Die Schlauen durchschauen

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INTELLIGENTE KRÄHENVÖGEL

Schwarz, schlau und schwer zu kriegen: Was die Forschung und Jagdpraktiker über die Lernfähigkeit von Krähenvögeln wissen, und welche Rückschlüsse der Jäger daraus ziehen kann, hat sich Simon Obermeier genauer angesehen.

Krähenvögel
Foto: Mathias Schäf

Noch sitzen die beiden Jäger in der Dunkelheit. Alles ist vorbereitet. Vor ihrem Tarnstand auf der frisch gemähten Wiese stehen dreißig beflockte Lockkrähen. Dazwischen surren im immer gleichen Rhythmus zwei Krähenmagnete. In der niedrigen Schwarzdornhecke neben dem Schirm sind Wächterkrähen platziert. Die Jäger selbst tragen Camouflage kleidung, Handschuhe und ein Gesichtsnetz. Dass die Krähen diesen Revierteil mögen, haben die letzten Kontrollfahrten bewiesen. Alles passt. Es beginnt zu dämmern. Der Ruf einer Rabenkrähe zerreißt die morgendliche Stille – ein zweiter, ein dritter folgen. Ein Lockruf des Jägers ist die Antwort. Am Horizont heben sich immer deutlicher die Silhouetten zweier Krähen ab. Sie streichen direkt auf das Lockbild zu. Noch 70 Meter, 60 Meter. Gleich sind die beiden in Schussdistanz für die 2,7-Millimeter- Schrote. Die Jäger verhalten sich absolut ruhig, bereit, in den Anschlag zu schnellen. 50 Meter Entfernung – ein kurzes „Kräh“ und die schwarzen Gesellen drehen ab. Nichts passt. Was ging schief? Der Blick über den Schirmrand verrät es: Ein Plastikvogel liegt mitten im Lockbild auf der Seite. Der Aufbau musste schnell gehen.

Krähenvögel mit jagdlichen Mitteln zu überlisten, ist keine leichte Aufgabe. Der kleinste Fehler, sei es beim Aufbau des Lockbilds, der Tarnung oder schlichtweg der Platzwahl, macht sich gleich bemerkbar. Nicht umsonst bezeichnen Biologen dieses Flugwild respektvoll als „gefiederte Affen“, da sie zu erstaunlichen Intelligenzleistungen fähig sind. Einige ihrer Verhaltensweisen zeugen wahrscheinlich sogar davon, dass sie in gewissem Maße einen Bezug zwischen Ursache und Wirkung herstellen können.

In Tokio sorgten Dschungelkrähen, nahe Verwandte unserer Rabenkrähen, für Schlagzeilen. Sie machten sich zum Knacken gesammelter Nüsse den Verkehr der Großstadt zunutze. Die Krähen erkannten, dass bei roten Ampeln die rollende Autolawine für kurze Zeit zum Erliegen kommt. In diesem kleinen Zeitfenster streichen die Krähen von ihrer Ansitzwarte auf die Straße, legen die Nüsse ab und ziehen sich zurück, um in der nächsten Rotphase die überfahrenen und offen liegenden Kerne zu holen. Ein ähnliches Verhalten wurde auch bei Rabenkrähen in deutschen Städten beobachtet.

Gefahr für den Jagderfolg: Erlegte Krähen müssen schnellstmöglich aus dem freundlichen Lockbild entfernt werden. Foto: Fabian Neubert

An der britischen Universität Cambridge erforschte eine Gruppe um Christopher Bird Denkprozesse und rationale Fähigkeiten bei Rabenvögeln. Sie stellten fest, dass Saatkrähen aus dünnen, geraden Drahtstücken Werkzeuge fertigen, um an Futter in Behältern zu gelangen. Hierfür biegen die Vögel mit ihrem Schnabel an einem Ende den Draht so lange, bis sich ein Haken bildet. Drei der vier Saatkrähen des Experimentes kamen mithilfe dieser Technik bereits im ersten Versuch an die Belohnung. Eine war nach
dem vierten Versuch erfolgreich. Der Biologe Dieter Glandt betont, dass Saatkrähen bei dem Versuch Erstaunliches leisten: Aus dem Stand heraus nutzen sie Werkzeuge. Da ähnliches Verhalten im Freiland nicht beobachtet werden könne, sei davon auszugehen, dass das Verhalten nicht durch Abschauen von Artgenossen, sondern durch eigenständige Denkprozesse zustande kommt.

