Zum Ende ein Anfang

1738

Am letzten Tag der Jagdzeit rang in Jungredakteur Richard Günzel die Passion mit der Trägheit. Der Sieg der Ersteren wurde in ganz unerwarteter Weise belohnt.

Foto: Reiner Bernhardt

Sollte ich raus gehen? Vor dem Fenster segelten vereinzelte Schneeflocken zu Boden, drinnen knisterte friedlich das Feuer. Es herrschte wohlige Wärme. Als Freund des kultivierten Müßiggangs betrachte ich einen vor dem Kamin vertrödelten Sonntagnachmittag als famose Sache, die es zu zelebrieren gilt. ­Insbesondere, wenn die Dreifaltigkeit eines guten Buches, eines Glases Weißwein und einer Chipstüte dabei Gesellschaft leisten. Rar gesät sind die Gelegenheiten heuer allemal.

Große Chancen rechnete ich mir eh nicht aus. Ohne echte Überzeugung ließ ich die Gründe Revue passieren, den Hintern doch hochzubekommen. Seit Mitte Oktober hatte das Rehwild eigentlich Ruhe. Jetzt hatte ein Nachbar aber Interesse an einem ganzen Stück bekundet – und heute, am 31. Januar, war dazu die letzte Gelegenheit. Zudem war Reineke in der Ranz auch tagsüber unterwegs. Ein Winterbalg für die Herzensdame sollte her, ein neuer Locker harrte der Erprobung. Auch wollte ich die weiße Pracht genießen, die Frau Holle – in diesem Jahr vielleicht ein letztes Mal – über die stillen Hügel des Hintertaunus ausgebreitet hatte. So redete ich mich langsam in Stimmung. Schließlich gewann die Lust am Jagen zaghaft die Überhand. Die Jogginghose, laut Modezar Karl Lagerfeld das untrügliche Zeichen existenzieller Verwahrlosung, musste der Jagdklamotte weichen.

Auf dem Teerweg in die höheren Lagen des Reviers, wo ich ansitzen wollte, stieg ich kurz aus, um den Wind zu prüfen. Der Blick auf eine nahe Wiese enthüllte einiges Tohuwabohu an der Schneedecke. Sollte ich umdisponieren? Vielleicht ließ sich ja gerade hier das jagdlich Angenehme mit dem Nützlichen verbinden? Die Heide, so der Name einer einstandsnahen, vom Wald an drei Seiten umschlossenen Fläche, ist seit geraumer Zeit ein ­Sorgenkind im ­Testrevier. Die Würmer in ihrem feuchten Rasen üben eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Schwarzkittel aus. In der Vergangenheit waren schon kostpielige ­Reparaturen angezeigt (siehe WuH 10/2020). Kollege Peter Schmitt hatte dort keine drei Tage zuvor einen Frischling erlegt, dennoch war die Wiese erneut großflächig umgedreht. Früh am Abend war die Wahrscheinlichkeit, der marodierenden Borstenviecher habhaft zu werden, natürlich überschaubar – aber doch vorhanden.Und Rehwild konnte auch hier kommen. In der Jackentasche harrte die Kaninchenklage ihrer Premiere. Der Entschluss war gefallen: Ich würde auf der behaglichen, geschlossenen Kanzel die Jagd in vollen Zügen genießen, das Winterpanorama Balsam auf meiner Seele sein lassen, ein bisschen reizen und mitnehmen, was geht, das Kühltruhen-Reh hin oder her.

Ein Spießer und ein mittelalter Schaufler. Die Altersansprache ist beim männlichen Damwild für den Anfänger eine Hürde.
Foto: Michael Breuer

Bevor der falsche Lapuz seine tausend Tode sterben konnte, glaste ich auf halbem Weg zur Kanzel schnell noch die Waldkante ab. Bis das Auge an einer ungewöhnlichen Form hängen blieb. Das war kein Ast! Und rührte sich da jetzt nicht was? Einen Augenblick später schälte sich tatsächlich das Haupt eines Stücks Damwild aus einer dicht verschneiten Hecke heraus. Kahlwild, ganz sicher. Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Auf die Gefahr hin, fünf Euro für das Phrasenschwein abdrücken zu müssen: Unverhofft kommt oft!
Mit dem Damwild ist es in Obertiefenbach so eine Sache: Zwar zeigt es sich ab und an, aber meist außerhalb der Jagdzeiten. In den vergangenen fünf Jahren kamen nur 12 Stücke zur Strecke. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb war ich lange Zeit scharf auf das elegante Hochwild, das es in der oberhessischen Heimat nicht gibt und dessen Wildbret von den Kollegen stets als besonders schmackhaft gepriesen wurde. Endgültig verzückt hatte mein Jägerherz dann das Spektakel der Spießer, die im jugendlichen Übermut das Rehwild durch die Fluren scheuchten. Allerdings ist die Alters­ansprache besonders bei den Geweihträgern vertrackt. Für einen blutigen Anfänger wie mich gilt das natürlich umso eher. Mehr als einmal rätselte ich angestrengt, ob ein Halbstarker nun ein- oder zweijährig sei, von den älteren Artgenossen ganz zu schweigen. Weibliches Wild war mir aus unerfindlichen Gründen kaum in Anblick gekommen. Meiner angeborenen Vorsicht wurde noch durch gutgemeinte Ermahnungen auf die Sprünge geholfen, dass ein Fehltritt hier kein Kava­liersdelikt sei. Die Redaktion dürfe sich beim Hegering keine Blöße geben. Ein Missetäter würde gekreuzigt, gesteinigt und mit den eigenen Eingeweiden am nächsten Laternenpfahl aufgeknüpft.

Das schwache Hirschkalb, das in Begleitung eines Schmaltiers und eines Alttiers ausgetreten war, ging keine zehn Meter.
Foto: Richard Günzel

Scherz beiseite: Mindestens ein Dutzend Mal hatte ich mir speziell auf Damwild den Hintern platt gesessen, auch öfter Anblick gehabt, war aber stets als Schneider nach Hause gegangen. Innerlich hatte ich mich zunehmend mit der Vergeblichkeit meiner Mühen arrangiert. Die Widrigkeiten beim Ansprechen boten eine gute Rechtfertigung. Hier gab es aber kein Vertun, da sich zu dem Alttier auch gleich ein Schmaltier und ein Kalb gesellten.

Schneehemd samt Zielstock waren im Auto liegen geblieben, trotzdem war der anschließende Pirschgang kein Kunststück. Alles hatte sich zu meinen Gunsten verschworen: Ein sanfter Wind blies ins Gesicht, der weiche Schnee verschluckte die Geräusche, das Gelände ist an entscheidender Stelle kupiert und begünstigt eine gedeckte Annäherung. Nur ganz zum Schluss ging es auf allen Vieren vorwärts. ­Unter einer kahlen Eiche richtete ich den Repetierer auf dem Rucksack ein. Das Damwild-Trio stand vertraut am Hang auf 80 Gänge, der Schuss war kein ­anspruchsvoller. Das auffallend schwache Kalb – es sollte aufgebrochen nur 15 kg auf die Waage bringen – quittierte die Kugel mit kurzer Flucht und kam am Waldrand zur Ruhe. Als der Knall über dem Altbestand verhallte, konnte ich mein Glück erst nicht recht fassen, hatte ich doch die Hoffnung schon ein wenig fahren lassen. Zum Abschluss der Jagdzeit so unverhofft ein erstes Stück Damwild erlegen zu dürfen, heißt jedenfalls reich beschenkt zu sein.

ANZEIGEAboangebot