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Es war ein Schütz…

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Die Steinbock-Affäre:
Als Anfang Januar heraus kam, dass im Forstamt Schliersee ein Beamter anstatt eines Hirsches einen Steinbock geschossen hatte, kochte im Landkreis Miesbach die Volksseele. Die Angriffe richten sich nicht alleine gegen den Schützen, sondern auch gegen seinen Vorgesetzten. Jahrelang aufgestaute Wut entlädt sich.

 

Ein Steinbock – eigentlich schwer mit einem Rothirsch zu verwechseln. Ein bayerischer Forstbeamter tat es, und schoss den Bock ab

Wer in Schliersee zu den Wildvernichtern gehört, hat schlechte Karten. Wer dazu mit den Jägern noch Streit anfängt, hat noch schlechtere. Leidvoll musste dies bereits am 6. November 1877 der Wildschütz Georg Jennerwein erfahren, als er am Peißenberg erschossen wurde. Seitdem geistert er etwas glorifiziert durch Volkslieder und Bauerntheaterstücke. Sein Grab vor der St. Martinskirche in Schliersee/Westenhofen ist eine der Sehenswürdigkeiten des beschaulichen Ortes und wird heute auch gerne von Waidmännern besucht, spürt man doch hier, vor der Kulisse der fantastischen Bergwelt, etwas von Wildererromantik.

Erbitterte Feindschaft zwischen Jägern und Förstern

Während es seit dem Tod Jennerweins verhältnismäßig still rund um den Schliersee war, ist es seit einigen Jahren mit der Gemütlichkeit und der Bergjager-Romantik vorbei. „Wald vor Wild“ heißt die politische Devise der Bayerischen Staatsforstverwaltung und diese sorgt, in Schliersee übereifrig umgesetzt, seitdem für eine erbitterte Feindschaft zwischen Jägern und Förstern. Der pensionierte Wildmeister und Buchautor Konrad Esterl, der selbst lange Berufsjäger in Schliersee war, beschreibt das Vorgehen der Beamten als barbarisches Abschlachten des Bergwildes.

Ein neuerlicher Fall hat jetzt das Fass zum Überlaufen gebracht und den gesamten Landkreis Miesbach in helle Aufregung versetzt, so dass sogar überregionale Presse über Schliersee berichtete. Ein Beamter des Forstamtes Schliersee schoss am 7. November auf einer Drückjagd, aus Versehen, wie er selbst angab, anstatt eines Stückes Rotwild einen cirka sechsjährigen Steinbock. Der Bock gehörte offensichtlich zu einer Steinbockkolonie, die vor 35 Jahren von den Familien Sachs und Graf Arco mit Unterstützung des Freistaates im Gebiet Brünnstein angesiedelt wurde und gegenwärtig rund 40 Stücke Steinwild zählt. Dass der Steinbock in einem Schutzwald im Bereich „Gseng“ am Großen Traithen erlegt worden sein soll, in dem generell alles zum Abschuss frei ist, beruhigt niemanden.

Ein irreparables Versehen

Der Beamte gab an, dass der Bock mit dem Haupt verdeckt gestanden habe, als er ihn mit einem Stück Rotwild verwechselte und abdrückte. Besonders peinlich ist der Vorfall auch deswegen, weil nach Auskunft des Landesjagdverbandes an der Jagd der Top-Nachwuchs der Bayerischen Staatsforstverwaltung teilgenommen hat.

„Ein saudummer Irrtum“, nannte der Leiter des Forstamtes Schliersee Hans Kornprobst den Abschuss. Auch der Leiter des Forstpräsidiums Oberbayern, Günter Biermayer, bedauerte den Vorfall als irreparables Versehen.

Angesichts der Tatsache, dass der Jagdleiter auf der Drückjagd alles an Rot-, Reh- und Gamswild freigegeben haben soll, inklusive Trophäenträgern aller Klassen, wundert sich der Präsident des Landesjagdverbandes Bayern, Professor Jürgen Vocke, nicht über den Fehlabschuss. „Da wird doch auf alles Dampf gemacht, was sich bewegt“, schimpft der bayerische Jägerpräsident. Vocke legt Wert darauf, dass in diesem Zusammenhang nicht alle bayerischen Forstbeamte gescholten werden, aber es sei doch auffällig, dass immer wieder das Forstamt Schliersee negativ auffalle. Vocke spielt damit auf Ereignisse an, die sich in der Amtszeit des Forstamtsleiters Kornprobst in seinem Dienstbereich abspielten.

So wurden beispielsweise 1985 in der Schonzeit drei Gamsgeißen erlegt. Weiterhin seien bei hoher Schneelage Drückjagden durchgeführt worden, in deren Folge nicht nur das an Fütterungen des Nachbarreviers stehende Rotwild ins Staatsrevier getrieben wurde, sondern zu allem Überfluss der stellvertretende Forstamtsleiter mit seinem Schweißhund ohne Wildfolgevereinbarung auch noch die Reviergrenzen überschritten habe und ein krankes Stück Rotwild erlegte.

