Windkraft ja – aber nicht überall!

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Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kündigte an, die Genehmigungsverfahren für Windkraftanlagen als „Lastesel“ der Energiewende zu vereinfachen. WILD UND HUND sprach mit Prof. Klaus Hackländer, Vorstand der Deutschen Wildtier Stiftung, über die Auswirkungen der Pläne und das Schweigen des Umweltschutzes.

„Dass wir die Energiewende brauchen, steht außer Zweifel. Die Frage ist aber, ob das alleinige Heil in der Windkraft liegt“ (Foto: Ove Arscholl / Deutsche Wildtierstiftung)

WuH: Wie bewerten Sie Herrn Habecks Ankündigung, den Artenschutz dem Ausbau der Windkraft unterzuordnen und diese mit aller Kraft zu betreiben?

Prof. Klaus Hackländer: Dass wir die Energiewende brauchen, steht außer Zweifel. Die Frage ist aber, ob das alleinige Heil in der Windkraft liegt, wie Herr Habeck das propagiert. Die Frage ist übrigens nicht einmal, ob wir 2, 3 oder 5 % unserer Fläche für Windkraft einsetzen. Vielleicht müssen wir das. Sondern die Frage ist, wo die Windräder stehen. Wir haben 2 große Krisen: Die Klimakrise und die Biodiversitätskrise. Die dürfen wir nicht gegeneinander ausspielen, sondern wir müssen die Gegenmaßnahmen in Einklang bringen. Trotz der prekären Situation finde ich die Hauruck-Manier, mit der Herr Habeck hier vorgeht, für einen Minister unangebracht. Man kann nicht einfach den Artenschutz als Rechtsgut aufweichen – das ist EU-Recht – und ihn dem Klimaschutz unterordnen. Dementsprechend haben wir auch reagiert und Briefe nicht nur an Herrn Habeck, sondern auch an das Landwirtschafts- bzw. Umweltministerium geschrieben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frau Lemke (Bundesumweltministerin/Grüne, Anm. d. Red.) über Herrn Habecks Vorgehen glücklich ist. Die anderen NGOs waren bisher aber auffällig ruhig …

WuH: Sind andere Umweltverbände wie z. B. BUND oder gerade NABU, die sich ja früher Meriten um den Vogelschutz erworben haben, vielleicht durch ihre politische Nähe zu den Grünen in dieser Frage kompromittiert und wagen sich darum nicht aus der Deckung?

Prof. Klaus Hackländer: Die richtigen Naturschutzverbände, die sich noch um Artenschutz kümmern, etwa die Ornithologenverbände, sind ebenfalls sehr aufgebracht. Auf die hört bloß keiner, sie haben einfach nicht diese Macht wie der NABU oder BUND und deren Draht zur Politik. Viele der ursprünglichen Naturschutzverbände wie NABU (Prof. Hackländer engagierte sich bei der Vorgängerorganisation DBV, dem Deutschen Bund für Vogelschutz, Anm. d. Red.) dagegen sind mit der Zeit in Richtung Umweltschutzverbände mutiert und befinden sich wahrscheinlich nun in einem Dilemma zwischen Umwelt- und Naturschutz. Ich mag nicht beurteilen, warum man nichts hört, aber es verstört mich, dass es so ist.

Die Deutsche Wildtier Stiftung ist ausdrücklich nicht gegen Windkraft. Aber wir lehnen ihren Ausbau im Wald ab (Foto: Michael Tetzlaff)

WuH: Welche Arten sind besonders betroffen, und wie könnte man ihre Bedrohung reduzieren?

Prof. Klaus Hackländer: Besonders bedrohte Arten, die häufig Kollisionsopfer werden, sind in Deutschland generell große, eher schwerfällig fliegende Tiere. An erster Stelle stehen der Schwarzstorch, aber auch der Rotmilan oder in Mecklenburg-Vorpommern der Schreiadler und andere Greife. Für einige dieser Arten hat Deutschland eine besondere Verantwortung, weil hier deren Hauptvorkommen liegt. Die Deutsche Wildtier Stiftung ist ausdrücklich nicht gegen Windkraft. Aber wir lehnen ihren Ausbau im Wald ab, wo diese Arten brüten und von ihr außerordentlich bedroht sind.

