Die Zielfernrohr-Spezialisten

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Schmidt & Bender:
Seit 46 Jahren baut Schmidt & Bender ausschließlich Zielfernrohre, fertigt nach wie vor am selben Ort in Deutschland und gilt zudem in der Branche als der Anlaufpunkt für Sonderabsehen. Gründe genug für Wolfram Osgyan, einmal den Spezialisten in Biebertal bei Wetzlar über die Schulter zu gucken.

 

Unter extremen Bedingungen: Im Klimaschrank muss dieses „Zenith“ seinen Mann stehen, bevor es ausgeliefert wird

Von Wolfram Osgyan

Biebertal? Da müsse se aufpasse, wo se hinwolle, des sin siebe Ort“, hatte mich der freundliche Mann auf der Straße aufgeklärt, nachdem ich inmitten eines mischwaldbestockten Mittelgebirges an meiner Straßenkarte schier verzweifelt war. Auch im Orttsteil Fellingshausen, einem idyllischen Dorf, halte ich vergebens nach einem für mittelständische Nachkriegsunternehmen typischen „Fertigelemente-Barockbau“ Ausschau. Dabei war ich doch am Wegweiser abgebogen und der Teerstraße solange gefolgt, bis sie am Ortsrand in eine Flurbereinigungsstraße mündet. Und erst beim Wenden entdecke ich an einem Bungalow das Firmenschild „Schmidt & Bender“. Das „Am Großacker“ angesiedelte Unternehmen grenzt tatsächlich unmittelbar und nach wie vor – omen est nomen – an gepflügtes Bauernland. Und dieser Bungalow soll 63 Mitarbeiter beherbergen? Im Portal werde ich von Udo Brück, dem Verkaufsleiter empfangen. Bei der Gelegenheit erfahre ich, dass sich tatsächlich die gesamte Produktion, aber auch die Verwaltung in diesem Gebäude befinden.

Ein Zielfernrohr besteht aus etwa 200 Teilen

1968 kauften die Firmengründer Helmut Bender und Helmut Schmidt hier einen Neubau für sich und ihre zwölf Mitarbeiter, und dieser Unternehmenssitz wurde im Lauf der Jahrzehnte so behutsam und geschickt in Höhe und Tiefe erweitert, dass er nach wie vor hundertprozentig in die Wohnsiedlung passt. Dass ich nicht auf ausgedehnte Montagehallen stoßen würde, wird mir im selben Moment klar, dennoch überrascht die Anzahl der vielen kleinen Räume, die jeweils mit maximal einer guten Handvoll Mitarbeitern besetzt sind.

Natürlich will ich wissen, ob die zum Teil durch Treppen getrennten Abteilungen den Produktionsfluss nicht hemmen würden, doch mein Führer verweist darauf, dass sich mittels Aufzug alle Fertigungsstufen verzögerungsfrei regeln ließen. Die räumliche Vorgabe habe sich sogar zur Tugend entwickelt, denn in den Kleingruppen sei ein besonderer Teamgeist eingezogen, von dem die Qualität der Erzeugnisse profitiere. Dass dabei die Teambesetzung auch Augenmaß und Fingerspitzengefühl benötigt, versteht sich von selbst.

Der auf die Räumlichkeiten perfekt zugeschnittene Teilefluss verhindert jedoch, dass mein Rundkurs beim Materialeingang startet und nach chronistischer Reihenfolge beim Versand endet. Unterwegs erfahre ich ganz nebenbei, dass ein Zielfernrohr modellabhängig etwa aus 200 Teilen besteht, dass zehn bis zwölf Dichtungen eingebaut sind und jedes Gerät sieben Abteilungen durchläuft und modellabhängig 80 bis 120 Minuten reine Arbeitszeit auf dem Körper hat, bevor es versandfertig ist.

Bereits zu Zeiten der Firmengründung, 1957, war Schmidt & Bender, Biebertal, ein Montagebetrieb, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Demnach werden alle optischen und mechanischen Elemente passgenau zugeliefert und im Werk zu einem optischen Präzisionsgerät zusammengebaut. Das Haus Schmidt & Bender produziert umweltfreundlich und muss sich über Entsorgungstechnologien den Kopf nicht zerbrechen.

