Mogler und Täuscher

310
Mogler und Täuscher
Foto: Michael Stadtfeldt

Mogler und Täuscher – Es gibt sie in jedem Revier: Böcke, die ewig als scheinbar Zwei- oder Dreijährige angesprochen und geschont werden. Kommen sie dann zur Strecke, erlebt man manche Überraschung.
Heiko Hornung

Sie stehen nicht in den besten Ecken, drücken sich eher an den Rändern der Haupteinstände herum. So lange ein Platzbock das Zepter fest in der Hand hat, werden sie aus unerfindlichen Gründen geduldet und sind bisweilen auch eher heimlich. Ich habe eine riesige Freude daran, diese Unerkannten, Nichtbeachteten und oft Verschmähten zu finden und zu erlegen. Bisweilen kommen sie unbekümmert dahergezogen. Das Gehörn ist nicht allzu hoch und wenig vereckt. Im Fernglas stellt der Götterblick schnell fest, und ich nehme mich da nicht aus: zu jung, ein Zwei- oder Dreijähriger. Das läuft so oft, bis vielleicht ein winziges Detail an seinem Gehörn, Lauscher, Einstand oder Verhalten einem verrät, dass man dieses Urteil bereits seit vier Jahren immer wieder für den selben Bock gefällt hat. Eine Zeichnung oder die Notiz über eine Beobachtung im Jagdtagebuch lässt einen stutzig werden und offenbart, dass dieser vermeintlich nichtssagende Junge in Wirklichkeit ein alter Bekannter ist.
Im Testrevier habe ich schon einige von dieser Sorte erbeutet. Ein paar waren Geschenke Dianas. Sie tauchten einfach
unvermutet auf. Woher sie kamen, weiß ich bis heute nicht. Aber alles passte. In der Wildkammer hing dann ein älterer Spießbock oder ganz mickriger Sechser, der aber fast keine Zähne mehr hatte. Kopfschüttelnd frage ich mich dann, wie es dieser geschafft hat, uns alle zu täuschen und sich durchzumogeln.
Manch anderer narrte mich Jahre lang, und es bedurfte schon ausgeklügelter Pläne und einer Portion Geduld, um seiner habhaft zu werden. Wie der Alte vom Brühlberg oder der Dorfgrabenbock, den ich im letzten Jahr schoss und dessen Erlegung ich hier schon geschildert habe. In diesem Jahr waren es gleich zwei, die mich überraschten.
In der Blattzeit Anfang August sprangen im Testrevier die Böcke wie die Teufel. Alle Mann waren draußen, und es war schon schwierig, den jungen Kollegen aus dem Weg zu gehen. Traditionell wird im Vorfeld der Blattjagd viel beobachtet, palavert und erzählt. Es formen sich Wünsche, und bald merkt man, dass sich Kollegen auf einen bestimmten Bock versteifen. Die Freude, diesen zu erlegen, will ich ihnen nicht vermiesen, also gilt es, die unbeachteten Ecken aufzusuchen. Eines dieser Revierteile ist der Himmelswald. In ihm gibt es einen älteren, übersichtlichen Eichenbestand, der vor allem im Herbst ein magischer Anziehungspunkt für Rehwild und Sauen ist. Um ihn zu erreichen, muss man ein paar Meter gehen. Wer etwas schießt, weiß das in Winterkleidung besonders zu schätzen, wenn man endlich schweißnass mit Ausrüstung und vielleicht sogar zwei Stücken endlich am Auto steht. Ich mag diesen Platz. Es führt kein Waldweg dorthin. Entsprechend still ist die Ecke, an der man kaum gestört wird. Rund um den Dom aus Eichen steht Buchenverjüngung. Ein guter Ort zum Blatten.
