Winterbeize

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JAGD IN DEN HIGHLANDS

Angus Blackburn begleitet die Falkner Roxanne und Barry in den Schottischen Highlands. Mit ihren Steinadlern geht es auf Schneehasen.

Bernd Helbach

Früh am Morgen fuhr sie mit Barry in ihrem alten Defender nach Glenshee, einem Skigebiet südlich von Inverness und westlich von Aberdeen. Fünf der zehn höchsten Berge Schottlands bilden hier eine hochgebirgsähnliche Gruppe, die Cairngorms, mit etlichen weiteren Gipfeln über 1000 Metern. In den Hochlagen zwischen den Berg kämmen haben sich im Laufe der Jahrhunderte Moore gebildet, die in den Wintermonaten zufrieren. Ein optimaler Lebensraum für Schneehasen.
Mit einem kleinen Satz springt „Corrie“ ein und stößt Lampe aus der Sasse. Er flüchtet sofort los und versucht mit ein paar flinken Haken seinen vermeintlichen Verfolger abzuschütteln. Doch den Steinadler hat er anscheinend nicht bemerkt. „Stanley“ schießt mit atemberaubender Geschwindigkeit aus dem Himmel herab, den Hasen immer fest im Blick. „Im reinen Steilstoß kann der Adler aus solch einer Höhe bis zu 260 Kilometer schnell werden“, erläutert Barry, „für den Steinadler ist hier der hohe Flug die ursprüngliche Art zu jagen.“ Es gibt in Schottland noch andere Falkner, die mit den großen Greifen arbeiten, berichtet Barry weiter. Von diesen hätten aber nur sehr wenige Zugang zu solchen Terrains, sodass die meisten in geringeren Höhen beizen müssten. Das bedeute aber in der Regel auch, dass der Beizvogel von der Faust des Falkners geworfen wird, wenn das Wild die Deckung verlässt. Diese Jagden dauern im Gegensatz zu seiner und Roxannes Methode nur höchstens zwei bis drei Minuten. „In Kasachstan werden auf diese Weise heute häufig noch Rehe, Füchse und Wölfe gejagt. Das ist da ein Nationalsport, aber in unseren Augen eine völlig unnatürliche Jagdart für die Adler“, fügt Roxanne hinzu. Die großen Steinadler werden wie im niederen Flug eingesetzt und benötigen nicht so eine hohe Kondition wie für die Beizjagdmethode der beiden Schotten. In freier Wildbahn streifen sie in etwa 300 Metern Höhe ihr Revier ab und machen manchmal erst nach Stunden in einem Umkreis von knapp drei Kilometern unter sich einen Hasen aus. Um diese Zeit zu verkürzen, lassen Roxanne und Barry mit ihrem Deutsch Drahthaar Wild hochmachen.
Roxanne Paggie und Barry Blyther mit ihren drei Jagdhelfern.

Abrupt verhofft „Corrie“. Roxanne hat sofort reagiert und den Vierläufer zurückgepfiffen. „Der Adler könnte sonst unsere Hündin als Beute sehen und versuchen, sie zu schlagen“, erklärt Roxanne ihre Eile. Aus diesem Grund lassen die zwei Schotten auch ihre beiden weißen Pointer im Auto. „Die Verlockung für die Adler wäre bei den Pointern noch viel größer als bei ‚Corrie’“, erläutert sie. Schon ist das leise Klingeln der Bells zu hören. „Stanley“ geht über ihren Köpfen vom Steil- in den Schrägstoß über, dem Schneehasen hinterher. Kurz vor Meister Lampe streckt er seine kräftigen Fänge nach vorn und drosselt noch weiter die Geschwindigkeit. Vorbei. „So ist das halt“, schmunzelt Barry. „Wenn wir Glück haben, erbeuten wir am Tag höchstens zwei Hasen. Mehr wollen wir aber auch nicht. Uns geht es nicht darum mit einem Rucksack voll Beute nach Hause zu kommen. Für uns zählt die Arbeit mit den Steinadlern.“ Zudem ist es eine schwierige und nicht nur für die Adler körperlich anspruchsvolle Jagdart, die eine sehr geringe Erfolgsquote birgt. Barry erklärt, dass er fast 13 Jahre brauchte, um das Steinadlerweib auf diese Methode abzutragen. Es musste dabei sichergestellt werden, dass der Greifvogel über dem Hund schwebt und nicht versucht, sein Glück in einem Tal weiter zu suchen. „Es war ein langer Weg, bis sie erkannt hat, dass ‚Corrie’ ihr zeigt, wo sich die Beute befindet. Das geht halt nur mit vielen Erfolgserlebnissen“, sagt Barry. Jedes Jahr verbringt das Paar mit seinen Jagdhelfern insgesamt bis zu sieben Wochen in den Cairngorms. An den Wochenenden von Oktober bis Februar hält sie nichts mehr in Kirkcaldy, ihrer Heimatstadt, in der sie mit ihrem Unternehmen Elite Falcony ihr tägliches Brot verdienen. Barry bildet dort seit circa 30 Jahren Anfänger und erfahrene Falkner aus und weiter. Er gibt Greifvogelschauen und trägt Beizvögel für den Export ab. Roxanne unterstützt ihn seit etwa elf Jahren. „Unser Hauptgeschäft ist aber die Taubenjagd in den Städten“, erklärt die Falknerin, „wir führen dabei Wanderfalken, Wüstenbussarde, Bartkäuze und Berberfalken.“ Aber ihre wahre Leidenschaft gilt den zwei Steinadlern versichern die beiden einhellig.

