„Badereise“ in die Uckermark

1842


Jagdliche Erinnerungen vom „Wilden Jäger“:
Unter dem Pseudonym „Der wilde Jäger“ veröffentlichte Walther L. Fournier zwischen 1895 und den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts rund 100 Artikel in „WILD UND HUND“. Dass sich seitdem jagdlich sehr viel geändert hat, zeigt dieser Beitrag, in dem es um die Jagd mit dem „Auf“ geht.

 

Von Walther L. Fournier

Um meinen Freund, den „Sittenbeamten“ zu besuchen, trat ich am 20. März meine erste und einzige Badereise in jenem Jahre an. Er hatte mich wiederholt und dringend eingeladen, ich hatte weiter nichts zu versäumen und fuhr also hin. Sein Chateau liegt in der Uckermark, in der Gegend von Prenzlau. Wald giebt’s dort nicht, dafür gedeiht der Weizen umso besser.

„Herrgott

Wie kommt der Mann zu dem verdächtigen Namen? wirst du fragen. Nun, ich will es dir erzählen. Saß da mal vor vielen Jahren im Restaurant des Savoyhotels in Berlin in der „wilden Jägerecke“ eine sehr vergnügte Gesellschaft; ein paar Kavalleristen, ein paar Agrarier und noch ein paar anständige Menschen. Man speiste wie gewöhnlich gut und sprach der berühmten Röte Nr. 15 eifrig zu. Ein paar reizende junge Damen waren auch dabei, und das erhöhte nur die Gemütlichkeit dieses Zauberfestes. Spät, sehr spät war es geworden, die Kapelle hatte den wilden Jägermarsch gespielt, sie hatte auch „ich schieß’ den Hirsch im wilden Forst“ blasen müssen, wobei ich zum Entsetzen des übrigen Publikums auf einem Sektglase den Brunftschrei des Kapitalen mächtig erschallen ließ, und die Kapelle war darauf vom Oberkellner, der ein weiteres gemeinschaftliches Konzert befürchtete, schleunigst entfernt worden. Die Wogen der Begeisterung gingen immer höher; der „Unglaubliche“ röhrte auf einem Sektkühler, während „Bärenmeyer“ mit seiner Dame verliebte Blicke tauschte; der „Mädchenräuber“ pfiff auf vier Fingern die Marseillaise, und im Hintergrunde rotteten sich die Kellner zusammen – und in dieses unglaubliche Chaos trat plötzlich die 7 Fuß hohe und 4 Fuß breite imposante Gestalt des Cremzowers, der von seiner Scholle hergeeilt war, um das Fest des wilden Jägerordens mitzufeiern. Lautlose Stille empfing ihn, während seine kalten Augen von einem zum anderen wanderten. „Herrgott, ein Sittenbeamter“, kreischte plötzlich jemand und schüttelte sich vor Entsetzen – und von Stund’ an hieß er „der Sittenbeamte!“ –

Zu ihm also trat ich damals meine einzige „Badereise“ an. Es war der 19. oder 20. März, das weiß ich nicht mehr genau. Dessen aber entsinne ich mich noch ganz sicher, daß an jenem Tage eine blödsinnige Kälte herrschte und ein lustiges Schneegestöber auf die, eines solchen Anblicks gänzlich ungewohnte Erde herniederwirbelte. Schnee hatten wir im Winter 1898/99 bis dahin überhaupt so gut wie garnicht gehabt. Ich hatte den ganzen Winter über den Mangel an Schnee geflucht, und nun, wo ich meinen Revieren den Rücken drehte, kam er dicker als es gerade wünschenswert war. Mancher meiner Leser wird sich wohl noch entsinnen, daß diese plötzliche und unerwartete Kälte ziemlich 10 Tage anhielt. Der Schnee ging einem bis an den Bauch, und bei kaltem Wind, es waren bis –20 Grad Réaumur, ging einem durch „Mark und Pfennig“, und diese lustigen 10 Tage verbrachte ich beim Sittenbeamten.