Offensichtlich gehören Krähenvögel zu den „Musterschülern“ im Revier. Doch was bedeutet das nun für die Jagd auf dieses gewitzte Flugwild? Geben Krähenvögel Orte, an denen Gefahr lauert, oder ergiebige Futterplätze an ihre Artgenossen weiter? Wie lange meiden sie Flächen, an denen sie beispielsweise bejagt wurden? Können Rabenkrähen Muster bei Lockbildern erkennen? Fragen über Fragen.

Saatkrähen sind in der Lage, aus geraden Drahtstücken eine Art Werkzeug zu formen, um an Futter in Behältern zu gelangen. Foto: Shutterstock

„In einem gewissen Sinne gibt es so etwas wie ein Weitersagen von Futter- und Gefahrenquellen“, weiß Onur Güntürkün, Professor für Biopsychologie an der Ruhr- Universität Bochum. Der einfachste Mechanismus bei Futterplätzen sei das Rufen von Artgenossen, was vor allem in zwei Situationen vorkomme: Entweder wenn die Vögel auf Probleme stoßen, weil sie das Futter nicht alleine fressen können, oder wenn anderes Wild sie etwa von einem verluderten Stück vertreibt. Die Krähe ruft quasi nach Verstärkung. Dieter Glandt berichtet, dass bei Studien an wild lebenden Kolkraben im US-Bundesstaat Maine an Kadavern ein spezieller schneller, hoher und lauter Rekrutierungsschrei gehört werden konnte, der sich von den üblichen Rufen deutlich unterschied. Mit dessen Hilfe wurden weitere Kolkraben herbeigerufen. Sie teilen allerdings nicht um des Teilens
willen, sondern um gleichrangige Artgenossen herbeizurufen, und so eine Übermacht gegenüber den teils recht aggressiven Revierinhabern zu bilden.

Aber auch Schlafbäume scheinen eine entscheidende Rolle als „Informationsbörsen“ zu spielen. Hierzu sagt Georgine Szipl, die zu Krähenvögeln an der Konrad Lorenz Forschungsstelle im österreichischen Grünau forscht: „Es gibt eine Hypothese, die besagt, dass Rabenvögel an gemeinsamen Schlafplätzen Informationen über Futterquellen austauschen. Man glaubt, dass informierte Raben und Krähen den gemeinsamen Schlafplatz früher verlassen und gezielt zur Futterquelle fliegen. Andere, uninformierte Artgenossen folgen ihnen dann und finden sie so auch.“ Hinweise darauf, dass Krähenschwärme gezielt „Spähertrupps“ schicken, die die Lage erkunden, gibt es allerdings keine.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass „informierte“ Krähenvögel Schlafbäume früher verlassen und gezielt zur Futterquelle streichen. „Uninformierte“ Artgenossen folgen ihnen. Foto: Adolf Schilling

