Nischenkämpfe: Gewinner Mink – Verlierer Nerz

1915


 

Während der Europäische Nerz in Europa auszusterben droht, gewinnt der Mink nach wie vor an Boden. Über die Folgen und Konsequenzen der „Befreiung“ von
nordamerikanischen Farmnerzen.

 

Ob auch die Besätze des Iltis von der Ausbreitung des Mink beeinträchtigt werden, bleibt abzuwarten. Schonheute sind seine Vorkommen überall inselartig

Von Prof. Dr. Rüdiger Schröpfer

In den vergangenen Jahren wurden an verschiedenen Stellen in Deutschland Zehntausende von Farmnerzen (Mink, Mustela vison) aus Zuchtfarmen illegal herausgeholt bzw. „befreit“.

Die Tiere wurden entweder am Ort selbst entlassen oder einige Kilometer weiter entfernt ausgesetzt.

Tausende dieser Minks erfrieren oder verhungern, einige Hundert werden in neuer Umgebung überleben. Die hungrigen „Großwiesel“ versuchen, alles was ihnen fressbar erscheint, zu überwältigen und erbeuten nicht selten auch Hausgeflügel.

Obwohl derartige „Befreiungsaktionen“ als unzulässige Auswilderungen einer nichtheimischen Tierart verstanden werden müssen, mithin eine strafbare Handlung darstellen, trat bisher niemand von den zuständigen Naturschutzbehörden auf den Plan.

Und obwohl einige Tausend Tiere elendig zugrunde gehen, geben auch Tierschutzbeauftragte nicht einmal Pressemeldungen ab, in denen deutlich auf die Folgen hingewiesen wird. Werden sie auf diese „Befreiungsaktionen“ angesprochen, reagieren sie zögerlich.

Der Mink erobert Europa

Der Mink wurde Ende der 20er Jahre aus Nordamerika eingeführt und seitdem in Eurasien in Farmen zur Pelzgewinnung gezüchtet. In der ehemaligen UdSSR wurden über 30 Jahre hinweg etwa 20 000 Minks ausgewildert bzw. umgesiedelt, um aus den später ansässigen Populationen durch Fang Pelze zu gewinnen. Schon 1982 wurden in der damaligen Sowjetunion etwa 1,85 Millionen Wildfänge registriert.

Im übrigen Europa ist der Mink durch Auslassaktionen und durch Freisetzungen bei Farmschließungen angesiedelt worden. Hinzu kamen stets auch aus Pelztierfarmen entwichene Tiere.

Skandinavien, Dänemark, England, aber auch Polen, Estland, Weißrussland und große Gebiete Russlands wurden so durch den Mink völlig eingenommen. Auch in Frankreich (Bretagne) und Spanien sowie in Deutschland, Holland und Tschechien existieren heute Minkpopulationen.

Aus der Tatsache, dass sich der Mink bereits in weiten Teilen Europas ausgebreitet und etabliert hat, könnte der Schluss gezogen werden, ihn auch auf dem übrigen Kontinent heimisch werden zu lassen.

Auch wäre es nicht das erste Mal, dass eine nordamerikanische Säugetierart Europa erobert: Der Bisam war bzw. ist äußerst erfolgreich, und auch der Waschbär lebt mittlerweile in vielen europäischen Waldgebieten – vielerorts mit weiterhin steigender Tendenz.

Freie und besetzte Nischen

Doch handelt es sich beim Bisam und Waschbär – ungeachtet anderer Bedenken – um Arten, für die in der europäischen Säugetierfauna offenbar Nischen frei waren bzw. frei sind. Der Bisam ist jetzt die größte Wühlmausart Europas und lebt ufergebunden, der Waschbär sucht stöbernd seine Nahrung bzw. Beute in unseren Wäldern und bewegt sich zu einem großen Teil im Kronenbereich der Bäume.

Etwas anders ist die Situation beim Marderhund, der sein Areal noch immer erweitert und sich anschickt, von Ost nach West wandernd Frankreich zu erreichen. Ergebnisse aus Finnland z. B. sprechen dafür, dass der konkurrenzstarke Enok mittel- bzw. langfristig dort den Rotfuchs verdrängen kann.

Die einheimische Gruppe der Hundeverwandten ist in den größten Teilen Kontinentaleuropas allein durch den Rotfuchs und nur noch in relativ wenigen Gebieten durch den Wolf vertreten.

Ganz anders beim Mink. Er zählt zur Familie der Marderartigen (Mustelidae), die selbst im dicht besiedelten Mitteleuropa noch immer erstaunlich artenreich vertreten ist: Vom Dachs und Otter bis hin zum Hermelin und Mauswiesel sind es acht Arten. Die Wahrscheinlichkeit also, dass der Mink in dieser Raubtier-Gilde eine freie Nische findet, ist äußerst gering oder nicht gegeben.

