des Wildes durch Treiber und/oder Hunde sowie die kombinierte Art der gemeinschaftlichen Ansitzjagd mit anschließender Beunruhigung des Wildes – die zuvor ansitzenden Jäger verbleiben auf ihren Ständen. Besonders in Revieren mit einem notwendigerweise hohen Abschusssoll sind die aufgeführten Jagdarten – revierspezifisch gestaltet – sinnvoll.

Nicht überall notwendig

Die Pächter kleinerer Reviere mit niedrigen Abschussvorgaben lassen sich in den meisten Fällen nicht für großangelegte Bewegungsjagden gewinnen. Dort wird in aller Regel der Einzeljagd der Vorzug gegeben, die – wird sie nicht permanent und auf großer Fläche ausgeübt – ebenfalls viele Vorteile in sich birgt.

Der wesentliche Vorteil von Bewegungsjagden in Waldrevieren mit einem hohen Schalenwildabschuss liegt in der Verringerung des Jagddruckes. Das freigegebene weibliche sowie jüngeres männliches Wild kann mit etwas Geschick durchaus auf nur einigen Jagden erlegt werden. Dies führt beim Wild zu größerer Vertrautheit und vermehrter Tagaktivität.

Der dadurch erhoffte und viel beschworene Rückgang von Beeinträchtigungen der Waldvegetation durch Verbiss und Schäle kann aber nur dann eintreten, wenn ein dementsprechendes Äsungsangebot im Revier vorhanden ist. In reinen „Kiefernwüsten“ ohne Kraut- und Strauchschicht z. B. werden sich Schäden auch dann kaum vermeiden lassen.

Wird der Abschuss jedoch nur im Rahmen von Bewegungsjagden getätigt, geht der Kontakt der örtlichen Jäger zum Revier und Wild schnell verloren. Die Beobachtung der Verhaltensweisen des Wildes, das Lernen des Ansprechens, zahlreiche ökologische Verknüpfungen sowie die Zusammensetzung des Wildbestandes wird den Verantwortlichen entgehen, und man verzichtet auf großartige Erlebnisse.

Auch das Vorkommen manch geschützter Tier- oder Pflanzenart wird unbemerkt bleiben, eventuell notwendige Schutz- oder Förderbemühungen unterbleiben.

Der Kompromiss

Deshalb dürfte auch hier ein vernünftiger, abgestimmter Kompromiss, eine vernünftige Kombination von Einzel- und Bewegungsjagd das Mittel der Wahl sein. Vor Extremen sollte man sich hüten!

Die von Bewegungsjagd-Gegnern häufig angeführte Kritik „des sorgloseren Schießens“ ist nicht unbegründet. Bei großangelegten Bewegungsjagden mit hoher Schützenzahl lässt es sich oft nicht vermeiden, dass auch weniger versierte Jäger eingeladen werden.

Dies kann dazu führen, dass Alttiere von ihren Kälbern weggeschossen werden, führende Bachen auf der Strecke liegen oder Rehböcke in der Schonzeit fälschlicherweise als Schmalrehe oder Ricken angesprochen und erlegt werden. Schützen mit allzu lockeren Fingern sollten daher grundsätzlich nicht eingeladen werden – Jäger, die aus Angst vor Fehlern grundsätzlich nicht schießen, allerdings auch nicht.

Gut geplante und durchgeführte Beunruhigungsjagden lassen das Wild in vielen Fällen langsam anwechseln, so dass sorgfältiges Ansprechen und zu verantwortende Schüsse zum Erreichen einer zufriedenstellenden Strecke häufig genug möglich sind. Grundvoraussetzung hierfür ist zunächst die richtige Auswahl und Bauart der Stände.

Das Besetzen von Ansitzjagd-Hochsitzen an Wegen oder schmalen Schneisen zwischen zwei Dickungskomplexen ist meistens unsinnig. Das Wild überfällt diese Lichtbrücken meist fluchtartig, ein sicheres Ansprechen und Schießen ist kaum möglich. Wesentlich sinnvoller ist es, speziell angefertigte „Drückjagdböcke“ in Alt- und Stangenhölzern, an Wechseln, seitlich lichten Rückeschneisen usw. zu postieren.

