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Rotwild in Grafenwöhr

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Lesen Sie hier das vollständige Interview mit Prof. Herzog zum Bericht Willkommen im Offenland über das Rotwild in Grafenwöhr, über Wildbestände in Großschutzgebieten und den Beginn von Aussterbeprozessen:

Welche besondere Herausforderung bot die Grafenwöhr-Studie für Sie als Wissenschaftler?
Das Projekt war für mich und meine Kollegen mit zwei Herausforderungen verbunden: erstens, an der Überprüfung und Verbesserung des Managementkonzeptes eines großen Forstbetriebes mitzuwirken, und zweitens, aus einem umfangreichen Datenpool mit wissenschaftlichen Methoden die notwendigen Informationen dafür zu gewinnen. Darüber hinaus bietet der Truppenübungsplatz die einmalige Gelegenheit, Rotwild unter Bedingungen zu untersuchen, die die „klassischen“ Störfaktoren der Zivilisationslandschaft ausschließen. Dazu zählen Waldbesucher, aber auch ein minimierter Einfluss der Jagd. Damit wird diese Studie zu einer wertvollen Referenz für andere Untersuchungen.
Welche Überraschungen hielt das Rotwild in Grafenwöhr für Sie bereit?
Vor allem die Alttiere leben deutlich kleinräumiger als bislang angenommen. Erstaunlich ist auch die hohe Kontinuität der Streifgebiete und vorrangig genutzten Flächen von Jahr zu Jahr.
Auch die hieraus folgende stabile Habitatwahl, dass es sozusagen „Waldtraditionen“ und „Offenlandtraditionen“ beim Kahlwild gibt, die vermutlich von Generation zu Generation weitergegeben werden, ist eine spannende und vor allem für die Praxis ausgesprochen wichtige Erkenntnis.
Woran liegt es, dass die Streifgebiete des Rotwildes bei der Untersuchung in Grafenwöhr kleiner ausfallen als in bisherigen Studien – an der angewandten Methodik oder an Besonderheiten des Lebensraums?

Vermutlich an beidem. Wir haben erstmalig für Rotwild in Deutschland eine Auswertungsmethoden benutzt, die ziemlich genau die tatsächlich im Jahresverlauf genutzte Fläche erfasst. Areale, die nicht genutzt wurden oder definitiv als Lebensraum ausfallen, wie Gewässer oder Siedlungsflächen, gehen nicht in die Berechnung ein. Um eine Vergleichbarkeit sicher zu stellen, wurden aber auch die bislang in anderen Arbeiten verwendeten Methoden berücksichtigt. Dass auch in diesem Fall die Ergebnisse niedriger ausfielen als erwartet, zeigt, dass wohl tatsächlich die umfassende zeitliche und räumliche Verfügbarkeit des Lebensraumes die wichtigste Rolle spielt.
Ein weiteres Ergebnis ist, dass die Lebensraumnutzung des Rotwildes deutliche Schwerpunkte von geringem Umfang aufweist. Welche breite Relevanz hat dies?

Die vielleicht wichtigste Schlussfolgerung daraus ist, dass wir Rotwild auch auf kleineren Flächen gezielt beeinflussen können, als wir bislang dachten. Nicht alleine die Abschusshöhe ist von Bedeutung, sondern vor allem, ob ich eine intelligente Verschneidung von Waldbau und Wildtiermanagement hinbekomme. Momentan haben wir da eine Schieflage: Während der Waldbau immer differenziertere Ansätze entwickelt, glaubt man beim Wildtiermanagement oft, mit Konzepten aus den frühen 1970er Jahren auszukommen.
Die Studie zieht Forschungsergebnisse aus dem Nationalpark Kellerwald-Edersee und aus Schleswig-Holstein zum Vergleich heran. Welche konkreten Erkenntnisse hat Ihnen das gebracht?

Die drei Studien wurden praktisch zeitgleich durchgeführt und ergänzen sich hervorragend. Die parallele Bearbeitung war hilfreich für die Bewertung der Ergebnisse. Spannend ist vor allem, dass sich bei allen Unterschieden gleiche Mechanismen zeigen – zum Beispiel die stark schwerpunktartige Lebensraumnutzung.
Welche Rolle können große, zusammenhängend bewirtschaftete Areale wie Grafenwöhr für den Erhalt der Tierart Rotwild in Deutschland spielen?

Die dort lebenden Teilpopulationen sind oft groß genug, um langfristig überlebensfähig zu sein. Daneben stellen diese Gebiete so genannte „Trittsteine“ dar, welche den genetischen Austausch zwischen Teilpopulationen wenigstens in geringem Umfang unterstützen. Langfristig kann das allerdings keine Lösung für eine große mobile Art wie das Rotwild sein.
Sie forschen auch an Wildbeständen in der Königsbrücker Heide bei Dresden, einem aufgelassenen Truppenübungsplatz und einem der größten Schutzgebiete Deutschlands. Welche wesentlichen Erkenntnisse über den dortigen Rotwildbestand und seinen Lebensraum konnten Sie in den vergangenen Jahren gewinnen?