Große Rüden

Tatsächlich muss der Mink mit (mindestens) zwei der heimischen bzw. autochthonen Marderarten in mehr oder minder harter Konkurrenz stehen, was sich allein aus einer morphologischen Besonderheit der marderartigen Raubtiere ergibt:

Die Fähen sind kleiner als die Rüden, zum Teil in einem extremen Verhältnis; beim Mink im Gewicht um durchschnittlich etwa 50 Prozent. Die Körpermasse der Rüden beträgt 600 bis 1500 Gramm, die der Fähen 400 bis 800 Gramm.

Eine direkte Folge des relativ immensen Unterschiedes in der Körpergröße und -masse ist die Aufteilung einer Mink-Population in zwei getrennte Teilpopulationen: in die der kleinen Fähen und die der großen Rüden.

Entsprechend weit gefasst ist auch das Beutespektrum des Minks, das sich von Wasserinsekten über Kleinnager, Fische und Amphibien bis zu Bisam und Wildkaninchen sowie Vögel von etwa Entengröße erstrecken kann.

Für die in Europa ursprünglich heimischen Marderartigen resultiert daraus, dass eine Minkpopulation der nächst kleineren Art, dem Nerz (Mustela lutreola), und der nächstgrößeren Art, dem Iltis (Mustela putorius), Konkurrenz macht.

Die heimische Wiesel-Fauna wird somit gleich doppelt beeinträchtigt. Ob auch der Fischotter Konkurrenz durch den Mink erfährt, wird diskutiert, scheint aber zumindest nicht überall der Fall zu sein.

In seiner nordamerikanischen Heimat dominieren vor allem Enten und andere Wasservögel sowie der Bisam den Speiseplan. An der schottischen Westküste wurden besonders das Wildkaninchen, Möwen und weitere Küstenvögel als Hauptbeute nachgewiesen; in Wales u. a. auch bis etwa 20 Zentimeter lange Forellen.

Alle Untersuchungen zeigen, dass der Mink ein opportunistischer Beutegreifer ist. Je nach Jahreszeit und Örtlichkeit jagt bzw. erbeutet er die am häufigsten auftretende Beute, ob Säugetier, Vogel, Fisch oder Krebs. Amphibien spielten fast überall eine untergeordnete Rolle.

Minkvorkommen wachsen schnell

Sämtliche in Europa ansässig gewordenen Minks stammen letztlich von Farmtieren ab, die meistens „wildfarben“, also braun bis schwarzbraun waren. Farmtiere dieses Farbschlages haben trotz jahrzehntelanger Gefangenschaftszucht ein erstaunlich umfangreiches Verhaltensrepertoire der Wildform bewahrt, und sie sind sehr fruchtbar. Überall dort, wo z. B. in Russland der Nerz zahlenmäßig schwach zu finden ist, erscheint der Mink mit starker Vermehrung.

In neu eroberten Gebieten können Minkpopulationen explosionsartig anwachsen. Diese Regionen sind dann für den ursprünglich heimischen Nerz verloren. Der Nerz besitzt keinen vergleichbar großen Unterschied zwischen den Geschlechtern wie der Mink und hat daher ein weit enger gefasstes Nahrungsspektrum.

Auch ist er weniger reproduktionsfreudig und daher dem Mink auch zahlenmäßig unterlegen. Aus den genannten Gründen ist es falsch, zu behaupten, dass der Mink lediglich die Nische des ausgestorbenen bzw. gerade aussterbenden Nerzes einnehmen würde.

Der Europäische Nerz sieht dem Mink vom Erscheinungsbild her zwar sehr ähnlich, ist aber nicht eng mit ihm verwandt, was sich u. a. in den unterschiedlichen Chromosomensätzen ausdrückt (Mink: 2n=30 / Nerz: 2n=38). Aktuell laufende Beobachtungen zeigen darüber hinaus, dass sich beide Arten sehr unterschiedlich verhalten.

Den Mink fangen – den Nerz retten

Neuerdings werden große Anstrengungen unternommen, den Nerz vor dem Aussterben zu bewahren. Schutzprogramme, Zuchtaktivitäten, Forschungsprojekte und Ufer-Renaturierungen sollen und können es möglich machen, das heimische „Wasserwiesel“ zu retten.

Alle Gebiete aber, in denen auch nur kleine Gruppen des Minks überleben, werden bzw. sind für eine Wiederansiedlung des Europäischen Nerzes ungeeignet. So werden durch die militanten „Mink-Befreiungsaktionen“ die letzten Chancen zur Rettung des Europäischen Nerzes vertan.

Derartiger Aktionismus ist somit auch aus Sicht des Natur-, Arten- und Tierschutzes unsinnig: Er führt zum Hunger- bzw. Kältetod tausender Tiere, die Überlebenden schädigen die heimische Beutetierfauna und beeinträchtigen autochthone Raubtierarten wie Iltis und Nerz.

 

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