Pirsch-Profis unter sich

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Pirsch-Profis

JAGEN MIT DEN KUNG
Buschmänner gehören zu den letzten Jägervölkern der Erde. Wie sie jagen und was ein europäischer Jäger von ihnen lernen kann, erfuhr WILD UND HUND-Pirschexperte Andreas Bach im namibischen Busch. Thore Wolf

Der Mann, der über dem Feuer das Pfeilgift braut, sieht aus wie ein Jugendlicher. Fragt man nach seinem Alter, ist man erstaunt: Etwas über 40 Lenze zählt Philip, der für einen Buschmann recht hochgewachsen ist. Sein Gefährte Asser ist wesentlich kleiner und älter. Er selbst schätzt sich auf Mitte 60. Aber so genau kann er das nicht sagen. Wie für die meisten Buschleute, auch San genannt, hat das für ihn keine Bedeutung.
Philip und Asser gehören dem Stamme der !Xun (ausgesprochen Kung, wobei das „!“ einen kleinen Schnalzlaut darstellt) an. Auf der Farm Omalanga im Norden Namibias arbeiten die beiden als Fährtenleser. Sie unterstützen die Berufsjäger beim Jagen mit den Gästen. „Buschleute gehören zu den besten Trackern weltweit“, sagt Farmer und Berufsjäger Gunter Schwalm anerkennend. Aus diesem Grund zog es auch WILD UND HUND-Pirschexperte Andreas Bach zu den Buschleuten. Seit Jahren besucht der Schwarzwälder regelmäßig Jägervölker und jagt mit ihnen. „Egal ob man mit den San im südlichen Afrika oder mit den Inuit in Nordamerika pirscht, es ist nicht nur ein großartiges Erlebnis, sondern man lernt immer etwas Nützliches für die Jagd in heimischen Revieren dazu. Vom Fährtenlesen über das lautlose Bewegen im Gelände bis hin zu interessanten Tricks fürs Leben draußen“, resümiert der Schießausbilder.

Buschkost: Auf dem offenen Feuer garen die Jäger das zuvor mit Pfeil und Bogen erlegte Perlhuhn.

Unter dem Schirm eines Schatten spendenden Baumes zeigen die beiden Jäger Andreas, wie sie über einem kleinen Feuer das Gift auf traditionelle Weise aus der Larve des Pfeilgiftkäfers herstellen und damit ihre Pfeile präparieren. Es wird nicht, wie man vermuten mag, auf die Pfeilspitze gestrichen, sondern auf die Wicklung, mit der diese am Schaft befestigt ist. Das hat mehrere Gründe: Zum einen würde das Gift auf der Pfeilspitze beim Auftreffen abgestreift werden, zum anderen wäre es zu gefährlich, sich an der scharfen Pfeilspitze zu verletzen, denn die Gifte der Buschleute wirken absolut tödlich. Nicht nur aus den Käferlarven wird das Gift gewonnen, sondern auch aus allerlei Pfanzenteilen, wie der Knolle der Buschmannsrose oder aus der Milch des Tambutibaumes. Stets wird das Gift benutzt, welches im Umfeld der Buschleute gerade verfügbar ist.
Auch der Holzbogen hat es in sich. Auf den ersten Blick mutet er wie ein Spielzeug aus Kindertagen an. Doch spannt man ihn, wird die ungeheure Kraft dahinter deutlich. Geschnitzt aus dem Übergang von Kern- und Splintholz des Rosinenstrauches wird er in der Glut gehärtet. Die Sehne wird entweder aus Kuduhautstreifen, Flachs oder auch aus Wildtiersehnen gezwirnt, indem sie mit der Hand auf dem Oberschenkel gerollt wird. Buschmänner können dies schmerzlos, weil ihre Oberschenkel nicht behaart sind. Bereits am Vorabend hatte Andreas Gelegenheit, den Bogen im Einsatz zu sehen. Bis auf 20 Meter kamen die Kung an ein Perlhuhn ran, und Asser erlegte es mit einem sauberen Schuss. Andreas kam sich dabei ein wenig vor, wie auf einer Zeitreise in die Steinzeit. Seine Büchse im Großwildkaliber wirkte in der gesamten Szenerie wie ein futuristischer Fremdkörper.
Plötzlich reißt ihn Farmer Gunter aus aus den Gedanken. „Das Pfeilgift braucht häufig lange, bis es wirkt“, übersetzt er aus der Buschmannsprache. „Je nachdem, wie stark das Wild ist und wo der Treffer sitzt, kann es bis zu 48 Stunden dauern. Die Buschmänner verfolgen das beschossene Stück dann so lange, bis es verendet.“ Nach einer kurzen Pause ergänzt er: „Bei Menschen, die es nicht von klein auf gewohnt sind, das mit Gift getötete Wild zu essen, kann es in Ausnahmefällen zu starken Lähmungen führen.“ Dem deutschen Jäger wird es etwas flau im Magen. Schließlich hatte er mit Philip und Asser das Perlhuhn auf dem Feuer gegart und gegessen. „Mach dir mal keine Gedanken“, beruhigt ihn Gunter. „Es muss ja nichts passieren. Und wenn, merkst du erst ein leichtes Ziehen in den Beinen.“
Die Jäger beenden die Mittagsrast und packen ihre Siebensachen zusammen: Pfeilköcher, Bogen und Messer. Alles, was die Buschmänner brauchen, tragen sie am Körper. Viel
ist es nicht. Ansonsten sind die beiden nur mit einem Lendenschurz aus gegerbten Springbockdecken bekleidet.

