Viel hilft viel

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Nachsuchen-Nachlese: Kaliberwahl:
„7×64 für Rothirsch – hast du nichts Vernünftiges?“ „Die .308 – oh nein, Ami-Kaliber, taugt doch nix!“ Über nichts wird in Jägerkreisen so heftig gestritten wie über das Kaliber. Chris Balke, Schweißhundführer in Schleswig-Holstein im Kreis Herzogtum-Lauenburg, wurde in diesem Jagdjahr zu 414 Nachsuchen gerufen – er versucht, eine Bilanz zu ziehen.

 

Von Julia Numßen

Die Rotte wechselt spitz auf mich zu, kurz vor meinem Hochsitz dreht sie ab. Ich picke mir auf 15 Meter einen Frischling heraus. Im Schuss springt er hinten nach oben – und taucht in der Dickung ein. Weich getroffen? Eine halbe Stunde später wird die Drückjagd abgeblasen. Mein Bruder kommt vorbei, lässt seine Jack-Russel-Hündin „Lotus“ frei vor sich herlaufen. „Na, Julia, was hast du denn angestellt?“ Älterer Bruder eben – ich weise ihn kurz ein. Er untersucht den Boden. „Mensch, hier ist ja der halbe Waidsack verstreut. Die Sau muss liegen.“ Ich versuche ihn zu stoppen: „Lass das doch Chris Balke nachher in aller Ruhe machen.“ Doch mein Bruder verschwindet mit „Lotus“ bereits in der Dickung. Gepolter und: „Mist! Hier kurz vor mir ist gerade deine Sau hoch.“ Ich sitze auf meinem Hochsitz und schäume vor Wut.

Auch der Schweißhundführer Chris Balke ist ärgerlich. „Hätte der Frischling die Chance gehabt, richtig krank zu werden, wäre er wahrscheinlich in seinem Wundbett verendet.“ Dann hätten Chris und sein Hannoverscher Schweißhund „Pascha“ die Sau rund 50 Meter vom Anschuss entfernt gefunden. „Aber so“, er zuckt mit den Schultern, „wurde der Frischling wieder aufgemüdet, und wir mussten über drei Kilometer nachsuchen, bis wir ihn verendet gefunden haben.“ Die 20-Kilo-Sau hatte am Ende überhaupt nicht mehr geschweißt und unterwegs das kleine und große Gescheide verloren. Das KS-Geschoss in der 7×64 (10,5 Gramm) hatte sie weich gefasst.

Was ist entscheidend?…

„Mit den 9,3 Kalibern, der 8×68 S oder der .375 H&H Magnum hätte die Wutz sich wahrscheinlich nicht mehr aufgerappelt. Aber das soll das Verhalten des Hundeführers nicht entschuldigen“, sagt Chris Balke. „Natürlich sind die stärkeren Kaliber wirkungsvoller, sogar bei schlechten Schüssen sorgen sie fast immer für einen Ausschuss. Sie liefern deshalb immer gut Schweiß – selbst bei Gescheide- oder Laufschüssen. Und das ist für mich entscheidend.“

Der 30-Jährige führt genau Buch über seine Nachsuchen, 414 waren es in diesem Jahr im Kreis Herzogtum-Lauenburg und Umland. Davon fielen 322 auf Ansitz- und 92 auf Drückjagden. Von diesen 414 Nachsuchen schlugen 247 Kontrollsuchen und 28 Fehlsuchen zu Buche. Bei den so genannten Fehlsuchen, das sind vor allem Wildbret-Streifschüsse, musste das Gespann ohne Ergebnis abbrechen. Die restlichen 139 Nachsuchen führten entweder zum bereits verendeten Stück, oder Chris Balke konnte mit seinen Hunden das Wild stellen und mit einem Fangschuss strecken.