Die Werksseitige Kontrolle

Was sich so einfach anhört, bedingt in Wirklichkeit eine ausgeklügelte Logistik und Top-Zulieferer. So benötigt beispielsweise jedes Zielfernrohrmodell – vom Rohrkörper und den Objektivlinsen einmal abgesehen – auch ein bestimmtes Umkehrsystem und gemäß der optischen Rechnung auch spezielle Glassorten für die Linsen. Die bezieht Schmidt & Bender von klangvollen Unternehmen in der Optikbranche und vom Schwesterwerk Schmidt & Bender Hungaria in Budapest. Jenes hat sich zu einem auch von Mitbewerbern geschätzten Lieferanten in Sachen Linsen-Prismen-Technologie sowie zu einer internationalen Institution in der Glasfaseroptik gemausert und zeichnet für die optischen Bauteile verantwortlich. Daher kommt, wenn man die heute übliche Leseart zugrunde legt, mittlerweile doch alles aus einem Haus. So gesehen zählen die Biebertaler seit 1992 zu dem feinen Kreis der Zielfernrohrhersteller, die über eine eigene Herstellung optischer Bauelemente verfügen.

Wer jahrzehntelang zugelieferte Teile verarbeitet hat, kennt seine Pappenheimer genau und verlässt sich bei allem Vertrauen nur auf die werksseitige Kontrolle. Was immer in Biebertal montiert wird, muss sich – getrennt nach Optik und Mechanik – einer gestrengen Prüfung unterziehen, bevor es als Bauteil eines S & B-Zielfernrohres in den Fertigungsprozess gelangt. Dabei trägt jedes Element eine eigene Nummer, und montiert wird nummerngleich.

Argusaugen nehmen die Okulare und die Umkehrsysteme unter die Lupe. Ferner muss jedes abgedichtete sowie mit Stickstoff gefüllte Zielglas seine Feuchtigkeitsresistenz im Klimaschrank beweisen. Schock- und Rütteltests stehen ebenfalls auf dem Prüfprogramm, und bevor ein Zielfernrohr in der Verpackung verschwindet, hat es nochmal eine Gesamtprüfung hinter sich gebracht.

Vom Neuling zu einer vollwertigen Kraft

In der Biebertaler Fertigung verdienen 20 Facharbeiter und ebenso viele Angelernte ihr Brot. Beide Gruppen sind für die Zielfernrohrherstellung unentbehrlich. Erstere justieren, stimmen die optischen Elemente ab, prüfen und übernehmen den Service, letztere sind in die Montage eingebunden und sorgen unter anderem im staubfreien „Clean-Raum“ für makellose Strichplatten und sauberste Optiken. Hans Bender, kaufmännischer Geschäftsführer des Unternehmens und verantwortlich für das weltweite Marketing, weiß sehr wohl um den Wert seiner überwiegend angelernten „besseren Hälften“, schließlich dauert es nach seiner Erfahrung ein gutes halbes Jahr, bis sich ein Neuling zu einer vollwertigen Kraft entwickelt hat. Die Fluktuation im Hause wiederum bezeichnet er als gering und verweist darauf, dass nicht wenige Mitarbeiter schon „runde“ Firmenzugehörigkeitsjubiläen feiern konnten.

Auch Sonderwünsche werden erfüllt

Auf seine Spezialisten ist Bender besonders stolz. Sie machen nämlich fast jeden Absehenswunsch mit zum Teil feinsten Deckungsmaßen möglich, und ihr Erfahrungsschatz sorgt dafür, dass Schmidt & Bender der Anbieter mit der größten Absehenvielfalt ist und zwar sowohl bei den herkömmlichen als auch bei den beleuchteten Varianten. Apropos: Das Aufwändigste auf diesem Sektor war sicherlich das Modell „Horus“, das sich ein Amerikaner in Form eines Christbaums eigens bauen ließ. Sonderwünsche bei Zielfernrohren – in der Branche längst nicht mehr selbstverständlich – werden ebenfalls erfüllt, sofern eine Mindestabnahme gewährleistet ist.

Umtausch oder Umbau von Absehen und Nachrüsten auf beleuchtete Varianten, auch bei fixer Vergrößerung, lasten die sechs Mitarbeiter der Service-Abteilung weitgehend aus. Der Rest entfällt auf Reparatur beziehungsweise Beratung. Dabei sollte nach Aussage von Hans Bender kein Zielfernrohr länger als zwei Wochen im Werk verweilen.

