Schleicher mit scharfem Blick

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Der Luchs ist ein ausgezeichneter, heimlicher Jäger, der ein großes Revier für sich beansprucht. Burkhard Stöcker hat sich an seine Pranken geheftet und verrät Ihnen, welche Wildarten Pinselohr jagt, und warum er sich nur sehr langsam bei uns ausbreitet.

 

Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist der Luchs kein Ansitz-, sondern ein Pirschjäger, der große Streifgebiete für sich beansprucht

von Burkhard Stöcker

Der Luchs ist die größte europäische Katzenart. Die Männchen (Kuder) erreichen in Mitteleuropa Gewichte von 18 bis 32 Kilogramm maximal stattliche 48 Kilogramm, während die Weibchen (Katzen) rund 17 bis 24 Kilogramm auf die Waage bringen. Luchse werden bis zu einem Meter, im Extrem bis zu einen Meter dreißig lang. Durch seine Hochbeinigkeit wirkt Pinselohr von der Seite gesehen relativ quadratisch – er erreicht eine Schulterhöhe von bis zu siebzig Zentimetern. Die Fellfarbe unseres „heimischen“ Luchses variiert von einem gelblichen, rötlichen Grau bis hin zu beigen Farbtönen.

Streifgebiet hängt vom Nahrungsangebot ab

Seinen Spitznamen Pinselohr hat der Luchs übrigens wegen seiner auffälligen Ohrbüschel bekommen.

Der Luchs ist in vier Unterarten über den größten Teil der nördlichen Kontinente verbreitet. Unser mitteleuropäischer Luchs, der eurasische Luchs (Lynx lynx), war ursprünglich über den gesamten europäischen Raum – mit Ausnahme der großen Inseln England, Island, Irland – verbreitet. Er bewohnt außerdem den gesamten asiatischen Waldgürtel bis hin zur nördlichen Tundrazone.

Zieht der Luchs in Europa seine Spur, dann hält er sich nur in den Wäldern auf. Das unterscheidet ihn vom Wolf, der auch das offene Gelände gern durchstreift. Pinselohr pirscht durch Nadel- und Laubwälder, bevorzugt allerdings abwechslungsreiche Wald-Gebiete, in denen sowohl dichte Verjüngungen als auch lichte Althölzer oder kleine Lichtungen vorhanden sind.

Die Streifgebiete von Luchsen können gewaltig groß sein und variieren von 25 Quadtratkilometern bis hin zu über 2000 Quadtratkilometern, wobei der „Pirschbezirk“ eines Kuders doppelt so groß sein kann, wie der der Katze.

Die Streifgebiete von Luchsen in Mitteleuropa liegen jedoch deutlich unter den ermittelten Extremgrößen: In der Schweiz betragen sie bei den Männchen bis zu 250 Quadtratkilometer und bei den Weibchen von 65 bis zu 200 Quadtratkilometer. Im Urwald von Bialowiesa sind die Territorien oft deutlich kleiner. Die Größe des Streifgebietes hängt von zahlreichen Faktoren ab, letztlich jedoch in erster Linie vom Nahrungsangebot.

Beute wird häufig eher gehört als gesehen

Der Gesichtssinn der Raubkatze ist hervorragend. Pinselohr ist primär ein Bewegungsseher. Völlig unbewegliche Beuteobjekte wurden im Experiment praktisch nicht wahrgenommen. Das Gehör ist ähnlich fein entwickelt, und die Haarbüschel an den Ohren wirken als Antennen und erleichtern die genaue Positionierung der Beute. Der Geruchssinn fällt deutlich hinter den beiden Primärsinnen zurück. Die Bevorzugung von Gesichts- und Gehörsinn ergeben sich aus der Jagdstrategie des Luchses: Im übersichtlichen Wald kann der Gesichtssinn bei der Wahrnehmung der Beute eine wichtige Rolle spielen, während im dichten Wald die Beute häufig eher gehört als gesehen wird. Für das direkte Taxieren des öOpfersö kurz vor dem Angriff ist auch ein ausgeprägter Gesichtssinn deutlich hilfreicher als beispielsweise der Geruchssinn.

Der Luchs ist prinzipiell ein vielseitiger Jäger und erbeutet Säuger vom Kleinnager bis hin zum Rotwild und Vögel bis zur Größe eines Auerhuhns. Er ist in der Lage Beutetiere mit einem Gewicht von bis zu über 60 Kilogramm zu überwältigen – das jedoch gehört zu den Ausnahmen.

Jahresbedarf von rund 60 Rehen

Pinselohr ist sehr flexibel was die Auswahl seiner Beutetiere betrifft. Im nördlichen Skandinavien mit hoher Raufußhuhndichte und geringem Rehbestand werden auch die Hühner von ihm gerissen. In der Schweiz hingegen, in der das Verhältnis der Beutetiere umgekehrt ist, spielt das Reh die wesentliche Rolle auf seinem Speiseplan – wie übrigens in vielen Regionen Mitteleuoropas: Der Luchs ist bei uns ein typischer Rehwildjäger.