Bevor die Suche mit dem Hund beginnt, lässt Barry seinen Steinadler sich in die Lüfte erheben.
Nach seinem Fehlflug steht „Stanley“ wieder auf der Faust von Roxanne. Barry lässt das Adlerweib fliegen und schickt „Corrie“ wieder an die Arbeit. Wind holen, Stummelrute hoch, alles auf Anfang. „Das Weib soll auch seine Chance bekommen“, sagt er. Im Gegensatz zu „Stanley“ ist das Weib rund ein Drittel größer. Ihre Spannweite beträgt etwa 2,10 Meter und sie wiegt circa 4,25 Kilogramm. Er bringt es hingegen nur auf 3,15 Kilogramm und 1,8 Meter Spannweite.
Es dauert nicht lange und „Corrie“ hat den nächsten Schneehasen gefunden. Nachdem sie ihn aus der Sasse gestoßen hat, wird sie sofort wieder von Roxanne zurückgerufen. Das Steinadlerweib übernimmt. Meister Lampe scheint im Vorteil. Eisige Böen mit etwa 140 Kilometern pro Stunde fegen über die Bergkuppen, die dem Greifvogel einiges an fliegerischem Können abverlangen. Mit seinen kräftigen Sprüngen stößt sich der Mümmelmann von der Schneedecke ab. Dabei spreizen sich die Hinterpfoten zu Schneetellern auf und verhindern das Einsinken. Mit weit über 50 Sachen flüchtet er davon. Doch noch ist er nicht in Sicherheit. Das Steinadlerweib stößt herab. Das Rauschen der Flügel und das Klingeln der Bells kommt immer näher. Das Ausfahren der Fänge wirkt wie in Zeitlupe. Plötzlich erschallt ein Knall wie von einer Peitsche, der durch die enorme Geschwindigkeit beim Aufprall auf den Hasen entseht. Das Weib hat seine Beute gebunden. Sofort mantelt es über ihr.
Mümmelmann mit Glück: Steinadler „Stanley“ verfehlte nur um Zentimeter die Beute und hat das Nachsehen.
Mit einer Griffkraft von etwa 175 Kilogramm pro Quadratzentimeter bohren sich die messerscharfen Krallen die Beute. „Die Bisskraft eines Rottweilers liegt im Vergleich nur bei circa 63, die eines Salzwasserkrokodils bei rund 84 Kilogramm pro Quadratzentimeter. Wenn ein Adler dich packt, ist das in etwa so, als wenn dich eine Dampflokomotive anfährt“, erläutert Barry, „der Hase verendet sofort.“ Roxanne und Barry laufen zum erfolgreichen Jäger. Schnaufend kommen sie neben dem Steinadler zum Stehen. Mit etwas Wildbret können sie das Weib vom weiteren Kröpfen der Beute abbringen. Den Hasen im Rucksack verstaut, die Beizvögel wieder auf der Faust stehend, atmen sie durch. „Für den ersten Tag in diesem Jahr ist das schon mal nicht schlecht“, freut sich Roxanne, „In fünf Monaten sind nicht nur unsere Adler, sondern auch wir wieder richtig fit, bei so einem Höhentraining.“
Nachdem der Steinadler den Schneehasen geschlagen hat, mantelt er und fängt gleich an zu kröpfen.
An vielen Tagen in Glenshee haben sie kaum Glück, und „Corrie“ findet selten einen Schneehasen. Innerhalb von nur ein paar Stunden nach der Ankunft zu sehen, wie die Drahthaar-Hündin zwei Mümmelmänner hochmacht und sowohl „Stanley“ als auch das Weib aus dem schiefergrauen Himmel beim Hinabstoßen zu beobachten, macht die schottischen Falkner glücklich. „Ich habe selten etwas Spektakuläreres gesehen!“ beteuert Roxanne. „Es ist großartig mit Steinadlern zu arbeiten, den unangefochtenen Königen der Lüfte.“
Meister Lampe sucht sein Heil in der Flucht – vergebens!
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