Kia Retona im Reviereinsatz

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Seit dem vergangenen Jahr ist die Palette an Geländewagen um ein Modell reicher geworden: den Kia Retona. Weil kompromisslos geländetaugliche Autos – als solches preist Kia sein neues Modell an – zu erschwinglichen Preisen bisher auf dem Markt eher die Ausnahme sind, wollten wir wissen, was der Koreaner wirklich drauf hat.

Erinnert an den legendären Willis Militärjeep. Die zweifarbige Lackierung kostet knapp 900 DM Aufpreis

von Frank Martini

Auf den ersten Blick ist der Retona – vorsichtig ausgedrückt – gewöhnungsbedürftig. Der Look erinnert an den klassischen Willis-Militärjeep. Was seine Geländetauglichkeit angeht, soll der Wagen nach Meinung des Herstellers da auch mithalten können, und so wurde er gebaut.

Fast zumindest: Die Karosserie ruht mit Schraubenfedern auf einem Leiterrahmen und auch im Innenraum macht er einen klassisch spartanischen Eindruck.

Tageskilometerzähler und Zeituhr? Fehlanzeige! ABS und Airbag? Was für Limousinen! Auch im Innenraum bewusst spartanisch gehalten, fällt einem beim Blick durch die Frontscheibe sofort ein, woher das Wort Armaturen-„Brett“ kommt:

Kaum Ablagefläche bietend, steht das Cockpit fast senkrecht unter der Windschutzscheibe.

Rauhe Schale

Doch schon beim Reinsetzen wird der strenge Eindruck relativiert. Sitzkomfort und Raumgefühl erinnern eher an japanische Mittelklasseautos als an Armeekübel, wenngleich kleinere Fahrer die Sitzposition als etwas zu niedrig empfinden dürften. Eine Sitzhöhenverstellung fehlt aber.

Dafür ist zumindest das Lenkrad höhenverstellbar, die Schalter rundherum sind gut angeordnet und entsprechen vom Bedienkomfort dem üblichen Standard fernöstlicher Autos.

So ist beispielweise die Intervallschaltung des Scheibenwischers stufenlos einstellbar, elektrische Fensterheber gehören zur Serienausstattung, die Sitzbezüge sind angenehm pflegeleicht.

Was im Fahrbetrieb als Erstes positiv heraussticht, ist der mit 11,2 Metern (bei vier Meter Fahrzeuglänge) sensationell enge Wendekreis. Für den harten Reviereinsatz ein wesentlicher Vorteil.

Das – weil lange – etwas schlabbrige „Benzinrührwerk“ lässt sich auch wenn’s schnell gehen muss präzise schalten, und auch sonst macht der Kia für einen „Vollblutgeländewagen“ dieser Klasse einen komfortablen Eindruck.

Und der bleibt selbst auf der Autobahn erhalten, hält man sich an die mit koreanischem Understatement angegebene Höchstgeschwindigkeit von 124 km/h. Tatsächlich lief unser Wagen am roten Bereich bei 4500 Touren laut Tacho 170 km/h; inklusive entsprechender Windgeräusche.

Doch mit 140 bis 150 bleibt der Sound ebenso erträglich wie der Verbrauch; mehr als zehn Liter Diesel waren auf 100 Kilometer nicht zu verbrennen. Und das trotz übelster Anforderungen abseits der Straße.

Nehmerqualitäten im Gelände

Als Härtetest diente ein Jagdaufenthalt im Westerwald – mit Höhenzügen bis 460 Meter und Steigungen bis zu 45 Winkelgraden bei Sauwetter und schlammigen Pisten. Neben zahlreichen anderen Einsätzen zur Revierarbeit war auch das Anfahren von Kirrungen abseits aller Waldwege gefragt.

Um es vorwegzunehmen: Selbst mit sechs Zentnern Mais für die Vorratskiste im Heck blieb der Kia nirgendwo stecken, selbst da nicht, wo ich es in meiner boshaften Art drauf anlegte.

Meinen Gastgeber, er fährt einen Samurai, konnte ich wegen des höheren Fahrkomforts regelrecht vor mir hertreiben!

Nur an der Einfahrt zum „Grenzweg“, eigentlich eine selbstgematschte Piste quer durchs Holz, ließ mich der Samurai hängen – wer zuerst matscht, fährt zuerst.

Aber 1,6 Tonnen sind eben nicht 900 Kilo, doch mit einem etwas groberen Reifenprofil wäre ich auch hier mühelos durch den Schlammhang hinterhergekommen.

Dabei bietet der Kia neben deutlich höherem Komfort auch wesentlich mehr Platz – für Insassen wie Ladung.

Konkurrenz für Lada und Suzuki

Der Kia Retona macht – auf und abseits der Straße – richtig Spaß. Nicht unbedingt als Auto für den Italienurlaub mit der ganzen Familie, aber wer ein Arbeitsvieh für alle Revierverhältnisse braucht, ist mit dem Retona verdammt gut beraten.

650 Händler gewährleisten ein ausreichendes Servicenetz, und bei einem Preis von 26 900 DM haben Suzuki Samurai und Lada Niva – in diesem Preissegment bisher die einzig wirklich von keinem Gelände zu stoppenden Autos – eine harte Konkurrenz bekommen, die mit höherem Komfort und besserem Platzangebot besticht.

Mit einem Zubehörangebot, wie einer großen (und nur bei komplett umgeklappter Rückbank einsetzbaren) Laderaumwanne für rund 250 DM, Klimaanlage für 2250 DM und einem Gewehrhalter für 250 DM ist Kia auf jagdliche Notwendigkeiten einigermaßen eingestellt.

Wem der 83 PS starke Zwei-Liter-Turbodiesel zu rau läuft, kann stattdessen seit April auch einen Zwei-Liter-Benziner mit 128 PS wählen. Und dabei noch sparen, denn den gibt’s schon für 25 900 DM!

Einziger Wermutstropfen bleibt allerdings das Fehlen eines (fürs Gelände abschaltbaren) ABS; damit ließe sich die Spurtreue vom Gelände auch auf winterliche Straßenverhältnisse mitnehmen.


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