Unsinnige Jagdverbote

1973


 

Wasserwild und der „Störfaktor Jagd“:
Mehr denn je steht die Jagd auf Wasserwild auf dem Prüfstand von Naturschutzverbänden, Behörden und Politikern. Dabei entspringen die Argumente der Jagdgegner unter ihnen ganz überwiegend ihren ureigenen Illusionen und Wunschdenken. Der folgende Beitrag schildert dagegen Fakten und zeigt gleichzeitig Lösungswege auf.

 

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Von Prof. Dr. Heribert Kalchreuter

Seit etwa einem Vierteljahrhundert nun ist er fester Bestandteil der Diskussionen um Jagd und Naturschutz – der „Störfaktor Jagd“. Gegenstand besonderer Kritik ist dabei aus zweierlei Gründen die Jagd auf Wasserwild: Zum einen bieten die offenen aquatischen Lebensräume wenig oder keine Deckung. Enten, Gänse, Möwen oder Watvögel können sich daher den Störungen nicht wie andere Niederwildarten entziehen. Sie suchen ihr Heil vielmehr in der Flucht, in Ausweichflügen unterschiedlicher Dauer.

Zum anderen bieten Feuchtgebiete besonders günstige Gelegenheit zur Vogelbeobachtung. Viele von ihnen – auch an der Küste – wurden deshalb zum „Mekka“ von Ornithologen und Naturfreunden. Insofern sind nicht nur ihre gefiederten Lieblinge, sondern auch sie selbst durch die Jagd beeinträchtigt, was letztlich zu den Forderungen nach einem Verbot oder einer drastischen Einschränkung der Wasserwildjagd führte.

Um dem Nachdruck zu verleihen, wurden Hypothesen über negative Auswirkungen der Störungen entwickelt: „Die für die überwinternden Vögel lebenswichtigen Nahrungs- und Ruheplätze werden entwertet. Mit den jagdbaren werden auch alle geschützten Wat- und Wasservögel verscheucht. Die Ausweichflüge kosten Energie, und die Ausweichplätze bieten schlechtere Lebensbedingungen. In harten Wintern wirkt sich dieses negativ auf die Vögel aus. Die geschwächten Individuen ziehen nachweislich weniger Junge auf, einige erreichen ihr Brutgebiet überhaupt nicht.“

So der Wortlaut einer Schrift von schweizerischen Vogelschutzorganisationen mit dem Petitum zur Abschaffung der Gemeinschaftlichen Wasservogeljagd im westlichen Bodensee vor 20 Jahren. „Jagd“ löst demnach eine ganze Schicksalskette für die betroffenen Arten aus.

Bemerkenswerterweise finden sich in der umfassenden amerikanischen Wasserwildliteratur nur sehr wenige Arbeiten über diese Thematik. Die dortigen Wasserwildbiologen messen dem „Störfaktor Jagd“ offenbar bei weitem nicht die Bedeutung bei wie unsere Natur- und Vogelschützer. Dies überrascht insofern, als im amerikanischen Lizenzjagdsystem lokal sicherlich bedeutend höhere Jägerdichten und entsprechende Störungen vorkommen als bei uns.

Die Auswertung der Nordsee-Protokolle

Anders in Europa: Eine ganze Reihe von Untersuchungen sollten die Hypothesen stützen. Die meisten beschränkten sich jedoch auf den Vertreibungseffekt – also das erste Glied der Schicksalskette. Die Erkenntnisse waren weitgehend identisch: Enten meiden Plätze, an denen es knallt. Doch schon die Beantwortung der Frage, wie weit und wie nachhaltig sie vertrieben werden, basiert überwiegend auf Mutmaßungen. Am weitesten gingen dabei Reichholf & Reichholf-Riehm (1982), die gar die Seltenheit der Moorente in Bayern mit dem „Störfaktor Jagd“ zu erklären versuchten: Sie würde von den Stauseen am unteren Inn bis nach Italien(!) vertrieben und dort Opfer des hohen Jagddrucks.