Andreas Bach beim Übungsgsschießen mit dem Bogen. Um damit Wild zu erlegen, müssen die Buschmänner bis auf etwa 20 Schritt ans Stück heran.

Mit federleichten Schritten bewegen sich die zwei zierlichen Kung-Jäger durch den Busch. Fast gazellenartig überwinden sie jede kleine Freifläche bis zur nächsten
Deckung. Ständig bleiben sie stehen, deuten auf Fährten am Boden und versuchen Andreas zu erklären, wie sie diese lesen. Da er aber weder die Klick- und Schnalzlaute noch  Afrikaans versteht, übersetzt Farmer  Gunter: „Eland, stark, aber vielleicht nicht so alt.“
Das erkennen die Buschmänner an der Art und Weise, wie die Trittsiegel abgedrückt sind. So sind die Schalen der Vorderläufe eines alten Bullen stärker in den Sand eingepresst,
da sein Gewicht sich schon mehr nach vorn verlagert hat. Zudem stehen sie weiter auseinander. Und wieder zeigen sie auf eine weitere Fährte. „Von einem Gnu“, sagt
Gunter. Die noch relativ scharf im Sand gezeichneten Ränder der Siegel weisen darauf hin, dass das Stück erst vor Kurzem hier entlanggezogen ist. Maximal von heute Morgen, vermuten die beiden Buschmänner. Schon nach einem halben Tag hat der Wind die scharfen Konturen im Sandboden etwas abgetragen, nach zwei Tagen kann bereits gar nichts mehr davon zu sehen sein.

„Eventuell ein passendes Stück – probieren wir es“, schlägt Gunter vor. Andreas legt seine ausgestreckte flache Hand neben das Trittsiegel und markiert Länge und Breite des Abdruckes mit kleinen Filzstiftlinien auf seiner Hand. „So merk ich mir das“, sagt der deutsche Pirschexperte, während Philip den Wind mit etwas Sand prüft, den er durch seine Faust rieseln lässt. Er steht jetzt genau in Richtung des Fährtenverlaufes. Was nun? Asser sondiert das umliegende Gelände, murmelt verschiedene Schnalzlaute hervor. Er vermutet, dass das Stück über einen bekannten Wechsel durch eine Dornbuschgruppe in Richtung eines weiter entfernten Wasserloches gezogen ist. Nach kurzer Beratung mit Gunter und Andreas steht fest: Die Männer umschlagen das unwegsame Gebiet, um nicht zu viel Krach im Geäst zu machen, und suchen an einer anderen Stelle weiter, an der sie den Anschluss des Wechsels vermuten.

Ein Gespann – zwei Welten: Philip und Andreas beobachten aus der Deckung heraus Wild.

Tatsächlich. Wenig später stößt Asser freudige Töne aus, zeigt auf den sandigen Boden, reißt die Augen weit auf und strahlt froh unter seinem bunten Kopfschmuck aus Straußeneiperlen hervor. „Er hat die Fährte wieder gefunden“, erklärt der weiße Berufsjäger. Und das in einem Meer aus unzähligen weiteren Trittsiegeln. „Tatsächlich“, bestätigt Andreas, nachdem er seine Hand mit den Markierungen neben die Fährte legt. „Es ist die einzige, die genau zwischen die Striche passt.“ Er will wissen, woran der Buschmann die Gnufährte so sicher erkannt hat. Assers erstaunter Blick zeigt, dass er für diese Frage wohl kaum Verständnis hat. „Weil die genauso aussieht und genauso alt ist“, übersetzt Gunter aus den knappen Schnalzern des alten Kung. „Er weiß es eben, das ist wie Instinkt, da kommen wir Weißen nicht mit“, kommentiert der Berufsjäger.
Das Talent, Fährten derart sauber zu lesen, sicherte den Buschmännern nicht nur jahrtausendelang das Überleben, sondern war ihnen auch sehr oft zum Verhängnis geworden. Mit der Besiedlung des südlichen Afrika durch Europäer und einwandernde schwarze Stämme wurden die Ureinwohner immer wieder verfolgt, ihr Lebensraum eingeengt – von weißen und schwarzen Siedlern gleichermaßen. Häuptlinge schwarzer Stämme benutzten die Buschleute sowie ihre Art der Hetzjagd und ließen von ihnen Wild zu Stande hetzen, um es zu erlegen. Bis Ende der 1980er-Jahre dienten während des südafrikanisch-angolanischen Grenzkrieges zahlreiche Buschmänner in den Reihen der südafrikanischen Armee, wobei viele ihr Leben ließen. Dort verdingten sie sich hauptsächlich als Fährtenleser im Kampf gegen die im Norden Namibias operierenden SWAPO-Truppen.