Diese „Drückjagdböcke“ sind relativ leicht, ermöglichen rundum sichere Schüsse und lassen sich mit Trecker und Frontlader problemlos umsetzen. Die Befragung der Schützen und die Optimierung des Standortes für spätere Treiben steigern den Jagderfolg.

Speziell an Wechseln sollten diese Sitze nur im Ausnahmefall zur Einzeljagd genutzt werden, da es sonst mit dem ruhigen Anwechseln des Wildes bald vorbei ist – welcher Jäger würde konsequent und über Jahre bekannte Straßen oder Pürschwege nutzen, auf denen er selbst, seine Familienmitglieder und andere „Artgenossen“ regelmäßig beschossen werden?

Der Einsatz von Hunden muss sorgfältig überdacht und geplant sein. Ihr Einsatz ist jedoch zumindest in großen Waldrevieren mit hohem Dickungsanteil und/oder dichten Strauchpartien (Brombeere, Traubenkirsche usw.) absolut notwendig – dort können Treiber allein nicht viel bewegen.

Schnelle hochläufige Jagdgebrauchshunde scheiden bis auf wenige Ausnahmen von vornherein aus – klagende Rehe in Kulturzäunen usw. gehören zu den sonst bekannten Folgen. Gute Erfahrungen wurden mit Deutschen Wachteln, verschiedenen niederläufigen Brackenrassen, Terriern und Teckeln gemacht, wobei dem Teckel
durch einen starken Geländebewuchs oft natürliche Grenzen gesetzt sind.

Selbstverständlich müssen die Hunde laut jagen – nur so kann sich der ansitzende Jäger auf das anwechselnde Wild vorbereiten. Weitjagende Hunde können zum Problem werden, denn nicht immer lässt sich mit dem Jagdnachbarn eine entsprechende Vereinbarung treffen.

Will man hohe Strecken im Hochwildbereich erzielen, ist es wichtig, dass die eingesetzten Hunde in der Lage sind, ein größeres Rudel bzw. eine Rotte zu sprengen. Auf diese Art und Weise werden normalerweise mehrere Schützen Anlauf haben, und es kommen entsprechend viele Stück Wild zur Strecke.

Bewegungsjagden können in passenden Waldbeständen und bei guter Revier- und Wildkenntnis aber auch ohne Hunde durchgeführt werden. Anstelle der Hunde werden dann ausschließlich Treiber eingesetzt. Diese sollen aber nicht mehr im ursprünglichen Sinn fungieren, sondern mehr als „Beunruhiger“ über die gesamte Dauer des Treibens durch das Gelände ziehen. Die knackenden Zweige unter den Schuhen, verhaltene Rufe oder hier und dort ein leichtes Schlagen mit dem Stock an einen Baum genügen oft schon, um das Wild in Bewegung zu setzen.

Ortskundige und passionierte Treiber

Dabei lässt sich natürlich nicht das letzte Stück Rotwild oder jede Rotte Sauen aus der Dickung treiben, auch werden einige sich drückende Rehe einfach überlaufen, doch ist der Jagderfolg in der Regel zufriedenstellend. Das A und O dieser Art Jagd sind, wie erwähnt, eingehende Kenntnisse über das Revier und das Verhalten des Wildes, besonders über dessen Einstandswahl, sowie ortskundige und passionierte (!) Treiber.

Im Zweifel empfiehlt es sich, einen revierkundigen Jäger quasi als Obertreiber in jeder Gruppe fungieren zu lassen. In größeren Revieren sollten mehrere Treibergruppen verschiedene Revierteile gleichzeitig beunruhigen. Das hat den Vorteil, dass das Wild überall rege wird. Es versucht auszuweichen und kommt dabei in den Bereich der nächsten Treibergruppe. Die Schüsse der einzelnen Jäger tragen ebenfalls dazu bei, das Wild in Bewegung zu halten.

