Bis zum letzten Halm

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FELDHASEN UND LANDWIRTSCHAFT

Im Zuge der Getreideernte kommen Hasen in einen Nahrungsengpass und erfahren innerhalb weniger Tage einen kompletten Umbau ihrer Lebensräume. Wie sich der Ernteschock auf das Wild auswirkt und wie der Jäger ihm helfen kann, wurde nun im österreichischen Marchfeld erforscht.

Christian Fiderer und Prof. Dr. Klaus Hackländer

Er gilt als eines der fruchtbarsten Wildtiere des Feldes, und dennoch geht es dem Feldhasen schlecht: Seit den 1960er-Jahren sinken die Besätze europaweit kontinuierlich. Dieser Einbruch stellte Wissenschaftler lange Zeit vor ein Rätsel. Bis heute sind die genauen Faktoren noch nicht gänzlich bekannt. Jedoch geht man davon aus, dass die Ursache für den dramatischen Rückgang vor allem in der Intensivierung der Landwirtschaft zu suchen ist. Bereits zu Beginn des letzten Jahrhunderts setzte mit der Erfindung des Kunstdüngers das Ende der strukturreichen Dreifelderwirtschaft ein. Sie bot dem Wild in der Flur bis dahin einen idealen Lebensraum mit ausreichend Nahrung und Deckung. Durch eine umfassende Flurneuordnung wurden die bewirtschafteten Flächen vergrößert und homogenisiert, viele Feldgehölze entfernt. Zeitgleich nutzten Landwirte immer größere und effizientere Maschinen. Als Folge kommt es heute in der Kulturlandschaft immer häufiger zu schlagartigen Veränderung des Lebensraums durch Erntearbeiten. Die Ackerfauna wird dadurch vor eine immense Herausforderung gestellt. Arten wie der Feldhase werden in kurzer Zeit dazu gezwungen, auf der Suche nach neuen Deckungs- und Äsungsstandorten größere Strecken zurückzulegen und gegebenenfalls auch in ihnen unbekannte Gebiete zu wechseln. Neben
einem gesteigerten Energieverbrauch nimmt als Folge dieses Verhaltens auch die Prädations- und Unfallgefahr zu.
Gut für das Niederwild: Einst waren Felder parzelliert. Zudem wurde meist vergleichsweise langsam von Hand geerntet
Große Schläge, effiziente Maschinen, schnelle Ernte – die heutige Form der Landwirtschaft kommt den Ansprüchen des Feldhasen kaum mehr entgegen.
Ziel unserer Studie war es, den Einfluss der Ernte auf das Raumnutzungsverhalten des Feldhasen in einer intensiv bewirtschafteten Agrarlandschaft mit einem sehr hohen Besatz (77 bis 88 Stück pro 100 Hektar) und einer relativ geringen Feldgröße (durchschnittlich 4,9 Hektar) zu untersuchen. Des Weiteren sollte herausgefunden werden, ob die im Untersuchungsgebiet durchgeführten Biotopverbesserungen in Form von Buntbrachen, Untersaaten und Winterbegrünungen von den Feldhasen angenommen und welche Vegetationsarten generell bevorzugt werden. Für die Studie wurden 2013 im Marchfeld bei Lassee acht adulte Stücke in Drahtgitterfallen gefangen und mit einem GPS-Halsband ausgestattet. Diese sendeten von Juli bis November halbstündliche Positionsdaten. Die Hasen präferierten im Herbst vorwiegend frisch aufkommendes Wintergetreide, während die Hauptaktivität im Sommer auf Klee- und Stoppelfeldern stattfand. Dabei stellten Stoppelfelder mit Untersaat stets eine höhere Attraktivität dar als Stoppelfelder ohne Untersaat. In der Ruhephase wurde vor allem höhere Vegetation, etwa Sonnenblumen-, Sojabohnen-, Zuckerrübenfelder und Windschutzgürtel, bevorzugt. Diese haben den Vorteil, dass sie dem Wild während der heißen Sommermonate über den Tag hinweg nicht nur einen Sichtschutz vor Raubfeinden, sondern auch einen guten Klimaschutz bieten. Bewaldete Gebiete sowie Luzerne-, Zwiebel- und Maisfelder wurden aber trotz ihrer Höhe vergleichsweise selten genutzt, vermutlich aufgrund der geringeren Verfügbarkeit im Gebiet.
