SCHROTE – VON BLEI BIS ZINK UND WEICHEISEN

2037

„Gänsemedizin“
Nachdem wir in WILD UND HUND 21/2006, Seite 26, die nötige Ausrüstung für die Gänsejagd vorgestellt haben, wollen wir uns nun den passenden Schroten widmen. Ob die alte 12/70 genügend Dampf hat oder die dicken 76er Brummer in den Rucksack gehören, klärte ein Test.
Christian Schätze

Selbst unter eingefleischten Flintenjägern wird die Kaliberfrage oft diskutiert. Während die einen raten, gleich in die Vollen zu gehen und 12/76 Magnum mit einer Schrotladung von 52 Gramm zu benutzen – schließlich sei die Flinte ja genau dafür gemacht – sind die
anderen deutlich zurückhaltender und geben zu bedenken, dass Gänse auch mit 36-Gramm-Patronen sicher zu strecken seien – schon wegen der höheren Geschwindigkeit
der Schrotgarbe. Einig war man sich lediglich darüber, dass bei der Schrotstärke von maximal 3,5 Millimetern Schluss sein und die Patrone über einen Becherpfropfen verfügen
muss. Auch bei der optimalen Schrotstärke gingen die Meinungen dann doch noch auseinander – zwischen 2,7 und 3,5 Millimeter wurde so ziemlich alles empfohlen.
Das musste geklärt werden. Ein Anschuss-Test sollte zeigen, wozu die 12/70er Patronen und ihre großen Schwestern in der Lage sind und wie groß die Unterschiede tatsächlich ausfallen. So schnappte ich mir meine langläufige (76 Zentimeter) Browning „Fusion
Ultimat“, schraubte den 3/4-Choke ein und fuhr in Richtung Schießstand – mit im Gepäck einen ganzen Berg eigens entworfener Schießscheiben, die eine Saatgans in Originalgröße (70×120 Zentimeter) abbilden. Diese sollten auf 20, 25, 30 sowie 35 Meter beschossen werden – Entfernungen, die bei der Gänsejagd am häufigsten vorkommen. Als Haltepunkt
wurde der Stingelansatz gewählt, denn dort müssen die Schrote auf der Jagd hin.

Als Testmunition standen sechs Laborierungen zur Verfügung, die sich im Aufbau (Fettfilzpfropfen, Becherpfropfen, Vorlage) zum Teil deutlich unterscheiden. Als „Einstiegspatrone“ entschied ich mich für die weit verbreitete und bei der Entenjagd (weitere Schüsse) gute Dienste leistende Rottweil „Waidmannsheil“ mit Papphülse im Kaliber 12/70. Die Vorlage der 198 drei Millimeter dicken Schrote beträgt 36 Gramm. Der Fettfilzpfropfen (Zwischenmittel) soll für eine gute Deckung, aber nicht zu starke Streuung
sorgen. Ergebnis: Auf Entfernungen von 20 bis 25 Meter waren Deckung und Verteilung
aus der benutzten Flinte perfekt. Bei größeren Distanzen musste die Laborierung
konstruktionsbedingt Federn lassen.
Fazit: Bei der Jagd mit Lockgänsen (Decoys) aus dem Erdloch heraus vollkommen ausreichend, wenn die Gänse unmittelbar vor dem Jäger einfallen. Angenehm war das weiche Schussverhalten trotz der Geschwindigkeit (V2,5) von 380 Metern pro Sekunde.
Bei der SK „Torhammer“ (Kaliber 12/70; Lapua) aus Schönebeck ist der Name Programm. Vor allem bei Gänsejägern aus den Neuen Bundesländern genießt sie einen hervorragenden Ruf. Nicht ohne Grund, denn die Vorlage von 36 Gramm wird auf satte 415 Meter pro
Sekunde (V2,5) beschleunigt – ein wichtiger Aspekt bei der Gänsejagd.

