Die Schweinesonne auf Abwegen

4614


schweinesonne.JPG

– Die seltsamen Wege unseres Nachtgestirns –

Manchem aufmerksamen Jäger mag bei seinen über die Jahre durchgeführten nächtlichen Ansitzen auf Sau und Fuchs aufgefallen sein, dass die Bahn, die der Mond über den Himmel zieht, in den letzten Jahren stetig an Höhe verloren hat. Offenkundig wird dies, wenn man das Mondgeschehen des letzten Jahrzehnts einer näheren Untersuchung unterwirft und alle aufgetretenen Kulminationshöhen miteinander vergleicht. 
 
Dabei zeigt sich, dass die Abnahme der Steighöhen, die insofern bedeutsam ist, dass sie einen Rückgang der Mondhelligkeit nach sich zieht, im Jahr 2006 begann. Damals erreichte die Mondbahn noch Höhen, die rund 10 Grad über den Werten des Jahres 2015 liegen. 
 
Entsprechend heller waren damals auch die winterlichen Mondnächte, in denen der Vollmond über dem 51. Breitengrad eine Höhe von 67 Grad erreichte und es zu Helligkeitsspitzen von über 9 Lichtwerten kam. Heute, im Jahr 2015 und 9 Jahre später, müssen es die Jäger hinnehmen, dass die höchsten Steighöhen unseres Nachtgestirns auf etwa 57 Grad gefallen sind und die Mondhelligkeit selbst zu Spitzenzeiten im Januar und Dezember nicht größer wird als 8,3 Lichtwerte.
 
Darüber hinaus zeigt der Mond auch weniger Präsens am Himmel, was dadurch erkennbar wird, dass die hellen Mondstunden insgesamt weniger geworden sind und sich die längsten Wanderungen des Mondes über den Himmel vom Aufgang bis zum Untergang von etwa 18 auf rund 15 Stunden verkürzt haben.
 
Obwohl der Jäger beim nächtlichen Ansitz mit bloßem Auge kaum wahrnehmen kann, dass die Mondbahn derzeit flacher verläuft, wirft diese Entwicklung die Frage auf, ob und wie weit sich der Trend des Absinkens der Steighöhen und des Rückgangs  der Mondhelligkeit in den künftigen Jahren noch fortsetzen wird.
 
Dem darüber besorgten Weidmann und passionierten Ansitzjäger sei gesagt, dass letzteres Szenario glücklicherweise nicht eintreten wird. Bei dem festgestellten Schwund an Steighöhe und Helligkeit handelt es sich um ein vorübergehendes und berechenbares Verhalten unseres Nachtgestirns, das bestimmten Naturgesetzen folgt.
 
Zurzeit erleben wir die Auswirkungen einer besonderen alle 18,6 Jahre auftretenden Konstellation von Erdachse, Mondachse und Ekliptik, die als „Kleine Mondwende“ bezeichnet wird und bei der die Steighöhen der Mondbahn auf der Nordhalbkugel unserer Erde vorübergehend ca. 8 Prozent ihres normalen Wertes verlieren. Tiefpunkt dieser Entwicklung ist das Jahr 2015.
 
An diese Kleine Mondwende schließt eine Entwicklung an, bei der alle abgesunkenen Werte künftig wieder zunehmen. So gibt es keinen Zweifel,  dass es in den kommenden Jahren mit der Steighöhe des Mondes wieder aufwärts geht. Dabei steigen die Höhen der Vollmonde jährlich um einen Winkelbetrag von knapp einem Grad an.
 
Dieser Anstieg, der von einer gleichzeitigen Zunahme der Mondhelligkeit begleitet wird, setzt sich über 9,3 Jahre so fort und kommt erst im Jahr 2025 mit einer sog. „Großen Mondwende“ zum Abschluss. Es werden sich dann wieder die gleichen Verhältnisse einstellen, wie wir sie bei der vormaligen Großen Mondwende im Jahr 2006 schon einmal hatten: 18 Stunden dauernde Mondwanderungen über den Himmel, maximale Steighöhe des Mondes von 67 Grad und außerordentlich helles Mondlicht bis zu 9 Lichtwerten – alles bezogen auf den 51. Breitengrad.
 
Die Ursachen dieses eigenwilligen Mondverhaltens sind auf zwei aus dem Rahmen fallende Verhaltensphänomene unseres Nachtgestirns zurück zu führen.
 
Da ist einmal die Tatsache zu nennen, dass der Mond nicht exakt auf der Ekliptik wandert. Die Ekliptik ist die Ebene, in der die Umkreisungen der Erde und weiterer Planeten um die Sonne verlaufen. Stattdessen hat unser Nachtgestirn seine Umlaufbahnen um die Erde so eingerichtet, dass ihre Verlaufsebenen zur Ekliptik einen Winkel von 5,1 Grad bilden. Daraus folgt, dass alle Umläufe zweimal die Ekliptik durchstoßen müssen und jedes Mal einen nördlichen und einen südlichen Halbbogen um die Erde bilden. Orte, an denen die Mondbahnen die Ekliptik durchstoßen, werden als Knotenpunkte bezeichnet, ihre durch die Erde verlaufende gedachte Verbindung die Knotenlinie.
 