In seiner Stellungnahme zur Wattenjagd kam der „Rat von Sachverständigen für Umweltfragen“ in seinem Sondergutachten „Umweltprobleme der Nordsee“ zu dem Schluss, jagdliche Aktivitäten außendeichs würden die Wat- und Wasservögel im Watt und auf den Inseln bis zur „Überlebensgefährdung“ beunruhigen. Demgegenüber bemängelt Owen (1993) nach einer Literaturrecherche, dass keine dieser Arbeiten schlüssige Beweise für negative Auswirkungen jagdbedingter Störungen auf die Populationen der Wasservögel liefern könne. Einen ähnlichen Schluss zieht Keller (1996) nach der Sichtung von etwa 300 Publikationen. Owen kritisiert weiter die gezielte Auswahl bestimmter störungsintensiver Situationen bei den Studien, deren Ergebnisse dann zu pauschalen Aussagen formuliert, als Grundlage zu landesweiten Forderungen dienen sollen. Der pragmatische englische Wasserwildbiologe charakterisiert damit treffend die Situation in mehreren europäischen Ländern, vor allem in Deutschland.

Betrachten wir im Folgenden die neueren Erkenntnisse zu den einzelnen Gliedern der Schicksalskette. In zwei Gebieten mit lizenzjagdartiger und folglich intensiverer Bejagung als im übrigen Deutschland bemühte man sich zunächst um die Quantifizierung der Vertreibung durch den Flintenknall – im nordfriesischen Wattenmeer der Nordsee (Bamberg 1989) und im Ermatinger Becken im westlichen Bodensee (Meile 1991, Kalchreuter & Guthörl 1997).

Die Auswertung der Nordsee-Protokolle ergab Folgendes:

  • Die bejagten Arten mieden den ansitzenden Jäger im Schnitt auf eine Entfernung von 260 Metern, unbejagte von 150 Metern. Letztere zeigten eine Gewöhnung an die für sie harmlosen Schüsse.
  • Waren die Jagdstände 1 500 Meter voneinander entfernt, so konnten auch die jagdbaren Arten das etwa 1 000 Meter breite Areal zwischen den Jagdausübenden zur Rast und Nahrungssuche nutzen.
  • Die Gesamtzahl der anwesenden Wasservögel war zwar im stärker bejagten Teil geringer, nicht aber das Artenspektrum von insgesamt 18 Arten. Die Jagdausübung hatte den Herbstzug nicht beeinträchtigt.

    Gänse hielten während der Bejagung größere Fluchtdistanzen von bis zu 500 Metern ein. Sie lernen jedoch rasch, wann und wo ihnen keine Gefahr droht, was sich mit Beobachtungen aus anderen Gebieten deckt. Wo die Gänsejagd generell um zehn Uhr beendet wird (Holland, Schleswig-Holstein), nutzen sie das bejagte Gebiet bereits eine Stunde nach dem Abzug der Jäger zur Äsung und tolerieren Fußgänger und Radfahrer auf 100 Meter Entfernung.

    Auch Enten sind sehr wohl in der Lage, je nach Aufenthaltsort zu unterscheiden, was Figley und Van Druff (1982) in Nordamerika genauer untersuchten. Auch unsere im Jagdgebiet vorsichtigen Enten lassen sich im angrenzenden Parkgewässer von Spaziergängern ohne jede Scheu füttern. Diese Beobachtungen widerlegen die oft zitierte Meinung, dass die Bejagung generell die Scheu der Wasservögel erhöhe.

    Die Reaktionen der Wasservögel

    Am Ermatinger Becken boten jährlich variierende Versuchsanordnungen, unterschiedliche Jagd- und Schongebiete sowie Tage mit und ohne Bejagung günstige Voraussetzungen, die Reaktionen der Wasservögel zu untersuchen. Die Ergebnisse in Kurzform:

  • An Jagdtagen hielten sich zwar weniger Enten im Gebiet, aber Zigtausende am unmittelbar angrenzenden Gnadensee auf.
  • Schon ein bis zwei Stunden nach der Jagd fanden sich die Enten wieder ein.
  • Befand sich der Stand an einem besonders nahrungsreichen Platz, so wurde er trotz der Schüsse immer wieder vor allem von Schwimmenten angeflogen.

