Goldene Mitte

1803


 

Sie steht zwischen der weit verbreiteten 6,5×57 und der hochrasanten 6,5×68: die 6,5×65 RWS. Ob sie das Zeug zur Universalpatrone hat und vielleicht sogar der 7×64 Konkurrenz machen kann? Björn Ebeling hat es bei der Jagd auf Reh-, Schwarz- und Rotwild herausgefunden.

 

Die 6,5×65 (Mitte) im Kreise der „konkurrenz“. Die reicht von der .243 Winchester bis zur 7×65(R). Im Vergleich dazu der Oldtimre 6,5x58R (2. v. links)

Zugegeben: Die Wahl der Kaliber meiner ersten Büchsen war für einen Jungjäger schon etwas ungewöhnlich. Denn damals entschied ich mich für eine 9,3×62. Später kam dann eine .338 Winchester Magnum hinzu. Das war dem Umstand besonderer Fügungen und einer hervorragenden Freundschaft zuzuschreiben, die es mir ermöglichte, vor allem auf Schwarz- und Rotwild zu jagen. Später erst bekam ich andere Einladungen und holte – etwas zeitverzögert – das Spektrum typischer jungjägerischer Tätigkeiten nach.

Der Wunsch nach einer geeigneten Waffe in einem kleineren Kaliber wuchs. Ich besaß inzwischen eine R 93 im Kaliber .338 Win. Mag., deren unkomplizierte Handhabung ich nicht mehr missen mochte. Daher wollte ich das Baukastenprinzip nutzen und fasste einen Wechsellauf ins Auge.

Verschiedene Kaliber zog ich in Erwägung: Die .243 Winchester, 6×62 Frères oder die .257 Weatherby? Vielleicht wären die .25-06, .264 Win. Mag., 6,5×68 oder die .270 Winchester doch besser? Ich wollte, ja ich brauchte eine Patrone, mit der eine Vielzahl jagdlicher Situationen abzudecken war. Gebirgsjagd auf Gams, die Jagd auf Fuchs und Rehwild in heimischen Feldrevieren, Damwild, schwaches Schwarzwild und Rotwild.

In meine Überlegungen hinein stieß ich auf die 6,5×65 RWS und ihre Schwester mit Rand, die Dynamit Nobel beide 1990 vorstellte. Sie liegen in der Leistung deutlich über der 6,5×57(R). Die Abmessungen der 6,5×65 RWS wählten die Konstrukteure so, dass ein Umrüsten des Patronenlagers der 6,5×57 unproblematisch war.

Zwischenzeitlich erfuhr ich von einem Freund, der bereits eine 6,5×65 besaß, von der hervorragenden Wirkung des ebenfalls fabrikmäßig laborierten 8,2-g-KS-Geschosses auf Kudu, Oryx und Hartebeest in Namibia. Das Kaliber 6,5 bietet eine große Palette an Projektilen mit einer Bandbreite der von etwa 5,5 bis 10,1 Gramm, und gerade bei den höheren Geschossgewichten ab etwa acht Gramm ist in Verbindung mit dem geringen Geschossquerschnitt bei entsprechendem Geschossaufbau eine enorme Tiefenwirkung möglich. Daher die guten Ergebnisse auch auf die starken afrikanischen Antilopen.

Präzision pur

Also kaufte ich schließlich nach reiflicher Überlegung einen Lauf im Kaliber 6,5×65 nebst Verriegelungskammer. Natürlich brannte ich darauf, meinen Neuerwerb auf dem Schießstand zu testen. Dazu hatte ich die Fabrik-Patronen mit der 7-g-KS-Laborierung gekauft und schoss damit die erste Serie. Fünf ausgestanzte Löcher zeigten dabei einen Streukreis von zwei Zentimetern – Präzision pur.
Für den abendlichen Pirschgang Anfang Juni erkor ich die „Neue“ daher sofort zu meiner Begleiterin. An einer aussichtsreichen Wiese, die von guten Einständen umgeben ist, setzte ich mich an. Mir gegenüber erschien eine Rotte Überläufer und wechselte langsam einen Graben entlang. Als die Sauen wegen des küselnden Windes zusammenfuhren und ein schwaches Stück auf der Grabenkante verhoffte, war der Schuss aus dem Lauf. Das Stück blieb im Feuer. Während ich innerlich jubilierte, flüchtete nur 50 Schritt vor mir ein weiterer Überläufer über die Fläche und verhoffte. Den Knall hat er sicher nicht mehr gehört, was ich aufgrund des moderaten Rückstoßes durchs Feuer sehen konnte.

Durchschlagene Blattschaufel

Von der guten Wirkung des KS-Geschosses überzeugte ich mich später. Das erste Stück hatte einen Schuss kurz hinter dem Blatt mit doppelt kalibergroßem Ausschuss. Die Hämatome waren sehr klein. Bei der zweiten Wutz sah es ähnlich aus, nur war kein Ausschuss vorhanden. Der aufgepilzte Geschossrest steckte unter der Schwarte. Mangelnder Ausschuss ist übrigens bei schnellen Kalibern nicht ungewöhnlich, wenn Wild auf kurze Distanzen beschossen wird, weil sich die Geschosse bei der hohen Geschwindigkeit im Körper sehr stark aufbrauchen.

