Wem gilt es zuerst?

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Zum Aufgang der Rehwildjagd:
Schon im März und April begann nach langer jagdlicher Enthaltsamkeit die Vorfreude auf die Rehwildjagd. Lange vor dem ersten Mai wurde hinausgefahren und geschaut, was die Böcke machen: Wie hoch haben sie auf? Wo stellen sie sich ein? Wie ist es mit den Schmalrehen. Nun ist es endlich soweit, und es gilt zu überlegen, welcher Einstieg in die neue Rehwildjagdsaison der richtige ist.

 

Wie soll es losgehen: Nach alter Gewohnheit mit dem älteren, noch grauen Platzbock …

Von Dr. Karl-Heinz Betz

Jeder, der es ernst meint mit der Rehwildbejagung, macht sich auch Gedanken über eine altersklassengerechte Abschöpfung. Das gilt jetzt auch für die Bockjagd. Um die Dinge einfach und einleuchtend darzustellen, hier ein Populationsmodell vom grünen Tisch: Gehen wir von einem Frühjahresbestand von 200 Rehen aus und dem Idealgeschlechterverhältnis von 1:1. Nach der üblichen Faustregel werden wir einen Zuwachs von zirka 100 Rehen im Mai/Juni erwarten dürfen. Das heißt, um den Bestand auf gleichem Level zu halten, müssten 100 Stücke Rehwild der Wildbahn entnommen werden. Fallwild durch Verkehr und andere Faktoren sollen in diesem Beispiel keine Berücksichtigung finden, da in der Regel die Rehwildbestände unterschätzt und das Geschlechterverhältnis zu Ungunsten der Böcke verschoben ist, also meist mit einer höheren Reproduktionsrate als die geschätzten 100 Rehe gerechnet werden kann.

Haupteingriff soll in der Jugendklasse erfolgen

Je nachdem, wie viele Bockkitze im vorausgegangenen Herbst erlegt worden sind, wächst der Rest in die diesjährige Jährlingsklasse hinein. Genauso geht es mit den weiblichen Kitzen, die jetzt zu Schmalrehen werden.

Der jagdliche Haupteingriff soll ja in der Jugendklasse erfolgen bei im Idealfall nur geringen Abschüssen in der Mittelklasse. Da meist recht sparsam mit dem Bockkitzabschuss in Herbst und Winter umgegangen wird – häufig werden nur weibliche Kitze freigegeben – wachsen dementsprechend viele Jährlinge heran.

Bleiben wir mal bei unserem Beispiel der 100 Rehe auf dem Abschussplan. Die Hälfte, also 50, sollten männlich sein. 65 Prozent dieser 50, also ungefähr 32 männliche Stücke Rehwild entfallen auf die Jugendklassen Bockkitze und Jährlinge. Es kann sich jetzt jeder an seinem veranschlagten Bockkitzabschuss ausrechnen, wie viele Jährlinge in der Rehjagdsaison geschossen werden müssen. Analog gilt das natürlich auch für den Abschuss des weiblichen Rehwildes, aktuell der Schmalrehe.

Jährlinge bekommen das Leben schwer gemacht

Die Frage, die für den Pächter eines Rehwildreviers wichtig ist: Wie beginne ich die Rehwildjagdsaison? Wenn wir uns von der irrigen Vorstellung befreien können, dass jeder bessere Bock ein Grenzbock ist und deshalb auch – ungeachtet seines Alters – sofort am Morgen des ersten Mai´s auf die Decke gelegt werden muss, so gibt es sehr viele Argumente, sich erst einmal den Jährlingen und Schmalrehen zu widmen. Dies ist auch deshalb in die Praxis umsetzbar, da – im Gegensatz zu mehrjährigen Stücken – sich die einjährigen mit einem hohen Grad an Sicherheit richtig ansprechen lassen.

Jährlinge müssen zum ersten Mal erleben, dass sie nicht nur nicht mehr von der Mutterricke geduldet werden, die ihren nächsten Nachwuchs setzt, sondern dass territoriale Böcke ihnen in der Regel das Leben schwer machen. Sie werden vor allem in Mai und Juni in wilden Jagden aus den Einständen in die anderer territorialer Böcke gejagt und landen allzu häufig nach langem Hin und Her unter den Rädern der Autos. Die Schmalrehe werden von ihren Müttern meistens ebenfalls abgeschlagen und erleiden häufig ein ähnliches Schicksal, wenn auch nicht im selben Grade.