    Diese Beobachtungen decken sich mit denen, die in Botulismus-Gebieten gemacht wurden. Dort wurde versucht, die Vögel durch Schüsse gezielt zu vertreiben. Sowohl in Amerika als auch in Deutschland (Wagbachniederung) misslang dies, denn die Enten kehrten rasch ins bevorzugte Gebiet zurück. Je nahrungsreicher und damit bedeutungsvoller also ein Gebiet für eine Wasservogelart ist, desto weniger lässt sie sich nachhaltig daraus vertreiben.

    Andere Teile des Gebietes nutzten die Enten mehr zur Ruhe und Gefiederpflege. Von diesen ließen sie sich auch längerfristig vertreiben, möglicherweise selbst für mehrere Tage. Einiges deutet aber darauf hin, dass Enten auch ohne Störungen ausgedehnte Flüge an benachbarte oder weiter entfernte Gewässer durchführen. Zu dieser Erkenntnis kam Fog (1968) nach der Auswertung von 180 Rückmeldungen von im Herbst in einer dänischen Entenkoje gefangenen und beringten Krickenten. Die bereits am Beringungstag erlegten Vögel hatten durchschnittlich acht, die tags darauf 47 Kilometer zurückgelegt. Die Fundorte lagen aber nicht etwa in Zugrichtung, sondern nördlich, südlich und östlich vom Beringungsort. Dies zeigt, dass die rastenden Enten nicht in einem Gebiet verbleiben, sondern auch andere Nahrungs- und/ oder Ruhegewässer aufsuchen.

    Inwiefern behindern jagdbedingte Störungen die Nahrungssuche?

    Bei jedem Gewässer überwiegt die eine oder die andere Funktion. Hinsichtlich ihrer Rastbiotope scheinen Wasservögel recht flexibel zu sein: Je stärker die Rastfunktion überwiegt, desto eher und längerfristig lassen sich die Vögel davon vertreiben. Umgekehrt halten sie umso zäher an Gewässern fest, je höher deren Bedeutung als Nahrungsbiotop ist. Die mangelnde Berücksichtigung dieser Zusammenhänge ist wohl die wesentliche Ursache für die oft sehr unterschiedlichen Ergebnisse von Untersuchungen zum „Vertreibungseffekt“.

    Nun aber zum nächsten Glied der Schicksalskette: Inwiefern behindern jagdbedingte Störungen die Nahrungssuche? Um diese Frage zu klären, wurde das Untersuchungsgebiet am Bodensee in Sektionen aufgeteilt und der Gehalt an potenzieller Nahrung erfasst. Dies geschah im Herbst und Frühjahr, also vor und nach der Nutzung des Gebietes durch ziehende und überwinternde Wasservögel.

    Dabei fiel auf, dass das Nahrungsangebot im bejagten Gebiet offensichtlich stärker genutzt wurde, als es die Zahl der dort tagsüber beobachteten Enten hätte vermuten lassen. Anfang März waren die Hauptkomponenten im Jagd- wie im Schongebiet gleichermaßen zu etwa 90 Prozent genutzt worden. Kamen die Enten außer an den jagdfreien Tagen auch nachts zur Nahrungssuche? Direkte Hinweise hierfür erhielt Projektleiter Peter Meile, der mit einem lichtstarken Nachtglas rege Tauchaktivitäten der Reiher- und Tafelenten in der Rheinrinne beobachten konnte. Dies war Anlass für eine weitere nahrungsökologische Untersuchung, deren Ergebnis nun nicht mehr überraschte: Unabhängig davon, ob gejagt wurde oder nicht, waren die Zebra-Muscheln (Dreissena polymorpha) – dort Hauptnahrung der Tauchenten – zu über 90 Prozent abgeweidet. Ein bedeutender Anteil der Nahrungssuche muss also nachts erfolgen.