Bei diesem Start lag es nah, was der Griff in den Waffenschrank hervorbrachte, wenn ich in der Folgezeit jagdliches im Sinn hatte: meine 6,5×65 RWS.

Als erstes Stück Rehwild erlegte ich mit der 6,5 einen Jährling, den es auf gute Büchsenschussweite einfach von den Läufen riss. Skeptisch näherte ich mich dem Anschuss. Weil ich kein Schlegeln gesehen hatte, befürchtete ich, den Bock gekrellt zu haben. Zu Unrecht, wie sich herausstellte. Er war verendet, und trotz überzeugender Wirkung war kein Wildbret entwertet. Das Geschoss hatte zwar auf der Einschussseite die Blattschaufel durchschlagen, dabei jedoch nur wenig Wildbret zerstört. Der Ausschuss war fünf-markstückgroß. Das 7-g-KS-Geschoss gefiel mir dadurch noch mehr. Trotzdem begann ich die 6,5×65 wiederzuladen und bestückte sie zunächst mit dem 6-g-Teilmantelgeschoss von RWS, später auch mit dem 8,2-g-KS sowie dem 6,5-g-Nosler-Partition. Auf Rehwild zeigten alle Geschosse nahezu immer eine schlagartige Wirkung mit unmittelbarem Verenden am Anschuss und geringer Wildbretentwertung. Die meisten Stücke wurden dabei auf Entfernungen unter 100 Meter erlegt.

Küchenfreundliche Arbeit

Fluchtstrecken konnte ich bei Rehwild nur dann notieren, wenn es alarmiert war, zum Beispiel auf Bewegungsjagden. Die Todesfluchten führten jedoch nicht weiter als 20 Meter und waren dank guter Schweißfährte leicht zu halten. Dabei spielte die Geschosswahl keine Rolle.

Und auf Rotwild? Ich war gespannt, ob sich das Kaliber auch auf Rotwild bewährte. Zwar stellt es in Deutschland die Untergrenze für die Hochwildjagd auf Schalenwild dar, Wildbretgewichte von maximal 80 Kilogramm beim Kahlwild sollten aber problemlos zu meistern sein. Im Feuer blieben nur die Stücke, die entweder durch beide Blattschaufeln oder die Wirbelsäule getroffen waren. Alle Stücke mit „normalen“ Blattschüssen, gleich ob Kälber, Schmaltiere oder Tiere flüchteten 10 bis 60 Meter, in einem Fall 80 Meter.

Ein Ausschuss war bei Schüssen auf breit stehende Stücke immer vorhanden, selbst bei Treffern auf starke Knochen. Zugegeben, selbst mit schwereren Kalibern besteht keine Gewissheit, ein Stück Rotwild mit einem Blattschuss immer an den Platz zu bannen. Der Treffersitz ist folglich bei der 6,5 entscheidend, weshalb dem richtigen Abkommen eine noch größere Bedeutung zukommt, als bei stärkeren Kalibern.

Hinsichtlich der Wildbretzerstörung bestätigte sich der Eindruck von der küchenfreundlichen Arbeit des schnellen Kalibers. Die erwarteten Hämatome waren immer im Bereich des Vertretbaren, was die Wildbret-Abnehmer ebenso empfanden.

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Auf Drückjagden wollte ich die Vorteile dieser Patrone ebenfalls nicht missen. Wenn abzusehen war, dass die Chancen auf Rehwild besser als auf Sauen standen, nahm ich die 6,5 mit. Prompt schoss ich damit mehrere Stücke Rehwild, sogar zwei Dubletten auf Frischlinge. Letztlich gehört eine 6,5×65 RWS aber in den Schrank, wenn es zur Drückjagd geht.

Frischlinge und Überläufer können noch vertretbar mit der 6,5 bejagt werden. Häufiger fehlte übrigens beim Schwarzwild der Ausschuss. Die Gelegenheiten, die sich „am Rande“ auf Schwarzwild bieten, können dennoch gut gemeistert werden, wie das eingangs geschilderte Erlebnis zeigt.

Obwohl die Euphorie aus der ersten Zeit verklungen ist, musste sie nicht der Ernüchterung weichen. Die 6,5×65 führt bei mir nach wie vor alles andere als ein Schattendasein; denn sie hat mich nie enttäuscht, meine Erwartungen oft er- füllt und meistens übertroffen.

6,5er-Geschosse von links: 6-Gramm-Teilmantel Spitz mit Geschossrest, 6,5-Gramm-Nosler-Partition und das 8,2-Gramm Kegelspitz mit zwei Geschossresten

 

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