Das erste gute Argument für eine sofortige und konsequente Jährlingsbejagung ist die Senkung des Fallwildanteils, speziell durch den Straßenverkehr. Pilotprojekte in Niedersachsen (Kreis Hildesheim und Kreis Cuxhaven), bei denen man in Hildesheim seit 1994 schon ab 20. April, in Cuxhaven seit 1998 ab dem 1. Mai ausschließlich Jährlinge und Schmalrehe bejagt hatte, haben eindeutig gezeigt, dass durch diese konzentrierte Bejagung der Anteil der Verkehrsopfer in dieser Altersklasse im Verhältnis zur Gesamtstrecke gesenkt werden konnte (halbiert im Kreis Hildesheim, und das bei einer dortigen Zunahme der Verkehrsdichte im Untersuchungszeitraum um 25 Prozent). Und mal ehrlich: Ein Jährling in der Wildkammer nach einem jagdlichen Erlebnis ist allemal besser, als ihn zertrümmert von der Straße auf den Luderplatz bringen zu müssen.

Damals begann die Bockjagd noch am 16. Mai

Aber noch ein anderes Ergebnis zeigt sich nach der Bejagungsumstellung im Kreis Hildesheim: Der Anteil der Jährlinge und Schmalrehe an der Gesamtstrecke wurde erheblich größer, und als interessanter Nebeneffekt ging der Knopfbockanteil von 26 Prozent (1994) auf 12,3 Prozent (2001) zurück.

Damals begann die Bockjagd in den alten Bundesländern ja noch am 16. Mai. Unter anderem diese Ergebnisse bewogen deshalb den damaligen Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke, im Jahr 2000 die Jagdzeitenverordnung für das Bundesjagdgesetz zu ändern und die Bock- und Schmalrehbejagung um 15 Tage vorzuverlegen (Bremen machte als einziges Bundesland hier nicht mit und beginnt mit der Schmalrehbejagung erst am 1. September).

Innerartlicher Stress kann zweifach reduziert werden

Das Voranstellen der Jährlingsbejagung ab 1. Mai bietet auch jagdlich einige Vorteile: Aufgrund kaum vorhandener Bodenvegetation fällt das Ansprechen geringerer Stücke leichter. Darüber hinaus sind die meisten Jährlinge noch nicht durch Vertreibung oder Abwanderung in alle Winde zerstreut. Obwohl es sicher vorteilhaft ist, erst nach den Wilbretschwachen Ausschau zu halten, sollte man – speziell in unübersichtlichen Waldrevieren – bei den Jährlingsböcken nicht zu zimperlich sein, denn erstens ist ein entnommener Jährling im Gegensatz zum Mehrjährigen im nächsten Jahr wieder nachgewachsen und zweitens zeigt erst der Zweijährige, was unter Umständen aus einem Bock werden kann.

Bei den Schmalrehen ist es zu keiner Jahreszeit einfacher, sie von den Ricken zu unterscheiden: Der niedrige Vegetationsstand erlaubt freie Sicht zwischen die Hinterläufe und den vergeblichen Blick nach der Spinne, sollte nicht schon vorher durch die zierliche Gestalt, das Fehlen des rundlichen Leibes einer hochbeschlagenen Ricke und der fortgeschrittene Verfär-bungszustand die Sache eindeutig machen.

Die konzentrierte Jährlingsbejagung Anfang Mai kommt aber auch den älteren Böcken entgegen. Innerartlicher Stress kann zwiefach reduziert werden, denn geschossene Jährlinge brauchen nicht mehr verjagt zu werden. Darüber hinaus bleiben vorerst alle älteren Böcke in ihren Territorien, denn wo kein Mehrjähriger geschossen wird, finden weniger Wechsel und damit keine zusätzlichen Einstandsrangeleien statt.