Mittlerweile ist die Kultur der ehemaligen Kalaharibewohner nahezu ausgelöscht. Mit ihr ebenso das Wissen zahlreicher Buschleute um die Zusammenhänge in der Natur. „Nur noch sehr wenige beherrschen die alten Jagdtechniken und leben nach traditioneller Art“, bedauert Gunter Schwalm. Umso stolzer ist er, mit Asser und Philip zwei Tracker mit diesen selten gewordenen Fähigkeiten gefunden zu haben.
Wie Schweißhunde haben sich die beiden auf der Fährte des Gnus festgesaugt und folgen ihr immer zügiger. Vor einer großen Freifläche wird Asser, der Pfeilspitzen der Kung: Ein Rudel Weißschwanzgnus hat sich auf einer Freifläche eingestellt.als erfahrenster Spurenleser die Führung übernommen hat, langsamer, deutet den anderen, sich zu ducken. Auf der Freifläche ist kein Haar zu sehen. In der Fährte des Gnus hat der alte Buschmann aber frische Losung gefunden. „Sie lässt sich noch verschmieren und ist noch nicht trocken“, flüstert Gunter Andreas ins Ohr. Das Stück kann also noch nicht weit sein.
Im Zeitlupentempo verlassen die Jäger ihre Deckung, um die Fläche besser einsehen zu können. In einer buschfreien Lücke am Horizont heben sich dunkle Wildkörper ab: Wie an einer Perlenschnur ziehen die Weißschwanzgnus nach links. Doch der Wind hat gedreht und steht direkt auf das Wild.

In einer weit ausholenden Linksbewegung umschlagen die Jäger das Rudel, um die Stücke von der anderen Flanke abzupassen. Nach einem schnellen Sprint hockt sich die Gruppe auf Assers Zeichen hinter einen Busch. Es dauert keine fünf Minuten, bis die Gnus auf etwa 300 Meter in Anblick kommen. Der gesuchte Bulle ist auch dabei. Asser murmelt etwas in seiner San-Sprache. „Er meint, wir haben momentan keine Chance, näher ranzukommen“, übersetzt Gunter. Andreas grinst: „Ich glaube, das passt!“ Er legt sich auf den Bauch, klappt das Zweibein der Büchse aus. „Wenn du kannst, schieß!“, fordert Gunter seinen Jagdgast auf. Andreas  misst die Entfernung: 270 Meter. Für den Schießlehrer keine schwierige Distanz. Ein paar Klicks an der Absehenschnellverstellung seines Zielfernrohrs. Plötzlich schiebt sich ein Blessbock vor den Bullen. Als das Gnu wieder freisteht, reißt der Schuss aus der .338 Lapua den alten Bullen von den Läufen.
Am erlegten Stück lässt Andreas den Tag Revue passieren. Plötzlich zuckt der Deutsche zusammen, hält sich das Bein. „Nur ein Krampf, Gunter.“ „Nicht, dass das vom Pfeilgift kommt“, erklärt dieser unter schallendem Lachen: „Das war heute Mittag ein kleiner afrikanischer Spaß. Giftpfeile nehmen die Buschmänner nur für großes Wild. Bei einem Perlhuhn braucht es das nicht, außerdem würde das Fleisch des kleinen Wildes dann zu bitter schmecken.“ Andreas lacht lauthals: „Und das war ein deutscher Spaß – ich hab nämlich keinen Krampf, nur einen Mückenstich!“ Sein Blick schweift zwischen seiner großkalibrigen Büchse mit dem 25-fachen Zielfernrohr und den beiden Buschmännern hin und her. Die Gedanken kreisen. Andreas wird etwas nachdenklich und trifft eine Entscheidung: „Gunter, ich denke, der weite Schuss war genug Zivilisation für heute. Ich glaube, ich verzichte auf die luxuriöse Zeltunterkunft der Lodge und verbringe die nächste Nacht hier draußen mit den Kung.“

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