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Als Nachtjäger in Problemgebieten

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Ökosystemgerechte Jagd III:
Im dritten und letzten Teil unserer Serie zur ökosystemgerechten Jagd geht Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Paul Müller auf das Schwarzwild und seine Bejagung speziell in durch hohe Wildschäden und die Klassische Schweinepest definierten Problemgebieten ein. Darüber hinaus schildert er in vielleicht ungewohnt klaren Worten seine persönliche Einstellung zur Nachtjagd in eben diesen Problemgebieten.

Das Ansprechen von Sauen bei schlechten Lichtverhältnissen ist nicht unproblematisch und führt unter Umständen zu Fehlabschüssen

Von Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Paul Müller

Mondlicht lag über den Hügeln. Es vergrößerte alles durch Schattenwurf, türmte die alten Stocherstellen des Schwarzwildes zu Kratern und machte aus Mümmelmann ein Sieben-Schwaben-Untier. Die Kirchturmglocke schlug Mitternacht und auf der vom Wald eingeschlossenen Wiese äste bei schwachem Ostwind vertraut Rehwild. Das frische Grün des Frühlings lockte, und im Nachtsichtgerät konnte ich jedes Stück genau ansprechen. Aber keine Sau löste sich aus dem Schatten des Waldsaumes.

Rotten, deren Leitbache irgendwo „abhanden“ gekommen war, und die deshalb jetzt aus vandalierenden Frischlingen und „Beibachen“ – neuwaidmännisch definiert kann dadurch auch ein Fehlabschuss postmortal in Ordnung gebracht werden – bestanden, hatten den feuchtnassen Winter über für Wildschäden gesorgt. Drei Eichenmastjahre bescherten dem Schwarzwild glückliche Tage im Wald. Engerling-Explosionen in den Silage-Wiesen und Schnaken-Larven in den gülle-strotzenden, subventionierten Kulturlandflächen hatten aus der Landschaft eine riesige Kirrfläche gemacht. Die Strecken-Ergebnisse hatten weder die Zuwachsraten des Schwarzwildes noch die Klassische Schweinepest (KSP) stoppen können. In solchen Situationen gilt nicht mehr wie so oft bei der Jagd das Erzählte, sondern ausnahmslos das Erreichte. Ich baumte ab – meine liebste Jagdzeit auf das Schwarzwild war gekommen.

Das Reproduktionszentrum des Schwarzwildes liegt im Wald

Das natürliche Verbreitungsgebiet der Sauen zeigt, dass die winterliche Schneedecke und extreme Trockengebiete die begrenzenden Faktoren ihres Areals sind. Auch die Populationsdynamik wird direkt oder indirekt – zum Beispiel über Mastjahre – von Klimafaktoren gesteuert, da unter anderem der Reproduktionserfolg vom Ernährungszustand der Bachen abhängt. Die Streckenentwicklung deutet darauf hin, dass bis in die Gegenwart der Zuwachs nicht abgeschöpft wird. Der Trend zeigt weiter nach oben und die jährlichen Streckenschwankungen sind viel mehr Indikatoren der jagdlichen Erreichbarkeit der Sauen als ihrer realen Populationsentwicklung.

Eine Zeitreihen-Analyse belegt, sowohl regional als auch lokal, dass die angenommenen Zuwachsraten zwischen 200 und 250 Prozent erheblich unterschätzt wurden. Was auch darauf zurückgeführt werden muss, dass in vielen Gebieten das Alter und Geschlecht der geschossenen Sauen zu „großzügig“ definiert wurde und der weibliche Anteil deutlich unter dem männlichen lag und liegt. Weiterhin wird der Reproduktionserfolg der Bachen, insbesondere der Frischlingsbachen, unterschätzt. Die im Wald geschätzten Populationsdichten entspringen häufig mehr Wunschvorstellungen, und die in vielen Sachbüchern dargestellten Alterspyramiden geben letztlich nur die Idealvorstellungen der jeweiligen Autoren wieder.