Es war heiß. Das Hemd klebte am Rücken. Und alles schien verdorrt und abgestorben zu sein. Auf das Blatten passierte rein gar nichts. Nur gelegentlich raschelte eine Maus unnatürlich laut im alten Falllaub. Trotz dieser Erfolglosigkeit blieb ich sitzen, blattete unverdrossen weiter, genoss eine mitgebrachte Brotzeit und blickte gelegentlich mit dem Glas in die Verjüngung und das Stangenholz umher. Es wurde schon leicht dämmrig, als es mich wie ein Schlag traf. Im Dunkel des 80 Meter entfernten Stangenholzes stand, spitz zu mir, reglos ein Bock. Wie er dahin gekommen war, weiß ich bis heute nicht. Vorsichtig schlich er wie ein Indianer im Schatten hin und her. Fast drohte er, mir in den Wind zu kommen. Er wusste genau, wo ich saß, doch die fehlende Zusatzmusik im trockenen Blattwerk des Bodens machte ihn wohl vorsichtig. Rehe können halt nicht fliegen, und ich saß auf einem niedrigen Bock. Als er sich wegschlich, blattete ich wieder, behielt ihn im Glas, und weil es schon dämmrig war, entschloss er sich, genauer nachzusehen. Spitz zog er auf mich zu, und ich erkannte einen, den ich im zeitigen Frühjahr vor zwei Jahren dort an einer Salzlecke in Anblick hatte. Das Gehörn war wie damals: Spieße mit einer leichten Vereckung nach hinten. Das war auch der Grund, warum ich ihn eine halbe Stunde später im Rucksack schwitzend Richtung Auto trug.
Zwei Wochen später, an Mariä Himmelfahrt, hatte die Brunft schon merklich nachgelassen, aber überall zogen noch Böcke suchend um die Ecken. Im Feld war kaum etwas zu beobachten. Alles war verbrannt, und wenn es noch irgendwo Äsung gab, dann im schattigen Wald oder im Grund des Hasenbachs. Trotzdem wählte ich abends meinen Anstand am Grenzholz. Dort war einiges an Raubwild gefallen und etwas unfreiwillig ein guter, zu junger Sechser, der am Vorderlauf schonte. Er hatte dort bisher geherrscht. Eigentlich wollte ich Wildschäden an verschiedenen Maisflächen kontrollieren. Die Sauen hatten nicht sehr viel Interesse an dem trockenstehenden Mais gefunden. Zufrieden baumte ich auf, stopfte mir eine Pfeife und wollte die Zeit bis zur Nacht auf der Kanzel verbummeln. Als es neun Uhr wurde, wechselte ein gut aufhabender Jährling aus einem rund 100 Meter entfernten Maisfeld auf die Rapsstoppel. Nur zum Spaß wollte ich ihn mit dem Blatter zum Zustehen bringen und sandte ihm eine Liebes-Arie hinüber. Aber er reagierte gar nicht. Zwei Kitze sicherten am Maisrand. Noch einmal zwei Fieper, dann steckte ich den Rottumtaler wieder in die Brusttasche des Jagdhemdes. Das Büchsenlicht begann schon zu schwinden. Ich kramte meine Sachen zusammen und wollte abbaumen, als aus dem unteren Maisfeld, das direkt an das Feldgehölz grenzt, ein Reh flott auf mich zuzog.
Den Windfang über dem Boden, kam es bis auf 50 Meter heran. Gerade konnte ich noch zwei Spieße auf dem Haupt erkennen und war der festen Überzeugung, einen Jährling vor mir zu haben. Ihr Abschuss war in diesem Jahr schleppend verlaufen. Zwar hatte ich eine ganze Reihe in Anblick, aber ich bringe es noch heute nur schwer übers Herz, einen über Lauscher hohen, gut vereckten Gabler oder Sechser in der Jugendklasse zu füsilieren. Das ist zwar vielleicht dusselig und bringt auch nichts, aber der schlechte Spießer oder Knopfer, letztere sind bei uns selten geworden, ist mir allweil lieber.
Der Spießer sicherte unentwegt zu mir herauf. Er hatte sicher mein Blatten vernommen. Der Schuss war keine Kunst, und wenig später hatte ich den Bock im Rucksack und schlenderte in der warmen Sommernacht heimwärts. Schwer drückte er auf den Schultern. In der Wildkammer dann die Überraschung. Er wog aufgebrochen 18 Kilogramm. Die zweite Überraschung dann zwei Tage darauf, als ich das Haupt abkochte. Dieser Bock war definitiv kein Jährling. Verlegen kratzte ich mich am Kopf. Wer weiß, wie lange sich dieser mit seinem Gehörn durchgemogelt hätte?

Mehrjährige Spieß- und Gabelböcke aus dem Testrevier. Der 2. und 3. von links kamen in der Blattzeit 2018 zur Strecke. Foto: Heiko Hornung
ANZEIGEAboangebot