Rebhuhn Interview Dr. Astrid Sutor

1985


Welche jagdliche Zukunft hat das Rebhuhn noch in Deutschland? WILD UND HUND sprach mit Dr. Astrid Sutor, Referentin für Jagd und Forstwirtschaft des Deutschen Jagdverbandes.

Sutor: In den Bundesländern Bayern, Niedersachsen, Rheinlandpfalz und Nordrhein-Westfalen werden die höchsten Jahresjagdstrecken erreicht (DJV-Handbuch 2014, S. 406/407). Aufgrund der seit Jahren abnehmenden Bestände verzichten allerdings viele Jägerschaften freiwillig auf die Bejagung des Rebhuhns. Beispiele dafür: Brandenburg hat seit November 2010 Bejagung freiwillig ausgesetzt, der Landesjagdverband (LJV) gab schon Mitte der 1990er Jahre die Empfehlung zum Bejagungsverzicht. Der LJV Nordrhein-Westfalen hat im Juni 2012 einen Bejagungsverzicht empfohlen. Die Landesjägerschaft Niedersachsen hat im März 2012 darauf hingewiesen, die Bejagung auf Reviere mit mehr als 3 Paare pro 100 Hektar zu beschränken.
Das vom DJV initiierte und seit vielen Jahren betriebene Wildtier- Informationssystem der Länder Deutschlands (WILD) hilft, die Bestände des Rebhuhns und auch anderer Arten einzuschätzen. Es ist eine wichtige Grundlage, um Populationsentwicklungen von Wildtieren zu messen, zu beurteilen und Bejagungsempfehlungen zu formulieren.
WuH: Ab welchen Besatzgrößen ist eine jagdliche Nutzung Ihrer Meinung nach überhaupt vertretbar?
Sutor: Eine Bejagung muss nachhaltig sein, d.h. sie darf den Rebhuhnbestand nicht gefährden. Nach unseren Erkenntnissen aus dem WILD-Projekt ist die Rebhuhnjagd nur sinnvoll, wenn der Ausgangsbestand über mehrere Jahre stabil ist und bei mehr als 3 Brutpaaren pro 100 Hektar liegt.
Überdies dürfen durch eine Bejagung im Herbst maximal 25 Prozent des Bestands entnommen werden, das belegen auch wissenschaftliche Studien aus Großbritannien (JA Ewald, GR Potts & NJ Aebischer, 2012). Wissenschaftler gehen davon aus, dass etwa die Hälfte des Nachwuchses die Winterperiode nicht überlebt (Fressfeinde, Krankheiten etc.). Das bedeutet, es müssen für den Fall, dass auch Altvögel für die neue Fortpflanzungsperiode ausfallen, noch genug Jungvögel aus dem Vorjahr da sein, um diesen Populationsverlust auszugleichen. Eine Abschöpfung durch die Jagd von 25 Prozent ist nur dann verträglich, wenn sich die Lebensbedingungen für die lokale Rebhuhnpopulation nicht verschlechtern, etwa durch Habitatverlust, schlechte Witterung oder Krankheitsgeschehen.
WuH: Ist das Aussetzen von gezüchteten Rebhühnern oder Wildaufzuchten eine Option, um dem Feldhuhn zu helfen? Oder lehnen Sie Aussetzen als Option ab?
Sutor: Grundsätzlich sollte man immer anstreben den autochthonen Bestand zu halten und wieder durch Schutzmaßnahmen aufzubauen. Die Bestandsstützung aus Nachzuchten ist nur dann sinnvoll, wenn der Lebensraum für das Rebhuhn geeignet ist. Habitat erhaltende und verbessernde Maßnahmen sind also der erste Schritt für den Erhalt eines Bestandes. Weiterhin muss gewährleistet sein, dass die Raubsäugerdichte so gering wie möglich ist. Hier ist die Fangjagd gefragt: Ohne diese jagdliche „Begleitmaßnahme“ ist der Rebhuhnschutz nicht erfolgreich. Rebhühner aus Volierenaufzuchten (z.B. aus Holland, Osteuropa) sind meistens für die Wildbahn nicht geeignet: kaum Feindvermeidungsverhalten (Handaufzucht führt zum Phänomen der Domestikation).
Viele Rebhühner aus Aufzuchten verenden aufgrund von Verdauungsproblemen, da sie die Umstellung von Volierenkost auf Naturnahrung nicht gewöhnt sind. Ein anderer Aspekt ist die Gefährdung des autochthonen Restbestandes durch zugesetzte Hühner, da diese Krankheitskeime einschleppen können, insbesondere wenn sie aus Massenaufzuchtanlagen stammen. Wenn eine Bestandsstützung durch Nachzucht sinnvoll ist, sollte die Aufzucht vor Ort unter erfahrener fachlicher Leitung geschehen. Die Verlustursachen müssen  jedoch vorab bekannt sein und beseitigt werden. Für die Auswilderung von Rebhühnern müssen unbedingt die gesetzlichen Vorgaben der Länder beachtet werden.
WuH: Wie sehen Sie die Zukunft des Rebhuhns als Jagdart in Deutschland – können wir es jagdlich abschreiben? Gibt es einen Hoffnungsschimmer (Förderpolitik etc.)?
Sutor: Der Bestandstrend für das Rebhuhn in Deutschland ist negativ, wenngleich es auch lokal zu Bestandserholungen kommt. Blühstreifen und andere Biotop verbessernde Maßnahmen sind ein Schlüssel hierfür. Ein erfolgreiches Beispiel ist das „Rebhuhnschutzprojekt artenreiche Flur“ im Thüringer Becken, das es ohne das personelle und finanzielle Engagement der Stiftung Lebensraum Thüringen e.V. nicht gäbe.
Das Rebhuhn als Bewohner der Agrarlandschaft unterliegt, wie auch andere Arten dieses Lebensraums, einem hohen Gefährdungsdruck. Durch zunehmende Intensivierung – durch Energiepflanzenanbau verschwinden beispielsweise Kleinstrukturen wie Hecken oder Wegränder – gehen wichtige Nahrungs- und Brutflächen verloren. Teuer erkaufte Maßnahmen, etwa im Vertragsnaturschutz, sind für den Landwirt im Vergleich zu mehrjährigen Abnahmegarantien für Energiemais wenig attraktiv. Dieser Trend in der Agrarlandschaft zur Intensivierung und damit zum Biotopverlust für das Rebhuhn und anderer Offenlandarten ist eine der größten Herausforderungen für Politik, Landwirtschaft und Naturschutzverbände.
Die Fragen stellte Simon Obermeier.

 

 

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