Die Kleine unter den Großen

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Drei 6,5×57-Laborierungen im Praxistest:
„Für Rehe zu viel und für Sauen zu wenig“, nicht selten wird die 6,5×57 mit diesem Kommentar in die jagdliche Rumpelkammer abgeschoben. Zu Recht? Michael Schmid und Claudia Elbing haben mit dem Mauser-Oldie gejagt und drei „schwere“ Werkslaborierungen einem mehrjährigen Praxistest unterzogen.

 

Von Michael Schmid und Claudia Elbing

Oft steht er im hintersten Winkel des Gewehrtresores und staubt langsam aber sicher ein – der „Repetierer“ im Kaliber 6,5×57. Viele dieser vergessenen Veteranen stammen aus den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, der Blütezeit des kleinen Universalkalibers. Klarer Fall, die Patrone mit dem leichten Geschoss und der gestreckten Flugbahn konnte damals punkten. Rehe standen auf der jagdlichen Tagesordnung ganz oben, und die verjüngungsarmen Wälder erlaubten weite Schüsse. Hochwildtauglichkeit war in den meisten Revieren zwar gefragt, zum Schuss auf einen Schwarzkittel kam man – im Gegensatz zu heute – jedoch nur selten. Alles Schnee von gestern, die Verhältnisse haben sich gewandelt. Grund genug, die mittlerweile 110 Jahre alte Patronenentwicklung aufs Altenteil zu schieben?

Vermutlich 1893, ganz sicher aber im Zeitraum zwischen 1890 und 1894, wurde die 6,5×57 von Paul Mauser in Oberndorf am Neckar entwickelt. In dieser Sturm- und Drangzeit der Munitionsforschung kreierte der unermüdliche Tüftler aus dem württembergischen Geniewinkel eine Vielzahl an heute noch populären Patronen, wie zum Beispiel die 7×57 oder die 6,5×55 (Schweden-Mauser). Als Grundlage und Ausgangsbasis diente in aller Regel die Militärpatrone M/88 (8×57 I). Diese Mutterhülse wurde damals zu einer Vielzahl von Formen umgepresst, aufgeweitet oder eingewürgt. Verladen wurde die 6,5×57 ursprünglich mit einem 10 Gramm schweren Teilmantelrundkopf-Geschoss. Für dieses relativ große Projektil war ein langer Geschossübergang notwendig. Dies führte bei später eingeführten, leichten und somit kurzen Geschossentwicklungen gelegentlich zu Präzisionsproblemen. Im Gegensatz zu den meisten Mauser-Entwicklungen fand die 6,5×57 niemals als Militärpatrone Verwendung. Nur wenige Jahre nach der Vorstellung der 6,5×57 kam eine Randversion auf den Markt. Diese stand jedoch lange Zeit im Schatten der zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg populären 6,5×58 R und 6,5×53 R.

Die Testauswahl

Von 6 bis 9,1 Gramm Geschossgewicht reicht derzeit das jagdliche Angebot an werksgefertigter Munition. Für Wiederlader stehen noch Projektile wie zum Beispiel die beiden 10,1 Gramm schweren Norma-Geschosse „Oryx“ und „Vulkan“ zur Verfügung. Unsere Testauswahl fiel – vor dem Hintergrund zunehmender Schwarzwildbestände – auf drei schwere Werkslaborierungen. Die mit dem 8,2-g-KS-Geschoss (Kegelspitz) ausgestattete RWS-Patrone war am längsten im Rennen. Acht Jahre lang führten wir den Klassiker auf Reh-, Schwarz- und in geringem Umfang auf Gams- und Damwild.

Auf einen Versuchszeitraum von fast drei Jahren brachte es die Blaser-Neuentwicklung CDP (Controlled Deformation Process) mit einem Geschossgewicht von ebenfalls 8,2 Gramm. Im Herbst 2002 wurde das Testduo um die damals neue RWS-Laborierung mit dem 9,1-g-DK-Geschoss (Doppelkern) erweitert. Mit den beiden letztgenannten Laborierungen wurden ausschließlich auf Reh- und Schwarzwild gejagt. Als Testwaffen standen ein Mauser-98er-Repetierstutzen, Baujahr 1963, mit einer Lauflänge von 50 Zentimetern und ein Steyr-Mannlicher „M“-Repetierer mit 60 Zentimeter langem Lauf zur Verfügung.