    Am Tag überwiegt die Ruhephase

    Das warf die nächste Frage auf: Sind die Vögel durch jagdbedingte Störungen zu nächtlicher Nahrungssuche gezwungen oder entspricht diese dem normalen Aktivitätsrhythmus? Letzteres scheinen die Beobachtungen von Meile zu bestätigen, denn auch nach Ende der Jagd tauchten oder gründelten die Enten bei Nacht intensiver als bei Tag. Am Tag überwiegt die Ruhephase, nachts die Nahrungssuche. Diese Nachtaktivität ist also keineswegs (nur) durch Störungen bei Tag erzwungen, sondern entspricht bei Tauchenten generell (Bell & Austin 1985, Meile 1988), bei Schwimmenten überwiegend dem natürlichen Verhaltensmuster.

    Einige Arten scheinen sehr flexibel zu sein, etwa die Pfeif- und Spießente, die sowohl tagsüber als auch nachts der Nahrungssuche nachgehen. Im Gegensatz zu Enten sind Gänse überwiegend tagaktiv und ruhen nachts. Doch können auch sie störungsbedingte Einbußen durch entsprechend intensivere Äsungsaktivität bei Tag wettmachen oder diese in die Nacht verlegen (Bell & Owen 1990, Stock & Hofeditz 1996). Telemetrische Untersuchungen am Austernfischer zeigen, dass dies auch für Watvögel anzunehmen ist.

    Die vermeintlich negativen Auswirkungen von Störungen auf Kondition und Bruterfolg

    Kommen wir jetzt zu den vermeintlich negativen Auswirkungen von Störungen auf Kondition und Bruterfolg. Sicher kann es während der Wintermonate zu Nahrungsengpässen kommen. Dennoch ist gegenüber den „weitreichenden Folgen“ Skepsis angebracht. So wies zum Beispiel Jordan (zit. in Bauer & Glutz 1968) eine beachtliche Resistenz gegenüber Nahrungsengpässen nach. Stockenten vermochten in normalen Wintern bis zu zwei Wochen ohne Nahrung zu überleben! Gewichtsverluste bis zu 40 Prozent konnten bei genügendem Nahrungsangebot in zwei weiteren Wochen wieder wettgemacht werden.

    Gaston (1991) ermittelte die Fettreserven in Louisiana (USA) überwinternder Schnatterenten in Perioden mit und ohne Bejagung. Auch bei Berücksichtigung der Witterung zeigten sich signifikante Unterschiede, die offensichtlich auf störungsbedingte Defizite zurückzuführen waren. Gaston sah darin die Bestätigung einer früheren Computersimulation, wonach störungsbedingte Verluste von Wasservögeln höher zu veranschlagen wären, als durch Erlegung, und zog daraus auch für den Bruterfolg weitreichende negative Konsequenzen.

    Seine Prophezeiungen bewahrheiteten sich jedoch nicht – im Gegenteil: Während der folgenden zehn Jahre nahm die bisher nicht häufige Schnatterente drastisch zu und avancierte zur vierthäufigsten Entenart des Kontinents (Keszler 2000). In Kenntnis der oben genannten Untersuchung überrascht dies nicht. Betrugen die Unterschiede in den Fettdepots zwischen bejagter und unbejagter Kohorte durchschnittlich doch weniger als zehn Prozent des Körpergewichts. Defizite dieser Größenordnung werden nach Ende der Jagdzeit in kürzester Zeit ausgeglichen.

    Bélanger & Bédard (1990) untersuchten die Auswirkungen verschiedenster menschlicher Störungen auf das Energiebudget der im Herbst in Quebec versammelten Schneegänse. Dabei zeigte sich, dass erst bei mehr als zwei solcher Störaktionen pro Stunde die Schwelle der Kompensierbarkeit überschritten war. Diese Studien wurden 1985 und 1986 durchgeführt. Inzwischen haben die Schneegänse in einem Maße zugenommen, das selbst Ökologen und Ornithologen beängstigte – obwohl Gänse in Nordamerika mit Erlegungsraten von teilweise über 20 Prozent viel intensiver bejagt werden als in Europa.