Als besonderen Service bietet das Haus sogar an, dass ein Kunde nach Terminabsprache auf die Reparatur beziehungsweise den Umbau seines Zielfernrohres warten kann, schließlich wissen die sechs Jäger in der Firma, wie nackt sich ihre Kollegen draußen „oben ohne“ fühlen.

Aufmerksamkeit durch Innovation

Die Kombination aus zuverlässiger Mechanik und hochwertiger Optik brachte Schmidt & Bender nach oben und sicherte dem Unternehmen einen festen Platz unter den europäischen „Top drei“ mit steigenden Marktanteilen in Frankreich, Skandinavien und den USA. Doch als Nur-Zielfernohrhersteller muss man den Markt besonders sorgsam beobachten und ein feines Näschen für Strömungen entwickeln, wenn man dort am Ball bleiben will. Auch ohne Sperenzchen schaffte es die Firma immer wieder, durch Innovationen auf sich aufmerksam zu machen. Zu nennen wären hier unter anderem …

– das Federband für den Vergrößerungswechsel bei den variablen Zielfernrohren, das eine direkte, spielfreie Drehbewegung des Umkehrsystems steuert (1979);

– die Absehenspositionsanzeige (1979);

– das mit 32 Metern konkurrenzlos große Sehfeld beim Drückjagdzielfernrohr 1,25–4×20 (1983);

– das Zielfernrohrmodell 3–12×50 (1992);

– die Einführung diverser Leuchtabsehen (1996);

– die Möglichkeit, variable Zielfernrohre mit Leuchtabsehen nachrüsten zu lassen (1997);

– das Leuchtabsehen und die Möglichkeit der Nachrüstung beim Modell 8×56;

– das Drückjagdzielfernrohr 1,25–4×20 mit Flash Dot-Technologie;

– die Zenith-Modelle 2,5–10×56 und 3–12×50 (2002) mit „Stand-by-Modus“ (abgeschaltete Stellung des Beleuchtungsschalters zwischen zwei Helligkeitsstufen);

– das Zenith 1,5–6×42 Flash Dot (2003);

– die Schmidt & Bender ZF-Konvexschiene mit Neigungsausgleich (2003).

Ein Faible für Wertarbeit

Die für das Flash Dot notwendige Technologie wurde im Schwesterwerk in Budapest entwickelt und erlaubt es, bei Bedarf einen Leuchtpunkt in ein „normales Absehen“ zu projezieren und zwar in einer Intensität, die ihn auch bei hellem Tageslicht, auf Schnee oder bei niedrigster Vergrößerung gut sichtbar macht. Dabei wird eine optische Blende, die außerhalb des eigentlichen Strahlenganges liegt, von ihrer Rückseite her mit einer starken roten LED beleuchtet. Das rote Licht der LED trifft durch die optische Blende auf einen teilreflektierenden Spiegel, der zwischen zwei speziellen zylindrischen Prismen angeordnet ist. Die Prismen wiederum sind mit dem konventionellen Absehen fest verkittet. Das Licht der LED reflektiert nun über den Teilerspiegel in Richtung Okular und erscheint dem Auge des Benutzers als roter Punkt in der Absehenmitte. Diese pfiffige Lösung schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe, denn sie kommt ohne die bei anderen Leuchtabsehen-Varianten notwendige Reflexionsfläche in der Absehenmitte aus und deckt somit nichts vom Ziel ab. Zugeschaltet wiederum erhält der Anwender einen für alle Drückjagd-Lichtverhältnisse voll nutzbaren Rotpunkt.

Weil Hans Bender aus Erfahrung weiß, dass eine Nase nicht ewig vorne bleibt, komponiert der Entwicklungsstab unter der Regie des technischen Geschäftsführers, Udo Bender, bereits den nächsten Paukenschlag. Und der hat’s, wenn denn alles so kommt, wahrlich in sich. Das muss er auch, wenn der Produktionsstandort Deutschland mit seinen hohen Facharbeiterlöhnen auf Dauer und mit voller Kapazität gehalten werden soll. Aber genau das wollen Hans und Udo Bender; denn ihr Herz hängt an ihrer Belegschaft, und Sie haben ein Faible für die Wertarbeit.

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