Deutliche Worte an die Adresse des Freistaates

Auch mit Reviernachbarn im österreichischen Tirol führte das Amt von Kornprobst einige Auseinandersetzungen wegen überjagender Hunde. Der jüngste Vorfall spielte sich auf der Tiroler Kesselbodenalm ab. Die Tiroler Jägerschaft protestierte heftig. Der dortige Landesjägermeister Wieser versicherte seinen Jägern: „Wenn Sie mich angesichts der Schlierseer Jagdpraktiken noch einmal mit Forstdirektor Kornprobst gemeinsam an einem Tisch sehen sollten, können Sie mich sofort meines Amtes entheben.“ Der Freistaat muss sich wegen des Übergriffs über die Landesgrenze vor dem Bezirksgericht in Kufstein verantworten. Das Verfahren läuft noch.

Vollkommen überraschend hat sich jetzt zu dem Fall auch die österreichische Außenministerin, Dr. Benita Ferrero-Waldner, geäußert. Sie sagte in einem Grußwort, das der österreichische Gerneralkonsul Dr. Christian Lassmann am Jahresempfang des Landesjagdverband Bayern verlas: „Ich hoffe sehr, dass die Grenzverletzungen durch bayerische Jagdhunde im Zuge von in Tirol verbotenen Jagden die gute Nachbarschaft nicht nachhaltig stören werden, sondern dass bei den Verantwortlichen die Beachtung unterschiedlicher Rechtsordnungen und damit zusammenhängend auch von Reviergrenzen, die der Bundesgrenze entsprechen, eingefordert wird.“ Deutliche Worte an die Adresse des Freistaates und an den ebenfalls am Jahresempfang anwesenden bayerischen Forstminister Josef Miller, der auch der oberste Dienstherr Kornprobsts ist.

Verbandspräsident Vocke ärgert vor allem der Ungeist dieser rücksichtlosen Jagd, der in dem oberbayerischen Forstamt herrsche. Erst vor wenigen Tagen entwickelte der Landesjagdverband zusammen mit bayerischen Forstdirektoren in einer Tagung einen Leitfaden für Bewegungsjagden, um unter anderem Grenzkonflikte durch überjagende Hunde zu vermeiden. Das gemeinsam erstellte Arbeitspapier soll den bayerischen Forstbeamten als Dienstanweisung zugehen. In Schliersee wird es kaum dazu beitragen, die verhärteten Fronten aufzuweichen und das Krisengebiet zu befrieden.

Das Forstministerium in München sieht übrigens keinen Grund, sich über Kornprobst oder seine Amtsführung zu beschweren. „Herr Kornprobst handelt im Sinne unseres Hauses“, sagt Ministeriumssprecher Alfons Kraus. Kornprobst sei selbst in keinem Fall verurteilt worden und die Verfehlungen einzelner Beamter könnten nicht dem Forstamtsleiter angelastet werden, heißt es aus dem Ministerium. Im Fall des Steinbock-Schützen sei das, was momentan mit dem Schützen, Robert Wiechmann, in der Öffentlichkeit geschehe schlimm genug.

Reue gezeigt

Seitdem die Jägerschaft erfahren hat, dass die Staatsanwaltschaft München II den Straftatbestand wegen fehlenden öffentlichen Interesses nicht weiter verfolgt, Schlagen die Wellen der Empörung in der Bevölkerung und der Jägerschaft hoch. In Jagdsachen würden zwischen Jägern und Förstern verschiedene Maßstäbe angelegt, schimpft die Jägerschaft. Als Beispiel wird der Wiesseer Kleinbucherbauer angeführt, der sich vor Jahren beim Abschuss eines Hirsches um 150 Gramm im Trophäengewicht verschätzt hatte, und dem deswegen der Jagdschein genommen wurde. Darüber hinaus erhielt er eine Geldstrafe. In einem Leserbrief der Heimatzeitung schreibt ein Leser wörtlich: „Vor dem Gesetz sind alle gleich, einige aber sind doch gleicher.“

Für den Landesjagdverband und die Jäger im Kreis ist diese Entscheidung der Justizbehörde nicht nachvollziehbar, zumal auch die Staatsanwaltschaft auch in Fällen der Vergangenheit immer ein Auge zudrückte. Doch der Leiter der Staatsanwaltschaft München II, Rüdiger Hödl, verteidigt die jüngste Entscheidung. Wiechmann habe sich selbst angezeigt, den Vorfall wahrheitsgemäß geschildert, sich bislang nichts zu Schulden kommen lassen und auch Reue gezeigt, sagt der Leiter der Justizbehörde.

Dass mit dem eingestellten Verfahren der Sohn des Amtsvorstehers Kornprobst etwas zu tun haben könnte, der früher in der Staatsanwaltschaft München II arbeitete, streitet der Behördenleiter Rüdiger Hödl energisch ab. Er habe bis zu dem Vorwurf gar nicht gewusst, dass der Sohn Kornprobsts in seiner Behörde beschäftigt gewesen sei, so Hödl.