    Hypothese kann aus zwei Gründen nicht gestützt werden

    Soweit mir bekannt ist, gibt es bislang nur eine Untersuchung, aus der sich störungsbedingte Auswirkungen auf Körperkondition und eventuellen Bruterfolg ableiten lassen, und zwar an Kurzschnabelgänsen im nördlichen Norwegen (Madsen 1995). Die Vögel rasten dort im Mai, um sich die nötigen Fettreserven für die Brutzeit zuzulegen, bevor sie nach Spitzbergen weiterfliegen. Um Fraßschäden an landwirtschaftlichen Flächen abzusenken, wurden die Gänse aus einem Gebiet ständig vertrieben. Vor dem Weiterflug zeigten sie eine schlechtere Kondition und brachten im Herbst weniger Junge zurück als ihre Artgenossen aus ungestörten Bereichen.

    Doch kann diese Studie die Hypothese von den weitreichenden Auswirkungen jagdbedingter Störungen aus zwei Gründen nicht stützen, auch wenn dies gelegentlich versucht wird: Es handelte sich einerseits nicht um die üblichen, durch die Jagdausübung verursachten Störreize, sondern um gezielte, ständige Vertreibungsversuche. Andererseits fanden diese Versuche im Mai statt, also zu einer Zeit, in der sich die Vögel physiologisch auf die Fortpflanzung vorbereiten. Die Jagd (in Dänemark) aber endet bereits am 31. Dezember. Im Übrigen konnten diese massiven lokalen Störaktionen ein kontinuierliches Anwachsen auch dieser Gänsepopulation seit nunmehr 20 Jahren nicht verhindern.

    Andere Faktoren sind entscheidend

    Die vorstehend genannten Erkenntnisse widerlegen also auch die Spekulationen hinsichtlich des letzten Gliedes der Schicksalskette: In keinem Fall waren negative Auswirkungen auf die betreffenden Populationen erkennbar. Für die Bestandstrends sind offensichtlich andere, vor allem nahrungsökologische Faktoren entscheidend.

    So auch am Bodensee: Die als „Belchenschlacht“ massiv kritisierte Jagd im Ermatinger Becken, der Hauptnahrungsquelle der am Bodensee durchziehenden und überwinternden Wasservögel, hatte nicht verhindern können, dass diese in nur fünf Jahren von etwa 200 000 auf fast eine Million anstiegen! Entscheidend war hier die rapide Zunahme der Zebra-Muscheln, wohl als Folge der Gewässereutrophierung.

    Ein ähnliches Bild ergibt sich bei einer überregionalen Betrachtung. Die seit 1967 kontinuierlich ausgewerteten und periodisch veröffentlichten Gesamtzahlen westpaläarktischer Wasservögel durch das Internationale Büro für Wasservogelforschung beziehungsweise Wetlands International ließen für die meisten Arten stabile oder zunehmende Trends erkennen, auch für die als besonders störungsanfällig geltenden Arten. Bemerkenswerterweise war der Anstieg in den 70er Jahren am ausgeprägtesten, als die Jagdzeiten in vielen Ländern noch bis Februar, in Frankreich bis Ende März dauerten. Die Gesamtzahl verdoppelte sich zu einer Zeit, in der in den europäischen Ländern noch fast alle Entenarten bejagt werden konnten und auch noch weniger Schutzgebiete als heute ausgewiesen waren.