Die Hauptgründe für die Massenvermehrung des Schwarzwildes sind bekannt und liegen in:
– der deutlich gesunkenen Frischlingsmortalität durch immer mildere Winter,

– einem ganzjährig erhöhten Fraßangebot durch die Häufung von Mastjahren, großflächigem Maisanbau und einer Grünlandwirtschaft, die bei steigenden lokalen Wirtschaftsdüngergaben häufig Kalkungsmaßnahmen unterlässt,

– der zu spät einsetzenden Bejagung der Frischlinge – insbesondere in Waldrevieren – bei Schonung der „Beibachen“, falscher Einschätzung der Populationsdichten und Zuwachsraten,

– nicht konsequenter Schonung der Leitbachen,

– häufig geringer Effizienz von Gemeinschaftsjagden, deren Auswirkungen auf die Populationsentwicklung weit überschätzt werden.

Anstelle sorgfältiger revierübergreifender Zuwachsbeobachtungen konzentrierte man sich mehr auf anekdotische Beobachtungen über die „Synchronisation der Rausche“ oder die „Unterdrückung der Rausche“ von Frischlingsbachen durch ranghöhere Bachen. Insbesondere im Wald wurde mit dem Frischlingsabschuss erst bei den herbst- und winterlichen Bewegungsjagden begonnen. In der Feldflur wurden und werden bei nächtlichen Ansitzen in wildschadensgefährdeten Gebieten häufig stärkere Bachen geschossen. Dadurch wurde die größere Unregelmäßigkeit im Bewegungsmuster von Rottenverbänden jagdlich mitproduziert, was den Jagderfolg schmälert.

Weiterhin wird die Bejagung des Schwarzwildes durch folgende Randbedingungen zunehmend erschwert:

– Auf starken Jagddruck reagiert das Schwarzwild mit gesteigerter Nachtaktivität. Damit ist der Jagderfolg weitgehend eine Funktion der nächtlichen Lichtwerte (Mond, Bewölkung, Schneehäufigkeit).

– Starker Jagddruck und die Zerstörung der Sozialstrukturen führen zu einem veränderten Raum-Zeit-Verhalten. Damit steigt der zeitliche Aufwand für die Einzeljagd, der Erfolg revierübergreifender Gesellschaftsjagden sinkt.

– Flächennutzung, die keine Rücksicht auf die Schadensproblematik nimmt.

– In Eichenmastjahren werden Maiskirrungen nicht oder nur unregelmäßig besucht.
Wir bewegen uns letztlich im Bermudadreieck aus Wildschäden, Seuchenrisiko und persönlicher Betroffenheit der Wald- und Feldjäger. Wie Schwarzwild großräumig und revierübergreifend, zielorientiert bewirtschaftet werden kann, ist aber hinlänglich bekannt. Die Gründe, warum dieses Wissen nicht oder nur mangelhaft in die Praxis umgesetzt wird, liegen neben unterschiedlichen Einstellungen zum Schwarzwild insbesondere in der unterschiedlichen Betroffenheit von Wald- und Feldrevieren.

Im Wald liegt das Reproduktionszentrum des Schwarzwildes. Im Wald reduziert das Schwarzwild den Mäuse- und Engerlingbefall, es kann lokal den Zuwachs des Rehwildes schmälern, es lockert den Boden und hilft mit, Schadinsekten zu reduzieren. Kurzum: Es ist fast durchweg willkommen. Gestreifte Frischlinge werden – das zeigen unsere Streckenanalysen – meist erst mit Beginn der herbstlichen Drückjagden bejagt. Der häufig gehörte und publizierte Hinweis, dass ihre Bejagung im Mai, Juni, Juli oder August den Wildschaden im Feld erhöhe, ist dabei zu vordergründig.

In vielen Feldrevieren dagegen ist Schwarzwild gleichbedeutend mit Wildschäden. Im Frühjahr sind es die Wiesenschäden, ab Mai bis September die Mais- und Getreideschäden. Die Probleme der Feld- und Waldjäger sind also häufig grundverschieden. Solange keine „Wildschadensausgleichkasse“ existiert, in die alle Jäger und Jagdgenossen anteilig einzahlen, bleiben Hegeringe und Hegerichtlinien deshalb meist Makulatur.