Auch die Attraktivität der Sojafelder sank im Herbst deutlich, wahrscheinlich weil die Bohnen zur Ernte hin trockneten und somit relativ scharfkantig wurden, während die Blätter, die anfangs sehr dicht waren, ebenfalls vertrockneten und kaum mehr ausreichend Deckung boten. Zudem wurden auch gegrubberte Felder, Kulturbrachen und Winterbegrünungen häufig genutzt. Aufgrund der hohen Flächenverfügbarkeit ergab sich für diese Typen jedoch dennoch eine statistische Meidung. Die Biotopverbesserungen stellten sich allesamt als positiv für den Feldhasen heraus. So boten die Winterbegrünungen im Herbst sowohl für die Aktiv- als auch die Ruhephase ideale Ausweichflächen und reduzierten dadurch deutlich den Schock nach der Gemüseernte. Felder mit Untersaaten stellten nach der Ernte ein Hauptzentrum der nächtlichen Aktivität dar. Auch die angelegten Buntbrachstreifen wurden sehr gerne aufgesucht.
Bei aktiven Feldhasen führte die Getreide- und Sojaernte zu einer signifikanten Vergrößerung der Streifgebiete innerhalb von drei Tagen nach der Ernte. In diesem Zeitraum ist daher damit zu rechnen, dass die Stücke einen erhöhten Energieverbrauch hatten und somit eventuell sogar unter einem Schock litten. Die Sonnenblumenernte hingegen führte sowohl während der aktiven Phase als auch während der Ruhephase zu einer kurzzeitigen Verkleinerung der Streifgebiete. Da die Hasen im Herbst während der Ruhephase vorwiegend Feldgehölze und höhere Vegetation aufsuchten und reifes Getreide eher mieden, hatte die Getreide- und Sojaernte keinen Einfluss auf die Streifgebietsgröße während des Tages. Lediglich die Sonnenblumenernte führte bei Tag zu einer deutlichen Verkleinerung der Aktionsräume. Vermutlich weil die Feldhasen ihre Ruhestandorte in unbekanntere, niedrigere und eventuell auch unsichere Vegetationen verlegen mussten, in denen sie sich zunächst heimlicher verhielten.
Die nach der Ernte fehlende Deckung ermöglicht Greifen wie etwa dem Habicht, problemlos Beute zu schlagen.
Die Ernte von Zuckerrüben und Karotten, die als letztes im Jahr stattfindet, hatte kaum Einfluss auf die Streifgebietsgrößen. Dabei scheint die vorhandene Winterbegrünung eine sehr wichtige Rolle zu spielen. Denn sie bietet den Stücken einen idealen Ausgleich für die durch die Ernte verlorenen Flächen. Schaut man sich die genauen Aufenthaltsorte vor und nach der Ernte an, so erkennt man während der Ruhephase einen deutlichen Wechsel in die Winterbegrünungen. Aus den Ergebnissen unserer Studie lässt sich bestätigen, dass die Beschaffenheit und Qualität des Lebensraums eine äußerst wichtige Rolle für den Feldhasen spielen. Effektives und nachhaltiges Management zur Erhöhung der Besätze im Revier sollte daher unter allen Umständen auch Lebensraumverbesserungen, wie die Anlage von Buntbrachen, Untersaaten, Feldgehölzen und Winterbegrünungen, mit einbeziehen. Sie sind aus der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung ausgeschlossen und bieten dem Wild nach der Ernte zudem einen Ersatzlebensraum. Nicht zuletzt wird der Effekt des Ernteschocks dadurch abgeschwächt. Zusammen mit einer geregelten Raub wildjagd kann dieser Ansatz einen wirksamen Schlüssel für einen gesunden und hohen Feldhasenbesatz darstellen.
Im Sommer nutzten die Hasen in ihren Aktivitätsphasen hauptsächlich Kleefelder.
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