Das Landratsamt bleibt weiter in der Kritik

Mit in die Schusslinie der Jägerschaft geraten ist der Landrat des Kreises Miesbach, Nobert Kerkel, bei dem die Akte Wiechmann jetzt wieder liegt. Erst acht Wochen nach der Erlegung bekam der Kreisjagdberater Georg Bromme und der Vorsitzende der Kreisgruppe im Landesjagdverband Martin Weinzierl Wind von der Steinbock-Erlegung im Forstamt Schliersee. „Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit würde in Frage gestellt“, schreibt der erste Vorsitzende der Miesbacher Jäger, Martin Weinzierl, in einer Stellungnahme und fordert vom Landrat, den Forstbeamten Wiechmann aus dem Jagdbeirat zu entlassen. Der Beamte war Mitglied des Jagdbeirates und vertrat den Bund Naturschutz. Inzwischen ist er von seinem Amt zurückgetreten. Hinter vorgehaltener Hand wird Landrat Kerkel vorgeworfen, er hätte den Fall vertuschen wollen. Dieser Vorwurf sei vollkommen haltlos, kontert das Landratsamt in Miesbach, die Behörden seien ordnungsgemäß verständigt worden. Doch das Landratsamt bleibt weiter in der Kritik. Die Kreisjägerschaft kritisiert vor allem, dass die Trophäe und der Steinbock nicht eingezogen wurden. Die Erlegung bleibe eine Straftat, so die Jäger. Derzeit liegt das Gehörn bei der Forstdirektion München. Doch der Sprecher des Landratsamtes gibt sich gelassen: „Wir sehen keine rechtliche Möglichkeit, die Trophäe zu beschlagnahmen.“

Viel Rückendeckung von der Obrigkeit!

Für die Miesbacher Jägerschaft steht außer Frage, dass Wiechmann den Jagdschein abgeben muss. Zu entscheiden hat darüber die Untere Jagdbehörde am Landratsamt Miesbach. Die Verwaltung will erst die Stellungnahme des Jägerausschusses des Landesjagdverbandes abwarten.

Der Jägerausschuss des Landesjagdverbandes wird voraussichtlich den Entzug des Jagdscheines empfehlen. Ein Umstand, der sich auch in der Personalakte des Forstbeamten nicht gut machen dürfte. Nach Auskunft des Forstpräsidenten Biermayer ist ein disziplinarrechtliches Verfahren gegen den Steinbock-Schützen noch nicht abgeschlossen.

Forstpräsident Biermayer sieht wenig Chancen, den Schlierseer Raum in absehbarer Zeit zu befrieden, solange die Vorstellungen von Jägerschaft und Forst in Sachen Wild und Wald dort derart weit auseinanderlägen.„Die Privaten müssen sich eben daran gewöhnen, dass die Staatsforste nicht ein Quell ständigen Wildreichtums sein können“, sagte der Behördenleiter gegenüber WILD UND HUND, und verteidigt den waldbaulichen Kurs der bayerischen Staatsforstverwaltung. Der Forstpräsident wollte sich nicht zu den Vorwürfen äußern, dass von Seiten der Staatsforstverwaltung gegen die Person Kornprobst nichts unternommen würde, weil dieser im August 2003 in Ruhestand versetzt werde. „Kornprobst vertritt den politischen Auftrag unseres Hauses“, sagt der Behördenleiter. Biermayer erklärte, dass er sich ganz entschieden zur Wehr setze, dass in Schliersee alle Probleme vom Forstamt und seinen Mitarbeitern ausgingen. – Viel Rückendeckung von der Obrigkeit!

Einst ein Vorbild an waidmännischer Ethik

Übrigens auch die Waldbauern stärken Kornprobst und seiner radikal umgesetzten Devise „Wald vor Wild“ den Rücken. Die örtliche Waldbauern-Vereinigungen zählt immerhin rund 1400 Mitglieder und ist eine der größten Oberbayerns.

Der Wilderer Georg Jennerwein würde sich angesichts des Streits zwischen Jägern und Förstern sicher verwundert die Augen reiben und vergnügt an seinem Schnurrbart zupfen. Während er als Wildschütz gegen die Obrigkeit, vertreten durch Förster und Jäger, kämpfte, kämpfen heute Jäger und Förster gegeneinander. Und während die Förster einst ein Vorbild an waidmännischer Ethik waren und ihr Wild wie ihre Augäpfel hüteten, sind sie heute in den Augen der Jäger die größten Wildvernichter im Schutze der Obrigkeit. Und so summt der Jennerwein vergnügt im Himmel, oder vielleicht auch in der Hölle: „Es war ein Schütz in seinen besten Jahren, er putzt den Steinbock weg von dieser Welt… .“

Das staatliche Forstamt Schliersee

 

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