Die Königsbrücker Heide hat einen hohen Anteil an Prozessschutzflächen. Als man begann, die jagdlichen Eingriffe dementsprechend zu reduzieren, stand die große Sorge im Raum, ob dadurch nicht in kurzer Zeit die Bestände an Schwarz- und Rotwild und damit die Schäden in der umliegenden Kulturlandschaft überhand nehmen würden. Daher erfolgt dort seit rund zehn Jahren ein regelmäßiges Wildmonitoring, quasi als Frühwarnsystem. Interessant ist, dass die Schwankungen der Bestände von Jahr zu Jahr hoch sind, dass aber bislang in der Tendenz allenfalls ein minimaler Anstieg, etwa vergleichbar demjenigen in der Kulturlandschaft, zu verzeichnen war.
Während in der fast „unbejagten“ Königsbrücker Heide die Wildbestände nicht wesentlich anzuwachsen scheinen, konnte und musste in Grafenwöhr der Abschuss seit 1980 um das Siebenfache angehoben werden. Können Sie das erklären?

Der Truppenübungsplatz Grafenwöhr wird prioritär militärisch, aber auch forstwirtschaftlich genutzt. Hiermit sind klare Ziele im Flächenmanagement verbunden – auch waldbauliche Vorgaben. Gleichzeitig bietet der Raum dem Rotwild eine hohe Lebensraumqualität. Um die Ziele unter diesen Rahmenbedingungen zu erreichen, bedarf es eines umfassenden Wildmanagements. Das Rotwild hat sich in diesem Zeitraum neue Lebensraumteile und auch Lebensraumpotentiale erschlossen – vor allem im Offenland. Stellt man fest, dass der Bestand anwächst, wird selbstverständlich intensiver eingegriffen.
Die Königsbrücker Heide ist heute ein großes Naturschutzgebiet, in dem keinerlei Eingriffe in die Natur stattfinden sollen. Gleichzeitig war die Lebensraumqualität lange Zeit mäßig, und verbessert sich erst langsam. Das Rotwild steht im Sommer und je nach Fruchtfolge bis in den Spätherbst hinein zum großen Teil außerhalb in der Kulturlandschaft und wird auch dort bejagt. Hier wäre es einmal interessant, zu analysieren, wieviel des Bestands dort abgeschöpft wird. Im Winter steht das Rotwild im Schutzgebiet, hat allerdings dort weitgehend Ruhe.
Welche grundsätzliche Erkenntnis zur Notwendigkeit der Bejagung einer Fläche (Stichwort EuGhMR) haben sie aus den beiden Studien gewonnen?

Jagdstrategien und -konzepte können nur auf Basis der lokalen Gegebenheiten bewertet werden. Weder in Grafenwöhr, wo ein intensives Wildtiermanagement stattfindet, noch in der Königsbrücker Heide, wo keine Eingriffe in den Bestand erfolgen, kommt es zu signifikanten Einflüssen auf die umliegende Agrarlandschaft oder umliegende Waldgebiete. Vor dem Hintergrund der aktuellen Novellierung des BJG und mit den Instrumenten, die uns das BJG dazu liefert, können wir folglich gelassen abwarten, wie sich unbejagte Flächen inmitten von Kulturlandschaft entwickeln.
Als Genetiker vertreten Sie die Ansicht, das Rotwild in Deutschland befinde sich am Anfang eines Aussterbeprozesses. Bitte führen Sie das aus.

Das ist jetzt eine etwas pointierte Formulierung. Allerdings ist es richtig, dass wir uns in der ökologischen Forschung bzw. Naturschutzforschung vornehmlich mit solchen Arten beschäftigt haben, die bereits selten oder verschwunden sind. Wir versuchen also im Nachhinein, die Gründe dafür zu erkennen. Jeder Aussterbeprozess hat aber irgendwo seinen Anfang. Wir stellen daher den traditionellen Ansatz einmal vom Kopf auf die Füße und suchen nach Modellarten, die erste Hinweise geben, dass bestimmte Dinge nicht so sind, wie sie sein sollen. Da bieten sich natürlich die genetischen Strukturen an. Die genetische Variation ist bekanntlich eine „Lebensversicherung“ für eine Art. Wenn sich nun in Teilpopulationen diese Strukturen verändern, kann das ein „ökologisches Frühwarnsystem“ sein, ein erster Hinweis, dass irgendwo etwas nicht stimmt. Genau da sind wir beim Rotwild heute. Keine schwerwiegenden Befunde, doch hier und da erste genetische Veränderungen. So etwas sollten wir nicht auf die leichte Schulter nehmen. Auch bei den großen Prädatoren hieß es lange, „Es gibt eh noch genug“ – und irgendwann waren sie verschwunden.
 

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