Im Feld wird die Attraktivität der Standorte für das Schwarzwild bestimmt durch:

– die Verteilung von masttragenden Eichen, Buchen und Wildkirschen in den Randbereichen,

-die Geländestruktur und die Wald-Feld-Grenzlänge,

– den flächenmäßigen Anteil und die Lage von Feuchtbiotopen,

– die Landbewirtschaftung unter besonderer Berücksichtigung von …Milch- und Grünlandwirtschaft (Weiden, Grassilage, Wirtschaftsdüngergaben und Klärschlämme),
… Mais-, Hafer-, Weizen- und Rapsanbau,
… Schlaggrößen.

Beim Wildschaden gelten dabei nicht nur die §§ 32 bis 35 des BJG, sondern auch § 254 BGB. Danach ist von einem Mitverschulden des Landwirtes auszugehen, wenn er durch bestimmte Maßnahmen die Wildschadensanfälligkeit der Flächen erhöht (vgl. Urteil Landgericht Schwerin vom 08. 11. 2002; 269/01). Hier muss bei Grünland besonders auf die Einhaltung der Düngeverordnung hingewiesen werden. Wird die vom Betrieb zu sichernde Kalkversorgung gedüngter Wiesen nicht gewährleistet, steigt der Schaden!

Während beim Wildschaden Wald- und Feldjäger oftmals eine unterschiedliche „Weltsicht“ besitzen, sitzen sie bei der KSP im selben Boot. In Schweinepest-Gebieten müssen zur Reduktion der Haupt-Viren-Ausscheider und der Populationsdichte ganzjährig gestreifte Frischlinge geschossen werden. Natürlich widerspricht das zutiefst unserer moralischen Einstellung zu diesem „ritterlichen Wild“. Wenn wir aber nicht verstärkt den ganzjährigen Frischlingsabschuss praktizieren, sind wir mitverantwortlich für das elende Siechtum der Frösche in den Dickungen und für die latente Anwesenheit der KSP in unseren Revieren (s. Tab.).

Wir können also nichts falsch machen, wenn wir in Problemgebieten(!) zunächst jeden gestreiften Frischling erlegen. Das oft gehörte „Vermarktungs-Argument“ steht dabei in keinem Verhältnis zum Problem. Weiterhin sollte gesichert sein, dass in den Waldrevieren mit dem Frischlingsabschuss vor den herbstlichen Drückjagden begonnen wird.

Auf die Dynamik der Schweinepest soll hier nicht näher eingegangen werden. Wesentlich sind an dieser Stelle nur folgende Feststellungen:

– Wo KSP-Viren auftreten, steigt die Frischlingsmortalität, mittelfristig aber auch die Resistenz.

– Vorschriftsmäßig ausgebrachte Impfköder erhöhen nach bisherigen experimentellen Befunden und Analysen in Schwarzwildgattern die Frischlingsmortalität nicht. Beim 4. Internationalen Schwarzwildsymposium 2002 in Lousa (Portugal) wurde vermutet, dass niedrige oder ausfallende Reproduktionsraten bei Wildschweinen in Katalonien (Nordost-Spanien) nicht durch Fehlmastjahre, sondern durch Impfungen bewirkt worden seien.

– Die Ausbreitung des KSP-Virus kann durch falsche jagdliche Eingriffe (Leitbachen-Problematik) beschleunigt werden.

– Alle Maßnahmen müssen in KSP-Gebieten darauf ausgerichtet sein, die Populationsdichten der Sauen zu reduzieren.

– Nach Abklingen eines Seuchenzuges kommt es häufig zu einem steilen Anstieg der Schwarzwildbestände.

Reduktion mit traditionellen Mitteln nur schwer zu erreichen

Mit Blick auf ein effizientes Wildtiermanagement und eine ökosystemgerechte Bejagung hat sich unsere Jagd nicht nur in „Friedenszeiten“ zu bewähren. Wir müssen vor allem auch in Problemgebieten – die ja nur deshalb Problemgebiete sind, weil unsere traditionellen Systeme zuvor versagten – zu verlässlichen Partnern werden und dort beweisen, dass wir ein effizientes und tierschutzgerechtes jagdliches Management beherrschen. Und hier müssen wir auch zeigen, dass wir rasch expandierende Wildtier-Populationen wirklich regulieren können.

