Wann kommen die Kitze?

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Nachwuchs beim Rehwild:
Hat die Bockjagd begonnen, dauert es meistens nicht mehr lange, und die ersten Kitze sind da. Doch was beeinflusst die Setztermine? Wir sind möglichen Ursachen nachgegangen.

 

Von Andreas David

Aus Sicht des einzelnen Jägers, eines Revieres, einer Region oder auch eines Bundeslandes ist die im Titel gestellte Frage sicher nur unzureichend zu beantworten. Wann finden wir denn tatsächlich mal ein noch fest abliegendes Rehkitz? Entweder per Zufall oder beim Absuchen von zur Mahd anstehenden Wiesen. Dabei handelt es sich in aller Regel um Momentaufnahmen, die eventuell vorkommende zeitliche Differenzen der Setztermine und ihre Hintergründe nicht deutlich machen. Und den Setzakt selbst dürften wohl nur die allerwenigsten einmal in freier Wildbahn beobachtet haben.

So weisen auch meine eigenen Aufzeichnungen über in Nordniedersachsen gefundene und teilweise markierte Rehkitze als frühesten Termin den 11. Mai, als spätesten den 8. Juni aus. Und sicher dürften sich diese Erfahrungen mit den Beobachtungen zahlreicher Praktiker in etwa decken, doch basieren diese Eckpunkte letztlich auf einer viel zu geringen Datenbasis, die eine ganzheitliche Betrachtung ohne jeden Zweifel ausschließt.

Die Hauptsetzzeit kann sich um mehrere Tage oder Wochen verschieben

Etliche Forschungsarbeiten mit einem entsprechend hohen Stichprobenumfang geben uns aber einerseits umfassende Informationen darüber, in welcher möglichen Zeitspanne Rehkitze gesetzt werden, andererseits gewähren sie weitreichende Einblicke in die Hintergründe und Ursachen für zum Teil jährlich schwankende Hauptsetzzeiten. Auf einige dieser Arbeiten soll im Folgenden näher eingegangen werden.

Professor Walter Rieck veröffentlichte 1955 in der Zeitschrift für Jagdwissenschaft unter anderem die Analyse der Setz- beziehungsweise Markierungstermine von 16 687 Rehkitzen aus den Jahren 1936 sowie zwischen 1938 und 1940 innerhalb der damaligen deutschen Grenzen. Seinen Ausführungen folgend, werden Rehkitze insgesamt in der Zeit zwischen Anfang März und Anfang September gesetzt, für viele Jäger sicher zunächst ein verblüffender Befund. Die Erhebungen des damaligen Leiters des Institutes für Wildtierforschung und Jagdkunde der Universität Göttingen zeigen aber auch, dass etwa 96 Prozent(!) aller Rehkitze im Mai oder Juni geboren werden. In der Zeitspanne also, die in jedem Jungjägerkurs unseres Landes als die Hauptsetzzeit des Rehwildes gelehrt und im allgemeinen Schrifttum zum Rehwild weitergegeben wird. Es kommt letztlich nicht von ungefähr, dass der mittlere Setzzeitpunkt heute allgemein auf den 1. Juni terminiert wird, was durch entsprechende Befunde aus unseren Nachbarländern bestätigt wird.

Insgesamt zeigen die vorliegenden Ergebnisse jedoch, dass sich die komplette Hauptsetzzeit sowohl geografisch als auch in ein und derselben Region um mehrere Tage oder Wochen verschieben kann. Dagegen fand zum Beispiel C. Stubbe (1985, 1994) keine altersabhängige Differenz beim Setztermin von unterschiedlich alten (markierten!) Ricken im ehemaligen Wildforschungsgebiet Hakel in Sachsen-Anhalt. Wohl aber zeigte sich die Tendenz bei den Brunft- und Beschlagterminen, dass ältere Ricken eher brunften als jüngere und Schmalrehe. Brunftverhalten von Schmalrehen wurde im Hakel nicht vor dem 1. August beobachtet, was der noch immer verbreiteten Meinung, dass Schmalrehe vor den führenden Ricken brunften, eindeutig widerspricht.

Da eine Altersabhängigkeit bezüglich des Setztermines offenbar nicht besteht, stellt sich zwangsläufig die Frage nach anderen möglichen Faktoren, die für die sehr unterschiedlichen Setzzeitpunkte verantwortlich sind. In Frage kommen zum Beispiel genetisch fixierte Anlagen, stark variierende Brunfttermine oder ein Steuermechanismus, der den Setztermin der meisten Kitze in die günstigste Vegetationsperiode fallen lässt. Der Schlüssel liegt offenbar im vorherrschenden Klima in den Monaten April, Mai und Juni sowie, daran gekoppelt, an dem unterschiedlichen Grad der geografisch spezifischen Vegetationsentwicklung.

