Unruhe im Schweißhundelager

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Quer gedacht und hinterfragt:
Das Jahr 2003 begann in der Jagdhund-Szene mit der ersten Mitgliederversammlung des neu gegründeten „Deutschen Schweißhundeverbandes“. Die Frage muss erlaubt sein, ob es dafür überhaupt einen Bedarf gibt. Bis dato 150 Mitglieder meinen, der Verein war lange überfällig.

 

Der Verein Hirschmann, für den Hannoverschen Schweißhund, und der Club für Gebirgsschweißhunde 1912 wittern Konkurrenz. Der neue Verein stellt an sich selbst den Anspruch, das Defizit geeigneter Schweißhunde für Nachsuchen ausgleichen zu wollen

Der Gründungsakt fand am 30. November 2002 statt, und die erste große Mitglieder(werbe-)versammlung des neuen „Deutschen Schweißhundeverbandes“ wurde am 25. Januar 2003 im fränkischen Rehau durchgeführt. Der Anfang ist also gemacht!

„Die gegenwärtige Zahl verfügbarer und leistungsgeprüfter Schweißhunde reicht für die Anforderungen der Jagd in Deutschland nicht aus. Deshalb wollen wir in unserem neuen Verband absolut HD- und epilepsiefrei mit hohen Leistungsanforderungen züchten und ausbilden, um das vorhandene Defizit und den Bedarf mit ausgleichen zu helfen. Dabei legen wir großen Wert auf eine freundschaftliche und kameradschaftliche Zusammenarbeit aller Mitglieder mit- und untereinander, unabhängig von einer möglichen unterschiedlichen gesellschaftlichen Reputation des Einzelnen im öffentlichen Leben“, so der inzwischen bekannte BGS-Züchter Peter Militzer gegenüber WILD UND HUND.

Unmutsbekundungen

Neben dem „Verein Hirschmann“ für den Hannoverschen Schweißhund (HS) und dem „Club für Bayerische Gebirgsschweißhunde 1912“ (BGS), als den ältesten und bedeutensten Rassevereinen, existieren noch etwa zehn Splittergruppen.

Von einer Reihe Mitglieder der genannten etablierten Vereine waren deutliche Unmutsbekundungen zu vernehmen, die vom neuen Schweißhundeverband nicht unbeantwortet blieben. „Ohne mit uns zu sprechen, glauben einige Besserwisser, uns den Niedergang der Leistungszucht, Förderung von Schwarzzuchten, Vermittlung von Hunden in ungeeignete Führerhände mit wenig Einsatzmöglichkeiten und Geschäftemacherei mit einer Welpenschwemme unterstellen zu können“, so der Erste Vorsitzende des neuen Vereins, Wolfgang Schulze.

Einige Dinge hinterfragen

Deutlich war zu spüren, dass sich unter den „Kopfhunden“ der Schweißhundeszene einige hartnäckige politische Differenzen, die sich aus den Altlasten unserer jüngeren Vergangenheit ergeben, so lange halten, dass eine Zusammenarbeit oder gar ein Zusammengehen fast unmöglich erscheint. Hier wird manchmal der Eindruck erweckt, dass das gemeinsame Anliegen, die Erfordernisse der Rassen in ihrer dienenden Aufgabe für die Jagd, erst an zweiter Stelle kommt. Dies wird besonders dem Vorsitzenden des „Club für Bayerische Gebirgsschweißhunde 1912“, Andreas Mayer, angelastet, der die Zusammenarbeit einiger Mitglieder des neuen Verbandes mit den slowakischen Schweißhundezüchtern torpedieren würde und der, zumindest für die Mitglieder aus den neuen Ländern, den Terminus „Rote Socken“ etwas zu häufig strapaziert.

Schriftlich äußerte sich dieser zu der übermittelten Einladung nur: „Es ist bedauerlich, dass man mich nicht vor der Gründung des Verbandes angehört hat, meine Meinung eingeholt oder Kritik oder Kritikpunkte am Schweißhundewesen mitgeteilt hat“ und weiter „… Ihre Ini-tiative und die Ihrer Mitglieder wäre, wenn sie denn auf die fachgerechte Nachsuche gerichtet ist, in einem der traditionellen Schweißhundevereine Deutschlands besser investiert, als in einem zusätzlichen Verein.