In Problemgebieten hat sich in erster Linie aber auch die ökosystemgerechte Jagd zu bewähren. Diese geht gezielt davon aus, dass sich unsere Bejagung dem Differenzierungsgrad der Ökosysteme (u.a. Wald- und Offenland-Systeme) und den Populationen anzupassen hat. Sie kann sich in Problemgebieten nicht mit unserer Vergangenheit beschäftigen und muss unter Beachtung von Tierschutz, Naturschutz und Seuchenschutz darauf ausgerichtet sein, eine der Kulturlandschaft angepasste Schwarzwildpopulation – dort wo noch nicht geschehen

– wiederherzustellen.
Problemgebiete sind in den meisten Fällen aber nicht allein das Ergebnis jagdlichen Versagens. Problemgebiete sind:

– Feldreviere mit einem hohen Feld-Wald-Grenzlinien-Anteil und attraktiver, häufig direkt an den Wald grenzender Flächennutzung;

– Feldreviere, in denen die Wildschadenskosten die Pachtkosten übersteigen;

– Gebiete mit Schweinepest-Gefährdung – wobei die KSP ganz sicher kein isoliertes Schwarzwildthema ist!

Mit traditionellen jagdlichen Mitteln ist eine Reduktion der – bei Wegfall der Leitbachen – häufig hochdynamischen mittelalten und jugendlichen Rottenverbände nur schwer zu erreichen. Bei der Nachtjagd können „schwarze“ Bachen meist gut angesprochen werden, die Umrisse der gestreiften Frischlinge aber verschwimmen oder tauchen im Bodenbereich völlig unter. Deshalb können in Problemgebieten Sau- und Frischlingsfänge notwendig sein.

Nach §19 (7) BJG ist es bekanntlich verboten „Saufänge, Fang- oder Fallgruben ohne Genehmigung der zuständigen Behörden anzulegen“. Erfahrungen aus dem Ausland (Australien, USA, Argentinien) zeigen, dass die häufig von Naturschutzseite und den Wildlife-Departments vorgegebenen Ziele Beschaffenheit und Einsatz von Saufängen definieren. In Australien, in denen die verwilderten Hausschweine als „Schädlinge“ eingestuft werden, die die heimischen Tier- und Pflanzenarten bedrohen, werden Sauen auch in Massenfängen abgefangen, ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht getötet und soweit möglich vermarktet.

Der moderne Jäger tötet aus der Entfernung

Doch auch in Mitteleuropa besitzen Saufänge eine lange Tradition. Gefangen wurde Schwarzwild unter anderem in verschieden großen Saufängen mit separaten Abfangvorrichtungen für unterschiedlich große Rottenmitglieder. Dabei spielten die Fragen ob Holz oder Draht, Mobilität und Größe der Fänge sowie der Zeitpunkt des Aufstellens und das Töten oder Markieren gefangener Tiere eine große Rolle. Wer aber jemals eine 80-Kilogramm-Bache mit ihren Frischlingen in einem Saufang erlebte, der weiß, dass reine Theoretiker für die Diskussion über Saufänge in Problemgebieten nicht hilfreich sind. Dennoch sind auch Frischlingsfänge, die eine Trennung von Bachen und Frischlingen ermöglichen, letztlich Indikatoren für das Versagen traditioneller Jagd. Sie sind aber in Problemgebieten häufig tierschutzgerechter als eine Nachtjagd bei schlechter Sicht. Dort wo Saufänge eingesetzt werden müssen, geht es primär um Reduktion, nicht um Selektion. Erfahrungen aus vielen Gattern aber auch an markiertem Schwarzwild aus dem Freiland belegen, dass die ihrer Frischlinge „beraubte“ Bache fast ganzjährig sehr schnell wieder rauschig wird. Das Fangen geht also weiter. Wird die gesamte Familie getötet, so ist das zwar im Hinblick auf die Populationsreduktion sinnvoll, es wird aber keinen oder nur einzelne deutsche Jäger geben, die eine solche Maßnahme durchführen werden. Leichter fällt es zumindest in der Nacht dem „dicken schwarzen Kasten“ im Feld die Kugel anzutragen. Erst beim Anblick der erlegten Bache und ihrer Milchleisten wird das Unheil dann sichtbar, nur allzu oft aber auch rasch verdrängt. Der moderne Jäger ist dafür bekannt, dass er aus Entfernung tötet.