Die Setzzeiten verschieben sich vom Flachland ins Gebirge

Grundsätzlich zeigen die vorliegenden Arbeiten, dass sich der Setzzeitpunkt vom Flachland ins Gebirge sowie von Südwesten nach Nordosten weiter in den Juni verschiebt. Optisch leicht nachvollziehbar wird dieser Sachverhalt, wenn man zum Beispiel etwa Mitte April von der Lüneburger Heide in Norddeutschland über Hessen und Rheinland-Pfalz ins Saarland fährt. Man reist quasi in den Frühling hinein, was allein schon an der deutlich fortgeschritteneren Entwicklung der Autobahnvegetation sichtbar wird.

Analog dazu fand W. Rieck zum Beispiel in Mittelfranken eine Verteilung der Kitzgeburten, die zu 61 Prozent in den Mai und zu 37 Prozent in den Juni fielen. In Kärnten hingegen wurden nur fünf Prozent im Mai, 71 Prozent im Juni und noch 21 Prozent im Juli markiert. Generell überwog in Nordostdeutschland und den Alpenländern die Zahl der im Juni gesetzten Kitze. In dieses Bild passen auch die Ergebnisse von M. Szederjei (1971), der die Hauptsetzzeit für Ungarn auf den Zeitraum zwischen dem 14. April und dem 17. Mai begrenzt. Der dänische Wildbiologe Strandgaard wies weiterhin nach, dass die Kitze an der klimatisch milderen dänisch-jütländischen Ostseeküste durchschnittlich etwa zwei Wochen früher gesetzt werden als an der Westküste.

Ursache für die Schwankung

Interessanterweise lassen sich bezüglich der Hauptsetzzeiten aber auch in den Populationen oder Regionen selbst signifikante Unterschiede nachweisen. Dabei kommen die Autoren übereinstimmend zu dem Schluss, dass die Witterung, vornehmlich die Temperatur und daran geknüpft die Entwicklung der Vegetation noch während der Tragzeit, die Ursache für diese Schwankungen ist. So berichtet zum Beispiel H. Sägesser (1969) aus seinen Untersuchungsgebieten im Kanton Bern (Schweiz) für die Setzzeit im Jahre 1965 mit einem kühlen und von hohen Niederschlägen geprägten Verlauf von einem mittleren Setztermin am 3. Juni. Im klimatisch günstigeren, milden Folgejahr 1966 verschob sich das Geschehen um eine Woche nach vorn auf den 27. Mai. Entsprechende Werte aus dem Schweizer Mittelland zeigen, dass die Hauptsetzzeit im milden Jahr 1971 in die Woche vom 17. bis zum 23. Mai fiel, im kühleren Jahr 1972 in die Zeit vom 29. Mai bis zum 4. Juni.

Es geht im Kern um das Entwicklungsstadium der Pflanzendecke

Die Witterungseinflüsse unmittelbar an den Setztagen spielen dabei offenbar keine Rolle. In der oben zitierten Untersuchung aus der Schweiz wurden bezüglich der Zahl der gesetzten Kitze Höchtswerte sowohl an kalten, regnerischen, als auch an warmen, sonnigen Tagen gefunden. Eine Korrelation ließ sich weder zur mittleren Tagestemperatur, Sonnenscheindauer und Niederschlagsmenge noch zum Luftdruck herstellen.

Es geht im Kern also um das Entwicklungsstadium der Pflanzendecke. H. Ellenberg (1978) brachte es über seine Forschungen im Versuchsgatter Stammham auf den Punkt. Er charakterisierte die phänologische Entwicklung der Vegetation neben den Blüh- und Austreibeterminen anderer, im Lebensraum vorkommender Pflanzen, vor allem über das Austreiben der Buchenblätter. Im Frühjahr 1973 – mit einem strengen Spätwinter – ergrünten die ersten Buchen erst am 29. April. Im milden Frühjahr von 1976 dagegen fiel der Termin bereits auf den 18. April. Der mittlere Setztermin wurde von Ellenberg in diesem Jahr am 18. Mai, im Jahr 1973 aber erst am 31. Mai, also fast zwei Wochen später ermittelt. Die Gesamttragzeit war in diesem Jahr also nachweislich länger als im Jahr 1976. Die Höhepunkte der Brunft in beiden Jahren lagen nur etwa drei Tage auseinander.