Der Erfolg einer Bewegungsjagd hängt jedoch nicht nur von einer guten Organisation, sondern im wesentlichen auch von der Schießfertigkeit der Schützen ab. Es hat keinen Sinn, die einzelnen Stände zu verlosen, da in bestimmten „Ecken“ erfahrene Jäger vonnöten sind, die schnell und sicher ansprechen und dann ebenso schnell und entschlossen das ausgesuchte Stück Wild mit gutem Schuss zur Strecke bringen können.

Das soll nicht heißen, dass dem jagdlichen Nachwuchs keine Chance eingeräumt wird. Doch sollte von den Ständen unerfahrener oder wenig versierter Jäger einfacher gejagt werden können. Mit wachsender Erfahrung im Ansprechen und Schießen lässt sich der Nachwuchs dann auch an schwierigeren Plätzen erfolgreich einsetzen.

Das Ziel einer großräumigen Bewegungsjagd muss immer eine hohe Strecke sein, denn ihre Organisation ist aufwendig, sowohl in finanzieller als auch in zeitlicher Hinsicht. Dieser Aspekt sollte allerdings nicht dazu führen, dass auf jedes anwechselnde Stück Wild blindlings geschossen wird oder ausprobiert wird, ob man mit der Büchse auch auf 300 Meter Entfernung noch trifft. Die Nachbarn sind ja fern und ein Schuss mehr oder weniger fällt nicht auf…

Auch bei Bewegungsjagden muss die Tierschutz- bzw. Waidgerechtigkeit an erster Stelle stehen. Dazu gehören bekanntlich nachweislich brauchbare Jagdhunde, die auch schwierigen Nachsuche gewachsen sind. Im optimalen Fall stehen für jede Jagd jeweils erfahrene Nachsuchengespanne zur Verfügung. Hierzu ist es jedoch notwendig, die anstehenden Jagdtermine mit den Schweißhundstationen frühzeitig abzusprechen.

Weniger ist oft mehr

Vor dem Hintergrund eventuell notwendiger Nachsuchen sollten Bewegungsjagden möglichst schon mittags beendet sein. Kaltes Wetter und Frost lassen sich nicht bestellen und weniges auf der Jagd ist ärgerlicher, als viele Kilogramm kostbaren Wildbrets verhitzt oder angeschnitten verwerfen zu müssen.

Da erlegtes Wild je nach Dauer der Jagd unter Umständen ohnehin einige Zeit unversorgt liegen bleiben muss, sollte es nach deren Ende vor Ort unverzüglich aufgebrochen werden. Bei längeren Treiben können Aufbrechpausen eingeplant und zeitlich festgelegt werden. Doch nicht selten wechselt gerade dann weiteres Wild an, wenn der Jäger mit dem Aufbrechen beschäftigt ist. Darüber hinaus ist ein Schuss zu ebener Erde schon aus Sicherheitsgründen oft nicht möglich. Einmal mehr liegt also in der Kürze die Würze.

In keinem Fall sollte ein Treiben länger als drei Stunden dauern. Die Konzentration der Jäger lässt nach, die Treiber und Hunde werden müde usw. Nicht selten werden die schwierigsten Nachsuchen unmittelbar vor Ende der jeweiligen Jagd verursacht.

Kennt man einen jagdlich passionierten Wildhändler, ist es empfehlenswert, ihn zur Jagd einzuladen. Das erlegte Wild kann dann gleich am Streckenplatz verwogen und abtransportiert werden. Hierbei ist jedoch darauf zu achten, dass bei großen Strecken ausreichend Transport- und Lagerkapazität vorhanden ist, wobei die einschlägigen Verordnungen zu beachten sind.

Unterm Strich

Professionelle Bewegungsjagden sind – bei entsprechend hohen Wildbeständen (!) – fraglos geeignet, in möglichst kurzer Zeit hohe Strecken zu erzielen, und können so den Jagddruck wesentlich mindern. Doch wo
z. B. soll der Jungjäger Erfahrung im Ansprechen sammeln und Sicherheit und Vertrauen zum eigenen Schuss gewinnen, wenn nicht auf dem Einzelansitz? Daher sollte ein ausgewogenes Nebeneinander beider Jagdarten weiterhin Bestand haben. Denn auch der sachgerecht durchgeführte Einzelansitz muss nicht zwangsläufig zu einem erhöhten Jagddruck führen.

 

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