“Schuss ins Dunkel“

Über die Nachtjagd, über ihre Gefahren und Risiken, über ihre Vor- und Nachteile usw. ist genug diskutiert und geschrieben worden. Wer sie aber erlaubt und/oder betreibt, wer also A sagt, sollte meines Erachtens in Problemgebieten konsequent auch B sagen. Denn jagdliche Effizienz hat auch und gerade bei der Nachtjagd und auch und gerade in Problemgebieten höchste Priorität.
Nach §19 BJG ist es in Deutschland nicht verboten, Schwarzwild zur Nachtzeit zu erlegen. Es ist aber verboten, „Künstliche Lichtquellen, Spiegel, Vorrichtungen zum Anstrahlen oder Beleuchten des Zieles oder der Zieleinrichtung, Nachtzielgeräte, die einen Bildwandler oder eine elektronische Verstärkung besitzen und für Schusswaffen bestimmt sind,… beim Fang oder Erlegen von Wild aller Art zu verwenden oder zu nutzen…“.
Bekanntlich ist bei Mondhelligkeitswerten ab 3,5 die Nachtjagd mit einem lichtstarken Zielfernrohr (mit Leuchtabsehen) möglich. Jeder Nachtjäger weiß aber, dass stärkere Stücke leichter ins Glas zu bekommen sind als Frischlinge. Obwohl in Deutschland unter anderem Infrarot-Nachtsichtgeräte als Zieleinrichtung verboten sind, werden sie – wie die Anzeigen der Jagdzeitschriften zeigen – zum Beispiel für die „Auslandsjagd vom Feinsten“ angeboten. Wenn man keinen „Schuss ins Dunkel“ will, kann man seine Jagdoptik zum Nachtsichtgerät umwandeln oder man blickt über eine erlaubte Nachtsichtbrille durch ein erlaubtes Leuchtsicht-Abkommen.

In anderen europäischen Ländern ist die Nachtjagd gänzlich verboten. In wieder anderen wird eine künstliche Lichtquelle vorgeschrieben. Wir brauchen uns über den Sinn und Unsinn von „künstlichen Monden“ in Problemgebieten nicht lange zu streiten. Für die dort zwingend notwendige Nachtjagd sind aus meiner Sicht drei rechtlich erlaubte Dinge unverzichtbar: ein lichtstarkes Nachtglas, ein Nachtsichtgerät und eine Waffe mit lichtstarkem Zielfernrohr mit Leuchtabsehen. Ein gutes Nachtsichtgerät hat folgende Vorteile:

– die Zusammensetzung einer auswechselnden Rotte kann auch bei geringen Lichtwerten noch auf 500 Meter angesprochen werden;

– bei etwa 1 000 Gramm Gewicht kann es mit dem Fernglas gemeinsam auch beim Pirschen getragen werden;

– wenn mit dem nicht zielenden Auge das Wild beobachtet wird, entfallen beim späteren Zielen durch das Zielfernrohr Blendungseffekte.

