Auf wenige Meter

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Auf wenige Meter

NACHSUCHE
Standlaut und kurz darauf nimmt die kranke Sau den Nachsuchenführer an. Jetzt zählt jede Sekunde. Michael Stadtfeld war mit der Kamera dabei. Thore Wolf

Das Stück Fließpapier zeigt Rot.

Nachsuchen auf Schwarzwild stecken voller Risiken und Gefahren – für Hund und Jäger. Je schwerer das Stück und je leichter die Verwundung, desto brenzliger kann es werden. Viele Schweißhundführer können ein Lied davon singen. Blaue Flecken und leichte Kratzer sind noch die harmlosen Andenken an solche Einsätze. Manch einer hat dabei nicht nur selbst schwere Blessuren davongetragen, sondern auch seinen treuen Vierläufer verloren.
Die Angaben der Schützen über Gewicht und Treffersitz sind nur ein Anhalt. Der Nachsuchenführer muss sich sein eigenes Bild am Anschuss machen. Deuten Pirschzeichen wie Röhrenknochensplitter auf einen Laufschuss hin, ist klar: Die Sau ist noch mobil, eine Hetze unvermeidlich. Äußerste Vorsicht ist geboten!
Der firme Schweißhund hat sich auf der Fährte festgesaugt. Nachsuchenführer Wolfgang Schmitz kann jede Geste seiner Schweißhündin „Cilla“ deuten. Wie in einem Buch vermag er in jedem Blick und jeder Körperhaltung des Hundes zu

Kaum geschnallt, kracht es im Schwarzdorn und der Überläufer nimmt an. Ein schneller Schuss beendet die gefährliche Attacke.

lesen. Plötzlich hebt der schwarzwilderfahrene Vierläufer seinen Kopf von der Fährte und wird schneller – ein Alarmsignal: Die Sau ist nicht mehr weit, Hündin „Cilla“ will dran.
Kaum geschnallt, kracht es im Schwarzdorn und der Überläufer nimmt an. Ein schneller Schuss beendet die gefährliche Attacke. Stets das Umfeld im Blick, entgeht dem Nachsuchenführer nichts. Ein Knacken in der Dickung, und schon kann er die Lage einschätzen. Heimlich versucht sich die kranke Sau davonzustehlen. Der hirschrote Schweißhund wird unruhig. Im Nu ist er geschnallt. Die Hatz beginnt. Immer weiter entfernt sich der giftige Hetzlaut, dem der Schweißhundführer zielstrebig folgt. Vom scharfen Hund bedrängt, sucht die kranke Sau Zuflucht im Schwarzdorn. Der nahende Hundeführer vernimmt, wie der Hetzlaut in einen tiefen Standlaut umschlägt. Der Schwarzkittel hat sich dem Hund gestellt. Also rein ins Dornengewirr, um das Stück zu erlösen. Kaum ist die Waffe von der Schulter und durchgeladen, ertönt ein Schnauben. Kurz darauf rumpelt es gewaltig im Schlehdorn. Ein schwarzer Wildkörper hält auf den Jäger zu. Im selben Moment geht der in Anschlag, dreht sich zur Seite. Zum Nachdenken bleibt keine Zeit. Jeder Handgriff läuft routiniert ab. Reflexe beherrschen die Situation. Der
Winkel zum Hund passt. Keine fünf Schritte mehr ist die annehmende Sau entfernt, als die Kugel sie fasst. In der Fährte bricht das Stück zusammen und rutscht knapp einen Meter am Schützen vorbei. Durchatmen. Vor dem Rüdemann und seiner Hündin liegt ein Überläuferkeiler mit geschätzten 70 Kilogramm. Hätten die Reflexe versagt, wäre diese Geschichte sicher anders ausgegangen.

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