Über das Weitersagen von Orten, von denen Gefahr für die Vögel ausging, ist in der Wissenschaft hingegen kaum etwas bekannt. Es scheint, dass Wissen über gefährliche Orte oder Situationen sowohl zwischen Gleichaltrigen als auch von Altzu Jungvögeln weitergegeben wird, so Onur Güntürkün. WILD UND HUND-Krähenjagdexperte Alexander Busch weiß aus seiner Erfahrung, dass Rabenkrähen einmal bejagte Revierteile grundsätzlich für einige Tage oder gar Wochen meiden. Wie lange sie an diesen Stellen Vorsicht walten lassen, hänge aber stark von der Attraktivität der Fläche für das Flugwild ab und davon, ob ebenfalls attraktive Ausweichmöglichkeiten, beispielsweise frisch gegrubberte Äcker, zur Verfügung stehen. Wie lange sich Krähenvögel allerdings an bestimmte Vorkommnisse erinnern, darüber gibt es unterschiedliche Erkenntnisse. Der emeritierte Biologieprofessor Bernd Heinrich untersuchte, wie effektiv Kolkraben Futterverstecke wiederfinden. In seinem Buch „Die Seele des Raben“ kommt er dabei zu dem Schluss: Sie verfügen über ein gutes Raum-, aber nur über ein mäßiges Kurzzeitgedächtnis. Andererseits ergaben Versuche, dass sich Raben noch nach Jahren an den Ruf ihres Nachwuchses beziehungsweise an den von Artgenossen erinnern, mit denen sie aufwuchsen, weiß Georgine Szipl zu berichten. Auch Dieter Glandt ist in Bezug auf die Gedächtnisleistung überzeugt: „Krähen lernen sehr schnell, ob ihnen jemand ans Leben will, und ändern die Fluchtdistanz sehr rasch.“ Kann man daraus schließen, dass Krähen beispielsweise Muster bei Lockbildern erkennen? Oder bedeutet das gar, dass Krähenvögel den Jäger von einem Spaziergänger unterscheiden können? Viele Krähenjäger sind überzeugt, ein Lockbild muss immer unterschiedlich aufgebaut werden. Denn die schwarzen Gesellen sollen schließlich nicht auf Anhieb erkennen, dass es sich nur um Plastikattrappen handelt. Auch die beiden Wissenschaftler Szipl und Güntürkün halten das Verknüpfen immer gleicher Lockbildmuster mit eventueller Gefahr bei Rabenkrähen für denkbar beziehungsweise sogar sehr wahrscheinlich.

Gute Tarnung, attraktive Flächen und ein Lockbild mit beflockten Plastikkrähen sind die Voraussetzung für große Strecken. Foto: Florian Standke

Ob ein Jäger beispielsweise wegen der Flinte von Krähen gemieden wird, können die beiden Biologen allerdings nicht belegen. Dass Krähen bestimmte Menschen wiedererkennen und meiden, legen Ergebnisse von Forschungsarbeiten aus Washington nahe. Bei diesen wurden die Vögel von maskierten Personen mit Netzen gefangen und markiert. Selbst nach mehreren Jahren wurden die Forscher mit Hassrufen empfangen, wenn sie maskiert ins Freie gingen. Die Verknüpfung „Fangen – Maske“ scheinen die markierten Stücke also hergestellt zu haben.

„In Revieren, in denen mit schlechter oder womöglich gar keiner Tarnung gejagt wird, erkennen die Krähen den Jäger schnell. Die Krähen lassen Spaziergänger bis auf 50 Meter passieren, während das Auftauchen des Waidmanns mit sofortiger Flucht quittiert wird“, sagt der Jagdpraktiker Busch. Auch Klaus Demmel, Lockund Reizjagdexperte, ist sich sicher: Die Vögel lernen schnell, Gefahrenquellen richtig einzuschätzen, vor allem beim feindlichen Lockbild. Dieses stelle für das Flugwild im Vergleich zum freundlichen Lockbild eine nicht alltägliche Situation dar. Bekommen Rabenkrähen nun mit, dass Artgenossen an ihm erlegt werden, so verankere sich die Verknüpfung dieser nicht alltäglichen Situation mit Gefahr längerfristiger im Krähenhirn, meint Demmel. Er rät daher auch, das feindliche Lockbild nur spärlich – maximal dreimal im Jahr – zu nutzen.