Schwarzwildpopulationen in vielen Regionen im Steigflug

Dennoch, beim Umsetzen vom Nachtsichtgerät, in dem klar alle Wildkörper sehr genau anzusprechen sind, auf das Zielfernrohr der Waffe, werden die Unterschiede deutlich. Die Frischlinge beginnen wieder bedenklich zu verschwimmen. Für Problemgebiete sollte deshalb aus Gründen des Tierschutzes und um kritischere Jagdmethoden (zum Beispiel Frischlingsfänge) überflüssig zu machen, ermöglicht werden, dass auf Jagdwaffen montierte Nachtsicht-Zielfernrohre auf Antrag von der zuständigen Behörde dort erlaubt werden, wo es die KSP-Situation (amtlich festgelegter Gefährdungsbezirk) und die Wildschadensprobleme in der Feldflur eine effiziente und tierschutzgerechte Reduktion der lokalen Schwarzwildbestände erfordern. Dem werden viele Waldjäger natürlich nicht zustimmen, auch diejenigen nicht, die in biergeschwängerter Luft ihre Fehlabschüsse verdrängen und auch diejenigen nicht, die es ablehnen, gestreifte Frischlinge überhaupt zu schießen.

Doch gilt – wie gesagt – das Erreichte und nicht das Erzählte! Denn im Wald erwünscht, in der Feldflur oftmals Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen zwischen Jägern und Bauern, befinden sich die Schwarzwildpopulationen in vielen Regionen weiter im Steigflug. Die auch seitens des Deutschen Jagdschutzverbandes seit langem erhobene Forderung, mindestens 75 Prozent des Abschusses in der Frischlingsklasse zu tätigen, statt die Grundbestände durch den Abschuss der älteren Tiere kontinuierlich zu verjüngen, muss im Interesse des Schwarzwildes, zur Minimierung des Seuchen-Risikos und der Flächennutzungskonflikte endlich umgesetzt werden. Dabei ist es in Problemgebieten erforderlich, die Zukunftsfähigkeit eines effizienten Wildtier-Managements nicht durch die Verklärung einer „glanzvollen Vergangenheit“ zu verschenken. Bei der Nachtjagd in Problemgebieten – und hier geht es ausschließlich um Problemgebiete – sollten auf Jagdwaffen montierte Nachtsichtzielgeräte erlaubt werden, um gerade Frischlinge in Grenzsituationen sicher erlegen zu können. Die Technik ist ausgereift und wesentlich sicherer als das Herumhantieren mit Taschenlampen, die zum Beispiel in Problemgebieten von Rheinland-Pfalz erlaubt sind. Doch höre ich jetzt schon den Aufschrei aller „Gerechten“, insbesondere aller „Selbstgerechten“.

Die Maiskirrungen werden gemieden

Der Ostwind wehte weiter über die offenen Flächen, küselte im Hangbereich am Waldrand, wurde unberechenbar im Waldesinnern und wirbelte und tobte an einer Hangkante im trockenen Laub. Ich musste diese Hangkante queren, um den Wind wieder von vorne, direkt in den Augen zu spüren. Die Eichelmast hatte die Schwarzkittel im Wald beschäftigt, leider nicht für 24 Stunden. Kaum berechenbar steckten sie vielerorts ihre Rüssel ins Grünland und besorgten sich das notwendige tierische Eiweiß in den güllegetränkten Wiesen und Weiden. Die Maiskirrungen dagegen wurden gemieden. Magenanalysen der erlegten Sauen zeigten immer das gleiche Bild: 96 Prozent Eicheln und Bucheckern und darauf eine kleine Portion tierisches Eiweiß. Genau jene Portion, die sie sich beim Auswechseln auf die offenen Flächen noch einverleiben konnten, bevor die Kugel sie erreichte. Drück- und Ansitzjagden hatten schon lange an Effizienz eingebüßt, und ich musste neue Strategien entwickeln.

Die Nacht war noch nicht gelaufen

Nach weiterer kurzer Pirsch stand dann etwa 150 Meter vor mir eine Rotte im Gebräch. Deutlich zeichnete sich im Nachtsichtgerät nicht nur die dicke Bache ab, die ich auch ohne Nachtoptik gut ausmachen konnte, sondern auch ihre etwa 25 bis 30 Kilogramm schweren fünf Frischlinge. Der Wind war jetzt auf meiner Seite, und ich pirschte, den Mondschatten einzelner Bäume nutzend, näher. Immer wieder beobachtete ich durch das linke Auge mit dem Nachtsichtgerät und machte Zielübungen mit dem rechten Auge durch das Zielfernrohr. Der Wind rauschte im Falllaub als die Kugel den ersten, vielleicht 80 Meter entfernt brechenden Frischling erreichte. Er kippte, schlug kurz mit den Läufen, die Rotte brach weiter. Seit Monaten war auf einem nahegelegenen Golfplatz zur Sauenabwehr ein Schießgerät installiert worden, das in regelmäßigen Abständen drei Pseudo-Gewehrschüsse erschallen ließ. Die Sauen hatten sich daran gewöhnt. Die zweite Kugel erreichte Frischling Nummer zwei, der sie zwar kurz aber laut quietschend quittierte.