Weder blaue Flecken

Fünf-Schuss-Streukreise mit weniger als drei Zentimeter im Durchmesser ließen sich, unabhängig von der verwendeten Büchse, mit jeder Testlaborierung erzielen. Eine herausragende Leistung sowohl der Munition als auch der beiden Repetierer. Geschossen wurden die Ergebnisse auf 100 Meter Entfernung über eine Benchrest-Auflage. Spitzenreiter – allerdings im Millimeter-Bereich – war das KS-Geschoss in Verbindung mit dem 98er Stutzen. Nur 22 Millimeter lagen die beiden am weitesten entfernten Einschüsse (von Mitte zu Mitte gemessen) auseinander.

Erstaunlich war auch die einheitliche Treffpunktlage der drei Laborierungen. Sowohl mit dem Mannlicher als auch mit dem Stutzen konnte in einem jagdlich vertretbaren vier Zentimeter Bereich problemlos zwischen den beiden RWS- und der Blaser-Patrone gewechselt werden – ein erster Vorteil der 6,5×57. Ein weiterer: Auch nach zwanzig Schüssen weicht der Spaß weder blauen Flecken noch geprellten Schultern. Mit dem geringen Kick eignet sich die „Kleine“ hervorragend für „Vielschießer“ und natürlich auch für etwas weniger wesensfeste Jäger, die Probleme mit dem „Mucken“ haben.

Die Beurteilung basiert auf intensivem jagdlichen Einsatz

Das 8,2-g-KS weist ein zylindrisches Projektil mit Kegelspitze und formbedingter langer Geschossführung auf. Um ein schnelles Ansprechen und Aufpilzen zu gewährleisten, nimmt die Mantelwandstärke zur Spitze hin ab. Eine scharfkantige Einschnürung im Heckbereich soll das Loslösen des Mantels vom Kern verhindern und Schnitthaar liefern.

Beim Blaser 8,2-g-CDP weist der Mantel in der vorderen Geschosshälfte vier um 90 Grad versetzt angeordnete Längsrillen auf. In Verbindung mit der zur Spitze hin abnehmenden Wandstärke soll dies zu einer symmetrischen Deformation mit vier Geschossfahnen führen. Ein V-förmiger, durchgehender Mittelsteg schottet das Geschoss nach hinten zum harten Heckkern ab. Ziel der Konstruktion ist der Erhalt eines maximalen Geschossrestgewichtes.

Das RWS 9,1-g-DK hat eine zylindrische Form mit Kegelspitze und somit ebenfalls eine lange Geschossführung ähnlich dem KS. Das Projektil wird in der Mitte durch einen Innenmantel getrennt. Dieser deckt den hinteren, harten Geschosskern ab. Der zweigeteilte Aufbau steht für den Erhalt einer ausreichend hohen Restmasse. Das Geschoss hat zwei Einschnürungen, die vordere soll als Scharfrand Schnitthaar liefern, die hintere dient zur Fixierung des Mantels am Kern.

Auch der umfangreichste Praxistest kann in Sachen Geschosswirkung auf Wild nicht mehr als einen Trend liefern. Unsere Beurteilung basiert daher auf intensivem jagdlichen Einsatz, der sich allerdings aufgrund der unterschiedlichen Testzeiträume nicht gleichmäßig auf die drei Kandidaten verteilt. Mit dem 8,2-g-KS wurden mehr als einhundert Rehe und siebzehn Stück Schwarzwild erlegt. Mit dem Blaser CDP kamen 35 Rehe und 16 Sauen zur Strecke. Der Nachzügler „DK“ von RWS brachte es auf 24 Stück Rehwild und 14 Sauen.

Mehrere Jagdfreunde haben uns beim Erzielen der „Teststrecke“ tatkräftig unterstützt. Hilfreich war bei den beiden letztgenannten Patronen die Tatsache, dass Waffen und Munition, zusätzlich zum normalen Jagdbetrieb, von zwei großräumigen Schwarzwildgehegen unter jagdähnlichen Bedingungen beim Reduktionsabschuss genutzt wurden. Geschossen wurde in allen Fällen auf die Kammer. Bei Sauen war die maximale Schussentfernung 100 Meter. Bei der Schwarzwildstrecke dominierten – und so soll es ja auch sein – Frischlinge und Überläufer. Relevante Daten wie der Sitz der Kugel, die Schussentfernung, Ausschuss ja oder nein, Fluchtstrecke, das Zeichnen des beschossenen Wildes und das Wildbretgewicht wurden dokumentiert. Selbstverständlich kamen im Test sowohl der 98er-Stutzen als auch der Mannlicher bei jeder Patronensorte zum Einsatz. Obwohl sich Mündungsgeschwindigkeit und Energie bei den unterschiedlichen Lauflängen der beiden Gewehre geringfügig unterscheiden, war bei gleicher Laborierung die Wirkung vergleichbar.