Nun ist ja die Jagd und damit auch der Jagdhundebereich mit seinen vielschichtigen Rasse- und Organisationsstrukturen ein in der Streitkultur manchmal sehr von Emotionen geprägtes Gebiet. Ob nun der neue Verband, der gegenwärtig selbstbewusst seine ersten stotternden Schritte geht, gebraucht wird oder nicht, darüber lässt sich trefflich streiten. Fakt ist, es muss ein Nährboden für eine solche Neugründung, ein Bedarf oder Defizite bei den vorhandenen Verbänden geben. Deshalb lohnt es sich schon, einige Dinge zu hinterfragen.

Unsere Jagdhunderassen sind das Ergebnis langjähriger Zucht für einen konkreten jagdlichen Einsatzzweck. Ob das gegenwärtige Rassespektrum in ihrer prozentualen Verteilung noch den veränderten Jagdbedingungen, wie dem Rückgang der Niederwildbesätze und der deutlichen Zunahme der Schalenwildbestände, entspricht, darf bezweifelt werden. Die mehr oder weniger sachlich geführte Debatte über die Eignung hochläufiger Hunde für Bewegungsjagden und ein ständig zunehmender Bedarf an Hunden für die Schweißarbeit, sind sicher auch Indikatoren dafür.

Spitzenleute mit Spitzenhunden

Bei einer Jahreshochwildstrecke von 650 000 Stück kann man unterstellen, dass auf zehn gestreckte Stücke eine bis zwei Nachsuchen, von Kontrollsuchen abgesehen, anfallen. Bleibt man bei einem Stück, und das sind dann immerhin 65 000 Nachsuchen, so ist es sicher nicht unbillig, ein Drittel davon, also rund 22 000 zu den erschwerten Nachsuchen, die Arbeit für den Spezialisten, zuzuordnen. Hierbei sind Nachsuchen, die zum Teil mit ungeeigneten Hunden im Vorfeld erfolglos verliefen und dadurch zusätzlich zur Erschwernis führten, eingerechnet.

Dass bei den 1 070 645 erlegten Rehen auch Nachsuchen für den Spezialisten anfallen, ist in die oben angeführte Rechnung noch gar nicht einbezogen.

Der „Verein Hirschmann“ und der „Club für Bayerische Gebirgsschweißhunde 1912“ rechneten im vergangenen Jagdjahr für insgesamt 417 Hunde 7 708 erfolgreiche erschwerte Nachsuchen, also etwa 18 je Hund ab. Das ist ein Drittel des unterstellten Bedarfes. Sicher ist es nur fair, darauf hinzuweisen, dass in beiden Verbänden Spitzenleute mit Spitzenhunden tätig sind, die mit 50, 100 oder mehr Nachsuchen im Jahr einen freundlichen Einfluss auf diese Statistik haben. Die übrigen zwei Drittel der oben unterstellten Nachsuchen wurden damit zwangsläufig zur Aufgabe der anders organisierten (ob anerkannt oder nicht) Schweißhunde oder der Spezialisten der übrigen Jagdhunderassen.

Sehnsucht nach verbandspolitischer Autonomie

Beide Vereine, HS und BGS, hatten zusammen im vergangenem Jahr 88 Welpen zu vergeben. Eine Zahl die ebenfalls nachdenklich macht, da damit wohl nicht einmal die einfache Reproduktion für den Bedarf der eigenen Mitglieder gesichert werden kann.

Die Anzahl der Nachsuchen spricht für eine Steigerung der Welpenzahlen. Nicht weil sie so unheimlich in Mode gekommen sind, sondern weil es Jäger gibt, die waidgerecht mit einem brauchbaren Hund nachsuchen wollen. Und welche eignen sich aufgrund der Auslesezucht besser als die HS und BGS.
Es war kein Problem, auf der „Jagd und Hund 2003“ in Dortmund eine Jagdreise auf die „Big Four“ in einem afrikanischen Land, eine Eisbär- oder Walrossjagd in Kanada oder Sibirien und gleich noch die passende Waffe dazu zu kaufen, aber eine erfolgreiche Verhandlung zur Anschaffung eines Schweißhundes war, im Gegensatz zu den anderen dort vertretenen Jagdhunderassen, nicht möglich.

