Innig verbunden

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ALTTIER-KALB-BEZIEHUNG

„Leittierabschuss“ oder „Alttier vor Kalb“ – diese Forderungen sind immer häufiger zu hören. Welche dramatischen Folgen das allerdings mit sich bringen würde, zeigt der Wildbiologe Dr. Helmuth Wölfel.

Rot- und Rehwild gehören beide der Familie der Hirsche an, trotzdem sind die Arten grundverschieden. Aus Sicht der körperlichen Entwicklung kann man stark vereinfacht sagen: Rehwild entwickelt sich doppelt so schnell wie Rotwild. Das Kalb ist etwa mit vier Monaten Wiederkäuer und kommt ab der Brunft mit fester Nahrung ohne Milch aus. Das Kitz hingegegen kann bereits ab der Blattzeit mit gut zwei Monaten von pflanz­licher Äsung ohne Milch leben. Das Kalb wird über ein Jahr vom Alttier geführt, das Kitz etwa ein halbes Jahr von der Geiß. Beim Kalb ist der Zahnwechsel mit rund zwei Jahren abgeschlossen, beim Kitz mit einem Jahr. Rotwild wird etwa 16 bis 18 Jahre alt, das Reh acht bis neun Jahre. Weshalb aber werden beide Arten dann über weite Strecken jagdlich gleich behandelt?
Gerade in letzter Zeit ist von manchen Jagd­ leitern vor Gemeinschaftsjagden zu hören, man könne und müsse auch Alttiere vor ihren Kälbern erlegen, weil man ansonsten die sogenannten Zuwachsträger nie bekomme. Außerdem seien die Kälber nach der Brunft bereits weitgehend selbstständig und würden den Winter gut überleben. Wahr ist das Gegenteil! Wahr ist, dass verwaiste Kälber psychisch leiden. Aus psychischer Sicht brauchen die Kälber die Führung durch ihr Muttertier weit über das Ende der Laktation hinaus bis in das Schmaltier oder Schmalspießer Stadium. Dar aus folgt für die Jagdpraxis: Wird im Spätherbst oder Winter ein Alttier vor seinem Kalb geschossen und dieses darauf nicht gestreckt, verhungert das Kalb zwar nicht, mangels Führung und Rückhalt wird es aber in seinem Rang, der zuvor dem der Mutter entsprach, abstürzen. Anders als beim Damwild wird ein führungsloses Rotwildkalb niemals von der Gruppe aufgenommen. Es hängt sich ihr nur an und wird zum Prügelknaben. Körperlich ist es daher schlechter entwickelt, das Haar wird struppig und stumpf, Gewicht und Wachstum stagnieren. Es kann den Verlust zeitlebens nicht aufholen. Für Rehkitze ist hingegen der Verlust der Geiß im Spätherbst für die Entwicklung weitgehend bedeutungslos: Es entstehen dadurch nicht die vermeintlichen Knopfböcke oder schwachen Schmalrehe.

Aus physischer Sicht sind Kälber ab der Brunft im September und Oktober von ihrem Muttertier unabhängig, denn das Kalb ist dann nicht mehr auf Milch angewiesen. Seine Wiederkäufunktion ist voll ausgebildet, und die Äsung reicht zur Ernährung aus. Eine danach stattfindende Säugung hat mehr eine soziale Funktion, ist aber ernährungsbedingt nicht notwendig. Gesteuert über die Länge des Tageslichtes wird die Milchproduktion so gar schon vor der Brunft verringert, um den Eisprung zu fördern. Fehlen bei der Brunft aber alte, erfahrene Hirsche, werden die Alttiere zwar beschlagen, oft allerdings erst beim zweiten oder dritten Eisprung, der sich nach elf bis 15 Tagen wiederholt. Eine lange Brunft ist daher ein Indiz für das Fehlen reifer Hirsche. Die Alttiere werden spät beschlagen, die Kälber wegen der konstanten Tragzeit spät geboren und dann, wegen des erwähnten „Versiegens der Milch“ ab der Brunft, nicht lange genug gesäugt. Sie bleiben unterernährt und kommen sehr oft nur schwach in den Winter. Nun entsteht ein Teufelskreis, der für das Reh in dieser Form nicht entstehen könnte. Bei Rehen gibt es nämlich nur einen Eisprung. Klappt es beim ersten Mal im Juli/August nicht, bleibt diese Geiß ein Jahr ohne Kitz und trocken. Bei der spätherbstlichen „Scheinbrunft“ beschlagen Böcke die zur Brunft noch nicht geschlechtsreif gewesenen Schmalrehe oder die frühreifen Kitze des Jahres. Ein weiterer Aspekt ist also für die Überlebenschance und Gesundheit der Rotkälber unentbehrlich: Alte, erfahrene Hirsche müssen an der Brunft teilhaben.