Der Becherpfropfen sorgte dafür, dass auch auf 30 Meter noch reichlich 3- Millimeter-Schrote Kopf, Stingel und Körper der „Testgans“ trafen. Im Vergleich zur „Waidmannsheil“ fallen Rückstoß und Mündungsknall etwas stärker aus. Auf 30 Meter trafen bei gleichmäßiger Deckung knapp 26 Prozent (71 Schrote) der 272 Schrote das Ziel. Auf 35 Meter waren es noch 19 Prozent. Obwohl in „Waidmannsheil“ und „Torhammer“ 36 Gramm Schrote der Nummer 5 verladen wurden, befanden sich im Schönebecker Schrotbeutel
gut 70 (!) Schrote mehr. Der Grund: Die Schrotstärke war etwas geringer als drei Millimeter.
Wem die Vorlage von 36 Gramm zu gering erscheint, könnte an der „Semi
Magnum“ aus dem Hause Rottweil Gefallen finden. Im Kaliber 12/70 verschießt sie bei normalem Gasdruck (keine Magnumpatrone) 40 Gramm Blei. Mehr Gewicht bedeutet zugleich natürlich mehr Schrote. Während in der „Waidmannsheil“ im selben Kaliber 198
Schrote untergebracht werden, sind es bei der vier Gramm schwereren Schwester
235 – ein Plus von 37 Stück. Wie die „Torhammer“, kommt auch die „Semi Magnum“ mit Schrotbecher daher.

Fotos: Christian Schätze

Auf 30 Meter zeigte sich ein Streukreis wie aus dem Bilderbuch. Gleichmäßig verteilt
saßen die Einschläge der Schrote auf dem Papierkameraden – allein auf Kopf und Stingel fanden sich 18 Treffer. Der Rückstoß ist aufgrund der niedrigeren Geschwindigkeit (V2,5 gleich 375 m/s) etwas sanfter als „Tors“ schneller Hammer. Den Gipfel der Vorlage bildete die Rottweiler Magnum-Patrone mit einer Vorlage von 52 Gramm, denn bei Kaliber 12/76 warteten sage und schreibe 336 Schrote (3 mm) darauf, in Richtung Gans geschickt zu werden. Das sind immerhin 138 beziehungsweise 101 Schrote mehr, als „Waidmannsheil“ und „Semi Magnum“ zu bieten haben. Dass die Masse erst einmal beschleunigt werden muss und sich das in Form eines deutlich stärkeren Rückstoßes und Gasdruckes  niederschlägt, liegt auf der Hand. In der Tat gerät der unbedarfte Schütze beim Zünden der schweren Ladung leicht ins Wanken. Während alle zuvor getesteten Laborierungen im Bezug auf Rückstoß und Springen der Mündung eher zahm reagierten, spielt die ungestüme 52er Patrone in einer ganz anderen Liga. Nicht nur, dass die Mündung beim Betätigen des Abzugs gehörig aus dem Ziel springt, auch Wange und Schulter des Schützen werden ordentlich geboxt. So wird jeder Schuss zu einem eindrucksvollen Erlebnis.

Eine Faustformel besagt, dass eine Flinte etwa 100 mal soviel wiegen sollte, wie die im Lager befindliche Schrotladung. Die Browning bringt es trotz 76er Lauf auf gerade einmal 3 070 Gramm – ein bisschen zu wenig für die 52-Gramm- Patrone. Bei der Verteilung der Schrote auf der Scheibe überzeugte die Patrone jedoch umso mehr. Selbst auf 35 Meter hätte es jede Gans vom Himmel gerissen. Wer jedoch meint, das scheue Wild mit der Magnum auch auf 40, 45 oder gar 50 Meter schießen zu können, ist auf dem Holzweg. Trotz des horrenden Rückstoßes fliegen die Schrote (V2,5 gleich 370 m/s) nicht schneller als die „Waidmannsheil“ (380 m/s) oder die der „Torhammer“ (415 m/s).