    Die mannigfachen Hypothesen über „weitreichende negative Auswirkungen“ jagdbedingter Störreize ließen sich durch wissenschaftliche Untersuchungen zwar nicht bestätigen, doch zeigten sich Veränderungen im Verhalten und in der Verteilung der Wasservögel. Darunter leiden offenbar manche Menschen mehr als die betroffenen Vögel. Dies kann dann zu leidenschaftlichen Aktionen gegen die Wasserwildbejagung führen: Sowohl die traditionsreiche Wattenjagd an der Nordseeküste als auch die Gemeinschaftliche Wasserjagd im Ermatinger Becken mussten dem Druck emotionaler Kräfte weichen. Nichtjagende Naturfreunde beanspruchen das Recht auf die Beobachtung ungestörter Wasservögel ebenso, wie die Jäger das auf deren jagdliche Nutzung. Insofern gilt es, Kompromisse zu finden, die beiden „Nutzergruppen“ (nach IUCN-Terminologie Consumptive and Non-consumptive users) gerecht werden. Ziel ist die Minimierung von Störungen durch die Jagd. Dies liegt auch im Interesse der Jäger, denn eine geringere Scheu und höhere Dichten der Vögel versprechen einen höheren Jagderfolg.

    Wesentliche Erkenntnisse über die Störbelastung durch verschiedene Jagdmethoden

    Die jahrelangen Untersuchungen im deutschen und noch mehr im dänischen Wattenmeer sowie am Bodensee lieferten wesentliche Erkenntnisse über die Störbelastung durch verschiedene Jagdmethoden. Zunächst zur Jagd während des Morgen- und Abendstrichs. Diese Jagdart gilt den zwischen Tagesrastgewässer und nächtlichem Nahrungsgebiet (Enten) sowie zwischen Äsungsplätzen und Schlafgewässern (Gänsen) pendelnden Vögeln. Da sie ohnehin fliegen, zeigen Störreize durch Flintenknall kaum Auswirkungen. Allenfalls wird der Einfall ins Gewässer verzögert. Bei der Jagd von festgelegten, gedeckten Ansitzplätzen wartet der Jäger am Ufer oder im Äsungsgebiet auf anfliegende Vögel. Wird die Jagd nur von diesem Stand ausgeübt, lassen sich Wat- und Wasservögel im Umkreis von mehr als 200 bis 300 Meter nicht stören. Verlässt der Jäger den Stand, nutzen sie bereits eine Viertelstunde später das bejagte Gebiet (Meile 1988, Bamberg 1989). Diese Erkenntnisse wurden in der 1979 getroffenen Regelung der Wattenjagd am Dollart berücksichtigt mit der Akzeptanz aller damals Beteiligten.

    Ausweisung von Jagdruhezonen

    Die Plätze wurden im Abstand von durchschnittlich 1 000 Meter Entfernung voneinander angelegt. Die Inhaber der Wattenjagdscheine sprachen sich untereinander ab, wer wann welchen Ansitzplatz benutzt. Die Zwischenräume blieben nun der ausschließlichen Nutzung durch Wat- und Wasservögel vorbehalten. Demgegenüber verursacht eine mobile Jagdausübung, meist von Booten aus, erhebliche Störungen. Dies zeigte Madsen (1993) im dänischen Küstenbereich. Verursachten in einem Gebiet selbst acht stationäre Jäger nur einen Rückgang der rastenden beziehungsweise äsenden Pfeifenten von etwa 40 Prozent bis zur Mittagszeit, so hatten dort fast alle Enten das Gebiet verlassen, als von nur drei Jägern zwei von fahrenden Booten aus jagten. Jagd von festen Ständen vermindert also Störungen und erhöht den Jagderfolg. Boote sollten allenfalls zur Bergung der Jagdstrecke eingesetzt werden.

    In Ländern mit Lizenzjagd kann es lokal zu hohem Jagddruck kommen. Hier empfiehlt sich die Ausweisung von Jagdruhezonen. Dies lernen die Vögel rasch und lassen sich durch den Jagdbetrieb in der Umgebung kaum stören. Auch anderen Störquellen (Fischerboote, Spaziergänger) gegenüber sind die Wasservögel in den Ruhezonen toleranter (Meile 1988). Vor allem in Duchzugsgebieten kann es etwas dauern, bis die Vögel die Schongebiete erkennen und Traditionen zu deren Nutzung entwickeln. Es ist also sinnvoll, solche Gebiete über Jahre hinweg beizubehalten.