Tragischerweise wird häufig immer noch empfohlen, aus großen Rudeln das Leittier herauszuschießen, um die Rudel zu sprengen, in kleinere Gruppen aufzuteilen und somit konzentrierten Wildschaden zu vermeiden. Dieser Gedanke ist aber grundsätzlich falsch – aus biologischen, jagdpraktischen und forstbetrieblichen Gründen. Denn Rotwild braucht zum sozialen Wohlbefinden Führungsqualität. Je nach Gruppenzusammensetzung und Jahreszeit sind Leittiere und auch reife Hirsche wichtig für die Sozialverbände.
Schwaches Kalb: Verliert es das Muttertier, wird es zum Prügelknaben des Rudels. Eine struppige Decke und geringe Statur sind die Folgen.
Ist diese Führungsqualität nicht gegeben und fehlen beruhigte Frei­flächen, beschränken sich die Größen der Rudel, selbst bei hohem Rotwildvorkommen, auf die kleinste Einheit von Alttier, Kalb und Vorjahreskalb. Der Schaden durch Schäle und Verbiss wird sich durch einen gezielten Abschuss von führenden Tieren nicht verringern, sondern zwangsläufig erhöhen. Zwar wird die Struktur der Rudel vorübergehend zerstört, die Überlebenden bleiben jedoch mangels Führung und durch Unsicherheit nicht mehr äsend auf freien Flächen, sondern

stehen meist in Deckung. Der Hunger aber bleibt und wird dann mit Baumrinde und ­ trieben gestillt. Eine artangepasste Jagd auf Rotwild als mobile und soziale Art mit Rudelverbänden muss sich grundsätzlich von der auf das territoriale, einzelgängerische Rehwild unterscheiden. Spätestens nach der Hirschbrunft sollte der Ansitz nicht mehr die einzige Jagdmethode sein, sondern auch gute und großräumig angelegte Bewegungsjagden unter Leitung erfahrerener Jäger durchgeführt werden. Wo die Reviergröße und das Gelände es erlauben, bietet der ausschließliche Einsatz von spurlauten und solojagenden Stöberhunden bei weiträumigem Abstellen der Schützen gute Aussicht auf Erfolg. Das dosierte Beunruhigen von Rotwild mit geeigneten Hunden einmal im Jahr pro Flächeneinheit führt in der Regel nicht zum Sprengen von Mutter und Kalb, sondern meist zu einer engen Folge im Schulterschluss. Dabei kann relativ gut angesprochen werden, ob ein Alttier führt oder nicht – weder besser noch schlechter als das beim Ansitz möglich ist. Dort „bummelt“ das im Herbst bereits selbstbewusste Kalb nicht selten über längere Zeit weitere Strecken hinter dem Alttier her. Bei keiner Jagdart ist es deshalb im Herbst nach der Brunft auszuschließen, dass irrtümlich auch einmal das Alttier als vermeintlich nichtführend vor dem Kalb erlegt wird.

Bock- und Geißkitz mit Geiß (v. l.) im Dezember. Zu dieser Zeit ist der Nachwuchs des Rehwildes kaum mehr auf das Muttertier angewiesen.
Bei der notwendigen Rücksichtnahme auf den Muttertierschutz wird es beim Rotwild immer schwierig sein, „betagtere“ Alttiere zur Strecke zu bringen. Kälber und Schmaltiere sind leichter als solche anzusprechen. Um die beinahe jährlich führenden Alttiere in notwendigem Umfang überhaupt bejagen zu können, müssen deshalb erst einmal genügend Kälber erlegt worden sein.
Der Einwand, die frühe Entnahme von Kälbern im August und September schade den Alttieren, weil sie wegen der abrupt endenden Säugung Milchstau und Spinnenentzündung bekämen, ist falsch. Versuche haben gezeigt, dass in früher Säugeperiode von ihren Müttern getrennte Rotwildkälber von diesen bereits nicht mehr angenommen werden, wenn die

Rückgabe nach einer knappen Woche erfolgte. Einen Tag sucht das Alttier intensiv sein Kalb, die Intensität nimmt darauf aber kontinuierlich ab. Am vierten Tag ist die Spinne schon deutlich kleiner, und das Tier hört hormonell gesteuert auf, Mutter zu sein.

Von einer bewussten und gezielten Entnahme der Alttiere vor ihren Kälbern muss beim Rotwild aus den genannten Gründen nicht nur entschieden abgeraten werden, sie ist nach § 38 BJagdG sogar strafbar. Fehlabschüsse sind aber auf der Jagd nicht ganz auszuschließen. Tierschutz und Waidgerechtigkeit gebieten dennoch, dass selbst bei örtlich notwendiger und deshalb intensiver Jagd zur Bestandsreduktion die Devise lauten muss: Immer von Klein nach Groß und somit das Kalb vor dem Alttier erlegen! Wenn trotzdem verwaiste Kälber im Revier sein sollten, bilden diese armen Kreaturen teils führungslose Notgemeinschaften, weil sie aus dem Rudelver band ausgestoßen wurden. Diese „Kälbertrupps“ sollten dann so bald als möglich erlegt werden. Denn Waidgerechtigkeit verlangt auch nach solchen hart wirkenden Maßnahmen.

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