Ein Fakt, den man vor allem bei der maximalen Schussentfernung beachten muss. Denn weniger Geschwindigkeit bei gleicher Schrotstärke bedeutet immer auch weniger Energie
und schlechtere Wirkung. Wenn Gänse in der Nähe eines Gewässers bejagt werden sollen – nicht an Schlafgewässern – , fallen die bleihaltigen Schrote schnell „hinten runter“. Denn
während in einigen Bundesländern bereits ein Verbot beschlossen wurde, empfiehlt der Deutsche Jagdschutzverband (DJV) auf Bleischrote an, auf und über Gewässern, wie es so schön heißt, zu verzichten. Da bleibt nur der Griff zu einer Zink-, Wismut- oder Weicheisen-
Schrotpatrone. Für den Test standen die Schönebecker „Hubertus Zink“, Kaliber 12/70, Vorlage 30 Gramm sowie Rottweil „Steel Game“ im Kaliber 12/70, 32 Gramm zur Verfügung. Aufgrund des geringeren spezifischen Gewichtes von Zink (7,14 g/cm3) und
Weicheisen (7,8 g/cm3) im Vergleich zu Blei (11,34 g/cm3) müssen die Schrote im Durchmesser 0,5 Millimeter (zwei Schrotnummern) größer gewählt werden, um das Flugverhalten und die Zielenergie von Blei zu erreichen. Konkret bedeutet das: Statt einer Schrotpatrone mit drei Millimeter Bleischrot (Nr. 5) verwendet man eine Patrone mit 3,5 Millimeter Weicheisen oder Zink. Für den Versuch wurden 3,5 Millimeter Zink- und 3,75 Millimeter messende Weicheisenschrote verschossen. Bereits beim Zählen der Schrote wurde der Unterschied zu Blei deutlich. Denn aufgrund der gröberen Zink- und Stahlladung
passen entsprechend weniger Schrote in die Hülse (trotz längerer Bauweise). So muss man bei Zink (30 g) mit 164 und bei Weicheisen mit 134 (32g) auskommen. Beide Patronen schossen sich sehr angenehm. Auf 30 Meter trafen zwar noch ausreichend Weicheisenschrote die Testgans, doch die Garben wiesen schon größere Lücken auf. Verschätzt man sich etwas in der Entfernung, dürfte die erhoffte Wirkung zu wünschen übrig lassen oder ausbleiben. Die Zinkpatrone deckte aus der benutzten Flinte einen Tick besser, doch auch hier dürfte bei 25 bis 30 Metern das Leistungs- Maximum erreicht sein. Auf der sicheren Seite ist man, wenn man sich in der Schussentfernung (max. 25 Meter) einschränkt. Ein überraschender Aspekt war, dass die Treffpunktlage der Weicheisenschrote deutlich (links/hoch) von der anderer Laborierungen abwich.

Endbetrachtung: Wem der kräftige Rückstoß der 52 Gramm schweren Magnum-Patrone (Rottweil) nichts ausmacht, ist mit ihr gut beraten. Bei Kaliber 12/76 stimmen Deckung und Leistung auch noch bei 3,2 und 3,4 Millimetern Schrotstärke. Wunder darf man jenseits der 35 Meter dennoch nicht erwarten. Vor allem die relativ niedrige Geschwindigkeit spricht gegen die ordentlich austeilende „Dicke Berta“. Sowohl „Semi Magnum“ als auch „Torhammer“ beeindrucken durch die gleichmäßige Verteilung der Schrote. Aufgrund des angenehmeren Schussverhaltens lassen sich sicher auch saubere
Dubletten schießen. Aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit hat die „Torhammer“ den Mitbewerbern gegenüber allerdings die Nase vorn. Die „Waidmannsheil“ ist aufgrund
ihrer Bauweise bis 25 Meter geeignet – Stichwort „Lockjagd mit Decoys“. Wenn es weiter hinaus gehen soll, ist der Flintenjäger mit einer Patrone mit Schrotbeutel eindeutig besser beraten. Zink- und Weicheisenschrote reichen ballistisch nicht an Blei heran und sollten
bei der Gänsejagd nur eingesetzt werden, wo es der Gesetzgeber fordert.

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