Die Bühne war nun leer. Langsam wanderte ich zum Auto zurück und holte Odin, der nach ruppiger Drahthaarart die beiden Frischlinge beutelte. Dann ging es zum Aufbrechen zurück zur Jagdhütte. Die Nacht war aber noch nicht gelaufen, denn ich war noch nicht müde.

Es zog mich in die hohen Eichen auf einer anderen Bergkuppe. Auch dort hatte das Schwarzwild im umliegenden Grünland gebrochen und für Ärger gesorgt. Ein passender Pirschweg fehlte, und der Wind zwang mich von Westen her in den Wald einzudringen. Im Nachtsichtgerät erkannte ich Rehe, die den Störenfried natürlich bald erahnten und laut schreckend ihren Unmut kundtaten. Aber ich musste den Bestand jetzt queren, um über einen Hohlweg zurück zum Auto zu kommen. Weiter ging es, 100 Meter, 200 Meter. Langsam, mehr stehend als gehend ging es voran. Und immer wieder erfolgte mit dem linken Auge der Blick durch das Nachtsichtgerät, das den Wald zu einer hellerleuchteten Bühne machte. Hinter dicken Eichenstämmen tauchte erneut die Rückseite eines Rehs auf. Aber das Reh hatte einen „Wedel“. Ich zuckte kurz, als mir klar wurde, dass hinter den Eichen der Pürzel einer Sau „wedelte“. Als sie seitlich etwas vorzog, zeichnete sich der Pinsel des nun klar erkennbaren Überläuferkeilers im Nachtsichtgerät ab.

Es gibt Tage

Völlig vertraut brach er zwischen den Eichen, und auch er hörte den Schuss nicht. Zurück zum Auto, Hund holen, Überläufer bergen und versorgen. Es war 2.30 Uhr, immer noch mondhell, und ich war hellwach. Noch drei wildschadensgefährdete beziehungsweise -betroffene Standorte gab es. Am ersten ästen und lagerten vertraut Rehe, beim zweiten war eine Hasenhochzeit im Gange. Am dritten, einem weit eingeschnittenen Tal mit Streuobstwiesen, einem von Rindern malträtierten Bachlauf, isolierten Schwarzdorngebüschen und einem Milchviehbetrieb, tat sich zunächst auch nichts. Die westliche Hangseite des Tales lag im hellen Mondschein und alles war ruhig.

Doch plötzlich kam Bewegung in den Hang. Über die Kuppe wechselten vier 30 bis 40 Kilogramm schwere Sauen an und zogen in meine Richtung. Irgendwann mussten sie meinen Wind queren. Auf etwa 70 Meter erhielt die letzte der vier Gleichgroßen die Kugel aufs Blatt und lag nach kurzer Todesflucht. Die anderen hielten weiter auf mich zu, und ein weiteres Stück ereilte die Kugel. Dann war die Bühne leer.

Es gibt Tage, da küsst Diana Dich auf beide Wangen und Erfolg lässt Müdigkeit nicht aufkommen. Um 9 Uhr saß ich schon wieder im dunklen Anzug bei einem Besprechungstermin, und meine Gesprächspartner hatten sicherlich nicht geahnt, dass ich wenige Stunden zuvor Problemgebiete etwas weniger problematisch gemacht hatte.

Die Tatsache, dass Sauen ihre Nahrung überwiegend auf dem beziehungsweise im Boden suchen, ist für den Waldbau positiv. Für die Landwirtschaft gilt das Gegenteil


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