Auch Fledermäuse werden häufig vergessen. Alle Fledermausarten sind in Deutschland auf der Roten Liste als bedroht gelistet, und wir haben damit schon gewaltige Probleme. Durch das Insektensterben fehlt es an Futter, es fehlt an Strukturen in Gebäuden und auch im Wald, wo es an Platz für Wochenstuben und Winterquartieren mangelt. Viele Fledermäuse werden nicht durch direkte Kollision getötet, sondern durch Barotraumata verletzt, die durch Unterdruck hinter den Rotoren entstehen.

Die Forschung im Schwarzwald und in Skandinavien zeigt außerdem, dass Windenergieanlagen für Raufußhühner (wie z. B. Auer- und Birkwild) eine Katastrophe sind. Und zwar weil sie störungsempfindlich sind und ihr Bruterfolg durch den Flächenverlust und die Zuwegung stark reduziert wird. Wenn sie einen Weg für eine Windenergieanlage in den Wald bauen, haben sie da auch eine erstklassige Mountainbikestrecke und sofort Halligalli. Jetzt sagt Herr Habeck, da bleiben ja 98 % der Fläche übrig. Aber wie verrückt ist das denn! Es ist ja nicht so, dass diese 98 % Wildtierparadiese sind! Da gibt es Siedlungen, Hochspannungsleitungen und alle möglichen anderen Gefahrenquellen. Wir werden natürlich nicht verhindern können, dass was passiert, aber der Artenschutzschaden lässt sich deutlich senken. Warum stehen also Windkrafträder nicht dort, wo Natur eh nicht mehr zu erkennen ist? Wir müssen kreativer werden und auch von anderen dicht besiedelten Ländern wie z. B. Japan oder den USA lernen. Dort setzen sich in den Raumplanungsverfahren die planenden Behörden mit den NGOs zusammen und minimieren Biodiversitätsverluste. Die konzentrieren Windenergieanlagen nahe am Abnehmer oft auf bereits betonierten Flächen. Warum stehen nicht mehr Windenergieanlagen im Hamburger Hafen, warum stehen keine kleineren Anlagen dezentral auf den Dächern?

WuH: Sind die Erneuerbaren denn unter artenschützerischen Gesichtspunkten überhaupt die attraktivsten Energieträger? Unsere französischen Nachbarn z. B. beschreiten andere Wege und haben übrigens durch ihren Fokus auf Atomkraft auch pro Kopf geringere Co2-Emissionen.

Prof. Klaus Hackländer: Ich halte, als Privatmann gesprochen, die Abkehr von der Atomenergie bzw. die Energiewende nach wie vor für richtig. Die Gefahr für uns Menschen ist einfach zu groß. Wir haben beim Schwarzwild in Bayern immer noch zu hohe Cäsiumwerte, und wir können nicht – Stichwort Atomabfall – auf Kosten kommender Generationen leben. Ich weiß aber auch: Es gibt viel mehr als Windkraft. Z. B. bei der Biomasse: Sie kennen vielleicht das „Bunte Biomasse“-Projekt der Stiftung. Es wird viel zu wenig propagiert, dass man auch ohne Mais einen guten Energiewert erzielen und gleichzeitig Insekten und Hasen einen Lebensraum bieten kann. So zu tun, als sei allein die Windkraft in der Fläche ein gangbarer Weg, die Energiewende zu vollziehen, ist mir zu plakativ und zu billig. Es fehlt hier das Gesamtkonzept: Man setzt auf eine Karte, die vielleicht nicht die beste ist. Gerade von einer grünen Partei hatte ich das am wenigsten erwartet, zumal die ihren Ursprung im Naturschutz haben. Dass die Grünen auf einmal ihre Vergangenheit vergessen, ist schockierend.

WuH: Wie bewerten Sie die Aussichten, dass sich die Grünen mit diesem Vorstoß durchsetzen?

Prof. Klaus Hackländer: Ob der Koalitionsfrieden wichtiger ist als der Artenschutz, kann ich nicht einschätzen.

Vielleicht ist es eine politische Strategie von Herrn Habeck, erst mal mit Maximalforderungen aufzutreten, um überhaupt etwas zu erreichen. Dass die Zeit drängt, liegt auf der Hand. Aber man darf das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Wir laufen Gefahr, manche Arten unwiederbringlich zu verlieren. Dieser Fehler wäre nicht wiedergutzumachen. Solange wir nicht reden, solange da ein Politiker kommt und sagt: „Die anderen sind mir egal, wir müssen da nicht so viel Rücksicht nehmen“, solange werden wir nicht auf einen grünen Zweig kommen.


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