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BJV: Ludwig Freiherr von Lerchenfeld im WuH-Interview

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Der Bayerische Jagdverband steht möglicherweise vor einer außerordentlichen Delegiertenversammlung mit dem Ziel einer Neuwahl von Präsident und Beisitzer. Hinter den Kulissen macht sich ein Kandidat bereit: Ludwig Freiherr von Lerchenfeld, ehemaliger Landtagsabgeordneter der CSU, ein großer Waldbesitzer aus Oberfranken. Vivienne Klimke hat ihn besucht.

Freiherr Ludwig von Lerchenfeld hat seine Kandidatur für den BJV-Vorsitz verkündet (Foto: Vivienne Klimke)

Wolf darf nicht ins Jagdrecht. Motto „Wald und Wild“ wichtig

WuH: Sie bewerben sich um das Amt des Bayerischen Jagdpräsidenten. Warum?

Von Lerchenfeld: Weil ich gefragt wurde. Ich habe Rücksprache mit meiner Frau und Familie genommen, und sie haben mich unterstützt und gesagt, ja, das musst Du machen. Es gibt einige Kreisgruppenvorsitzende, die sagen, man braucht jetzt einen Neuanfang. Es ist so viel geschehen, was nicht der Inhalt eines Jagdverbands ist.

WuH: Was würden Sie denn besser machen als die derzeitige Verbandsführung?

Von Lerchenfeld: Wichtig sind Kommunikation und Miteinander, und dass man sich in der Öffentlichkeit nicht streitet. Eines der wichtigsten Dinge in einem Verband ist zudem Vertrauen. Das alles ist in den letzten zwei Jahren schlecht gelaufen im BJV. Ich bin ein Teamplayer und möchte Menschen, die viel mehr von einem Detail verstehen als ich, mit einbinden, zu Wort kommen lassen. Der Präsident eines Verbandes muss nach außen hin auftreten. Er muss nicht auf jede Frage selbst eine Antwort haben, sondern muss jemanden im Team haben, der antwortet. Wir müssen auch das Auftreten in Gemeinschaft wieder viel mehr pflegen, zum Beispiel über den „Jahresempfang“. Er war ein Zeichen nach außen und ein Dank nach innen, das brauchen wir unbedingt wieder. Wir waren in Deutschland der wichtigste Jagdverband, weil wir als Bayern mit unserer sehr traditionellen Jägerschaft etwas darstellen und zu sagen haben. Da muss man wieder hin!

WuH: Wie eng haben Sie die Vorgänge im Bayerischen Jagdverband zuletzt begleitet, und was ist Ihre Perspektive darauf?

Von Lerchenfeld: Ich habe die Vorgänge genau beobachtet, weil Präsident Ernst Weidenbusch ja auch in der Jagdgruppe des Landtags war und ist. In der letzten Zeit ging es meiner Auffassung nach sehr darum, wie ein Präsident reagiert, und wie das in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Ich habe festgestellt, dass diese Wahrnehmung keine gute war. Der Führungsstil ist nicht kommunikativ, sondern auf sich selbst bezogen. Ich möchte aber in keiner Weise schlecht über Ernst Weidenbusch reden, weil er ein Landtagskollege ist und wir uns zu meiner Zeit im Landtag immer wieder gut ausgetauscht haben.

WuH: Wie verbunden sind Sie dem BJV? Auf Internetseiten zu Ihrer Person, ob privat oder vom Landtag, ist ihre langjährige Mitgliedschaft im BJV nirgendwo aufgeführt. Im Vordergrund stehen Waldbesitzerthemen.

Von Lerchenfeld: Ich habe meine Mitgliedschaften nur exemplarisch aufgeschrieben, denn es sind sehr viele. Nichtsdestotrotz ist mir der Jagdverband sehr wichtig. Ich bin, seit ich laufen kann, mit der Jagd vertraut, auch wenn ich heute nicht mehr so viel jage wie früher, aber meine Söhne jagen intensiv. Dabei muss die Jagdethik immer gelten; ich schieße keine Gams, keinen Hirsch oder kein Reh, weil es ein Feind ist, sondern weil ich a) die Notwendigkeit sehe und b) die Schönheit an der Jagd dabei genieße. Ich liebe es, im Gebirge oder auch hier in dieser wunderschönen Gegend einfach nur draußen zu sitzen und zu sehen und zu hören. Ich muss nicht immer Beute machen.

WuH: Wie sieht die Jagd in Ihren denn Revieren aus?