    Wie bereits dargelegt, wären solche Schongebiete für die Wasservögel infolge ihrer Flexibilität hinsichtlich der Rast und Nahrungssuche nicht notwendig. Wichtig aber sind sie im Hinblick auf das Interesse, das weite Bevölkerungskreise den befiederten Mitgliedern wassergebundener Lebensgemeinschaften entgegenbringen. Doch können auch die Jäger von diesen Ruhezonen profitieren. In der dänischen Studie sowie in Untersuchungen in England stiegen Zahl und Aufenthaltsdauer der Pfeifenten nicht nur in Schongebieten, sondern auch in deren Umgebung. Somit ließen sich die Verluste an Jagdfläche durch höhere Strecken ausgleichen. Die Größe solcher Refugien sollte vor Ort ermittelt werden und sich an den Erfordernissen der Wasservögel orientieren.

    In Dänemark sammelt man derzeit Erfahrungen an 50 festgelegten Refugien, die die Erhaltung und jagdliche Nutzung der Wasservögel in besonderen Schutzgebieten garantieren sollen. Die Arbeiten basieren auf einer Vereinbarung zwischen Umweltschutz- und Jägerorganisationen!

    Anstatt der genannten örtlichen Beschränkungen jagdlicher Aktivitäten können auch zeitliche Restriktionen zu Kompromissen in der Nutzung von Feuchtgebieten führen. Auch davon kann die Jagd profitieren. Denn nichts ist der Wasserwildbejagung abträglicher als ständige Beunruhigung. Doch haben sich vielerorts längst lokale Jagdtraditionen entwickelt, die den Erfordernissen der Wasservögel Rechnung tragen. Nur wenige Male laden die Pächter von Revieren entlang eines Flusslaufs zur gemeinsamen Jagd ein. So bleibt die Störung auf wenige Morgen- und Abendstunden des Jahres beschränkt.

    Tageszeitliche Regelungen haben sich besonders bei der Gänsejagd bewährt. Dem in den 1970er Jahren zunächst in Holland praktizierten Beispiel folgte damals das Land Schleswig-Holstein und untersagte die Bejagung zwischen 10 und 15 Uhr. Wie bereits erwähnt lernen die Gänse rasch, wann es nicht mehr knallt, und fallen schon kurz nach dem Abzug der Jäger auf den zuvor bejagten Flächen zur Äsung ein. Bei den heutigen, stark angewachsenen Gänsescharen und entsprechend hohen Schäden auf landwirtschaftlichen Flächen hat sich diese strikte Regelung allerdings relativiert.

    Sachgerechte Planung

    Bei zunehmender Vereisung, vor allem in Verbindung mit scharfem Wind sollte die Bejagung eingestellt werden. Unter solchen Umständen sind die Auswirkungen von Störungen eventuell nicht mehr zu kompensieren, insbesondere wenn geeignete Ausweichgewässer bereits zugefroren sind. Entsprechende Bestimmungen fanden sich zum Beispiel in den Verordnungen zur Wattenjagd und in der Vogeljagdordnung im Ermatinger Becken.

    Dennoch erhöhen örtliche und zeitliche Beschränkungen der Bejagung die Kompensierbarkeit jagdbedingter Störungen. Sie sind bei sachgerechter Planung Kompromisse zwischen den Lebensansprüchen der Wasservögel sowie den Interessen nicht jagender Naturfreunde und der Jäger.

    Ducks Unlimited – gegründet und betrieben durch Jäger

    Die genannten Erkenntnisse genauerer Untersuchungen widerlegen die vor allem in Deutschland gern und häufig vertretene Auffassung, möglichst große Schutzgebiete, in denen die Jagd auf Wasservögel völlig ruht, seien zu deren Erhaltung unerlässlich. Diese Forderung wird aber trotzdem besonders immer wieder dann laut, wenn es um „Feuchtgebiete von internationaler Bedeutung“ geht. Jagd und die dadurch bedingten Störungen würden sich dort „von der Natur der Sache her“ von selbst verbieten, meinte zum Beispiel Erz (1987), denn solche Gebiete dienten dem Schutz der Wasservögel vor jeglicher Störung.