Eine kleine bewaffnete Schlittenfahrt

Was unsere Hauptbeschäftigung während dieser Zeit war, wird sich wohl jeder denken können. Bis 10 Uhr wurde geschlafen, dann Kaffee getrunken, dann entfachte man ein Kaminfeuer und eine Zigarre und log sich eine halbe Stunde an. Inzwischen war von der liebenswürdigen Gnädigsten der Kaffeetisch in einen Frühstückstisch verwandelt worden, die Zigarre war ausgeraucht und das Kaminfeuer heruntergebrannt. Man ging also wieder in das Eßzimmer und frühstückte, und zwar nicht zu knapp. Eine schwere Zigarre auszurauchen, ist keine leichte Arbeit und macht den Menschen hungrig. Das Kaminfeuer trocknet die innere Feuchtigkeit aus und macht den Menschen durstig. Es blieb einem also weiter nichts Übrig, als zu essen und zu trinken. Der Nachmittag verging auf ähnliche Weise, und der Abend auch, und wenn man vor leeren Flaschen in der Wohnstube nicht mehr treten konnte, dann ging man zu Bett.

An die freie Atmosphäre sind wir in den ersten drei Tagen überhaupt nicht gekommen. Es sah dort auch wenig verlockend aus. Ein eisiger Nordwind fegte über die blanken Felder, und unaufhörlich wirbelte und stiebte der Schnee herunter. Draußen war nichts zu wollen und nichts zu holen, so blieben wir also als vernünftige Menschen im Zimmer. Endlich am 22. klärte sich das Wetter auf, und wir beschlossen, um unsere Verdauung etwas zu verbessern, eine kleine bewaffnete Schlittenfahrt zu unternehmen. Nebenbei wollten wir auch die Krähenhütte auf ein Stündchen besuchen. Krähenhütte war mir neu, ich sah der Sache also mit einer gewissen Spannung entgegen.

„Richtig

Mit Mühe und Not arbeiteten wir uns durch tiefen Schnee einen Berg hinauf und schlieften in die Krähenhütte ein. Die erste Begrüßung, die mir innen zuteil wurde, war eine Hand voll Schnee, die mir in den Kragen fiel und langsam, aber sicher den Rücken bis dahin herunterrutschte, wo er aufhört einen anständigen Namen zu führen. Brrr, das war häßlich, ich fing gelinde an zu fluchen, denn der Aufenthalt in dem Krähenloch (’ne Hütte war dagegen ein anständiges Gebäude) schien mir nicht allzu behaglich zu werden. Der Sittenbeamte tröstete mich und holte eine Pulle Rotspohn aus der Tasche. Aber auch dieses Mittel zog nicht, es war bei 15 Grad Kälte eine verfehlte Idee; das Zeug war lausig kalt, Cognak wäre besser am Platze gewesen. Ich fluchte weiter, aber nun schon etwas lauter, und machte dem Sittenbeamten den Vorschlag, wieder nach Hause zu fahren.

„Aber, mein Gott“, sagte der, „es soll ja erst losgehen. Sehen Sie, der Uhu markiert schon!“ „Wer?“ fragte ich verblüfft „Uhu? wo denn? Ich sehe von dem Vieh überhaupt noch nichts.“ „Na, hier durch die Ritze. Sehen Sie ihn denn nicht? Achtung, da kommt ‘ne Krähe, nehmen Sie schnell die Flinte, gleich kommen noch mehr.“ Und damit drückte er mir seine Flinte in die Faust. (Ich nehme solch Schießeisen nie auf Reisen mit, höchstens die Büchse.)

„Mensch“, sage ich, „da soll doch gleich das Donnerwetter reinschlagen, Sie sind doch einen halben Meter größer als ich, wie soll ich denn da durch Ihre Ritze gucken können. Ich dachte, das wäre ein Luftloch oder der Rauchfang für die Zigarre. Apropos, geben Sie mal eine Glimmrübe her, ich friere an der Nase.“

„Wilder, Sie sind ein schrecklicher Kerl“, stöhnte der Sittenbeamte „hören Sie nicht wie die Krähen toben? Ich hätte mindestens schon sechse geschossen. So, da ist ein Toback, nun aber schnell …“ Und damit wühlte er den Schnee nach einer Ecke zusammen, stampfte darauf herum, wie der Elefant auf einem Löwen, und baute mir so ein Podium, durch das ich aus seiner Ritze gucken konnte. „Dunnerlichting, da ist schon ein Bussard, los, Wilder, kommen Sie hier herauf, das wird gehen, nun aber schnell.“

Meinen Toback hatte ich inzwischen angefunzelt, und allmählich begann sich auch die Jagdpassion bei mir zu regen. Ich kletterte also auf den Schneehaufen und äugte durch die Ritze: „Richtig, ein Bussard, da sitzt das Aas, na warte.“ Und bedächtig zog ich die Flinte an die Backe.