Wichtig ist wo das Wild getroffen wurde

„Mit den Kalibern ist das so eine Sache. Denn es ist wichtig, wo das Stück Wild getroffen wurde. Und ob es auf der Ansitz- oder der Drückjagd beschossen wurde.“ Das Adrenalin im Körper lässt das Wild auf der Drückjagd „härter“ sein. „Ich will kein Kaliber verteufeln, aber wenn stärkeres Wild nachgesucht werden muss, das mit der .308 oder 7×57 beschossen wurde, gibt’s Probleme – auch bei Treffern mitten ins Leben.“ Also: Wenig Schnitthaar, so gut wie kein Schweiß und wenig bis gar keine Pirschzeichen. Beispiel: Während einer Pirsch beschoss ein Jäger mit der .308 auf rund 60 Meter ein Rotalttier. Bei der Schussabgabe stand das Stück breit, und der Schütze war, wie er sagte, gut abgekommen. Das Tier hatte nicht gezeichnet und zog weg, als sei nichts passiert. Der Schweißhundführer: „Wir hatten Probleme, überhaupt den Anschuss zu finden. Da lag so wenig Schnitthaar, man hätte glauben können, das Stück hätte sich nur gekratzt.“ „Pascha“ nahm die Fährte auf, und nach 500 Metern fand das Gespann das Stück verendet auf dem Hauptwechsel. „Wir hatten keinen Tropfen Schweiß.“ Und wo saß die Kugel? Balke: „Auf der zehn hinter dem Blatt, kein Ausschuss.“

Clevere Geschosswahl ist gefragt

Also selbst bei Treffern aufs Blatt haut die .308 nicht genug hin? „Das kann man so nicht sagen, denn viel hängt von dem Geschosstyp ab.“ Für die .308 (das gilt auch für die .30-06) gibt es eine breite Palette, die häufig aber nicht richtig genutzt wird. Chris Balke: „Nur weil das eine Geschoss für Rehwild gut ist, heißt es noch lange nicht, dass es auch für Hochwild taugt. Wer aber eine clevere Geschosswahl trifft, kann uns schon die Arbeit erleichtern.“

Bei weichen Teilmantel-Geschossen ist die Durchschlagkraft recht gering, sie machen schnell auf, geben ihre gesamte Energie im Wildkörper ab – häufig ohne Ausschuss. Durchschlagenden Erfolg aber hat zum Beispiel das Norma Swift A-Frame-Geschoss, dessen Konstruktion für hohes Restgewicht und gute Tiefenwirkung sorgt. Es wurde extra für schweres, schusshartes Wild entwickelt. Das bleifreie Lapua-Naturalis-Geschoss ist ebenfalls eine Alternative (siehe auch WuH Heft 22/03, Seite 44 bis 46). Es besteht zu 99 Prozent aus speziell gehärtetem Kupfer. Das Geschoss pilzt kontrolliert auf den zweifachen Grunddurchmesser auf und behält dabei ein Restgewicht von fast 100 Prozent.

Die Nachsuche sollte dem Profi überlassen werden

Zurück zu den Kalibern: „Die .30-06. wird bei uns im Lauenburgischen am häufigsten geführt, entsprechend fallen natürlich in der Relation gesehen mehr Nachsuchen an. Die .308 dagegen wird in den hochwildreichen Revieren recht wenig geschossen“, sagt der Schweißhundführer. „Sehr beliebt auf Drückjagden sind die 9,3×62 oder 9,3×74 R. Deshalb ist der Anteil der Kontrollsuchen hier recht hoch.“ Und eines geht ganz klar aus der Grafik unten links hervor: Wenn mit der 9,3 getroffen wurde, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Stück liegt, höher.

Chris Balke: „Wichtig ist, dass der Schütze seinen eigenen Schuss ehrlich beurteilen kann und die anschließende Nachsuche von Anfang an dem Profi überlässt.“ Oft genug passiert es, dass der Jäger erst einmal selbst nachsieht, ob das Stück nicht doch irgendwo liegt. Dann wird mit dem eigenen Hund herumbuchstabiert und dabei der Anschuss vertrampelt – das alles muss nicht sein. Außerdem: Auf den Schießstand oder ins Schießkino gehen. Dabei vor allem mit der Büchse üben, die man auch im Revier führt. Beim Schießen versuchen, das Abkommen anzusagen. Das sind die besten Vorbereitungen für den „Ernstfall“. Das Kaliber allein macht es eben noch lange nicht.

Die .30-06 wandert im Laufe eines Jagdjahres in der Lauenburgischen Hochwild-Hochburg am häufigsten über den Ladentisch. Die .308 wird dort nur wenig geschossen. Aber Vorsicht: Diese Grafik steht nicht für den tatsächlichen Verbrauch, denn viele Jäger machen Hamsterkäufe und einige verschießen die gekaufte Munition auf dem Schießstand oder im AuslandQuelle: Jagd- und Sportwaffen Uwe Bartels

 

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