    Diese Fehlinterpretation des Übereinkommens über Feuchtgebiete, insbesondere als Lebensraum für Wasser- und Watvögel, von internationaler Bedeutung (Ramsar-Konvention) ist bei uns weit verbreitet. In Wirklichkeit aber ist aus der Ramsar-Konvention keineswegs ein völliges Jagdverbot abzuleiten. Vielmehr verpflichten sich die Vertragsstaaten nach Artikel 2/6 zu einer „wohl ausgewogenen Nutzung der Bestände ziehender Wat- und Wasservögel“. Sowohl in den dem Ramsar-Sekretariat gemeldeten Feuchtgebieten von internationaler Bedeutung wie in Wasservogelbiotopen generell.

    Darin manifestierte sich bereits 1971 bei der Abfassung der Konvention eine Erkenntnis, die inzwischen auch zur Police der IUCN avancierte: Das Interesse an der Nutzung – auch der jagdlichen – von Naturgütern ist eine wesentliche Triebfeder zu ihrer Erhaltung. Maßgeblich waren hierfür die zahllosen Beispiele für die Erhaltung und Neuschaffung von Feuchtgebieten aus jagdlichem Interesse. Das bekannteste ist wohl die amerikanische Naturschutzorganisation Ducks Unlimited – gegründet und betrieben durch Jäger. Über die Mittel von Ducks Unlimited allein wurden seit 1937 über 15 Millionen Hektar(!) Feuchtgebiete wieder hergestellt oder neu geschaffen.

    Konsequenzen aus Erkenntnissen

    Diese Nutzung betrifft ausdrücklich auch ziehende Wat- und Wasservögel. Das sei betont im Hinblick auf Bestrebungen, die jagdliche Nutzung von Zugvögeln zu verbieten. Aus populationsdynamischer Sicht bestehen keine Unterschiede hinsichtlich der Auswirkungen der Bejagung von ziehenden und standorttreuen Arten.

    Zu wohl ausgewogener, also nachhaltig möglicher Nutzung im Sinne von „wise use“ verpflichtet die Ramsar-Konvention. Dies beinhaltet selbstverständlich auch ein Mangement jagdbedingter Störungen, mit dem Ziel, deren Auswirkungen für bejagte und unbejagte Arten auf einem kompensierbaren Niveau zu halten. Das ermöglichen aber heute die vorstehend geschilderten örtlichen und zeitlichen Beschränkungen bereits. Forderungen nach großflächigen, ganze Schutzgebiete umfassenden Jagdverboten entsprechen dagegen nicht mehr dem heutigen Wissensstand.

    Konsequenzen dieser Erkenntnisse zeigten sich bereits während der 7. Trilateralen Wattenmeer-Konferenz 1994 in Leeuwarden. Die entsprechende Deklaration berücksichtigt die genannten, auf umfassenden Untersuchungen basierende Strategien hinsichtlich der jagdlichen Nutzung des dänischen Wattenmeeres. Über die Erfahrungen und Möglichkeiten, diese Strategie weiter zu verfolgen, wurde während der 8. Wattenmeer-Konferenz in Stade 1997 berichtet. Konsequenzen bleiben abzuwarten.

    Auffassung bedarf einer Revision

    Auf nationaler Ebene setzt sich diese Denkweise nur zögerlich durch. Jagd in Schutzgebieten ist allenfalls auf die Reduktion von Schalenwild beschränkt, soweit sie aus ökologischer Sicht notwendig erscheint. Jegliche weitere Jagdausübung gilt vor allem wegen der damit verbundenen Störungen als nicht vereinbar mit der Idee des Naturschutzes. Doch diese Auffassung bedarf nach dem heutigen Wissen dringend einer Revision!

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    Bei starkem Eisgang und zugefrorenen Ausweichgewässern muss die Jagd – egal auf welche Art – eingestellt werden

 

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