Zum zweiten steht die Achse aller Mondumläufe nicht starr im Raum, sondern unterliegt einer Kreiselbewegung oder Präzession, mit der Erde als Drehpunkt. Hierbei wirkt sich die Präzession in besonderer Weise auf die Knotenlinie aus, indem diese veranlasst wird, sich zu drehen und in 18,6 Jahren, dem Zyklus der Präzession, einen vollen Umlauf zurück zu legen. Mit der Knotenlinie drehen sich auch die Halbbögen der Mondumläufe.
 
Würde der Mond seine Bahnen brav in der Ekliptik ziehen und nicht von ihr abweichen, wären die Bahnen von Sonne und Mond am Himmel die gleichen. Beide Himmelskörper könnten wir stets auf der Ekliptik wahrnehmen, deren Höhe über Horizont, von der Position des 51. Breitengrades aus gesehen, infolge von Erdachsenneigung, Sonnenumlauf und Erdrotation alle Werte zwischen 16 Grad und 62 Grad annehmen kann.
 
Der Mond aber wählt sich seinen eigenen Weg. Bei ihm sorgen Präzession sowie Schiefe der Mondbahnebenen dafür, dass zu den jeweiligen Ekliptikhöhen die Werte der Abweichungen von der Ekliptik in Höhe von plus 5,1 Grad bis minus 5,1 Grad hinzu zu rechnen sind.
 
Nähern sich im Verlaufe ihrer 18,6 Jahre dauernden Rundwanderung Knotenlinie und Halbbögen einer Position, bei der der größte nördliche Abstand des Mondes von der Ekliptik mit der maximalen Ekliptikhöhe zusammen trifft, ergeben sich die Bedingungen einer Großen Mondwende. In diesem Fall vermag der Mond in einer Höhe von 62 Grad plus 5,1 Grad gleich 67,1 Grad zu kulminieren.
 
Da auf jeder Kreisbahn des Mondes auch die gegenüber liegende südliche Seite der Ekliptik durchlaufen wird, ist im Weiteren auch nach der Höhe der niedrigsten Kulmination zu fragen, wie sie in allen Mondperioden neben den Kulminationsmaxima vorkommt. Sie ergibt sich in diesem Fall aus der Differenz von etwa 16 Grad Minimalhöhe der Ekliptik minus 5,1 Grad gleich 10,9 Grad.
Entsprechend verschieden zeigen sich die Verhältnisse bei der Kleinen Mondwende. Hier sind es die negativen Extremhöhen der Halbbögen, die sich alle 18,6 Jahre einmal dem höchsten Wert der Ekliptik nähern. Treffen die beiden Bedingungen zusammen, ergeben sich die höchsten Steigwerte der Mondbahn von nur 56,9 Grad daraus, dass vom Maximalwert der Ekliptik 5,1 Grad abzuziehen sind. Dabei bringt es die Geometrie des Mondumlaufs mit sich, dass auf der gegenüberliegenden südlichen Seite der Ekliptikebene die Steighöhe der Mondbahn um 5,1 Grad auf einen Wert von etwa 21 Grad ansteigen muss.
 
Mondwenden, die sich alle 9,3 Jahre abwechseln haben deutliche Auswirkungen auf die Mondhelligkeit, die Zahl der für die Jagd brauchbaren Mondstunden, die Verschiebung der Auf- und Untergangszeiten des Mondes und die zeitliche Länge der nächtlichen Mondwanderungen über den Himmel. Freuen wir uns schon jetzt auf die optimalen Helligkeitswerte des Jahres 2025!


mondwende grafik.jpg
(Grafik: Mandy Bauermeister nach Tischoffscher Vorlage)


Extremwerte der Großen und Kleinen Mondwende

Die Abbildung zeigt die Erde mit der Rotationsachse und dem Nordpol, sowie den Ebenen des Himmelsäquators und der Ekliptik. Die Richtung der Ekliptik ist durch mehrere rot gekennzeichnete Geraden gekennzeichnet. Sie ist die Ebene, in der die Erdbahn um die Sonne und grob gerechnet die Bahn des Mondes um die Erde verläuft.
 
Eingezeichnet findet sich im Weiteren der Richtungspfeil des 51. Breitengrades, der zum Zenith über dem Ort Eisenach zeigt, der der Bezugsort der Daten des W u H Mondhelligkeitskalenders ist. Dieser Pfeil erhebt sich senkrecht über die Horizontebenen.
 
Von Interesse sind in diesem Szenario die zwei Richtungspfeile der Ekliptik mit den Höhenwinkeln ɑ = 62° und ß  = 16° über dem Bezugsort. Sie zeigen die Extrempositionen des Sonnenstandes zu den Zeitpunkten der Sommer- und Wintersonnenwende an.
 
An gleicher Stelle würden auch die extremen Höhen der Mondbahnen anzutreffen sein, würden sie ohne Abweichungen in der Ekliptikebene verlaufen. Tatsächlich aber bilden ihre Ebenen zur Ekliptik einen Winkel von 5,1 Grad, was dazu führt, dass sich die reale Bahnhöhe aus der Summe von Ekliptikhöhe plus/minus 5,1 Grad ergibt.

Hier können Sie sich den Tischoffschen Mondhelligkeitkalender


ANZEIGEAboangebot