Rehe können ihre Beschlagenheitsdauer steuern

Ellenberg selbst bemerkt dazu, dass „das späte Frühjahr 1973“ das Setzen um etwa 14 Tage verzögerte und die Tragzeit um etwa zehn Tage verlängerte. Dies obwohl der Winter an sich relativ mild war, was die Bedeutung der Frühjahrswochen für den Setztermin unterstreicht. Ellenberg: „Rehe sind offenbar in der Lage, ihre Beschlagenheitsdauer äsungsabhängig so zu steuern, dass ihre Kitze in die günstigste Jahreszeit hineingesetzt werden.“ Kurth (1991) kommentiert diese als gekennzeichnet „durch verhältnismäßig hohe Temperaturen, durch einen Überschuss an leicht verdaulicher Nahrung und durch eine bereits weitgehend entwickelte geschlossene Pflanzendecke, die die Kitze vor Feinden und auch vor übermäßigen Wärmeverlusten schützt.“

In Ungarn werden die Kitze früher als in Deutschland gesetzt

So weit so gut. Doch stellt sich zwangsläufig die Frage, über welchen physiologischen Vorgang die Ricken die Dauer der eigenen Tragzeit steuern sollten? Naheliegend ist hier die Meinung von Sägesser (1968), demzufolge durch höhere Temperaturen früher im Jahr mehr und bessere Äsung zur Verfügung steht, wodurch die Entwicklung der Embryonen indirekt beschleunigt wird. Diesen Standpunkt unterstützen zum Beispiel die Daten aus Ungarn, wo trotz einer zeitlich in etwa vergleichbaren Brunft die Kitze erheblich früher gesetzt werden als in Deutschland.

Fast alle weiblichen Stücke werden in einem etwa gleichbleibenden Zeitraum brunftig

Insgesamt zeigt sich also, dass die große Mehrheit der Kitze weitgehend unabhängig von dem im Jahr davor liegenden Beschlagtermin gesetzt werden. Hinzu kommt, dass die Brunftigkeit der Ricken hormonell über den Zeitgeber der täglichen Lichteinstrahlung gesteuert beziehungsweise ausgelöst wird. Dies gewährleistet, dass fast alle weiblichen Stücke in einem etwa gleichbleibenden Zeitraum brunftig werden. Innerhalb dieses Zeitraumes kann sich der Höhepunkt der Brunft aber leicht verschieben, was wiederum an die vorhergehende Setzzeit gekoppelt zu sein scheint. Stubbe (1994) bemerkt dazu: „Nach einem milden Winter und frühen Setztermin muss mit einer zeitigen Brunft gerechnet werden.“ Ellenberg ermittelte ein ziemlich konstantes Zeitintervall zwischen dem Setz- und Brunfttermin von 67 +/- zwei Tagen. Dass aber eine populationsspezifisch frühe Brunft nicht konsequenterweise auch einen frühen mittleren Setztermin nach sich zieht, zeigen die obigen Beispiele.

Die Zahl der fortpflanzungsfähigen weiblichen Rehe, die in der Hauptbrunft nicht beschlagen werden, ist sehr gering. Diese wenigen Stücke können in der so genannten Neben- oder Nachbrunft beschlagen werden, die Ende November/Anfang Dezember erfolgt und in etwa mit dem Ende der Keimruhe zusammenfällt. Über die folgenden Setztermine ist mangels Masse an sicheren Beobachtungen nichts bekannt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass diese Ricken oder Schmalrehe in der Hauptsetzzeit gemeinsam mit den anderen weiblichen Stücken ihre Kitze zur Welt bringen.

Ausnahmen bestätigen die Regel

In einigen wenigen Fällen werden offenbar auch Kitze beschlagen. So erlegte Fischer (1969, zit. in Stubbe 1994) am 19. März ein Rickenkitz, dass einen neun Zentimeter langen Embryo in der Tracht trug, und Neubert (1970) fand im Tragsack eines am 23. Mai erlegten Schmalrehes einen schwach entwickelten Embryo. In einer schwedischen Studie entdeckten Wildbiologen bei der Untersuchung von 362 Schmalrehen und Ricken ein Schmalreh mit einem Embryo in der Tracht. Wann diese Stücken beschlagen wurden oder wann sie gesetzt hätten – sofern die Embryonen ausgetragen worden wären – ist logischerweise nicht bekannt. Denn einerseits konnte man von der Größe der Föten nicht auf den Beschlagstermin schließen, da nicht bekannt war, mit welcher Geschwindigkeit sich der Keim in diesen Fällen entwickelte, andererseits können tote Rehe bekanntlich nicht mehr setzen. Auch Ellenberg bestätigte bereits im Februar ein beschlagenes Kitz.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass letztlich sowohl die Hauptbrunft als auch die Hauptsetzzeit wohl ausnahmslos in den hinlänglich bekannten Zeiträumen ablaufen. Dies schließt wiederum nicht aus, dass eine in der Anfangsphase der Brunft früh beschlagene Ricke in Norddeutschland bei entsprechender Witterung im darauf folgenden Frühjahr vielleicht schon Ende April setzen kann. Doch sind dies dann die so oft zitierten Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Die hochbeschlagene Ricke labt sich an Blüten und frischem Grün des Löwenzahns. Schließlich gilt es, neben sich selbst schon jetzt ein oder zwei, vielleicht gar drei Kitze mit der notwendigen Energie zu versorgen