„Halt, halt“, schrie der Sittenbeamte, „das ist ja der Uhu, schießen Sie mir um Gottes willen meinen Auf nicht tot.“ „Ach so“, sagte ich gedehnt, „das ist der Uhu; schade, der sitzt mir so bequem, halt, da kommt ’ne Krähe“ – rumms! Verfluchte Schweinerei, die ganze Bude war voll Rauch, und eine Schneelawine stürzte auf uns herab. Ich hatte nämlich durchs Dach geschossen. „Verdammt“ sagte ich wütend, „da soll der Deibel schießen können, man wird ja immer erst fertig, wenn die Bestien weg sind.“ Und schon kam eine zweite Krähe, – plauz! – die lag.

Ein ganzer Schwarm Krähen mit lautem Getöse

„Weißt du, Sittenbeamter,“ sage ich gemütlich, „wenn die Beester als Querreiter kommen, dann lasse ich mir den Scherz gefallen. Der Uhu sitzt einem dabei bloß im Wege.“ „Vorsicht, Vorsicht“, warnte jener, „der kostet mir 30 Mark, und ich habe keinen zweiten zu vergeben.“ „30 Meter, hm! Wenn ich nun ,Sauerhering’ wäre, dann schösse ich ihn runter, ich habe noch keinen in meinem Schußbuch.“ Jetzt kam ein ganzer Schwarm Krähen mit lautem Getöse herangekrächzt.

„Los, los!“, mahnte der Sittenbeamte. „Den Deibel auch! Glauben Sie etwa, ich bin hier hergekommen, um Ihnen die Krähen zu vertilgen. Fällt mir garnicht ein; jetzt will ich noch ‘nen Raubvogel schießen, und dann ist mein Bedarf gedeckt. Passen Sie mal auf, da kommt schon einer.“ Rumms! – und vergnügt flog er von dannen. „Hä, hä, hä,“ krähte der Sittenbeamte, besonders treffen können Sie nicht.“ „Is’n Wunder,“ repliziere ich ginsend, „so wie Sie mit der Büchse, so schieße ich ungefähr mit der Flinte.“ „So? Na, wie schieße ich denn mit der Büchse?“ „Na, wissen Sie das nicht mehr? Meerschtenteels doch vorbei, sogar auf abgeschrittene 26 von 1 1/2 Zentnern dreimal. Haben Sie das schon vergessen?“ Der Sittenbeamte knurrte. „Achtung, da kommt er wieder!“

Jeder nach seinem Geschmack

Plauz – „hä, hä, hä,“ lache ich grinsend. „Sehen Sie, da liegt er. Nun aber Schluß. Mir frieren alle Knochen!“ Erleichtert atmete ich auf, als ich aus der Hütte war. „Einmal und nicht wieder, Verehrtester, krieche ich in solche Erdspelunke. Sie können es wohl garnicht erwarten, unter die Erde zu kommen? Was? Das ist ja einfach graulich. Von der Welt sieht man nichts als einen schmalen Ritz und davor sitzt ‘ne Eule, und drum rum tosen Krähen, da knallt man dazwischen. Das nennen Sie nun Vergnügen, Jagd mit dem Auf, Krähenhütte oder dergl. Pfui Deibel. Da könnte ich in ebensogut in meiner Heide ein Dutzend Schießscharten nehmen, drum rum eine Kartoffelmiete bauen, und wenn die Hirsche kommen, ihnen in die ,Fresse’ donnern. Das wäre ungefähr dasselbe.“

„Hoho“, eiferte der Sittenbeamte, „das ist denn doch ganz was anderes. Bedenken Sie doch das viele fliegende Gesindel, was man auf diese Weise unschädlich macht. In einem Revier mit guter Niederjagd ist die Krähenhütte unentbehrlich. Man muß sie haben.“ „Schön“, erwiderte ich gelassen, „in der Beziehung gebe ich Ihnen vollkommen recht. Aber überlassen Sie doch diesen Scherz dem Jagdpersonal. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach rangiert Krähenhütte auf einer Stufe mit Strychnin, Kastenfalle, Tellereisen, Pfahleisen, Würgefalle, Schwanenhals, Frettchen, Drahtschlinge und dergl. mehr; vornehmer Jagdbetrieb ist es in meinen Augen jedenfalls nicht!“