Von Lerchenfeld: Wir jagen vor allem auf Reh- und Schwarzwild, Füchse, Wildtauben und ein paar Hasen. Das Revier liegt im rotwildfreien Gebiet, selten sieht man mal einen Fasan. Es gibt hier viele Schwarzstörche, ich weiß allein von zwei Nestern. Der Waldanteil beträgt schätzungsweise mindestens 60%. Das Verhältnis zu den Jagdgenossenschaften ist in Ordnung, und mit dem Vegetationsgutachten und den Abschussplänen kommen wir zurecht. Ich jage bis zum Jahresende, eigentlich aber nicht mehr nach dem 30. November. Den männlichen Rehwildabschuss erfüllt ich immer in der Blattzeit. Die Organisation von Drückjagden habe ich seit 10 Jahren an meine Söhne abgegeben. Wir jagen immer am Nikolaustag auf Schwarzwild und weibliches Rehwild. Bei der letzten Jagd hatten wir 36 Hunde im Einsatz. Einer meiner Söhne führt eine Alpenländische Dachsbracke, der andere eine Brandlbracke. Ich selbst habe mein Leben lang Dachsbracken geführt. Wenn wir Strecke legen und die Bläser sie verblasen, kommen Leute aus dem Dorf dazu.

WuH: Glauben Sie nicht, Sie gelten als zu „waldlastig“ und würden als Präsident des Jagdverbands in Interessenkonflikte getrieben?

Von Lerchenfeld: Ich halte das Motto „Wald und Wild“ für ganz, ganz wichtig. Mein Plan ist, Verbände wie den Waldbesitzerverband und den Bauernverband sogar ins Präsidium zu kooptieren, damit von Anfang an gemeinsam etwas entsteht. Denn wenn man mit solchen Verbänden gar nicht mehr spricht, dann entstehen Animositäten. Je mehr man über Dinge redet, die möglicherweise Angriffspunkte mit sich bringen, desto besser.

WuH: Ist das nicht naiv? Diese Verbände treten in Debatten oft ideologisch auf, sind strenge Verfechter von „Wald vor Wild“ und damit oft große Gegner des Wildes und der Jagd.

Von Lerchenfeld: Ideologie spielt eine maßgebliche Rolle, zum Beispiel beim Bund Naturschutz. Enoch zu Guttenberg, ein Mitgründer des Bund Naturschutz, mit dem ich gut befreundet war, ist deswegen vorübergehend aus dem BN ausgetreten. Den ÖJV verneine ich total. Aber bei den anderen Verbänden muss man zumindest zuhören und versuchen, einen konzilianten Weg zu finden. Ich möchte nichts gegen diese Verbände sagen. Aber die Ideologien, die sie vertreten, sind problematisch.

WuH: Ihr Betrieb arbeitet nach den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW). Aber gerade diese wettert gegen überhöhte Schalenwildbestände und war mit beteiligt am Projekt „Biowild“. Das Vorkommen der Weißtanne wird als Gegenpol zum „jagdlich interessanten Vorkommen“ der meisten Schalenwildarten dargestellt. Wie sehen Sie das?

Von Lerchenfeld: Auch in der ANW, nach deren Prinzip ich meinen Wald bewirtschafte, sind Ideologen, die das Wild ausrotten wollen. Aber warum habe ich dann hier einen Vorzeigewald?

Wenn ich eine Weißtanne als Waldbesitzer ungeschützt im Wald habe, dann ist das ein Leckerbissen. Sie ist ein Aristokrat im Wald und braucht besonderen Schutz, um überhaupt aufzukommen. Deswegen haben wir in meinem Wald immer geschaut, dass die Tanne dort, wo sie natürlich aufwächst, geschützt wird. In meinem Wald habe ich einen hohen Prozentsatz an Weißtannen in jeglicher Struktur.

Wer dagegen denkt, das Wild muss weg, dann kommt alles an Wald natürlich, der soll sich bitte meinen Betrieb hier anschauen. Man kann nicht über 50 Jahre einfach nur den Abschuss erhöhen, ich muss sagen, da ist mal Schluss.

WuH: Sehen Sie als Forstmann einen Wald-Wild-Konflikt, und wie beurteilen Sie ihn, auch auf Verbandsebene?

Von Lerchenfeld: Als Waldbesitzer und gleichzeitig Jäger bin natürlich schon manchmal am Überlegen, was andere so sagen. Aber warum ist mein Wald, speziell auf das Wild bezogen, trotzdem so vorzeigbar? Ich habe nie etwas davon gehalten, dass es ein Wildfütterungsverbot geben soll – mein Revier liegt auf knapp 700 Meter, ich habe Höhenunterschiede von 400 Metern darin. Es gibt extrem schneereiche Winter. In solchen Wintern würde es sich verbieten, Wild nicht zu füttern, denn es würde verhungern. Das finde ich ethisch vollkommen falsch. Mein Ansatz ist, schwerpunktmäßig zu füttern, um damit auch den Verbiss zu reduzieren. Das haben schon mein Vater und Großvater so gemacht. So kann man Verbiss und Schälen, was ein stressbedingtes Verhalten ist, vermeiden.

Auf Verbandsebene sehe ich diesen Konflikt, ja. Aber gerade durch ideologische Meinungen ausgelöst, gibt es solche Kollisionen, das ist normal. Ziel der guten Führung eines Vorsitzenden eines Jagdverbandes muss es sein, diese Kollisionen aufzulösen.

WuH: Sie sind seit 1973 Mitglied in der CSU. Wie ist ihr Verhältnis gerade?