Hier könnten die Gründe für die Bildung neuer Vereine, Zunahme von sogenannten Schwarzzuchten und dubiosen Importen liegen. Vielleicht sind die genetischen Basteleien für die Schaffung einer neuen Schweißhunderasse, dem „Schwarzwälder Schweißhund“, auch ein wenig Ausdruck für die Sehnsucht einiger Züchter und Führer nach verbandspolitischer Autonomie. Inzwischen wurde aus diesem Lager bereits Interesse an einem Zusammengehen mit dem neu gebildeten Verband signalisiert.

Die etablierten Vereine, denen das unbestrittene Verdienst zusteht, unsere Schweißhunde durch Züchtung, hohe Prüfungsanforderungen und die Sicherung häufiger und schwierigster Nachsucheneinsätze auf das gegenwärtige hohe Leistungsniveau geführt zu haben, stehen nun vor dem Dilemma, mit dieser neuen Situation umgehen zu müssen.

Optimismus und Offenheit

„Schade wäre, wenn eine Vergrößerung unseres Verbandes zu Lasten der von uns so geliebten familiären Atmosphäre im Umgang miteinander gehen würde. Bei uns wird man nicht einfach Mitglied, sondern man heiratet hinein“, so ein ungenannt bleiben wollender „Hirschmann“ im Gespräch mit WILD UND HUND.

Ihrer Philosophie entsprechend extrem hohe Anforderungen an die Eignung neuer Mitglieder und eine Politik der Welpenverknappung spielt dem von ihnen so verdammten „neuen Markt“ direkt in die Hände. So stehen als Alternative nur Überlegungen einer stärkeren Öffnung und damit auch einer erleichterten Aufnahme in ihre Verbände, um nach ihrer Auffassung mögliche Schäden für die weitere Entwicklung ihrer Rassen abzuwenden, oder sich grollend auf die bisherigen elitären Positionen zurückzuziehen und damit eine „Zweiklassengesellschaft“ im Schweißhundelager zu fördern.

Hirschmann-Vorsitzender Dr. Georg Volquardts reagierte verärgert: „Die Gründung eines solchen Verbandes kann meines Erachtens auch nicht zielführend sein, weil die Grundlagen für eine Mitgliedschaft im Jagdgebrauchshundverband ebenso wie im VDH wohl nicht gegeben sind. Dies bedürfte vorab einer Klärung. Im übrigen arbeiten die federführenden deutschen Schweißhundvereine im Internationalen Schweißhundverband sehr eng zusammen, so dass es auch von daher keinerlei Verbandsbildungen bedarf.“

Der neugegründete „Deutsche Schweißhundeverband“ konterte mit dem Nachweis von bereits jetzt vorhandenen zwölf Zuchtlinien als Grundlage für die erfolgte Antragstellung auf Mitgliedschaft im VDH, der bisherigen Meldung von ebenfalls zwölf Hunden für die Weltsiegerausstellung des SCI und VDH am 29. Mai 2003 in Dortmund und der bereits jetzt erfolgten Voranmeldung von jeweils fünf Hunden für die „Internationale“ 2004 und 2005 in Birmingham.

Ob die Träume des neuen Vorsitzenden Wolfgang Schulze von einem einheitlichen Dachverband aller Schweißhundezüchter und -führer (unter welchem Namen und unter welcher Leitung auch immer – so er persönlich) Wirklichkeit werden können, scheint in der gegenwärtigen Situation doch recht zweifelhaft. Sein Leitspruch „Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen“ zeugt zumindest von Optimismus und Offenheit.

Beide Vereine, HS und BGS, hatten im letzten Jahr 88 Welpen zu vergeben. Viele sprechen von künstlicher Verknappung und fordern eine Ausweitung der Zucht. Einige europäische Nachbarn haben das deutsche Probelm erkannt und bieten ihre Schweißhunde bei uns an

 

 

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