„Hm, das kann ja jeder halten wie er will. Ich habe schon viele genußreiche Stunden in der Hütte verlebt. Das Beobachten des Uhus, der Raubvögel, das schnelle Schießen müssen u.s.w. Und dann, was soll man im März und April, wenn man weder Auerhahn, Schnepfe oder Birkhahn hat, jagdlich anfangen? Nein, Wilder, ich lasse auf meine Krähenhütte nichts kommen.“ „Chacun à son gôut (Jeder nach seinem Geschmack). Wissen Sie, Sittenbeamter, wenn Sie ‘ne Tochter hätten, von 20 Jahren etwa, und die wäre eben so hübsch, wie man es bei ,die’ Eltern erwarten könnte, dann – ja dann – würde ich mich allenfalls bewegen lassen, mit ihr die Krähenhütte zu besuchen. Unter gewissen Bedingungen natürlich, – und der Elefant, pardon Uhu, könnte meinetwegen ruhig zu Hause bleiben. In diesem, aber auch nur in diesem Falle würde ich mir von der Krähenhütte unter Umständen viel Vergnügen versprechen. So, und nun wollen wir nach Hause fahren.“

Der Sittenbeamte erwiderte nichts mehr, und wir stiegen in den Schlitten und gondelten auf Umwegen nach Hause.

Unterwegs schoß ich noch mit meiner Büchse einen Kranich. Diese Vögel standen zu Hunderten auf der Saat herum, und ihr „melodisches“ Geschrei erfüllte die Luft. Sie machten einen höchst deprimierten Eindruck. Die eisige Kälte und der tiefe Schnee waren ihnen mindestens ebenso unerwartet gekommen, wie uns Menschen. Auch Lerchen, Kiebitze und andere Frühlingsboten sah man schon in Menge, doch wohl ein Zeichen, daß sich auch die Vögel nicht, wie vielfach behauptet wird, besser auf Wetterprognose verstehen, wie Professor Falb und andere Koryphäen dieser Wissenschaft.

Sehnsüchtiges Warten auf den ersten Mai

Noch einmal ging ich dem Sittenbeamten zu Gefallen mit in seine geliebte Krähenhütte und schoß bei der Gelegenheit sechs Krähen und vier Bussarde. Auch diesmal konnte ich der Sache keinen großen Geschmack abgewinnen. Meiner Meinung nach besteht ein recht hoher Prozentsatz aller aus der Krähenhütte abgeschossenen Raubvögel im Bussard. Daß der Bussard aber ein überwiegend nützlicher Vogel ist, darüber besteht wohl bei den meisten Jägern kein Zweifel mehr. Jedesmal, wenn man ihn auf Abwegen ertappt, beim Kröpfen von Junghasen oder dergl., wird dieser Fall sofort in den Jagdzeitungen breitgetreten und als Schlußfolgerung seine Schädlichkeit proklamiert. Aus dem verhältnismäßig recht spärlichen Eingehen solcher Delikte aber kann man doch mit Sicherheit auf seine sonstige, überwiegend nützliche Thätigkeit schließen. Bei dem großen Verbreitungsgebiet und der Häufigkeit des Bussards würden andernfalls Berichte über seinen Schaden so massenhaft einlaufen, daß sämtliche Jagdzeitungen wegen Überhäufung mit Material einmal öfter als sonst in der Woche erscheinen könnten. Ich möchte also unbedingt für Schonung des Bussards in der Krähenhütte plaidieren.

Einen recht erfreulichen jagdlichen Erfolg hatte ich doch noch an diesem zweiten Krähenhüttentage zu verzeichnen. Es gelang mir nämlich, einen auf einer offenen Stelle im T…er See eingefallenen wilden Schwan anzubirschen und eine erfolgreiche Kugel anzubringen. Es war dies meiner erster Schwan. Von der Meisterhand Otto Bock’s, Berlin, ausgestopft, hängt er jetzt in meinem Arbeitszimmer, und gern erinnere ich mich bei seinem Anblick der fröhlichen Tage und wahrhaft fürstlichen Verpflegung bei Cremzower und seiner liebenswürdigen Gattin. 20 Pfund hatte ich in den 10 Tagen zugenommen, die Knöpfe platzten mir von den Sachen und sehnsüchtig erwartete ich den ersten Mai, um das überflüssige Feist wieder herunterzulaufen.

 

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