Von Lerchenfeld: Loyal. Ich empfinde die CSU als einzige Partei, deren Mitglied man sein sollte, auch wenn es manchmal schwierig ist.

WuH: Zu den Ehrenämtern, die Sie auf den Internetseiten angegeben haben, gehört auch die Mitgliedschaft in der Vertreterversammlung der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forst und Gartenbau (SVLFG). Der BJV hat jahrelang dafür gekämpft, die Jagd aus der Pflichtmitgliedschaft zu entlassen. Wie haben Sie sich hier eingebracht?

Von Lerchenfeld: Ich war gefühlte 100 Jahre im Widerspruchsausschuss der SVLFG. Ich war ein Schöffe und hatte mit zu entscheiden, ob ein Belang rechtens ist oder nicht. Die Widersprüche der Revierpächter wie auch die Klage des BJV gingen über meinen Tisch, und wir haben beschlossen, wir können da niemanden ausnehmen. Ich habe damals als Vertreter der SVLFG nach dem geltenden Recht entschieden.

WuH: Wie beurteilen Sie die Entwicklung im Staatswald seit 2005 – Gründung des Unternehmens Bayerische Staatsforsten, Änderung des Waldgesetzes und Aufnahme von „Wald vor Wild“ ins Waldgesetz?

Von Lerchenfeld: Ich würde mir wünschen, dass in den Bayerischen Staatsforsten mehr Fachwissen und Sachlichkeit herrschen würden, gerade in der Unternehmensführung. Dass 2005 „Wald vor Wild“ ins Waldgesetz hineingeschrieben wurde, ist für die Jäger bis heute ein Schlag und heißt intentionierte Ausrottung des Wildes.

WuH: Der amtierende BJV-Präsident Ernst Weidenbusch wollte das ändern. Kann man das?

Von Lerchenfeld: Man kann ein Gesetz immer ändern, aber es ist inzwischen eine festgeschriebene Tatsache, die durch die starke Lobbyarbeit der Bayerischen Staatsforsten zementiert wurde und wird. Wenn man das ändern will, muss man da gleich drangehen.

WuH: Sie haben nach eigener Aussage ein hervorragendes Verhältnis zu Forstministerin Michaela Kaniber. Wären Sie bereit, sich zugunsten der Jagd mit der Bayerischen Staatsregierung, dem Ministerpräsidenten und Staatsministerin Kaniber „anzulegen“?

Von Lerchenfeld: Ich wäre natürlich bereit, mich fachlich anzulegen, aber ich denke, dass das Verhältnis zu Michaela Kaniber so gut ist, dass es nicht zum Streit käme. Da zählen Kompetenz und Sachlichkeit, gepaart mit Überzeugungskraft.

WuH: Wie stehen Sie zur Abschaffung der rotwildfreien Zonen, die der BJV gerade fordert?

Von Lerchenfeld: Ich möchte nicht, dass rotwildfreie Zonen geschaffen werden oder existieren, sondern ich möchte sie auf ein gerüttelt Maß reduzieren. Aber man muss das regional unterschiedlich beantworten. Für große Waldbesitzer, wie den Wittelsbacher Ausgleichsfonds, Oettingen oder Thurn und Taxis müsste man vielleicht Einzellösungen finden. Der Gedanke lautet aber immer: Wald und Wild.

            WuH: Was ist Ihre Position in Sachen Wolf?

Von Lerchenfeld: Der Wolf darf bei uns unter keinen Umständen ins Jagdrecht, denn schadenersatzpflichtig ist immer die Jagdgenossenschaft. Das derzeitige Präventionsverhalten halte ich für vollkommen falsch. Ich finde, man muss die Rahmenbedingungen, unter denen man einen Wolf entnehmen darf, an heutige Bedingungen anpassen und die Entnahme über EU regeln

WuH: Gibt es zuviel Rehwild in Bayern, und gefährdet es den Zukunftswald?

Von Lerchenfeld: Ich glaube nicht, dass es zu viel Rehwild gibt. Und ich spreche nicht von einem Zukunftswald, weil ich schon in einem solchen lebe.

 

Zur Person: Ludwig Freiherr von Lerchenfeld, Jahrgang 1957, ist seit 1973 Mitglied in der CSU, hat seit 1982 seinen Jagdschein und war von 2011 bis 2018 Mitglied des Bayerischen Landtags. Er studierte sechs Jahre Jura (Schwerpunkt Arbeitsrecht), übernahm dann aber 1989 den forstwirtschaftlichen Betrieb seiner Familie. Der in Bamberg gebürtige Oberfranke ist seit 36 Jahren verheiratet und hat fünf Kinder, davon drei Söhne mit Jagdschein. Fragen nach der Größe seines Waldbesitzes und Jagdrevieres lässt er unbeantwortet. Über die Forstwirtschaft hinaus betreibt die Familie ein Sägewerk, eine Möbel-Restaurierung, einen Weinverkauf, einen Skilift und veranstaltet Events auf dem heimischen Schloss Heinersreuth bei Presseck.

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