Interessantere Jagd während der Brunft

Doch lassen Sie uns noch einen konsequenten Schritt weitergehen: Nach ausschließlicher und intensiver Jährlings- und Schmalrehbejagung (in einigen Bundesländern endet sie bereits Ende Mai) entlassen wir – wo es denn möglich ist – ab Mitte Juni die mehrjährigen und bisher unbejagten Böcke nach dem Prinzip der Intervalljagd in eine jagdliche Sommerpause bis zirka 25. Juli! Also „Hahn in Ruh“ bis zur zweiten Hälfte der Rehbrunft!

Damit würden wir unserem Rehwild mit Sicherheit nichts Schlechtes tun. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Wir müssten noch 18 mehrjährige Böcke der insgesamt 50 männlichen Stücke Rehwildes erlegen. Wir könnten damit unsere „besseren“ Böcke nach alter Väter Sitte bejagen, nämlich dann, wenn sie rot sind. Aber das wäre nur ein sehr vordergründiges Argu-ment. Ein weiteres – ebenfalls aus Jägersicht – ist die interessantere Jagd während der Brunft, in der mit höherer Aktivität und damit mehr Anblick gerechnet werden kann. Darüber hinaus kommt ab August gar die Anwendung der hohen Kunst des Blattens als attraktive Jagdart dazu.

Sehr viel Energie wird in die Brunft gestecktS

Doch es gibt auch Argumente aus Sicht des Wildes: Haben wir, wie es fast leider überall üblich ist, Anfang Mai mit der Bejagung der Mehrjährigen, vielleicht sogar der Besten, begonnen unter Vernachlässigung oder gar Schonung der Jährlinge, so fehlt im Extremfall bei vollständiger Erfüllung des Bockabschusses vor der Brunft fast ein Drittel der Mehrjährigen. Unter diesen Umständen bleibt es nicht aus, dass die reduzierte Anzahl der mittelalten und älteren Böcke bei notorischem Rickenüberhang und in speziellen Revierteilen den Bockkitzen des Vorjahres und jetzigen Jährlingen die Chance einräumt, sich an der Brunft zu beteiligen. Bei reinen Feldrehen, bei denen Territorien eine geringere Rolle spielen, kommt dies sogar recht häufig vor. Die Jährlinge sind dann allemal geschlechtsreif – sogar schon bei Bockkitzen im Alter von vier bis sechs Monaten hat man geringe Spermaproduktion feststellen können.

Jeder Revierpächter und Rehwildjäger, der aufmerksam die Wildbretgewichte seiner Rehe verfolgt, weiß, wie viel Körpersubstanz Böcke in die Brunft investieren. Kommen nun Jährlingsböcke aufgrund einer „demontierten“ Altersstruktur in den zweifelhaften und eigentlich unnatürlichen Genuss einer zu frühen sexuellen Betätigung, wird sehr viel der Energie in die Brunft gesteckt, die eigentlich für die körperliche Entwicklung vorgesehen war. Die Konsequenz sind dann im Folgejahr – sollte der Winter überhaupt überstanden werden – von Körper und Gehörn her mittelmäßige oder gar unterdurchschnittliche Zweijährige.

Alte Gewohnheiten aufgeben

Es wird sicher nicht ganz einfach sein, die Bockbejagung auf dieses Schema umzustellen. Gilt es doch, alte und lieb gewordene Gewohnheiten aufzugeben: Zum Beispiel Jagdästen schon im Juni bessere Böcke anzubieten und so weiter, und so weiter. Doch es gibt auch in Deutschland mehrere Großreviere, zum Beispiel in Baden-Württemberg und Bayern, in denen die Bockbejagung ausschließlich in der Blattzeit stattfindet – und das seit vielen Dekaden. Und es funktioniert dort auch mit den Gästen! Ein kluger Mann hat einmal gesagt: „Es sollte nicht wegen der Jäger, sondern des Wildes wegen gejagt werden!“ Ob man dieser Maxime trotz hoher Investitionen in Pacht und andere Revierkosten einmal gewillt ist zu folgen, bleibt zu hoffen.

… oder mit verstärktem Eingriff in die Jährlingsklasse inklusive der Schmalrehe?