Hämatombildung konnte nur in ganz geringem Umfang beobachtet werden

Als Allrounder mit dem Schwerpunkt Rehwildjagd hat sich im Test die RWS-Pa-trone mit dem 8,2-g-KS bewährt. Bei Kammertreffern lagen Rehe fast immer im Feuer oder kamen nach einer kurzen Todesflucht von wenigen Metern zum Liegen. Die Wildbretentwertung war gering, Hämatombildung konnte nur in ganz geringem Umfang beobachtet werden. Die erlegten Sauen wogen aufgebrochen alle weniger als 50 Kilogramm, trotzdem hatte nur knapp die Hälfte einen Ausschuss. Sowohl bei Rehen als auch bei Schwarzwild wurden immer wieder Splitter vom Geschossmantel im Wildkörper festgestellt. Die RWS-Laborierung präsentierte sich als „dynamische“ Patrone, die auch bei geringer Eindringtiefe schnell Energie an den Wildkörper abgibt. Der häufig fehlende Ausschuss bei Sauen kann eine eventuell anfallende Nachsuche zum Lotteriespiel machen.

Deutlich „härter“ muss die 8,2-g-Blaser-CDP eingestuft werden. Die Patrone lieferte bei fast allen erlegten Frischlingen und Überläufern einen Ausschuss. Selbst ein 70 Kilogramm schwerer Keiler, bei dem das Geschoss beide Blattschaufeln durchschlug, brachte es auf zwei Löcher in der Schwarte. Saß die Kugel im Leben, lag die Sau entweder im Feuer oder im Umkreis von weniger als 30 Schritten. Bei Rehwild war die Wirkung deutlich schlechter. Selbst bei guten Kammerschüssen waren Fluchtstrecken von 30 Meter und mehr die Regel. In einigen Fällen musste bei solchen Treffern sogar weiter als 100 Meter nachgesucht werden. Handtellergroße Hämatome gab es, wenn auf kurze Entfernung bis etwa 50 Meter geschossen wurde. Die Blaser-Entwicklung erwies sich als Garant für Tiefenwirkung. Der Preis für den relativ sicheren Ausschuss und die gute Schweißkontrolle bei Nachsuchen ist eine deutlich reduzierte Energieabgabe bei schwachem Wild.

Weniger Rasanz, dafür ein nicht zu verachtendes Geschossgewicht von 9,1 Gramm liefert das DK-Geschoss von RWS. Die Laborierung tendierte in der Wildwirkung eindeutig zur massestarken Universalpatrone. Mit wenigen Ausnahmen gab es auch hier bei allen Sauen – es kamen Frischlinge, Überläufer und zwei schwache Keiler zur Strecke – immer einen Ausschuss. Reh- und Schwarzwild mit guten Kammerschüssen lagen in der Regel am Anschuss oder im Umkreis von wenigen Metern. Die Wildbretentwertung war gering. Blutergüsse traten nicht auf.

Die DK-Laborierung zeichnete sich durch schnelles Ansprechen bei Rehwild und – bei schwachen Sauen – durch eine hohe Ausschusswahrscheinlichkeit aus. Auf den ursprünglichen Vorteil der gestreckten Flugbahn der 6,5×57 muss man jedoch verzichten.

Den Bogen gespannt

Unser Fazit: Ins Revier und nicht zum alten Eisen gehört die 6,5×57 auf jeden Fall. Mit den drei präzisen und leistungsstarken Testlaborierungen spannt der Mauser-Veteran den Bogen von der reinen Rehwildjagd über die immer häufiger werdenden Reh- und Schwarzwildreviere bis hin zum Gamswild des Hochgebirges. Überfordert ist die 6,5×57 mit Sicherheit im reinen Hochwildrevier sowie bei Treib- und Drückjagden mit dem Schwerpunkt Schwarzwild. Hier fehlen ganz einfach die Leistungsreserven beispielsweise einer .30-06 oder 9,3×62.

 

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