Anhand des Rufs können Krähenvögel sehr gut einschätzen, wer wer ist und in welcher Beziehung er zu anderen Artgenossen steht. Foto: Michael Breuer

Insbesondere allem Ungewohnten gegenüber sind Krähen sehr skeptisch. Wildbiologen bezeichnen dieses Verhalten als Neophobie – die Angst vor Neuem. Oft überlassen Jungvögel älteren, erfahreneren Artgenossen den Vortritt in unbekannten Situationen, worin sich dieses Verhalten spiegelt. Interessanterweise reagieren Rabenkrähen teilweise vor allem auf die Farbe Schwarz mit Alarmruf, so Georgine Szipl. Die Frage nach dem Warum ist allerdings noch kaum erforscht. Allgemein haben Krähenvögel im Vergleich zum Menschen ein wesentlich erweitertes Farbspektrum. „Vögel filtern die einzelnen Farbpigmente sehr fein, indem sie vor die Rezeptoren in der Netzhaut kleine farbige Öltröpfchen legen. Dadurch sehen sie auch Farben im Ultraviolett-Bereich“, sagt Onur Güntürkün. Tarnkleidung hilft beim Überlisten. Mit herkömmlichen Waschmitteln gereinigte Camouflagejacken können das Waidmannsheil des Jägers aber deutlich schmälern. Die Krähenvögel würden sie augrund der Aufheller in den Waschpulvern als grell leuchtend wahrnehmen können, so Alexander Busch. Die Folge: Anstreichende drehen zu früh ab.

Wie sensibel das Flugwild auf Unstimmigkeiten anspricht, zeigt ein weiteres Beispiel aus der Jagdpraxis: die auf dem Rücken liegende Krähe – sei es ein totes Exemplar oder eine umgefallene Krähenattrappe – im freundlichen Lockbild. Erkennt eine Krähe in diesem Zusammenhang den toten Artgenossen, ist die Wirkung des positiven Bildes aufgehoben. Ruhig sitzende Plastikvögel und das „gestreckte“ Stück lassen bei ihr die Alarmglocke schrillen. Sie wird Spektakel machen und das Lockbild aus sicherer Entfernung umkreisen. Die Krähe weiß, was die Situation bedeutet. Die beiden Jäger in der Dämmerung mussten es erst lernen.

Kolkraben holen sich an ergiebigen Futterquellen Unterstützung. Damit wollen sie eine Übermacht gegenüber den revierinhabenden Artgenossen aufbauen. Foto: Willi Rolfes

So klappt‘s mit den schlauen Schwarzen!

1. Lassen Sie etwa 14 Tage verstreichen, ehe Sie Krähen an derselben Fläche nochmals bejagen (Ausnahme: hoch attraktive Plätze, wie offene Silomieten).

2. Tragen Sie Tarnkleidung, Handschuhe und Gesichtsnetz. Aber Vorsicht: UV-Aufheller in Waschmitteln machen die beste Camouflagekleidung nutzlos! Verwenden Sie zum Reinigen lieber Kernseife.

3. Bauen Sie Ihre Lockbilder nie nach gleichem Muster auf. Orientieren Sie sich an Krähenschwärmen – Das Prinzip heißt Zufall!

4. Benutzen Sie das feindliche Lockbild (Uhuattrappe, präparierter Fuchs etc.) nur etwa dreimal pro Jahr in einem Revier.

4. Nehmen Sie erlegte Krähen aus dem Lockbild, sobald keine weiteren mehr in der Nähe zu sehen sind. Umgefallene Lockvögel schnell wieder fixieren

5. Nutzen Sie Luder (sofern das die Landesgesetze erlauben), um das Lockbild attraktiver zu machen. Es schadet nichts, es bereits am Vortag auszubringen

6. Jagen Sie intensiv zu Beginn der Jagdzeit. Die eben flügge gewordenen Jungkrähen sind noch unerfahren, ältere noch weniger skeptisch.

7. Erlegen Sie jede Krähe, die sich in waidgerechter Schussdistanz befindet. Das Gerücht vom Späher, der die anderen holt, ist eine Mär.

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