Bei einem Tagesbedarf von drei bis vier Kilogramm Reh-Wildbret müssen wir pro Luchs mit einem Jahresbedarf von rund 60 Rehen rechnen. Bei der Flexibiltät des Luchses können wir davon ausgehen, dass er in einigen Regionen des schwarzwildreichen Mitteleuropa auch einen gewissen Anteil an Frischlingen erbeuten wird. Bei der derzeitigen Scharzwildschwemme wird er hier vielleicht auch zukünftig vermehrt zuschlagen. Im Harz wurden im vergangenen Winter erstaunlich viele Stücke Rotwild Opfer der Luchse.

Pinselohr ist der typische Kurzjäger

Der Luchs ist übrigens ein solider Beuteausnutzer, der meistens so häufig zum gerissenen Stück zurückkehrt, bis nur noch Haut, Gescheide und Knochen übrig sind. Er ist also keinesfalls ein Verschwender, der mehr schlägt als er nutzen kann und sich nur die Rosinen rauspickt. Entgegen der landläufigen Mär selektiert Pinselohr kaum. Er schlägt das Wild, das am unvorsichtigsten ist und am leichtesten erbeutet werden kann. Dies kann im Zweifelsfall bei Rehen auch mal die führende Ricke oder das stärkere der beiden Kitze sein.

Der Luchs ist der klassische Pirschjäger, der seine Beute möglichst gedeckt anschleicht und meistens mit kurzem Sprint und Sprung überwältigt. Gelingt es dem Attackierten, sich dem Räuber nach dem ersten Angriff zu entziehen, stehen die Chancen für eine erfolgreiche Flucht gut, weil Pinselohr ein typischer Kurzjäger ist. Im Bergland versucht der Luchs oft seine Beutetiere von der Bergseite anzugehen, und mit einem gezielten Sprung – möglichst ohne Verfolgung – zu erlegen.

Nur während der Paarungszeit von Ende Februar bis Anfang April suchen Kuder und Katze den Kontakt zueinander. Weibliche Luchse werden etwa mit 20 bis 22 Monaten geschlechtsreif, Männchen erst im Verlaufe des dritten Lebensjahres. Während der Ranz ömiauztö der Kuder in der Abenddämmerung und setzt auch vermehrt Duftmarken ab.

Die Jungen kommen blind zur Welt

Nach einer Tragzeit von etwa 70 Tagen setzt die Katze ihre zwei, manchmal drei oder vier Junge. Sie nutzt dafür einen vor Witterungseinflüssen geschützten Bau. Dies kann eine Erdhöhle sein oder auch ein großer hohler Baum – einmal wurde sogar ein Luchsbau in einem alten Storchennest gefunden. Die Jungen kommen blind zur Welt und öffnen erst nach 14 bis 17 Tagen die Seher. Die Führung der Welpen dauert relativ lange und geht meist über einen Zeitraum von zehn Monaten hinaus – der Kuder beteiligt sich dabei nicht an der Aufzucht der Jungluchse. Die fast erwachsenen Jungen werden erst bei einer erneuten Trächtigkeit der Katze abgestoßen. Die Sterblichkeit von jungen Luchsen ist ziemlich hoch: von 14 in der Schweiz dokumentierten Jungluchsen erreichte nur einer die Geschlechtsreife. Das ist sicher einer der wesentlichen Gründe für die ausgesprochen schleppende Ausbreitung von Pinselohr.

Außer dem Menschen hat der Luchs in Mitteleuropa kaum Feinde. Dort wo er sich den Lebensraum mit Bär und Wolf teilt, können Jungtiere des Luchses schon mal zur deren Beute werden, dies gehört wahrscheinlich zu den Ausnahmen – ebenso wie der gelegentlich Zugriff auf Jungtiere durch einen Steinadler. Am gefährlichsten für die Raubkatze sind immer noch stark befahrene Straßen.

Über Krankheiten bei Luchsen ist wenig bekannt. Sie sollen gelegentlich an Kokzidiose und als reine Fleischfresser natürlich auch an Trichinose erkranken.

Wenn auch sehr selten, so treten auch beim Luchs Tollwutfälle auf. Das Gefahrenpotential, dass von tollwütigen Luchsen ausgeht ist jedoch sehr viel geringer als bei anderen Arten. Tollwütige Katzen werden nicht mobil und aggressiv wie beispielsweise Füchse, sondern ziehen sich zurück und verkriechen sich an verschwiegene Orte.

Obwohl der Luchs auch mit kleinen Beutetieren zurechtkommt, ist das Rehwild in unseren Wäldern Beutetier Nummer eins

 

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